Schule Machen

kulturaustausch im pop? kulturaustausch im pop-seminar?

22.01.2001, 21:15, Text: Autor unbekannt

Ist die Wissenschaft ein Spiel? Jedenfalls ist sie nicht mehr, was sie einmal war. Ein erstes Anzeichen dafür war möglicherweise das Aufkommen des Methodenpluralismus’: nicht mehr der Auslegung des Goethe-Textes galt das eigentliche Interesse, sondern der Perspektive, aus der sich ein Goethe-Text noch sinnvoll betrachten lässt. Das Werkzeug der Begriffe, das Vokabular der Forschungsrichtung, der Standpunkt der Schule, die Position im Feld des Wissenschaftssystems sind zentral geworden. Nach der Wissenschaftlichkeit von Texten zu fragen ist deshalb heute immer auch ein bisschen witzig; denn Wissenschaftlichkeit ist keine Sprache mehr, sondern ein Verfahren, ein Vorgehen, Denken und Beschreiben, das unterschiedliche Sprachen sprechen kann, weshalb man sich oft erst bei wiederholtem Lesen sicher sein kann, ob man einen Text für wissenschaftlich hält oder nicht.


Anders ausgedrückt: Selbstverständlich finden sich heute in den Geisteswissenschaften noch Kanonisierungen; und gerade in den vergangenen zehn Jahren war Verschulung sicherlich eines der hervorstechendsten Phänomene an den Universitäten. Aber Verschulung und das Beharren auf der Gültigkeit eines verbindlichen Kanons sind harte Reaktionen auf das Aufweichen des Kanons selbst: Es versteht sich heute einfach nicht mehr von selbst, warum es sinnvoll sein sollte, Goethe zu lesen (für Adorno gilt dasselbe). Kanon, Tradition, Kultur sind in der späten Moderne woandershin gezogen. Für einen Skateboardfahrer ist es wohl wichtiger, sich in die Tradition eines Mark Gonzales als in die eines Joseph von Eichendorff stellen zu können. Eine Frau, die heute Musik produzieren möchte, wird vielleicht Madonna oder Björk studieren wollen. Geh mir aus dem Licht, wenn du als House-DJ noch nie von Larry Heard gehört hast. Und nach den zehn avanciertesten Technomaxis in 2000 sollte man besser nicht Elisabeth Bronfen fragen, auch wenn sie sich prima mit Verfahren der Identitätskonstruktion auskennt.
Die Geisteswissenschaften haben im Zuge des skizzierten Wandels etwas verloren, aber auch etwas bekommen. Sie haben nun die Chance, einen Typ von Seminar zu pflegen, zu erhalten, auszubauen, den sie möglicherweise schon eine geraume Zeit hervorgebracht haben, dem nun jedoch in anderem Maße Bedeutung zukommt: das Seminar als Freiraum, der sich durch den Wunsch der ihn Betretenden auszeichnet, hier für sich etwas lernen, an etwas arbeiten zu wollen, und der, freilich abgesehen von den üblichen Prüfungsverordnungen, im Hinblick auf Kommunikations-, Beobachtungs- und Lektüreverfahren wenig reglementiert ist. Ein Ort, an dem man sich trifft, um Gedanken auszutauschen. In meiner Vorstellung weist er eine deutliche Nähe auf zu Homi Bhabas Begriff des dritten Raumes und vergleichbaren Konzepten, etwa Deutungswerkstätten, wie sie die Ethnopsychoanalytikerin Maya Nadig organisiert. Handlungen und Äußerungen der Beteiligten haben an diesen Orten die Chance (die Chance!), als Performanz in dem Sinne wirksam zu werden, dass sie Situationen herzustellen vermögen, die sich als Interpretationsrahmen jenseits gängiger Schemata realisieren. (Dafür, dass diese sich auf Konventionen rückbeziehen lassen, bürgt der Bezug der Beteiligten auf diese Konventionen, die Tatsache, dass sie im Anschluss an das Seminar wieder in andere kulturelle Kontexte entschwinden.) Herkömmlicherweise tritt man in eine Situation. Das Seminar kann dagegen für alle Beteiligten ein Ort sein, an dem sich Situationen herstellen lassen, in denen gut gearbeitet werden kann.

