Girl Fight

mädchensein spielt keine rolle

27.01.2001, 15:05, Text: Autor unbekannt

Und dazu hat die Latina Diana Guzman (Michelle Rodriguez) immer Grund in “Girlfight”, dem beim Sundance und in Cannes gefeierten Regiedebüt der New Yorkerin Karyn Kusama: Der Vater trinkt seine Angst weg, die Mutter hat sich umgebracht, und in den Housing Projects in Brooklyn bietet das Leben außer Trostlosigkeit nur die Angst, vor der Tür über den Haufen geschossen oder im Hausflur vergewaltigt zu werden. Die Handlungsmöglichkeiten sind die altbekannten: Drogen nehmen, mit der Knarre in der Schule aufräumen oder eben die gerne hochstilisierte Alternative: statt HipHop diesmal der Sport, das Boxen. Es ist der amerikanische Sozialkitsch, der glaubt, dass sportliche Disziplin Halt gibt und sich durch ein verändertes Körpergefühl ein gestärktes Selbstbewusstsein entwickeln kann.


Bei Kusama klingt es weniger pathetisch: “So funktioniert das Boxen in NY. Anstatt nach der Schule in die Kirche zu gehen, gehst du in den Trainingsraum, weil du für ein paar Stunden geschützt bist und sich jemand um dich kümmert. Viele Latinos leben in den Projects völlig eingepfercht und klaustrophobisch. Aus diesem Umfeld kommt der Sport und ist für sie mehr als nur ein Hobby. Leute der Mittel- und Oberschicht fangen so was meistens nicht an.”
Und doch ist es der Zufall, der alles einleitet. Diana liefert das Trainingsgeld für ihren Bruder in einem Gym ab – und kommt wieder, um selbst Stunden zu nehmen, die sie zunächst mit ihren Ersparnissen, später mit ihren Schmuckstücken bezahlt. Schließlich überlässt ihr der Bruder heimlich seine Trainingszeit. Für den Vater sollte er groß und stark werden und sich gegen die schlechte Welt wehren. Er will aber nicht und malt lieber. Als der weichere Charakter von beiden steht er für ein umgedrehtes Rollenklischee. Seine Schwester ist tough und setzt sich so weit durch, dass sie bei Boxturnieren kämpfen darf. Zuvor muss sie allerdings Disziplin lernen, um nicht zu sagen, diszipliniert werden. Lektion 1: Boxen meint nicht plump der anderen eine aufs Maul hauen.
Als Frau das harte Training durchzustehen bedeutet auch, das Gefühl für seinen Körper auszuloten. Es geht hier um eine Körperpolitik, bei der der weibliche Körper viel zu oft zum Angriffspunkt für Verletzlichkeit wird: Für die üblichen Verdächtigen, die Schönheitsideale und ein Selbstbild, bei dem der Grad der eigenen Attraktivität und dementsprechend das Selbstbewusstsein nach dem Feedback der Jungs in der Schule bewertet wird. Grund genug, dem etwas entgegenzusetzen, um nicht aggressiv gegen den eigenen Körper zu werden und ihm eine Essstörung aufzuzwingen. Vernunft hilft da nicht, auch keine von sich selbst distanzierte Coolness oder wildes um sich Schlagen wie bei Diana. Sie möchte sich weder wie ihre Mutter definieren noch sich letztlich wie diese aufgeben. Statt sich einen Panzer gegen ein aufgezwungenes Körperbild anzufressen, setzt sie ihre antrainierten Muskeln dagegen, um dem Körper eine neue Form zu geben, eine Struktur, die ihn zusammenhält. Orientierungspunkte werden die Regeln, die ihr der Boxtrainer vermittelt. Einer der wichtigsten ist der Wille zum Durchhalten.
An einer möglichen Interpretation über das Gender-Thema hält sich Kusama nicht weiter auf: “Ich wollte die Figur der Diana Guzman nach dem Gleichgewicht zwischen ihren männlichen und weiblichen Qualitäten suchen lassen. Die Geschichte ist auf klassische Art unkompliziert. Es geht um die Fähigkeit der Person, sich zu verändern, um ihr Schicksal fortan selbst zu kontrollieren.” Und das in einer Coming-of-age-Story, einem Film über das Erwachsenwerden, was bedeuten soll, für sich Position zu beziehen. Aber eine weibliche, sagt Kusama: “Wir alle sehnen uns nach narrativen Modellen von Menschen, die sich über ihren Anfangszustand hinaus zu jemand anderem entwickeln. Ich verstehe nur nicht, warum diese Figuren selten mit Frauen besetzt werden. Vielleicht bin ich naiv, aber das auf simplen Sexismus zu schieben, macht es frustrierend.”
Diana lernt, mit ihren Gefühlen umzugehen, sie zu kontrollieren, damit sie nicht aus ihr herausbrechen wie die Explosion beim Boxen. Statt dessen wird der Boxring auch zum Austragungsort eines Kampfes auf emotionaler Ebene, denn nur dort fühlt sich Diana ganz bei sich: Sie verliebt sich in Adrian (Santiago Douglas), der mit ihr trainiert. Erst im Ring kann sie ihm ihre Zuneigung gestehen und zwischen zwei Schlägen ins Ohr flüstern. Kusama: “Ihr Liebesgeständnis in dieser offensichtlich gewalttätigen Situation ist theatralisch. Für Diana waren Liebe und Gewalt durch ihren familiären Background immer miteinander verbunden. Intimität bedeutet für sie neben dem physischen Aspekt etwas Chaotisches, eine Gefühlsgewalt. Der Ring ist die Arena, in der sie sich real und sicher fühlt, um ihre Emotionen auszudrücken. Das ist irritierend für Adrian.”
Für den Zuschauer auch. Eine Szene, die mit der Intensität eines Kinnhakens einschlägt. Den Kampf mit den Gefühlen hat Diana mit Technik für sich entschieden. Kusama, die seit acht Jahren boxt, findet es daher interessant, Frauen zuzusehen, wie sie Fortschritte machen, indem sie mehr über die Durchschlagkraft ihres Körpers erfahren. “Bestimmte Techniken haben Frauen vorher nie gelernt. Vielleicht rührt es von der Kultur her, dass Jungs sich anschauen und gleich schlagen. Frauen brauchen dafür länger.” Manchmal nicht nur beim Sport.
Girlfight – Auf eigene Faust
USA 2000
Regie & Drehbuch: Karyn Kusama; D: Michelle Rodriguez, Jaime Tirelli, Paul Calderon; Start: 15.02.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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