
OP:L Bastards
when in helsinki party with the op:l bastards
24.01.2001, 16:49, Text:
MichaelMKrumbein,
MichaelMKrumbein
Vor einigen Monaten war an dieser Stelle anlässlich der Berichterstattung über ein gemeinsames Abendessen mit Kreidler und Add N To (X) von einem Journalismus die Rede, der sich von der Distanz zum Verhandlungsgegenstand verabschiedet, um sich in den Clinch mit selbigem zu begeben. Natürlich keine unkritische Angelegenheit, kann man zu Recht anmerken – wenn man es bei dem zu rezipierenden Artefakt mit einem grundsätzlich in Frage zu stellenden zu tun hat. Dann kann es mit der Aufgabe der Distanz nur darum gehen, den Blick beim Verhandeln des Künstlers auf die sozialkommunikative Perspektive zu lenken und die kritische Reflexion des Werkes ad acta zu legen.
Die Idee dahinter ist in beiden Fällen offensichtlich: indem man den kulturellen und sozialen Raum teilt – was sich, im Gegensatz zum Milieu, auch kurzfristig arrangieren lässt -, kann sich ein Informationsmehrwert einstellen – oder einfach nur viel Spaß. Trotz des anhängenden Hedonismus’ geht es hierbei auch um den alten Traum von den neuen, echten, besseren, ja, authentischeren (um das Unwort zu benutzen) Informationen. Im folgenden soll von einer weiteren Expedition in den Gonzojournalismus die Rede sein: Intro rockte mit den Op:l Bastards in Helsinki. Und THOMAS VENKER fand dabei auch noch Zeit für ein Gespräch.
II. AUGUST 2000
Die Beziehung zwischen mir, Vilunki 3000, Tuomo Puranen und Timo Kaukolampi begann im August des vergangenen Jahres, als ich die erste gebrannte CD ihres Albums zugesteckt bekam. Jawohl, sieben Monate vor dem geplanten Release – und bereits zu diesem Zeitpunkt fünf Monate nach Fertigstellung. Die Plattenfirma hatte große Ambitionen mit der Band. Und um ja nichts falsch zu machen, setzte sie auf einen gerade heutzutage ungewöhnlich langen Vorlauf. Was mich in den Genuss einer fast nicht mehr für möglich gehaltenen Vorbereitung brachte – Zeit, etwas wachsen zu lassen. Oder anders ausgedrückt: Zeit, um die Halbwertzeit eines Albums zu erforschen. Sie erwies sich als lang. Auch heute, beinahe sechs Monate nach dem ersten Hören, ruft “The Job” noch dieselbe enthusiastische Begeisterung bei mir hervor. Mit jedem Track transportieren die Op:l Bastards eine eigentümliche Mischung aus Melancholie und Ekstase. Electro-Rock mit Jump-up-Garantie, der in sich den dekonstruktivistischen Charakter von Suicide mit dem Pathos von 80er-Synthiepop und der Körperlichkeit von Detroiter Electroproduktionen paart.
III. DEZEMBER 2000
Wir saßen im Flugzeug gen Helsinki, um mit den Op:l Bastards eine Modestrecke für die Februarausgabe zu produzieren, ein Interview zu führen - und Helsinki unsicher zu machen. Wir, das steht für das Intro-Team, bestehend aus Fee Magdanz (Moderedakteurin), Oliver Bresch (Best Boy), Mika Väisänen (Fotograf) und meine Wenigkeit. So richtig wussten wir nicht, was uns erwartet, nur dass der Manager der Band, Rafael Rybczynski, ein ehemaliger Tausendsassa der deutschen Popbranche (er war u. a. bei Edel für MoWax zuständig), einen straighten timetable mit Konzert, Foto-Shootings, Interviews und Parties aufgestellt hatte – damit es uns und dem ebenfalls eingeflogenen Fast Forward-Team auch ja nicht langweilig wurde. Kaum gelandet, wurden wir auch schon mit allem Wissens- und Vergessenswürdigen gebrieft. Super, alles lag in höchstens fünf Minuten Fußdistanz. Die Welt ist ein Dorf – oder jede Stadt hat ihr Belgisches Viertel, nur dass das von Helsinki weniger beschaulich ausgefallen ist als das von Köln.
