Superpunk
hamburg goes classic
27.01.2001, 12:57, Text: Autor unbekannt
[6 Kommentare]
Und L’Age D’Or nach dem langen Marsch durch die Instanzen? Schuldigkeit getan? Neue Wege, neue Ziele? VÖs wie der letztjährige von den Franzosen Dionysos lassen darauf schließen. Doch dann 2001: Mit Superpunk, der All-Hamburger-Schule-Star-Band, kommt man der haus- und hansestadteigenen Vergangenheit wieder entgegen. Verheißung ist das sicher nicht mehr, aber nichtsdestotrotz sieht es sich in der Lage, den Hörer zu packen, wie das seit dem letzten Ostzonensuppenwürfel-Album kein Hamburg-Issue mehr so konnte. Dead School Hamburg im Sinn, greifen die “top old boys” um Carsten Friedrichs, die man alle schon von anderswo kennen kann (Stella, Fünf Freunde, Subway Surfers und als Plattenaufleger aus dem meeting point Pudels), in stylisher Verbrämung auf ihrer zweiten Platte auch wieder die legendary diskursiven Elemente auf.
“Ist einfach Absicht”, dass kein einziges Liebeslied auf “Wasser Marsch” zu finden ist, stellt Carsten klar. Hier ist das Private nicht mehr letztes Refugium, wenn schon sonst nichts mehr politisch ist. Superpunk halten sich fest, orgeln sich heiß an Begriffen wie Produktionsverhältnisse und Klassenstolz. Mit Garage-guitars, trashy Riot-keys und Hamburger Slang inc. wird auf den Tisch gehauen, und - V-Effekt sei gepriesen - man bekommt auch wieder klare Sicht, wer Ross, wer Reiter ist. “Ein Leben lang haben wir nichts verbrochen / sind bei Ämtern und Chefs zu Kreuze gekrochen / man wendet sich ab von uns - was mich nicht wundert - / denn wir sehen aus wie Kranke aus dem letzten Jahrhundert / Wir sind es leid, uns zu schämen / für unsere Fressen, wenn wir auf die Straßen gehen (...) Ich habe keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen” (“Neue Zähne Für Meinen Bruder Und Für Mich”). When oben meets unten, wenn es das gibt - dann klingt das so: “Ein schwarzer Wagen auf den Stufen zur Oper / Ein Mann von Ehre und Geschmack trifft auf einen Mann von den Straßen Europas / Der hatte nicht die Absicht, den Fabrikanten zu schlagen / doch ‘keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit’, da platzte ihm der Kragen.” (“Auf Ein Wort, Herr Fabrikant”). Im Zeitalter von McJob kann sich so was natürlich auch ernsthaft nach mismatch anhören. Und Carsten sagt: “Das Bild von der Fabrik ist mir wichtig gewesen, ich muss nicht über New Economics texten, um zeitgemäß zu klingen. Das funktioniert für mich auch nicht in einem Zweieinhalb-Minuten-Stück. Und es geht auch nicht so sehr um Arbeiter/Chef, sondern um arm und reich. Das überlagert nach wie vor alle anderen Konflikte. Und es scheint mir an der Zeit, das auch mal wieder so rauszustellen.”
Neben dieser unglaublich vitalen, proletarisch sozialistischen Aufmüpfigkeit der Platte transportieren Superpunk auch noch die Version des working class heroes mit, der all dem troublemakertum gewachsen ist. Typen sind Trumpf wie Claus Theo Gärtner (auf dem ersten Album “A Bisserl Was Geht Immer” fand sich der Song “Matula, Hau Mich Raus”), Manfred Krug (dem sogar ein schriftlicher Kommentar zum Album abgerungen wurde, und der Sätze featurt wie: “Die Tempi sind vielleicht ein bisschen sehr wiederkehrend und die Texte (für meinen altertümlichen Geschmack) etwas schwer zu verstehen. Aber sonst kommt viel Stimmung auf; man fühlt sich ein bisschen wie auf einer konspirativen Veranstaltung”), Robert Wagner (“Hart Aber Herzlich”) oder Werner Enke (im Gespräch für das forthcoming Video zu “Man Kann Einen Ehrlichen Mann Nicht Auf Seine Knie Zwingen”). Solche Männer braucht das Land? Tough guys mit einem Herz so groß wie die Umgebung und großem Maul mit gewreckten Zähnen. Und für klare Verhältnisse und einfache Lösungen - aber es wird auch scheppernd verlangt, sich noch mal Hände und Knie schmutzig zu machen, und Hedonismus rules hier nur für den Arsch. Hamburg hat wieder neue Helden - mit der kleinen Einschränkung, dass es wieder die alten sind.
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verdunkelung 29.03.2001 | 15:53:52
ich möchte dazu nur anmerken, dass der radiosender meines vertrauens, nämlich fm4, heute morgen (donnerstag, 7:45 uhr, kalt, regnerisch) den titel “Man Kann Einen Ehrlichen Mann Nicht Auf Seine Knie Zwingen” gespielt hat. und was soll ich sagen: der tag war gerettet. ich ging beschwingt und frohen mutes zur arbeit. musste ich einfach mal loswerden.meint verdunkelungauf das video bin ich aber mal gespannt!
yasemin 31.03.2001 | 23:57:32
ja, man kann sich fast damit angeben hamburger/in zu sein :)
p.s. wie findest du tocotronic oder kante?
Sportfreundin 04.04.2001 | 14:45:42
du müsstest die mal live sehen, da ist nicht nru ein tag gerettet, sondern ne ganze woche *g*
mcgyver 05.04.2001 | 21:51:53
ich steh auch auf tocotronic, die sterne, berndbegemann undundund aber was
sagt das über hamburg aus?
wenn tocotronic aus wärmelskirchen oder emden kommen würden wären sie mir genauso sympathisch und die sache mit der hamburger schule hat sich (laut z.b. tocotronic auch schon lange erledigt).
gitarrenhändler
PunkrockgirlxX 11.07.2001 | 21:01:52
Der Artikel da oben stammt zwar schon aus grauer Vorzeit, aber ich kann nicht drum herum meinen Senf dazu zu geben, auch oder gerade weil ich momentan die aktuelle Superpunk-Platte "Wasser marsch" höre.
Irgendwie lässt diese Platte Freude und ein seltsame Art von Unmut gleichzeitig in mir hochkommen. Mag es an solch brillianten Songtiteln wie : "Rock'n'Roll will never dead" liegen oder einfach nur an Melodien die einen auf die Nerven gehen, aber gleichzeitig Spaß machen? Ich weiß es nicht, bin aber davon überzeugt, dass diese Platte einen Menschen komplette Glückseligkeit, als auch den kompletten Wahnsinn bescheren kann, oder gar beides?! Also Superpunk rules, wenns auch nicht jedem gefallen sollte.
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