Seminarthema: Interkulturelle Aspekte der Popkultur

Kulturaustausch ist ein seltsames Schwerpunktthema für eine Pop-Zeitschrift, weil im Pop zwar offenbar allerhand passiert, das sich mit Hilfe des Begriffs Kultur fassen lässt, ebenso offensichtlich eines dabei aber genau nicht stattfindet: kultureller Austausch. Die eigentliche Umgangsweise im Hinblick auf Kultur ist im Pop das Nehmen. Zum Nehmen mag zwar ein Interesse gehören - aber es ist nur das Interesse, das Wertvolle zu bekommen, das beim anderen vermutet wird.
Der Aspekt dieses spezifischen Nicht-Austauschs, der Faszination für etwas anderes, ist allerdings für Pop so grundlegend, dass sich von ihm her das gesamte Feld der Popkultur ordnen lässt. Ich verfolge derzeit im Rahmen eines Seminars an der Universität Bremen diesen Ansatz. Er bringt zunächst die Notwendigkeit der Abgrenzung gegenüber anderen globalen Erklärungsmustern mit sich. Klassischerweise hat man Popkultur einerseits immer mit Subversivität verbunden, andererseits genau diese Kombination als ideologisches Selbstbild der Popkulturen abgetan und statt dessen betont, es ginge in den Popkulturen darum, sich mittels Kennzeichen der Zugehörigkeit abzugrenzen und mit der entsprechenden Kleidung und dem dazugehörigen Wissen eine Art kulturelles Kapital anzusammeln. Beide Ansätze begreifen Popkulturen als kulturelle Räume. Einmal dienen diese als Alternative zur Lebensweise der Eltern, das andere Mal als Feld des Distinktionsgewinns, der Hipness. Das Phänomen des Nehmens geht beidem voraus. Es betrifft traditionell und insbesondere die Afrodiaspora und liegt bereits auf der Ebene des Zustande-Kommens dieses anderen Raumes der Popkultur: man denke nur an den R&B, die Bedeutung des Soul in der Geschichte der Popmusik. Dass es die Möglichkeit gibt, Welten hervorzubringen, an die man glauben kann, das ist die von Pop immer aufs neue bei der afroamerikanischen Ästhetik abgekupferte Überzeugung. Und es ist nicht nur diese, es sind auch die Techniken, die zu deren Realisierung eingesetzt werden können. Wie das geht? Sie haben zu jeder Zeit etwas damit zu tun, was von Ben Sidran die Oralität der afrodiasporischen Kultur genannt wird, also das Moment der Abweichung gegenüber der hegemonialen Ordnung, der an der eigentlich wirksamen Bedeutung vorgenommene Dreh. Die Modulation des Zeichens, der Sprache. Kodwo Eshun würde zur Bezeichnung desselben Umstandes von der Alienhaftigkeit und Synästhetik der afrodiasporischen Ästhetik sprechen. Heutzutage spielt hierbei mit Sicherheit Sampling eine große Rolle: einen atmosphärischen Raum einfach hinzustellen. Im Seminar habe ich versucht, den Vorbildcharakter der Afrodiaspora für Pop, das spezifische Davon-Angezogen-Sein und Sich-Nehmen, am Beispiel einiger in unterschiedlichen Zusammenhängen als Klassiker bekannter Texte darzustellen. Es ging etwa um die Bedeutung des Jazz’ für den Helden von Sartres existentialistischem Roman “Der Ekel” aus den Dreißigerjahren. Für diesen verlieren die Dinge zunehmend ihre Bedeutung - eine zur Begrüßung entgegengestreckte Hand erscheint ihm beispielsweise als Wurm. Alles ekelt ihn, weil es nicht in einer Bedeutung aufgeht, sondern penetrant da ist. Aber wenn er im Café sitzt und den Jazz hört, dann verändert sich seine Wahrnehmung von Zeit und Raum und den Dingen. Er fühlt sich wohl, weil die Welt an Konsistenz und Kohärenz gewinnt.
Ein anderer Text war Harris’ “Tales of Uncle Remus” von 1882, der von der Begeisterung eines Jungen für die Fabeln eines alten Sklaven erzählt. Disney hat die Geschichte verfilmt. Van Dyke Parks schwärmt von ihr bei jeder Gelegenheit als einer Brücke in die Vergangenheit. Tatsächlich geht es auch hier darum, wie eine Welt eigentlich zustande kommt und besser als andere erscheint. (Van Dyke Parks gehört übrigens zu den wenigen Popmusikern, die das Sich-Bedienen bei der Afrodiaspora und anderen Kulturen mit Freude praktizieren, Welten um Welten entwerfen, in ihren Kompositionen anklingen lassen und dies auch mit Nachdruck thematisieren. Etwa, wenn er 1972 auf “Discover America” so etwas wie ein Bild der USA aus der Sicht der Karibik zeichnet.) Weitere Texte waren Mailers “White Negroe” und Hebdiges Beschreibung der Mods in “Subculture - The Meaning Of Style”.