IV. TAG #1
Der Helsinki-Aufenthalt sollte mit einem Highlight beginnen: die Releaseparty der Bastards im Semifinal, einem angenehm runtergerockten Indie-Hangout, dessen Lofi-Charme an Berliner Kellerclubs erinnert und dessen Besucher sich nicht wirklich von den Indieslackern in der Galerie Berlintokyo oder im Bastard unterscheiden. Die Atmosphäre stimmte also – und die Getränkepreise, welch angenehme Überraschung, waren auch noch richtig günstig: von wegen Alkohol ist in Finnland so teuer. Die Longdrinks nehmen den unseren nichts. Der Absturz konnte beginnen – und war ganz im Interesse der Band, deren erste Kontaktaufnahme mit dem Verfasser im Abchecken seiner Trinkgewohnheiten lag. Timo: “Willst du was von unserem Selbstgebrannten? [er sieht, dass ich mich bereits versorgt habe] Oh, du bevorzugst Wodka-Tonic. Exzellente Wahl.” War es nicht, der Kopf sprach am nächsten Tag eine andere Sprache, wobei der aufgedrängte Konsum des Selbstgebrannten (die Hölle) zu später Uhrzeit seinen Teil dazu beitrug – zum Glück bei allen. Doch vor den Schmerzen wurde gerockt - und das nicht zu knapp. Nach einstimmenden DJ-Sets von Dimitri Helsinki (a.k.a. der Bandmanager) und Andrew Shepherd (a.k.a. der A&R) performten die Bastards das Material von “The Job” - wie schon beim letztjährigen Auftritt im Rahmen des Introducing Festivals in akut rückenschädlicher Haltung: drei Nerds, die sich über die Maschinen bücken und as much frickeln und an Knöpfen drehen, wie das mit sechs Händen möglich ist. Vilunki 3000 richtet sich wenigstens ab und an auf, um den sichtlich aufgeheizten Körper springen zu lassen und sich dem Publikumszustand anzunähern. “One Party”, um es mit Fünf Sterne Deluxe zu sagen.
V. TAG #2
Der nächste Tag begann dunkel, noch dunkler als erwartet. Erst gegen elf simulierte der Himmel über Helsinki einen Zustand, den man als Tag bezeichnen könnte – und es sollte nur drei Stunden dauern, bis die Windernacht wieder einsetzte. Also verdammt wenig Zeit für Außenshootings, die für den Tag angesetzt waren. Gut, dass es in Helsinki so viele gute Plattenläden gibt. Shooting-Örtlichkeiten, mit denen alle leben konnten: Mika wegen der interessanten Kulisse und der Rest der Meute wegen der Platten. Und so verzogen wir uns ins Viisikulma-Viertel, dem Bermudadreieck für Vinylfetischisten. Und wahrscheinlich wären wir noch heute dort, hätte nicht der Kontrollfreak an der Seite der Band, ihr Manager, auf die Einhaltung des timetables bestanden – und der sah nun mal vor, sich ins Meteori zu begeben und Interviews zu führen. Der Plural ist schon richtig, denn bevor ich mich zwei Stunden mit den Op:l Bastards unterhalten sollte, widmeten wir uns gemeinsam drei anderen finnischen Bands: 22 Pistepirkko, Pepedeluxe und RinneRadio.
Am Anfang habt ihr euch Opel Bastards geschrieben. Warum wurde das geändert?
Tuomo: Wir haben Ärger mit General Motors bekommen, wollten aber den Namen gern behalten. Wir haben mit Rechtsanwälten gesprochen und ihnen gesagt, was wir für ihre Dienste zahlen können. Die meinten nur: “Für das Geld arbeitet niemand von uns. Ändert euren Namen.”
Timo: Mit der Automobil-Industrie ist nicht zu spaßen. Niemand möchte Probleme mit solchen Firmen haben. Ich finde den Namen gut, so wie er jetzt ist. Er ist sehr abstrakt.
Vilunki: Ich habe immer noch ein Problem damit. Das ist nicht unser Name. Dieser Name ist doch nur das Ergebnis von einer Änderung, die wir nicht wollten. Timo: Ach, hör auf ...
Vilunki: Nein, ich meine das ernst. Ich sag’ ja auch nicht: “Hey, du heißt genauso wie ich, ändere deinen Namen, oder ich bringe dich um.” Es gibt keinen Grund, irgend jemandem so was anzutun.
Das Album heißt “The Job”. Was ist denn euer Job?
Vilunki: Der Name stammt aus der Bibel: das Buch Hiob.
