Mathias Schaffhäuser, Ware
House mit Hitappeal
15.03.2001, 10:45, Text:
Markus Koch,
Markus Koch
Bis vor einem Jahr führte Mathias Schaffhäuser eine Doppelexistenz: tagsüber sorgte er als Journalist für sein täglich Brot, nach Feierabend machte er Musik - und zu guter Letzt malochte er auch noch fürs eigene Label. Letzteres heißt betriebswirtschaftlich-schlicht Ware und ging damals, wie der Kölner sagt, richtig steil. Und so wagte Schaffhäuser den Schritt zum “Nur”-Labelmacher-Dasein. Um es kurz zu machen: er sollte es nicht bereuen. Schaffhäuser zog verstärkt als DJ durch die Lande. Ware war gelandet. Zudem ergab sich mit dem Frankfurter Traditionslabel Force Inc. eine weitere Anlaufstelle für seine eigene Musik - dort erschien im letzten Jahr sein Debütalbum “Lido Hotel”.
Seit seiner Gründung 1997 in Köln wuchs das Label zunächst in Deutschland schnell zu einem Eckpfeiler für Minimal House heran - Mathias Schaffhäuser selbst bevorzugt übrigens die Begrifflichkeit Minimal Techno.
Ware kam im Vergleich zu anderen Labels immer etwas verkopfter daher, musikalisch, designerisch, vielleicht auch in der Rezeption. Viele mochten die gesungenen deutschen Texte als “seriösen” Mehrwert, als Bonbon zusätzlich zur Tanzfläche. Deshalb drängt sich der Vergleich mit Pop auf, denn ganz so minimal geht es nicht immer zur Sache. “Pop” als Begriff mag Mathias Schaffhäuser jedoch auch nicht so leiden: “Pop ist entweder alles, nämlich Popularmusik, oder lieber gar nichts, denn als Genre ist der Begriff zu wischiwaschi. Und dieses ‘Alle beziehen sich auf die Pet Shop Boys oder Prefab Sprout’-Ding hat, finde ich, im Techno/House-Kontext nichts verloren. Und genau da sehe ich meine Musik.” Trotzdem ist das erste Stück von “Love & Business”, das dieser Tage erscheinende neue Album von Mathias Schaffhäuser, der Icehouse-Popklassiker “Hey Little Girl”, gesungen vom Kölner Briten Robert Taylor, weniger minimal als so ziemlich das meiste, was sonst so aus deutschen Landen kommt. Das Info zur Platte spricht davon, dass der Begriff “minimal” nur auf die Soundästhetik zutreffe, nicht auf den Aufbau der Stücke. Der sei oft ziemlich verzweigt, mit gelegentlichem Hang zur Opulenz. Also sind nicht die Strukturen minimal, sondern die Sounds. Und wann ein Sound minimal ist, lässt sich schwer beurteilen. Man kann das aber dahingehend verstehen, dass es eben Sounds sind, wie sie sonst bei arrangementmäßig- oder melodisch-minimalem Techno oder –House verwendet werden. Die Stücke sind aber trotzdem oft mehr als reine Tracks bzw. Tools, wie man sie von vielen “gesichtsloseren” Labels und Produzenten kennt. Das ist mit POP gemeint. Dass ein Stück etwas erzählt, dass es eine Geschichte transportiert, auch ohne Text. Dass es nicht nur aufgrund von Sounds oder rhythmischen Mustern, sondern eben vor allem aufgrund von – manchmal auch nur kleinen, unaufgelösten oder fragmentarischen - Melodien Wiedererkennen ermöglicht. Das ist bei “Love & Business” definitiv der Fall, und mit Eurythmics’ “Take Me To Your Heart”, gesungen von “Donna” Regina Jansen, ist auch definitiv ein weiteres Stück mit Geschichte in mehrerer Hinsicht drauf. Obige Diskussion kann aber einfach auch doofes, rekursives und selbstreferentielles Gelaber werden angesichts der Tatsache, dass es eigentlich nur um schöne Musik geht und man da nicht immer so viel reden muss. Aber trotzdem: Pop isses schon. “Love & Business” ist einfach eine Mischung aus jenen Synthiepopsongs, minimalen und nicht so minimalen Housern und etwas, das Schaffhäuser “Melancholiemonster” nennt: Songs wie “Repeat & Fail” und “Karamel 2” – letzterer für mich zusammen mit “Karamel 1” der Hammer der Platte: Philippe Cam trifft auf Gas am Lagerfeuer bei Sonnenaufgang, oder – weil Vergleiche immer scheiße sind – einfach: Schaffhäuser war nachdenklich. Stimmt mich allerdings eher glücklich denn melancholisch. Dass auf der Platte die obengenannten zwei 80er-Stücke sind, könnten allzu trendelnde Zeitgenossen als uncool ansehen, da momentan der hinterletzte Depp auf 80er-Einflüsse abzufahren scheint. Das ist Mathias Schaffhäuser relativ egal: “Die Stücke klingen ja nicht retro-mäßig und sind auch nicht Electro. Sie könnten auch aus den 60ern oder den 90ern stammen und würden in meiner Version trotzdem so klingen.”
Das Nebeneinander von Pop, deutschen Texten und soundästhetischem Minimalismus prägt auch die anderen Ware-Veröffentlichungen der letzten Zeit, wie z. B. Decomposed Subsonics “Blaue Löwen”. Der Kölner Hartmut Wessling spielt dort mit ebendiesen Versatzstücken. Das geht dann von noisigen Frickeleien bis zu Smashern wie “Blaue Löwen”, wo – man ahnt es – deutscher Gesang auf Zuckermelodie trifft. Die jüngste Kooperation mit den Kopf-Elektronikern Laub, “Mofa”, schlägt in eine ähnliche Kerbe. Die Mini-LP mit dem Comic-inspirierten Blickfang-Cover von Inke Ehmsen ist ein Erfolg bei Ravern und Sonderpädagogen gleichermaßen. Antye Greie-Fuchs singt fragil, die Beats schieben dazu. Brückenschlagend. Handflächen öffnend, Szenen verbindend.
Diese Überdosis Musik ist vielleicht das Spezielle an Ware. Schaffhäuser veröffentlicht Platten, für die man lange braucht, um sie zu verarbeiten, weil sie so viele Aspekte in sich bergen. Ware-Releases kann man nicht gleich funktional losbolzen lassen und darauf abgehen. Es ist aber auch keine Einschlafmusik, dafür kann man sie nicht stark genug ignorieren bzw. ins Unterbewusste verschieben. Dass eine Musik Texte hat, deutsche dazu, kühl ist, aber auch deep, und dazu intellektuell rüberkommt, für die Tanzfläche und für Zuhause taugt, das kann anstrengen. Die ganze Zeit denkt man, etwas verpassen zu können, wenn man die Aufmerksamkeit nur kurz schweifen lässt. So ist das mit Ware, dem Ort für Konsumgüter für den anspruchsvollen Kunden.
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