Unsere Väter

Das Seminar läuft nicht schlecht, aber auch nicht zufriedenstellend. Dafür gibt es verschiedene Anzeichen und Gründe. Mich interessiert hier natürlich der Grund, der sich auf das Thema Kulturaustausch beziehen lässt. Das auf ihn verweisende Anzeichen hat mit diesem Artikel zu tun, denn es war von mir eigentlich geplant, ihn gemeinsam mit interessierten Studierenden zu schreiben. Im Seminar entstanden. Aus dem Seminar geplaudert. Aber es gab daran kein Interesse, niemand hat sich gemeldet, um mitzuarbeiten oder eine Idee beizusteuern.
Der Artikel sollte vom Seminarthema handeln; ein Beispiel hätte herausgegriffen und erläutert werden können. Was sich dann tatsächlich erläuterte, war, dass etwas nicht hinhaute. Die haben mich die ganze Zeit nicht wirklich verstanden, dachte ich. Aber warum kommen sie dann? Also, inwiefern haben wir uns verstanden oder missverstanden? Ich habe nur den Versuch einer Erklärung, eine Vermutung mit dem Titel “Unsere Väter”.
Unseren Vätern müssen natürlich unsere Mütter gegenübergestellt werden. Die Mütter zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich enorm auf die Welt ihrer Kinder einlassen. Sie hören zum Beispiel deren Musik. Die Väter dagegen erwarten, dass man sich auf ihre Welt einlässt (Lebenseinstellung, Berufsleben, Hobbys usw.). Tut man das nicht, gibt es eben auch keine oder nur eine ganz unverbindliche Verständigung. Das ist freilich ins Extrem formuliert, also stark schematisiert. Und es ist frei von Essentialismen gemeint; es ist eine Metapher für zwei gängige zeitgenössische Kommunikations- und Umgangsweisen, nicht nur in Familien. Vater und Mutter sind in diesem Bild lediglich Figuren, Positionen. Das Bild soll den Grund für das Fehlschlagen von Kommunikation veranschaulichen: folgt man dem Vater nicht in seine Welt, kann man sich mit ihm auch nicht wirklich verstehen. Andererseits behält er dadurch auch eine Faszinationskraft: Der Vater hat etwas, das er für absolut hält, das demnach attraktiv sein muss - was ist es?
Vielleicht ist in dieser Weise das Seminar verlaufen ... bis zu dem Punkt, als jetzt vor den Weihnachtsferien eine Entscheidung anstand. Wir mussten uns darüber verständigen, welche Pop-Szenen wir in der zweiten Semesterhälfte näher betrachten wollen, um der Seminarüberlegung in der Realität nachzuspüren. Meine Vorschläge (HipHop, House) stießen auf so wenig Begeisterung wie der Vorschlag, historische Stationen der Orientierung der Popkultur an der Afrodiaspora nachzuzeichnen (80er-Zitat- und Synthiepop, Techno). Für die Seminarteilnehmer gab es nur eine mögliche Antwort, und nach einigem Zögern äußerten sie diese mit einer Vehemenz, dass es nicht nur für mich ein Vergnügen war: Hamburger Schule. Also, wir machen die Hamburger Schule. Wer bringt die Platten mit? Oder doch besser CDs? Eigentlich haben alle alles parat: Blumfeld, Tocotronic, Sterne, Kante, Stella ... Bis dann! “Momentchen, fährt jemand mit aufs Tomte-Konzert?”

Hamburger Schule

Wir haben nun die Vereinbarung, dass sie mir sagen, was sie daran finden. Das ist eine pädagogische und strategische Vereinbarung, die dazu führen soll, das Väter-Modell durch etwas Neues abzulösen. Natürlich werden wir nicht nur in “Zweilicht” schwelgen. Wir werden arbeiten. Die Arbeit wird darin bestehen, aus diesen Platten den Entwurf einer Welt herauszuschälen, zu schauen, durch was sie bestimmt ist - von Geschmacksfragen bis zu anderen Werten. Wir werden das Versprechen suchen, das einen in diese Welt hineinzuziehen vermag. Auch die Afrodiaspora.
Wenn das gelingt, ist es uns auch gelungen, im Seminar den dritten Raum herzustellen. Das Gelingen hat zur Grundlage, dass nicht nur ich, sondern auch die anderen ein Stück weit aus ihren Positionen heraustreten. Auf Zeit, versteht sich. Im geschützten dritten Raum des Seminars.
Auf die Sitzungen zur Hamburger Schule wird noch eine zum Skateboardfahren folgen. War mein Vorschlag, wurde angenommen. Muss dann im Anschluss neu ausgehandelt werden? Eine Sitzung braucht’s noch zum Rekapitulieren - und Mitte Februar ist das Semester auch schon wieder zu Ende.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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