Timo: Das Buch der schlechten Nachrichten. Ich finde den Namen ziemlich catchy für ein Album. Es gibt einen sehr netten Film, der “The Italian Job” heißt. “The Finish Job” wäre aber lächerlich gewesen. Und ich habe einen sehr ermüdenden Job als Umzugsschlepper, das ist der Grund. Er ist sehr kurz, einfach und kann viele Bedeutungen haben.
Wenn man sich euer Album anhört, dann fallen natürlich die zahlreichen Verweise zum 80er-Jahre-Elektrosound auf, aber auch ein großer Popappeal. Welche Rolle spielen für euch Bands wie Human League, Desireless oder Trans-X, an die ich denken muss, wenn ich euer Album höre?
Timo: Es geht uns um den Heavy-Rock-Aspekt.
Vilunki: Die Musik muss sehr pompös klingen. Ja, Trans-X sind eigentlich ganz schön heavy.
Timo: Unsere Musik soll eine Mischung aus Heavy und Disco sein: Sledgehammer Disco.
Was mochtet ihr an den 80ern am liebsten? Den leichten, hellen Pop oder eher die düstere, nihilistisch-depressive Variante?
Timo: Das ist echt komisch, die Leute denken immer, wir wären so düster – und sie haben recht. Unsere Musik ist dunkel wie Hölle, sehr traurig und melancholisch.
Vilunki: Echt?
Timo: Ja, wirklich. Ich habe mich kürzlich mit zwei Mädchen unterhalten, ich hab’ ihre Namen vergessen, und sie sagten mir, das sei so traurig, so schwer ... Ich persönlich finde traurige Musik generell besser als fröhliche. Was ist fröhliche Musik?
Tuomo: “Shiny Happy People” von R.E.M.
Timo: Ja, genau. So was hör’ ich mir nie an.
Vielleicht hängt diese Ausrichtung auch damit zusammen, dass es einfacher ist, Gefühle über Traurigkeit zu vermitteln.
Timo: Ja, ich glaube nicht, dass ich fröhliche Musik machen kann. “Masyued Lover (Andante)” ist für meine Verhältnisse ein fröhlicher Song.
[alle Schweigen, um dann in Lachen auszubrechen]
Timo: Die Gefühle, die ich bei Musik am liebsten mag, sind Dunkelheit, Traurigkeit und Wahnsinn.
Ich weiß, es ist sehr klischeebesetzt, aber hat diese Stimmung mit der Dunkelheit in Finnland zu tun?
Vilunki: Für uns nicht. Wir leben hier. Wir kennen es nicht anders.
Timo: Wir sind im Winter gefangen.
Tuomo: Den Sommer kann man daran erkennen, dass nicht soviel Schnee liegt. [Lachen]
Also schreibt ihr eure Songs im Winter?
Timo: Ja, zumindest für mich stimmt das. Ich mag den Sommer nicht. Jeder tut so, als wäre der Sommer super und als hätte man jede Menge Spaß. Im Sommer bin ich sehr faul.
Tuomo: Im Frühling ist man aufgeregt und verwirrt, aber der Sommer ist nur ein schwacher Nachgeschmack des Frühlings ...
Timo: Am besten finde ich es, wenn es im Herbst dunkler und kälter wird. Die Blätter fallen von den Bäumen, in der Natur sieht man den natürlichen Vorgang des Sterbens.
Tuomo: Die ganzen Touristen verlassen die Stadt.
Timo: That’s amazing.
Tuomo: Alles wird wieder normal.
Ihr seid ja kein Einzelphänomen. Viele Bands haben in den letzten Jahren den 80er-Elektrosound wiederentdeckt. Fast alle arbeiten aber sehr offensiv damit. Die Querverweise in eurer Musik sind nicht so stark angelegt. Ihr mögt den Sound, aber ihr geht sehr vorsichtig damit um. Es ist alles sehr konzentriert. Denkt ihr, dass sich sonst die Halbwertzeit drastisch verringern würde?
Tuomo: Wir würden die Musik töten.
Timo: Du musst die Verwirrung, das Chaos in der Musik aufzeigen. Aus dieser Verwirrung kann wieder etwas Neues erwachsen. Ohne dieses Chaos hätte es elektronische Musik wohl nie gegeben. Wenn man nur kopiert, kommt nichts Neues heraus. Das funktioniert ein Jahr – und dann ist es abgenutzt, und die Leute werden es wie einen alten Knochen wegwerfen. Ich höre eine Menge von diesem Electro-Stuff und kaufe auch jede Menge davon, aber ich habe keine Lust, so etwas selbst zu machen. Ich weiß eben, dass es viele Leute gibt, die das besser machen könnten als ich. Es ist besser, die Inspiration in einen eigenen Sound umzusetzen.
