Compost Records

Interview mit Labelchef Michael Reinboth

21.05.2001, 16:19, Text: Burkhard Welz, Burkhard Welz

Wie fühlt man sich, eines der erfolgreichsten Labels im NuJazz-/Fusion-/ Elektronik-Kosmos ins Leben gerufen zu haben?

R: \"Wir uns damit sehr wohl. Wir kriegen auch entsprechend Respekt von internationalen Produzenten und DJs, beispielsweise Laurent Garnier, King Britt oder Gilles Peterson [der auch die Linernotes zu Compost 100 verfasste, Anm. d. Verf.]. Hier in Deutschland selbst hat man sich, speziell auch in den Printmedien, schwer getan, die Entwicklung entsprechend darzustellen. NuJazz ist ja eine zehn- bis 15-jährige Entwicklung gewesen. Angefangen bei HipHop/NuSkool über Acid Jazz, House bis hin zu den Zwittern aus all diesen Stilen.

In Deutschland war diese Entwicklung unterrepräsentiert, sowohl in den Medien als auch in den Clubs.\"

? Nichtsdestotrotz gibt es das Compost-Label seit acht Jahren. Wie kamst du ausgerechnet darauf, nach dem Ausbrennen von Acid Jazz weiterhin Jazz und Soul mit Elektronik zu verbinden - und später im Clubkontext wieder salonfähig zu machen?

R: \"Compost-Produktionen waren niemals Acid Jazz. Acid Jazz mit den Grooves aus den 60ern, 70ern und 80ern war für mich immer retro orientiert. Wir waren immer zukunfts- oder gegenwartsorientiert, auch wenn wir ab und an Samples benutzen ... Mögen auch die ersten 'Glücklich'-Sampler nur Material der 60er und 70er enthalten haben, waren diese vom Sound und von der Instrumentierung 'ahead of their time' und ziemlich unbekannt. Durch deren Wiederentdeckung waren deren Instrumente, Synthesizer und Produktionsmethoden selbst in der Elektronikszene - zum Beispiel Warp oder Funkstörung, die auch mal bei Compost waren - plötzlich wieder 'in demand'. Diese Jazzsounds, die wir damals gehört und aufgelegt haben, sind das Bindeglied zu den neuen Sounds, in die wir sie gedroppt haben.\"

? Hat dir der vom Ansatz her anders gelagerte Trip-Hop-Boom zu Anfang geholfen, ein größeres Publikum zu erreichen?

R: \"Die gesamte Downbeat-/Instrumental-Ecke erwies sich als Genre, auch in den Plattenläden, als Hilfe. Sofern Compost kein eigenes Fach hat, stehen wir eher unter Downbeat/Trip Hop als unter House oder Techno. Als Phänomen war dies auch im Einklang mit dem, was wir gemacht haben. Die Nuancen sind allerdings sehr fließend. Es gibt einen regen Austausch zwischen den Stilen.\"

? War dir von Anfang an klar, dass sich dein LabelKonzept irgendwann durchsetzen würde? Nach dem Motto: Qualität setzt sich durch?

R: \"Wir hatten mit der ersten Maxi schon den grundlegenden Erfolg im Ausland, speziell England, um auch finanziell gesehen weitermachen zu können. Das war ausschlaggebend. Sicher habe ich auch damals geahnt, dass es international einen Markt für solche Musik geben würde, auch durch meine Clubnacht 'Into Something'. Und Qualität setzt sich sicher durch. Wir sind immer noch jung, und ich glaube, dass man in zwei bis fünf Jahren noch genialistischere Compost-Produktionen erwarten kann.\"

? In welchem kommerziellen Rahmen bewegen sich eure Veröffentlichungen?

R: \"Als 12-Inch auf Vinyl - ich red jetzt mal nur vom Vinyl - war die Trüby Trio 'A Go Go' am erfolgreichsten. Weltweit haben wir über 10.000 Stück verkauft. Das ist für den Bereich, in dem wir arbeiten, schon ziemlich anständig. Longplayer und die 'Glücklich' bzw. 'Future Sound of Jazz'-Compilations bewegen sich etwa zwischen 30 und 40.000. Wir liegen damit im oberen Durchschnitt der Independentlabel. Klar, dass dies nicht unbedingt überall wahrgenommen wird.\"

? Der Prophet zählt am wenigsten im eigenen Land?

R: \"Japan beispielsweise ist für uns ein riesiger Markt. Die Plattenläden sind voll von Compost-Veröffentlichungen. Ich war jetzt drei Mal in Japan. DJ Hell oder auch andere sind ziemlich erfolgreich, andere, von denen man es vermuten würde, gar nicht, Sven Väth beispielsweise. Wir haben in Japan allerdings auch einen Labeldeal mit Sony, z. B. über eine Mix-Serie, in welcher der Backkatalog von Compost von verschiedenen DJs gemixt wird.\"

? Wie wichtig ist dir der Indie-Status?

