Stephen Malkmus
homework
26.01.2001, 12:01, Text: Autor unbekannt
Aber zum Glück ist alles nur halb so schlimm.
Stephen Malkmus ist gekommen, um sich zu erklären. Um uns die wahre Geschichte der Trennung zu erzählen - die Luft war raus, doch die anderen wollten es nicht öffentlich zugeben - und von seiner Neudefinition (Soloplatte) zu berichten. An diesem trüben Dezembernachmittag ist es dann aber irgendwie doch umgekehrt: Wir sind gekommen, um all den Schlamassel zu erfahren. Malkmus dagegen geht jegliche Mitteilungsmotivation ab. Nicht dass er nicht alle Fragen bereitwillig beantwortet, aber ein Sendungsbedürfnis oder einen Erklärungszwang scheint er nicht zu verspüren. Der Rummel und die Gerüchte, die seit über einem Jahr besonders diverse net-communities erschüttern, sind nicht bis ins ferne Portland zu ihm durchgedrungen.
Im waldigen Oregon hat er sich verkrochen. Er ist häuslich geworden, liebt seine provinzielle Heimat, die Ruhe, die Freunde, die Familie und die Nachbarn. Die kleine Szene dort ist cozy und übersichtlich, und so ist auch sein Solo-Debüt geraten: “Das ist so eine ‘home-type-record’ geworden ... Das erste Mal, dass ich zu Hause aufgenommen habe, mit meinen Freunden Joanna [Bolme, Bass] und John [Moen, Drums] ... Studiozeit dort ist ziemlich billig, und so habe ich alles selbst bezahlt.” Malkmus hat auch sonst alles selber gemacht: von den ersten Ideen mit Akustikgitarre und dem Vier-Spur-Recorder bis zum Produzieren. Matador kamen erst ganz am Ende ins Spiel (was, by the way, auch bei Pavement so war). Diese neue Freiheit und Persönlichkeit kann man hören. Seine Vorlieben für David Bowie, Lou Reed und die Stones konnte er ungehinderter in seine Songs einfließen lassen. Das Aufnehmen war endlich wieder unverkrampft. Es gab keinen Druck, keinen Streit um Probezeiten. “Alles sehr Session-like, wir wussten nicht mal, ob wir ‘ne Band sein wollten. Wir haben einfach sehr viel Zeit zusammen verbracht und haben meine Ideen umgesetzt.”
So konnten langsam neue Songs entstehen. Sie sind ruhiger, straighter geworden. Dieses Überdrehte, Irrwitzige, was Pavement immer mit ausmachte, ist weitestgehend verschwunden: “Vieles bezieht sich auf Gefühle in und Erinnerungen an Portland.” Deshalb ist der neue Grundton bei Malkmus auch nicht ursächlich im fehlenden Pavement-Beiwerk zu suchen, sondern in der anderen Inspiration. Dass Platten, die in Memphis, New York oder Kalifornien aufgenommen wurden, hysterischer klingen, ist einleuchtend bei einem, für den die Musik hauptsächlich aus seiner Verortung, seinem In-Der-Welt-Sein entspringt. Damit hier aber bitte kein falscher Eindruck entsteht: Trotz seiner mittlerweile 34 Jahre ist Stephen Malkmus nicht zum Schmuserocker aus Hillbillytown geworden. Er achtet immer noch zur Genüge darauf, dass es sich seine traumhaften Melodien nicht allzu gemütlich machen und sich seine fragmentarischen Texte nicht wirklich zum Mitsingen eignen.
Auch die eben noch gelobte Harmonie seiner home-base wird kurz darauf im Gespräch wieder dekonstruiert und das Fehlen von Konkurrenz und Reibungspunkten bemängelt. Deshalb kann er sich auch gut irgendwann mal wieder einen Ortswechsel vorstellen: “Nicht New York. Da ist es unkreativ. Für die Menge an hippen Twentysomethings, die es dort gibt, kommt sehr wenig aus New York. ... Ich bin allmählich bereit, nach Europa zu ziehen. Ich gehe nach Berlin! Da passiert es im Moment. Es ist wirklich eine der besseren Städte. Ich meine, ... fuck London, it’s such a rip off.” Peaches hat ihn beeindruckt. Ihre Konzeptualität und die Fusion von Punk und Elektro. Und die viele Untergrund-Kunst. So ein Umfeld würde ihn reizen, ihn antreiben, Neues auszuprobieren, besser zu werden: “In Portland kann ich mich leicht als Big Daddy fühlen.” Dem Hauptstadtmarketing wird das Lob recht egal sein, aber unsereins ...? Da lässt es sich schon wohlig schmunzeln bei so naheliegenden Fantasien, wie Steve und P.g.a.G. (Patrick größer als Gott) Arm in Arm völlig unnüchtern die Neue Schönhauser entlangwanken. Das ist aber Zukunftsmusik.
In der Gegenwart haben wir erst einmal einen neuen Tonträger zu bewundern, auf dem Malkmus nur Malkmus sein durfte. Daran lässt der Tonträger keinen Zweifel. Er heißt wie er selbst und zeigt ihn auch ganz unverblümt selbst auf dem Cover. Ganz der Solo-Star vor hawaiianischem Sonnenuntergang. All der angedachte Firlefanz mit dem neuen Bandnamen The Jicks und dem irreführenden Albumtitel “Swedish Reggae” sind während der Produktionsschlussphase zum Glück wieder über Bord gegangen. Übriggeblieben ist nur Stephen Malkmus selbst. Und das ist nicht die schlechteste Katharsis.
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