
Tied & Tickled Trio
All That Jazz
29.05.2001, 19:03, Text:
Ulrich Kriest,
Ulrich Kriest
Wer keinen Gedächtnisspeicher für Gesichter besitzt und sich keine Namen merken kann, den “bestraft” spätestens Weilheim in Oberbayern. Verabredet zum Interview mit dem Tied & Tickled Trio, treffe ich auf dem knallheißen, recht unwirtlichen Vorhof des “U-Phon-Studios” gleichzeitig auf 1/3 T&TT, 1/2 Lali Puna, 1/4 Console, 1/4 The Notwist und wahrscheinlich auf noch viel mehr, mir allerdings Unbekanntes. Markus Acher und Christoph Brandner finden sich bereit, mit mir freundlich-konzentriert über die Band im allgemeinen und über das neue Album im besonderen zu sprechen. Drinnen wird derweil von Mario Thaler ein neuer Track von Lali Puna abgemischt.
? Macht ihr nun Jazz oder nicht?
Markus Acher: Immer dieses Jazz-Ding! Wir sprechen das von uns aus gar nicht oft an, weil es nicht wirklich wichtig ist. “Jazz” - das wird doch oft mit so Easymäßigem verwechselt, dieses Münchner-Frühstückscafé-Schicki-Gedudel mit Brazileinflüssen. Oder so ein Checker-Kram, wo “jazzig” heißt, dass man mordsmäßig das Gedudel auspacken darf. Da wird‘s dann so fusionmäßig. Das alles möchten wir uns ersparen.
Christoph Brandner: Als ich das erste Mal “Free Jazz” von Ornette Coleman gehört habe, hat mich die Energie fasziniert. Die war dem Punk- und Hardcorezeug, das ich damals gehört habe, wesensverwandt.
Markus Acher: Innerhalb der Band gibt es verschiedene Herangehensweisen an Jazz. Johannes Enders ist ausgebildeter Saxofonist mit Konservatoriumshintergrund. Er hat mit vielen Jazzern gespielt und macht das heute noch. Andreas Gerth, der die Elektronik macht, hat erst hier Weilheim angefangen, Musik zu machen. Bei mir und Micha liegt es etwa in der Mitte: Unser Vater ist Jazzfan und spielt Dixieland, mit dem haben wir zusammen gespielt und tun das auch noch.
? Es ist üblich geworden, seine musikalischen Einflüsse offen zu legen. Kante beispielsweise hantieren ostentativ und geschmackssicher mit dem ganzen Kanon großer Musik: Sun Ra, Talk Talk usw. Ihr selbst seid da zurückhaltender.
Markus Acher: Notwendig, weil unsere musikalischen Interessen stärker divergieren. Kante scheint mir da als Band homogener. Christoph und ich stehen eher für freiere Formen, Micha und Johannes hören mehr so Blue-Note-Sachen. Aber darin liegt ja auch eine Chance, weil bei uns die Kommunikation sehr selten über Namen funktioniert, sondern eher über Intensitäten, über Emotionen. Das ist ein Problem, das sich durch unsere Bandgeschichte zieht, weil wir mit so einer gewissen Statik auch arbeiten. Ein Teil von T&TT könnte niemals einen Jazz-Standard spielen, hätte auch keine Lust dazu. Die Jazzer, scheint mir, können damit wenig anfangen, die finden unsere Musik krank, düster: Warum spielt ihr nur über einen Ton und keine komplexen Akkordfolgen? T&TT groovt anders als diese Acid-Jazz-Geschichten.
? Was mir bei der neuen Platte neben der Reduktion gut gefällt, ist das Gewicht, das auf Dub gelegt wird. Diese Räumlichkeit, die immer an On-U-Sound erinnert, weniger an Jamaika. Diese Limitation aus Dilettantismus, die ja Tackhead auf Platte immer gut sein ließ, während sich live das fade Muckertum durchsetzte.
Markus Acher: Andreas und ich hören sehr viel von diesem Zeug - und On-U war ein Weg dahin. Eine wichtige Sache für die Verständigung über das, was man vielleicht mit T&TT machen will oder kann, war “Drastic Season” von African Head Charge. Das ist eine echte Blaupause.
? Klingt T&TT anders als NuJazz, weil ihr den üblichen 70ies Funk durch Dub und 60ies Jazz wie von Coleman oder Ayler ersetzt habt?
Markus Acher: “Minimal” war auch wichtig. Den 70er Miles Davis oder auch Herbie Hancocks “Sextant” haben wir erst nach unserem ersten Album wirklich entdeckt. Da gibt es schon Parallelen, nur rhythmisch nehmen wir uns eben deutlich mehr zurück.
? Das neue Album scheint mir am klarsten das Potenzial von T&TT zu vermitteln. Es erscheint auf Clearspot, wo sonst Pop, Postrock und Postkraut erscheinen. Wie kam es dazu?
Markus Acher: Unsere beiden Studioalben sind auf Payola erschienen, dann sind wir zu Morr Music gewechselt. Mit einem Livealbum konnte sich Thomas Morr nicht anfreunden. Und so schien es uns eine gute Idee, zwei Extreme auszuloten. Ohne darüber nachdenken zu müssen: Jetzt sind auf der Platte zwanzig Minuten Saxophon-Massaker - und das findet Thomas nicht gut. Auf unseren Studioplatten können wir das Elektronische verfeinern und so gleichzeitig unsere Live-Geschichten noch extremer verfolgen. Wir sind von der Bürde befreit, zwanghaft eine Balance unserer Interessen herzustellen.
Christoph Brandner: Dieses Splitting erlaubt uns, wirklich konsequent in der Umsetzung unserer Ideen zu sein.
Markus Acher: Es dokumentiert in gewisser Weise die Zwischen-den-Stühlen-Position des T&TT zwischen Jazz und Elektronik. Den Elektronikfreaks ist es halt manchmal zu expressiv, zu jazzig; die Jazzfreaks wissen nicht genau, wann sie jetzt klatschen sollen.
? Mit dem neuen Album habt ihr eure Trümpfe ausgespielt: Überraschung (das Debüt), Konsolidierung (“EA1 EA2”), geschmackssichere Präsentation des Bekanntenkreises (das Remix-Album), Dokumentation der Live-Intensität (“Electric Avenue Tapes”). Wie kann es da noch “weiter” gehen?
Markus Acher & Christoph Brandner: Es sind schon noch Verfeinerungen möglich, zum Beispiel spieltechnisch, zum Beispiel studiotechnisch. Das hängt von der bandinternen Kommunikation ab, planbar ist das ohnehin nicht. Wir sind da selbst gespannt.
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