Auf dem ersten Song der Platte singst du ganz ohne Effekte, bei den restlichen Tracks nie ohne. Dabei hört sich deine Stimme ohne auch gut an.
Timo: I love it when the vocals are affected [lacht] ... Ich liebe diesen Vocoder. Ich höre mich dann an wie ein Roboter. Ich mag es auch, Vocals reverse aufzunehmen. Ich glaube, dass die Sprache der Leute in Träumen nicht normal ist. Vielleicht rückwärts.
Ihr arbeitet sehr gerne im Downtempo-Bereich.
Tuomo: He’s the downtempo-guy. Er drosselt immer das Tempo. Das macht er wahrscheinlich, weil ich eher schnelle Sachen mache.
Timo:. Ich denke, das optimale Tempo für ein Op:l-Bastards-Stück liegt zwischen 100 und 110 bpm.
Mir ist gestern im Club aufgefallen, dass die Leute hier generell Downtempo-Tracks zu bevorzugen scheinen, diese Sachen dann aber sehr funky sein müssen.
Timo: That’s more sexy.
Vilunki: More sexy ...
Timo: Ich glaube nicht, dass die typische 4/4-Bassdrum im Techno sexy ist. Na ja, einigermaßen sexy, aber wenn du das Tempo ein bisschen drosselst und ein bisschen mehr Bass reintust ... Der Bass ist wichtig. Er muss dich in den Eingeweiden kitzeln.
Vilunki: Langsame Musik muss einen guten Bass haben.
Timo: Ich werde diese ganze Geschichte mit Beats und so nicht kommentieren, da ich keine Ahnung davon habe. Vielleicht kann man sagen, dass es in jedem Musikgenre coole Musik gibt. Ein Kompromiss. Na ja, vielleicht kann man das nicht verallgemeinern, aber es mag auch daran liegen, dass es in Finnland nie eine Dopekultur gegeben hat, sondern eher eine Kultur des Alkohols. Könnte das der Grund sein? Geht das zu tief?
Auf jeden Fall ein interessanter Ansatz.
Vilunki: Es hat auch mit den Drogen zu tun.
Tuomo: Die Leute kennen das halt nicht. Viele machen zusammen mit Clubbing gerade die ersten Erfahrungen damit. Kommt daher vielleicht das Downtempo?
Ähmm, Themawechsel: Ich neige dazu, Musik zu überinterpretieren. Eure Tracks sind für mich nicht nur catchy, sondern transportieren auch mit wenigen Worten durchaus ernsthafte Anliegen.
Timo: Wovon sprichst du?
Ein Beispiel: “And at the end of the rainbow there’s no money ...”
Timo: Ah ja, ich verstehe. Große Einfachheit. Ich bin ganz sicher kein großer Poet.
Vilunki: Was bist du dann?
Timo: Okay, okay, dann bin ich eben ein Poet. Was siehst du, wenn du aus dem Fenster schaust? Den puren Wahnsinn: Babylon. Die Welt fällt auseinander.
Vilunki: Der moderne Mensch hat die Welt abgefuckt.
[Lachen]
Tuomo: Ja. Und es gibt kein Zurück mehr. Wir werden wahrscheinlich wie die Dinosaurier in zehn oder fünfzehn Jahren aussterben.
Timo: Die ganzen Antworten sind da draußen, vor diesem Gebäude. Da siehst du die goldenen Bögen von McDonalds am Horizont. Überall kann man all diese Symbole, Logos sehen. Du bekommst Geld bei der Bank dahinten und kannst das nebenan im alcohol store ausgeben. Der Weg ist ziemlich kurz, die Verbindung liegt auf der Hand.
Tuomo: Das sind die Sachen, über die man Songs schreiben muss.
Wenn ihr das Ende der Welt kommen seht und der Zivilisation kritisch gegenübersteht, warum lebt ihr dann nicht auf dem Land?
Tuomo: Ich muss erst mein finanzielles Gleichgewicht finden, bevor ich aufs Land ziehe. Ich habe keine Lust, auf dem Land zu wohnen und jeden Tag zur Arbeit irgendwohin zu fahren.
Timo: Ich finde, Geld und Reichtum werden in unserer Gesellschaft überbewertet. Reiche Leute hatten Glück, reich zu werden ...
