
Michael Franti & Spearhead
Strom Aus
30.05.2001, 19:04, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Akustischer HipHop? Oder was soll uns diese Headline aus dem Kreativ-Schreibkurs bitteschön sagen? Berechtigte Nachfrage, liebe Leser. Das ist ein politisches Statement. Und zwar ein sehr ernstes. We are talking about - nein, nicht die Revolution, obwohl, über diese auch - die Todesstrafe. Michael Franti (ehemals Beatnigs, Disposable Heroes Of Hiphoprisy und neuerdings den Spearheads vorgestellter Bandkopf) hat ein Konzeptalbum über die Instrumentalisierung der Todesstrafe für politische Machtspiele gemacht. \"Stay Human\" heißt das Album stringenterweise, und, noch schöner, es ist auch musikalisch ganz hervorragend geworden. Da steigt man doch gerne in den Flieger nach London, um mal wieder Politik und Musik in die richtige Reihenfolge zu bringen: MUSIK MACHT POLITIK.
Tag Der Arbeit
Berlin hat keinen Alleinanspruch auf Riots.
Indisch Essen
Zwei Stunden vorher. Michael Franti hat Hunger. Gleich um die Ecke seines Hotels am King's Cross, wo später auch massive Proteste stattfinden sollen, ist ein nettes kleines indisches Restaurant. Ein schöner Interviewort, zumal es das einzige vegetarische in der Gegend ist. Und so laufen wir im Regen dahin. Ich eingepackt und mieslaunig wegen des Wetters. Franti unbeeindruckt, gut gelaunt und barfuß wie immer - er trägt seit zwei Jahren keine Schuhe mehr.
Das aktuelle Album ist \"Stay Human\" betitelt. Ein Titel, mit dem Franti keine festgeschriebene Definition verbindet. Seine aktuelle:\"Wir leben in einer Welt, die sich mehr um die Interessen der großen Companies dreht, denn um die der Menschen. Es muss darum gehen, die Beziehungen zu den anderen Menschen aufrecht zu erhalten. Liebe und menschliche Gefühle rüber zu bringen - und nicht zu Maschinen im System zu werden. Natürlich scheitern wir dabei immer wieder. Jeden Tag. Aber es gehört zum ‚being human' dazu, die eigene Unperfektheit anzuerkennen.\"
Erst wenige Worte sind gefallen und schon steht das im Raum, was sich während meines Londonaufenthaltes verstärken soll: dieses Gefühl, grundlegend sympathische Inhalte mit einem mir etwas aufstoßenden esoterisch-hippiesken Gestus vermittelt zu bekommen. Und mit so einer Preacher-Attitude. Aber das sei zunächst mal ausgeblendet.
Franti geht es um das Hinterfragen der eigenen Position. Was haben Künstler heute für eine Verantwortung? \"Ich denke, wir müssen großartige Kunst machen. Heute gibt es soviel Musik, wo es nur darum geht, Platten zu verkaufen. Die Künstler sitzen nicht in ihrem Zimmer und drücken das aus, was sie in ihrem Herzen fühlen. Stattdessen kreieren Managementfirmen künstliche Gruppen aus Gesichtern und Tänzern.\" Das hört sich hochtrabend an und wirkt durch die Abgrenzung nicht uneitel. Franti liest viel in seine Musik hinein, spricht davon, dass sie \"heilt\", bei den Menschen \"Gefühle freisetzt, von denen sie nicht mal wussten, dass sie existieren.\" Und dass seine Musik eine unglaubliche Macht sei. Damit sie diese Macht entwickeln kann, hat er sie über die Jahre gemäßigt. Von den frühen lauten, aggressiven, Industrial-lastigen Beatnigs ist es ein langer Weg hin zum souligen, funkigen Sound, für den er heute steht. Die Entwicklung ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass es eben einfach ist, die Leute mit softeren Klängen beim Zuhören zu halten. Es hat auch damit zu tun, dass er gelernt hat, nicht nur Ärger auszudrücken: \"Früher hielt ich es für schwer, meine Traurigkeit zu fassen. Das Härteste für jeden Songwriter ist es, einen Song über Spaß zu machen, ohne dass er trivial wird. Es ist leichter, angepisst zu sein. Ich habe oft den Ärger gesucht, da ich Schmerzen spürte. Es ist ein Schutzschild. Heute geht es mir darum, alle Gefühle verarbeiten zu können.\"
