Daft Punk

evolution 909

29.01.2001, 11:17, Text: Autor unbekannt

Autotune
Diese Stimme. Bevor sie auftaucht, scheppert der Beat acht Takte lang wie auf einem schlechten Radiorecorder dahin. Und dann singt sie quäkend „One More Time“ und springt dabei wie ein leierndes Tonband innerhalb eines Tones über mehrere Tonhöhen. Danach geht es noch viermal mit angezogener Handbremse weiter, dann singt sie es noch mal, und schließlich kommt der große Wumms durch die Vordertür. „Autotune“ nennt sich diese Technikspielerei mit der Stimme und ist eigentlich dazu gedacht, wackelige Gesangsspuren von schlechten Sängern zu korrigieren. Wenn man aber ein bisschen kreativ gegen die Strichrichtung an den Knöpfchen und Reglern dreht, kann man damit einen Sänger auch wie einen falsch gestimmten Roboter oder ein melancholisches Alien klingen lassen.

Man kennt den Effekt inzwischen: von Chers „Strong Enough“, von den Italopoppern Eiffel 65 und mittlerweile auch von einem ganzen Haufen anderer Hitparaden-Pappfiguren. Von Daft Punk kannte man ihn bisher noch nicht.
Daft Punks neue Single „One More Time“ spaltet darum auch gerade die Dancefloors dieses Planeten: wer sie wegen ihrer Rock-Kompatibilität oder auch wegen ihres Rave-Anschubes mochte, hasst sie jetzt wegen dieses unverschämten Stücks Radiomusik. Wer aber vorher schon die großen Popqualitäten von simpel-genialen Stücken wie „Around The World“ zu schätzen wusste, liebt auch „One More Time“. Die Plattenfirma, so hört man, freut sich über die Ladung optimierte Massenkompatibilität im Daft-Punk-Portfolio. Jedenfalls kann man dem Stück nur schwer indifferent gegenüberstehen - und das ist heutzutage wirklich ein großes Lob.

Nouvelle Vague mit Wurzeln
„One More Time“ ist das erste Symptom von Daft Punks kommender LP „Discovery“, das erste Lebenszeichen von Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter seit zwei Jahren. Und es hat natürlich sofort mit mächtig Krach in sämtlichen Charts und Clubs eingeschlagen, wie das bei ihnen vom Beginn ihrer Karriere an der Fall war. Damals, 1996, gehörten sie zu einem Haufen guter, neuer Produzenten von elektronischer Tanzmusik, die sich vom bis dahin eher milde belächelten Frankreich aus aufmachten, um mal eben die Housemusik zu restaurieren. Der Hype entstand vor allem durch zwei Platten: durch Etienne de Crécys superbe „Super Discount“-Compilation, auf der auch erstmals Alex Gopher und Air einer größeren Fanmasse vorgestellt wurden, und durch die elegante, charmante, tief-glitzernde Motorbass-LP „Pansoul“, die Etienne zusammen mit Philippe Zdar produziert hatte. Es war ein gutes Jahr.
Schnell sprach man von der „Nouvelle Vague“ des French House, und in diese Neue Welle wurden später auch Cassius, Dimitri From Paris, Laurent Garnier, I:Cube oder Bob Sinclar einsortiert - egal, wie lange diese Leute schon House produzierten oder ob überhaupt, wie im Falle von Laurent Garnier. Jedenfalls schüttelte damals in unserem westlichen Nachbarland endlich mal eine ganze Szene die dort noch omnipräsente Indierockmusik-Lähmung ab und erinnerte sich daran, dass es auch bei ihnen mal Pioniere elektronischer Musik gegeben hatte: den Musique-Concrète-Miterfinder Pierre Henry etwa, Jean-Jacques Perrey mit seinem Psyche-Funk-Hit „E.V.A.“, den unvermeidlichen Synthiesoßen-Anrührer Jean Michel Jarre oder die abgedrallerten Disco-Electro-Funker Space. Daran schlossen auch Daft Punk an durch ihre erste Hitsingle „Da Funk“ sowie ihr Debütalbum „Homework“ und wirkten daran mit, dass französische Popmusik heute keine internationale Lachnummer mehr ist, sondern - ungeachtet aller Unterschiede zwischen den Protagonisten - eine gehypte Style-Kategorisierung.