R: \"Der ist mir schon sehr wichtig. Ich würde das Label niemals einfach an einen Major veräußern. Für Kooperationen, die sinnvoll erscheinen (wie der Labeldeal in Japan), bin ich schon offen. Aber es muss zu unseren Bedingungen sein, nicht zu Majorbedingungen. Hätte Compost sich auch unter Majorführung so entwickeln können? Ein Major ist dazu da, CDs rauszustellen. Und das können sie. Wenn wir merken, dass dies sein einziges Interesse ist und wir ansonsten in Ruhe unsere Arbeit machen können, hab ich da nichts gegen. Bei bestimmten Acts in bestimmten Ländern bietet sich die Zusammenarbeit mit einem Major an, nehmen wir nur mal den amerikanischen Markt. Das Problem ist aber meistens, dass Majors mehr Einfluss nehmen wollen, andere Erwartungen haben. Ich hab das gerade erlebt: Pressure Drop sind jetzt zwei Wochen nach ihrer Veröffentlichung gedroppt worden. Das ist fatal für einen Act, wenn sich keiner mehr darum kümmert, keine Remixe mehr veröffentlicht werden, das Projekt nicht weiter betreut wird - mit der Begründung, es mangele an einer Single. So etwas darf nicht passieren.\"

? Hart für Pressure Drop, zumal sie auch schon so lange dabei sind.

R: \"Bei Attica Blues ist es ähnlich. Die sind alle total unzufrieden. Es ist frustrierend, wenn sie zwar einen guten Vorschuss kassieren, danach aber nicht viel passiert.

? Kommen wir zu erfreulicheren Dingen. Der 100. Release von Compost - was ist zu hören? Gibt es eine Clubtour oder andere Events?

R: \"Zu hören sind zwanzig komplett neue Tracks auf zwei CDs von allen Compost-Acts, die extra für die Compilation eingespielt wurden. Europaweit wird es einige Festivalaktivitäten geben. Wir machen zunächst nicht soviel in Deutschland, sondern erst später, August, September, Oktober. Das liegt daran, dass wir alle sehr beschäftigt und ausgebucht sind, speziell Rainer Trüby, der auch die neue 'DJ-Kicks' auf K7 zusammenstellt. Wir sind auf jeden Fall auf dem Sonar-Festival in Barcelona vertreten, außerdem in Amsterdam. Es gibt vier große Dates in England mit dem Trüby Trio, Fauna Flash, meine Wenigkeit und Les Gammas live. Danach folgen Aktivitäten in Norwegen, Dänemark sowie eine kleine USA-Tour. Eventuell steht noch Japan auf dem Plan.\"

? Wie sieht's mit dem Jazzanova-Longplayer aus?

R: \"Er wird im Oktober fertiggestellt sein, dann geht die Promotionsphase los. Erscheinungstermin ist im März 2002.\"

? Compost hat mit Jazzanova ein gemeinsames Sub-Label, JCR. Wie kam dieser Kontakt zustande?

R: \"Zwei der drei Jazzanova DJs und Gründer sind eigentlich aus München. Wir kennen uns schon ewig, auch aus meiner Clubnacht 'Into Something'. Jürgen von Knoblauch von Jazzanova hat dort auch ein paar Male aufgelegt. Die beiden sind dann nach Berlin gezogen und haben sich mit Alexander Barck zu Jazzanova zusammengeschlossen. Wir haben uns dann entschlossen, das Label gemeinsam zu machen, auch um Erfahrungen sammeln für ihr eigenes Label 'Sonar Kollektiv'. Sie sind praktisch mit mir zusammen Inhaber und kümmern sich gleichzeitig um den A&R-Bereich. Sie entscheiden, was veröffentlicht wird, wir kümmern uns um den Rest: technische Abläufe, Promotion und Vertrieb.\"

? \"Into Something\" gibt es seit zehn Jahren als eigene Clubnacht in der Münchener \"Muffathalle\". Wo waren die Anfänge, wie verlief deine DJ-Karriere?

R: \"Bis 1982 habe ich in Hannover aufgelegt, viel New Wave, Elektro und Artverwandtes. Ich ging aber ziemlich schnell dazu über, frühe House/Garage-Geschichten zu integrieren. Mitte der 80er veranstaltete ich die ersten eigenen Parties in München, mal im HipHop-, mal im Soul-Bereich. 1986 habe ich mit DJ Hell die ersten Münchener House-Veranstaltungen beschallt. Ich war, was das Auflegen betrifft, immer sehr flexibel. Ich habe nie nur einen Style aufgelegt, deshalb bin ich auch nie eine Mix-Koryphäe geworden. Das gilt auch für Jazzanova oder Rainer Trüby, die sehr versiert durch verschiedene Genres in einem einzelnen Set wandern können, ohne dass der Flow verloren geht. Ich halte das für innovativer und interessanter als technisch perfekte Drum&Bass-Sets beispielsweise, wo zwei Stunden durchgeklöppelt wird. Das langweilt mich. Ich bin eher ein guter Selecter als ein guter Mix-DJ.\"

? Du bist als DJ viel unterwegs. Die Führung des Labels nimmt eine Menge Zeit in Anspruch. Warum hast du dich mit dem Projekt Beanfield trotzdem auch als Produzent betätigt?