Nicht die einzige Veränderung in seinem Werk. Als Franti anfing, Musik zu machen, hat er politische Themen noch auf der Makroebene verhandelt. Heute geht es ihm um eine Politik der kleinen Gesten. Festmachen lässt sich der Paradigmenwechsel an einem konkreten Ereignis: \"Meine Perspektive hat sich verändert, als ich einen Song über AIDS schreiben wollte. Zuerst klagte ich in dem Song das System an, da es sich nicht um die Krise kümmerte. Doch AIDS war für mich plötzlich eine sehr persönliche Angelegenheit, es betraf Freunde von mir. Also schrieb ich den Song aus der Ich-Perspektive. Er handelte von mir, wie ich zum AIDS-Test ging und auf die Resultate wartete. Ich behandelte das Thema so viel kraftvoller als mit einem simplen ‚fuck the system'. Seitdem geht es mir darum, die Songs auf einem persönlichen Level zu schreiben. Ich sage nie zu den Leuten, was sie machen sollen, sondern was ich mache oder was wir tun sollten - es geht darum, uns zusammenzubringen.\"
Diese Hinentwicklung zur Politik des Alltags meint nicht zwingend, dass es nur noch individuelle Problemstellungen geht. Wie bereits angesprochen, ist das übergeordnete Thema des aktuellen Albums die Todesstrafe. Als Klammer um die 13 Songs auf \"Stay Human\" hat Franti eine Radioshow gesetzt, in der die Geschichte von Sister Fatima erzählt wird, einer Politaktivistin, die für einen Mord hingerichtet werden soll, den sie nicht begangen hat. Und zwischen den Berichten spielt der Radio-DJ Frantis Songs. Diese Konstruktion ist in zweierlei Hinsicht reizvoll: Erstens ist es ein galantes Werkzeug, um das stilistisch unterschiedliche Material auf einem Album überhaupt präsentieren zu können. Franti mochte es noch nie, sich musikalisch zu limitieren. Er hasst Genregrenzen. Und so finden sich auf dem Album soulige Balladen, funkig-aufwühlende Tracks und klassische Raps. Und zweitens bricht Franti mit der Radioshow die Rezeption des Albums:
\"Ihr kennt ja sicherlich Orson Welles. Er hatte diese Radioshow ‚War Of The Worlds', eine fiktive Show über Außerirdische, die die Welt übernehmen wollen. Aber er hat es so präsentiert, dass viele Leute glaubten, es sei alles wahr. Die Radioshow sollte auch echt rüberkommen. Wir waren letzte Woche in New York und spielten einige der Radioparts - und plötzlich klingelten die Telefone, und die Leute wollten wissen, wer diese Frau sei. Manche dachten gar, sie würden sie kennen. Genau darum ging es mir: Die Leute sollen es fühlen. Das ist stärker als nur zu sagen: Fick das Systsem. Die Todesstrafe ist für mich primär kein politisches Thema, sondern eine persönliche Entscheidung. Die Frage ist: ‚Wenn mir das passieren würde, was soll dann meiner Meinung nach passieren?' Ich habe zwei Kinder. Wenn jemand eines meiner Kinder tötete, wollte ich diesen Kerl umbringen - zumindest sage ich das aus dem Affekt heraus. Aber: Wenn ich mein Leben nur auf Reagieren aufbaute, dann jagte ich mein Auto permanent in andere Autos, schlüge Bullen. Man muss gut über solche Themen nachdenken.\"Und doch ist das Thema natürlich ein auf der Makroebene angelegtes, ist doch die dahinterstehende These, dass die Todesstrafe in den USA von Politikern für machtpolitische Strategien benutzt wird. Bush jr. galore. Wobei es nicht konkret um ihn geht, sondern \"um das allgemeine Klima in Amerika. Bush wurde wegen des Klimas gewählt. Es geht mindestens genauso um jedem anderen Gouverneur.