Vilunki: Was ist Geld? Geld ist totale Macht. Und Macht ist den Menschen schon immer wichtig gewesen.
Tuomo: Es wird einem auch überall vermittelt, dass es sehr erstrebenswert ist, viel Geld zu haben.
Timo: Ja, und die Leute, die es nicht schaffen, viel Geld zu machen, und den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt sind, bekommen eine schlimme Depression. Mit meiner persönlichen Lebenssituation kann ich schon sehr zufrieden sein. Alles, was mir im Moment fehlt, ist Geld. Hab’ ich nicht. Ich bin trotzdem glücklich.
Tuomo: Ja. Wenn ich jeden Monat meine Miete bezahlen kann, bin ich schon glücklich.
Womit verdient ihr euch denn eure Miete?
Timo: Wir machen ein paar Sachen, die mit Musik zu tun haben und mit denen wir ein bisschen Geld verdienen.
Tuomo: Flyer und Poster.
Sind die Lebenshaltungskosten hier sehr hoch? Ist es für Künstler schwer, sich nur über die Kunst zu finanzieren?
Timo: Wenn du in Finnland nicht gerade Jazz oder klassische Musik machst, dann muss dir schon das Sozialamt unter die Arme greifen, damit du über die Runden kommst.
Vilunki: Ich lebe seit zehn Jahren so. Das ist ein gutes System.
Gibt es vom Staat auch Förderprogramme für Künstler?
Tuomo: Ja, das Übliche an Stiftungen und so. Es gibt jetzt auch Geld von der EU.
Und ihr macht Remixe, beispielsweise für Nicole Willis.
Vilunki: Die Leute vom Sähkö-Label sind auf uns zugekommen. Die hängen oft mit uns in den Bars rum.
Timo: So bekommt man Jobs in Helsinki. Wenn wir nicht so viel in Bars rumhängen würden, hätten wir nicht soviel zu tun.
Vilunki: Solche Sachen kommen in Helsinki um halb drei als mündliche Abmachung ziemlich angetrunken zustande.
Das ist in Köln nicht anders.
Timo: Ich muss noch mal kurz auf die Texte zurückkommen. Klar, sie sind ernsthaft, aber wir machen doch nicht den Eindruck von an der Welt leidenden Künstlern, oder?
Nein, dafür habt ihr ganz offensichtlich zuviel Spaß, aber um beispielsweise “Jet Black Man” zu schreiben, muss man leidensfähig sein.
Timo: Ja, das stimmt. “Black Man” ist eigentlich ein Song über Stockmarketbroker, aber “Black Man” hört sich schöner an. Es geht nicht um Hautfarben, dieses Schwarz ist wie ‘ne Autofarbe, ein sehr glänzendes Schwarz. Schwarz wie die Koffer eines Diplomaten. Die Farbe einer Limousine.
Zum Schluss noch eine eher Business-spezifische Frage: Wie war es eigentlich für euch, so lange auf den Release der Platte warten zu müssen?
Timo: Ich höre mir meinen Lieblingssong von der Platte alle zwei Wochen an. Dann frage ich mich: Ist diese Platte eine gute Platte? Wenn ich diesen Song höre, denke ich: “Ja, ein Klassiker.” Ich möchte mich nicht wie ein selbstsüchtiges Arschloch anhören, aber ich denke, wir arbeiten richtig gut zusammen – und werden dies auch in Zukunft tun. Wir sind eine großartige Band. Ich glaube, dass die Plattenfirma das alles richtig macht. Und wenn es so lange braucht, ist das in Ordnung. Das Album ist zwar noch nicht draußen, aber es ist perfekt. Wenn man ein klassisches Album veröffentlicht, sagen wir ein Rolling-Stones-Album, dann ist es in zwanzig Jahren immer noch ein Klassiker. Wir haben so hart an dieser Platte gearbeitet, ich denke, das kann man hören. In früheren Projekten habe ich gelernt, nicht in Eile zu sein. Eile tötet die professionelle Arbeitsweise. Wenn man es eilig hat, macht man manchmal komische Sachen.
Tuomo: Es gibt ein altes finnisches Sprichwort: Warum soll man es eilig haben, wenn die Welt schon fertig ist?
Timo: Außerdem haben wir so schon wieder viel neues Material. Wir haben es ohne Druck gemacht, es ist sehr frisch und sehr schön. Ist ein gutes Gefühl, etwas geschaffen zu haben, weil man Lust darauf hatte, und nicht, weil man irgendwie unter Druck stand. Aber was ist schon Druck? Es gibt keinen Druck. Ich bin betrunken. Von einem Campari.