R: \"Zu Anfang des Compost-Labels ging das zeitlich noch viel besser. Jan, mit dem ich Beanfield gegründet habe, war damals technisch schon soweit - als ausgebildeter Musiker und Engineer mit eigenem Studio -, so dass wir etwas eigenes machen wollten, modern mit spacigen Sounds und Beats. Das erste Album haben wir gemeinsam entwickelt. Beim zweiten war ich anderweitig schon so eingebunden, dass wir den Tobias Meggle als Keyboarder dazugeholt haben. Mein Einfluss hatte sich damals schon aus Zeitgründen auf 15-20 Prozent reduziert. Beim aktuellen Album werde ich auch noch involviert sein, doch ich habe einfach nicht die Zeit, bei jedem Stück mitzuwirken.\"

? \"The Season\" ist einer der Klassiker des Genre. Macht ihr dort weiter? In welche Richtung wird's gehen?

R: \"Wir werden auf jeden Fall in dieser Richtung weiterarbeiten - mehr Vocals, mehrere verschiedene Sänger/innen. Das haben wir am Wochenende festgelegt. Wir werden die Stücke ausarbeiten, schauen, welcher Sänger dazu passt. Vielleicht auch international bekanntere Namen kontakten oder auch unbekannte Künstler, die wir gut finden, nach München einladen. Generell kann man für Compost sagen: Vocals werden wichtiger. Die Stimme ist das markanteste Merkmal, es kann den ganzen Song transportieren. Demnächst erscheint das Underwolves-Album auf JCR. Dieses bestätigt den Trend, den du ansprichst.
Auch bei diesem Album sind viele Vocals dabei. Dies war sicher auch ein Anreiz, das Album bei uns zu veröffentlichen. Es ist immerhin schon zwei Jahre alt, und es wäre schade gewesen, wenn es einfach so untergegangen wäre. Es wurde von Universal nie released, obwohl es sehr gut ist.\"

? Ähnliches Schicksal wie Pressure Drop. Könnt ihr denen vielleicht auch zur Seite springen?

R: \"Das könnte sein, obwohl ihr Album gerade erschienen ist. Es würde keinen Sinn machen, dieses nochmals zu veröffentlichen. Attica Blues sind da ein heißeres Thema, weil sie mit ihrem Label, 'Higher Ground' (Sublabel von Sony) total unzufrieden sind, weil da nicht viel passiert. Sie suchen Kontakte zu anderen Labels und sind auch schon auf uns zugekommen.\"

? Ärgert dich die Unwissenheit und Arroganz mancher Kritiker, die immer wieder anmerken, dass ihr ja ganz gekonnt alte Grooves sampelt, aber sonst nicht gerade Innovationen schafft?

R: \"Früher hat mich das schon sehr geärgert, da ich ja auch von der schreibenden Zunft komme [Reinboth schrieb jahrelang für Musikexpress/Sounds]. Heutzutage fehlt den häufig jungen Journalisten das Know-how. Genrebegriffe werden oft falsch benutzt oder sehr eigen interpretiert. In den sogenannten Club-/Dancefloor-Magazinen sitzen oft Schreiber, die früher mal Raver waren. Die betrachten dann doch alles sehr unter dem Techno-/Elektro-Verständnis. Die können dann oftmals einen Samba nicht von einem Bossa oder Batucada unterscheiden. Dementsprechend schlimme Rezensionen entstehen dann oft, wo man sich dann fragt, was haben die eigentlich für eine Platte gehört und warum wird da niemand beauftragt, der sich mit der Materie auskennt?! Das ist aber auch international ein Problem.\"

? Was muss getan werden, damit Fusion oder auch NuJazz nicht irgendwann als Nischenmusik in irgendwelchen Daddel- und Muckerzirkeln verschwindet?

R: \"Ich finde es gut, dass, obwohl es den Oberbegriff 'NuJazz' gibt, sich unsere Musik einer eindeutigen Klassifizierung entzieht. Das ist schon mal eine gute Basis, um sich einer sogenannten Trendauswertung zu entziehen, die oftmals auch über das Auf- und Ab einer bestimmten Richtung entscheidet. Wir bleiben dadurch flexibel, was die Weiterentwicklung betrifft. Es kann durchaus sein, dass wir mal einen sehr folkigen Singer/Songwriter-Act auf Compost signen. Es kann auch sein, dass wir mal eine Technoplatte herausbringen, wenn sie mir gefällt. Wir haben uns Kategorisierungen immer entziehen können, auch wenn die Plattenläden jetzt Nu-Jazz-Fächer einrichten. Aber wir haben niemals etwas getan, um dies zu forcieren. Wir versuchen, diesen Weg weiterzugehen und über Qualität und Know-how einfach gute Musik zu produzieren, die warm und hochwertig ist und die man im Club oder zu Hause genießen kann.\"



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