\" Das zentrale Problem in den USA ist das Fehlen einer zweiten Position. \"Sowohl Al Gore, George Bush als auch Bill Clinton sind für die Todesstrafe. Wenn du in Amerika als Politiker erfolgreich sein willst, musst du die Todesstrafe befürworten. Die Leute hier in Europa sind ganz anders sozialisiert. Sie halten die Todesstrafe für ähnlich schlimm wie die Sklaverei. Die Leute wollen einfach leben, ihre Familie ernähren und Parties feiern - und zwar überall auf der Welt. In der Dritten Welt liegt der Fokus viel stärker auf Familie und Freunde, weniger auf dem Materiellen. Die Lebensqualität ist höher als in Amerika und Europa.\"
Nun gut, hier werden natürlich Verschönerungen vorgenommen, die ich so nicht unterschreiben kann. Und es wird eine Position für ein Lebensmilieu bezogen, dem mir dann doch zu viel Hippie-Blumigkeit anhaftet. Gegen all diese Betonung der Familie und Harmoniesehnsucht ist allerdings nichts einzuwenden, solange das Handeln nicht auf der Strecke bleibt. Franti sieht die Künstler in der Verantwortung, mehr zu leisten als nur Musik. Er spielt regelmäßig auf politischen Veranstaltungen wie der Protestshow gegen das Freihandelsabkommen mit Kanada, den Weltwirtschaftsgipfel oder die Parteitage der Demokraten und Republikaner. Und er veranstaltet jedes Jahr das 911-Festival, ein Konzert, in dessen Rahmen die Situation von Häftlingen thematisiert wird und gegen die Todesstrafe sensibilisiert wird.
Live At The Scala At King'S Cross
Ich hatte mich so richtig gefreut auf dieses Konzert. Und dann kam mir alles nur wie eine seltsame Inszenierung vor, so ganz das Gegenteil von all dem, was ich in der Musik gelesen hatte. Franti als der große Despot, der seinen Musikern permanent nonverbale Anweisungen gibt, sich selbst in den Vordergrund stellt, ja, sich feiert. Gesten, die nachdenklich machen. In den Himmel gehobene Hände. Und merkwürdige Statements mit einem seltsamen Beigeschmack, etwa als er aus dem Backstage die Catering-Pizza holt, sie an die Zuschauer verteilt und ihnen ein affirmativ-kalkuliertes \"Ich möchte Brot für euch backen\" entgegen säuselt. Da ist sie wieder, diese Mischung aus Hippie und Sektenführer.
Es ist für einen Schreiber auch nicht gerade aufbauend, wenn er die gleichen Statements, die er mittags auf Band diktiert bekommen hat, am Abende eins zu eins wieder hören darf: \"Es gibt zwei vereinigende Kräfte auf der Welt. Erstens: Krieg. Die Leute kommen zusammen, um gemeinsam zu kämpfen. Die zweite ist professional wrestling. Nein: es ist natürlich Musik. Im Moment befinden wir uns in einem Krieg gegen den Krieg. Wir brauchen Kunst und Musik, um die Leute zusammenzubringen.\" Und plötzlich wird aus Sympathie das Gegenteil, hinterfragt man die Authentizität (auch wenn das ein schlimmes Wort ist) solcher Antworten. Und dann erhebt er ein weiteres Mal die Stimme, erzählt, wie wichtig es ihm sei, auf die Straße zu gehen, seinen Protest zum Ausdruck zu bringen, und fragt in den Saal, wer denn heute auf der Demo war - und verschweigt, dass er sich über die Demo aufgeregt hat, da er nicht zum Soundcheck ins Scala konnte und dass er lieber nochmals essen ging statt auf die Straße. Nein, live hätte ich ihn wirklich nicht sehen müssen, auch musikalisch nicht. Was auf dem Album in sich geschlossen, rund und kickend ist, wirkt im Live-Jam teilweise sehr bemüht und zu fusionlastig.
Beichte
Letzte Zeilen von einem, der nicht lügen kann. Nicht nur Franti war nicht auf der Straße. Auch ich habe mir lieber Turnschuhe gekauft. Die obigen Fakten aber stimmen.
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