Von „D.I.S.C.O“ zum Doof-Diss Dabei begannen Daft Punk tatsächlich mit schlechter Rockmusik, wie sie, da sollte man sich keine Illusionen machen, auch heute noch das Gros der französischen Bands produziert. Guy-Man und Thomas freundeten sich 1987 in Paris auf einem Vorort-Gymnasium an. Thomas kam durch seinen Vater Daniel Vangarde mutmaßlich schon früh und sehr bewusst mit Popmusik in Berührung: der Mann war früher Musikproduzent und hat unter anderem den Gibson-Brothers-Diskohit „Cuba“ sowie Ottawans seminales „D.I.S.C.O.“ zusammengeschraubt. So gründeten die beiden Jungs denn auch bald eine Indierockband und nannten sie nach einem Beach-Boys-Song: Darlin’. Damit, das gehört zur Gründungslegende von Daft Punk, die immer wieder gerne erzählt wird, plazierten sie sogar einen Song auf einer 7-Inch-Compilation von Stereolabs Duophonic-Label - und wurden prompt wegen ihrer französischen Herkunft vom britischen Melody Maker als „daft punk“, also „dummer Punk“, abqualifiziert. Die beiden nahmen sich den Diss zu Herzen - und als neuen Projektnamen: sie hängten ihre Gitarren an den Nagel, schlossen statt dessen die Verzerrer an ein 4-Track-Mischpult an und produzierten fortan elektronische Musik. 1993 drückte Thomas auf einem Rave im Euro-Disneyland bei Paris einem der Hauptacts ein Tape mit den ersten Ergebnissen in die Hand: Slams Stuart McMillan, der zusammen mit Orde Meikle Betreiber des großartigen Glasgower Labels Soma ist. Ein knappes Jahr später stand die erste Daft-Punk-Single in den Läden: „Alive / The New Wave“ als Soma-Laufnummer 14. Aber erst „Da Funk / Rollin’ & Scratchin’“ als Soma Nr. 25 brachte ihnen zwei Jahre später den Durchbruch und wurde sogar gebootlegt, weil die Schotten die brennende Nachfrage nicht befriedigen konnten.
Und obwohl sie bei einem kleinen Indielabel starteten, legten es Thomas und Guy-Man von Anfang an auf den ganz großen Erfolg an. Zwar sind sie nach eigenen Angaben bis 1992 nicht zu Techno ausgegangen, haben die ersten Wellen von Chicago House, Detroit Techno und Acid nicht mitbekommen und hatten damals auch nicht die Originalplatten zu Hause stehen. Genau darum aber sind sie auch von den Beach Boys, Jimi Hendrix oder den Ramones ebenso beeinflusst wie von Dance-Säulenheiligen à la DJ Pierre, Little Louie Vega oder Jeff Mills. So waren sie immer schon industrie-, charts- und rockfankompatibel - und niemanden sollte ein Stück wie „One More Time“ verwundern. Denn sie gingen schnellstmöglich Major: ihr ‘96er-Album „Homework“ bei Virgin schlug ein. Ein rauhes Stück grobe Mischpult-Action, auf simplem Equipment produziert, mit wenig Ideen und viel Kraft pro Stück. Ein „Da Funk“-Re-Release und der veritable Radiohit „Around The World“ machten Daft Punk zu Stars. Es gab Videoclips von Spike Jonze (bei „Da Funk“ eiert ein humpelnder Hundemensch durch New York, die Musik schallt nur nebenbei blechern aus seinem Radiorecorder), von Michel Gondry (für „Around The World“ tanzten Skelette, Mumien, Androiden und Diskogirls eine mutierte Musicalrevue) und Roman Coppola (eine Tomaten-Ravebust-Geschichte für „Revolution 909“).