Timo: Jaja. Man hängt in der Bar rum und denkt sich am nächsten Tag: “Ach, ich saß den ganzen Abend da rum und hab’ vielleicht zwei oder drei Bier getrunken.” In Wahrheit waren es zwölf. Solange man nicht umgekippt ist oder sich geprügelt hat, denkt man, dass man nicht über die Stränge geschlagen hat.
Nach soviel Worten war genug gesagt. Schweigen. Gut. Essen. Besser. Fein, dass wir Einheimische um uns herum hatten. So wurde die ansonsten quälende Suche nach dem richtigen Restaurant zum direkten Eintritt ins Ravintola Salve. Sie haben uns nicht gerade die Auswahl gelassen: gebratene Sardellen mit Kartoffelbrei, eine Spezialität, wie sie uns mit Arglist im Blick wissen ließen – kein Wunder, dass wir uns danach Wodka einflößen mussten, um diesen Direktangriff auf die Gesundheit lebendig zu überstehen. Und schlafen. Muss auch mal sein, auch wenn das jetzt so ganz unglamourös unsexy klingt.
VI. TAG #3
Aber wir wussten, was wir taten, schließlich hatten die Bastards für den nächsten Abend eine Abschiedsfete im Kerma angekündigt, wo sie regelmäßig den Sonntagabend bestreiten, und vorher noch einen Ausflug in den Sauna-Club anvisiert, der, you guess it, genau das bietet, was ihr jetzt denkt: Sauna und Platten-Auflegen. Klappte dann leider nicht, da die vom ganztägigen Fotoshooting unterkühlten Körper erst wieder aufgetaut werden mussten a.k.a. Nachmittagsschlaf und Essensaufnahme über die Einmaligkeit des Events gestellt wurden.
Die Party sollte natürlich abermals ein Hit werden, obwohl sich der Club als Mini-Bar erwies und die ersten zwei Stunden eher auf einen gemütlichen Weekend-Chillout hindeuteten. Aber man soll ein Spiel eben nie vor dem Schlusspfiff abschreiben. Die Körper – der Finnen - fielen reihenweise auf die Tische. “Time For Delirium”, scheinbar der Lieblingssong der finnischen Twentysomethings, zumindest sagte dies der geschulte Blick durch die Lokalität zu später Stunde. Das Überraschende war allerdings nicht die Trinklust der Finnen, sondern ihre derart offensive Einstellung zur Sexualität, die selbst bis zur absoluten Besinnungslosigkeit betrunkene Typen binnen fünf Minuten mit einem Mädchen im Taxi landen ließ. Im unterkühlten Norden hält man sich nicht mit falschen Bedenken auf und frönt einer sehr direkten Körperlichkeit, die uns am Ende der Auflege- und Trinksession um vier Uhr plötzlich zwei Op:l-Bastards-Groupies im Hotelzimmer einbrachte - mitsamt Vilunki 3000, wegen dem sie natürlich dabeiwaren, nicht wegen dieser unsexy Journalistenmeute. Die Nacht war lang – und das Weichei von Verfasser froh, dass er die Party verlassen konnte, da nicht sein Hotelzimmer zu Woodstock #2 wurde, sondern das der Kollegen. Selbiges samt Minibarrechnung würde jede Möchtegern-Rockcombo mit Starallüren neidisch machen. Wort. Nur Sachbeschädigung hätte das noch toppen können. Doch dafür sind die Bastards auf jeden Fall die Falschen.
VII. TAG #4
Besinnungslosigkeit rules. Unten mit den Bastards. Oder dem Intro. Oder miteinander. Der Absturz galore lieferte jedenfalls die bekannte Lektion: Der Morgen danach kann dein bösester Feind werden, besonders, wenn statt relaxtem Slacken und Kaffeetrinken noch Mitbringsel-Besorgen auf dem Plan steht, schließlich wollen Kaufladen (siehe Seite xxx) und Freund/Freundin bedient werden – gut, damit ist der ambitioniert ausgeführte Popstarstatus natürlich unweigerlich zerstört, aber es war euch ja sowieso klar, dass es in dieser Story nur eine Fraktion geben kann, die richtiges Popstarformat hat: die Op:l Bastards. Und wir Glücklichen durften für vier Tage daran teilhaben.
Und wo wir gerade von Glück reden: Hier gibt es jetzt das neue Op:l Bastards Gewinnspiel.
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