Härter, Besser, Schneller, Stärker
Daft Punk zogen die Business-Zügel an und weigerten sich, ihre Gesichter fotografieren zu lassen, weil die Musik im Vordergrund stehen sollte. Die daraus resultierenden Plastikmaskenporträts waren zwar erst cool, wurden aber schnell zu einem größeren Hype als normale Fotos - der Popmarkt absorbiert eben jede Neuigkeit als Novelty-Gag. Aber sie verbaten sich auch Mitsprache seitens des Majorlabels und lizenzierten ihre Stücke via eigenem Label Daft Trax an den Plattenriesen oder veröffentlichten sie, wie Thomas als Stardust mit „Music Sounds Better With You“, gleich auf dem eigenen Label Roulé. So haben sich die Zeiten heute für Daft Punk geändert: Guy-Man, inzwischen 26, und der mittlerweile 25jährige Thomas sind jetzt wirklich Big Business. Sie sind von großäugigen Fans, die sie noch bei „Da Funk“ waren, zu Mitgliedern des Hochklasse-Produzenten-Zirkels gereift. Schon beim Major-Re-Release von „Da Funk“ ließen sie sich von Armand Van Helden remixen. Später legte der heilige DJ Sneak Hand an die Single „Burnin’“. Und jetzt singt der große Romanthony, den sie zu „Homework“-Zeiten noch zu ihren Vorbildern zählten und dem die Welt unter anderem den wunderschönen Wandergitarren-House-Song „The Wanderer“ zu verdanken hat, auf „One More Time“ für sie durch einen, siehe oben, Autotune-Effekt.
Genau dieses Big Business ist jetzt auch das Problem von Daft Punk: die ehemaligen Überraschungshit-Jungs wollen nachsetzen. Und so sind die 14 Stücke der neuen LP „Discovery“ auch vollgepackter, überbordender und opulenter gestaltet als noch zu den Zeiten, als ihnen eine Idee pro Track ausreichte. Sie variieren nicht mehr Mischpulteinstellungen, sondern ganze Samplesätze. Ein Stück heißt „Harder, Better, Faster ...“ und nein, nicht „Scooter“, sondern „... Stronger“ - und hier ist tatsächlich alles größer, dicker, fetter, besser. Zwar gibt es noch einfache Filterparty-Stücke wie „Superheroes“, daneben stehen aber Acid-Scratch-Electro („Crescendolls“), barocke C64-Synthie-Arien („Veridis Quo“) oder „Short Circuit“, über das jeder sagen wird, es klänge wie ein „Rockit“-Update auf Speed. Und dann sind da noch E-Gitarren: Yngwie-Malmsteen-mäßig gehüdelte Pentatonik-Skalen von emulierten E-Gitarren sind heute wohl das Trashigste, was man sich so leisten kann. Damit aber durchbrechen die Ex-Rocker ihren Hitdruck. Eine teils zwiespältige, aber mutige Platte. Ich mag’s. Denn das einzige, was am vieldiskutierten „One More Time“ wirklich nervt, darauf könnten wir uns einigen, ist das lange Fühl-es-Break („You don’t stop, ah!“), bis man - endlich! - wieder loslegen kann. Denn wie singt Romanthony im letzten Track „Too Long“: „Do you need it? Hey, alright, I need it, too. Do you need it? It’s good for you!“ Die Revolution 909 hat sich zur Evolution 909 gewandelt.

Diskografie

12-Inch „Alive / The New Wave“ (Soma 1994)
12-Inch „Da Funk / Rollin’ & Scratchin’“ (Soma 1996)
12-Inch „Indo Silver Club“ (Soma 1996)
DLP/CD „Homework“ (Virgin 1996)
12-Inch „Da Funk / Musique“ inkl. Armand Van Helden-Rmx (Virgin 1996)
12-Inch „Around The World“ inkl. Motorbass-Rmx + Limited Version & I:Cube-Rmx (Virgin 1997)
12-Inch „Burnin’“ inkl. Ian Pooley-, Slam- und DJ Sneak-Rmxs (Virgin 1997)
12-Inch „Revolution 909“ inkl. Roger and Junior Sanchez-Rmx (Virgin 1998)
12-Inch „Around The World - Ricanstructed By Masters At Work“ (Virgin 1998)
DVD/VHS „D.A.F.T.“ (Virgin 1999)
12-Inch „One More Time“ (Virgin 2000)

Daft Punk remixten u. a. die Chemical Brothers („Life Is Sweet“), I:Cube („Disco Cubizm“), Gabrielle, Ian Pooley und Scott Grooves.

Auf Guy-Manuel de Homem-Christos Label Crydamoure veröffentlichten Le Knight Club & DJ Sneak, Paul Johnson, The Buffalo Bunch, Raw Man, Play Paul, The Eternals und Sedat seit 1997 zwölf 12-Inches. Auf Thomas Bangalters Label Roulé/Scratché erschienen seit 1995 neun 12-Inches, u. a. von Alan Braxe, Roy Davis Jr., Romathony und DJ Falcon sowie Thomas’ eigenen Hit-Maxis „Spinal Scratch“, „Music Sounds Better With You“ und „Trax On Da Rocks“ Vol. 1 und 2.

„Discovery“ wird am 12. März 2001 veröffentlicht.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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