Mute Records
Interview mit Daniel Miller von Mute Records
21.01.2001, 20:53, Text: Autor unbekannt
? Mute gibt es seit mehr als 20 Jahren. Ihr eröffnet gerade eine Dependance in Deutschland. Wär’ das alles möglich gewesen, ohne global zu denken und zu handeln?
M: Wir haben schon immer sehr global gedacht. Global heißt aber nicht gleich global, denn die Hälfte der Menschheit kauft keine Tonträger. Wir haben schon immer in Relationen eines internationalen Marktes gedacht. Es gab schon früh ein Bewusstsein bei uns, nicht nur UK-Artists ins Ausland zu verkaufen, sondern auch zu beobachten, was in anderen Teilen der Welt passiert, und Künstler aus anderen Teilen der Welt zu signen bzw. unsere in der Welt unterzubringen. Wir hätten sicherlich nicht überlebt, wenn wir dieses Bewusstsein nicht gehabt hätten.
? Wenn man ein kleines Label startet, dann beschränkt man sich zunächst darauf, lokal und regional zu wirken. Wann war bei Mute der Punkt erlangt, sich darüber hinaus darzustellen?
M: Eigentlich schon mit der ersten Single. Die wurde nur in UK vertrieben, aber sie wurde auch überallhin exportiert. Wir haben soviel Feedback aus der ganzen Welt bekommen, es war kaum zu glauben. Am einen Tag ein Brief eines amerikanischen College-Radios, an einem anderen einer aus Frankreich ... Es war also nicht schwer, ein Gefühl dafür zu bekommen. Später, als wir anfingen, mit Depeche Mode zu arbeiten, war es klar, dass es wichtig war, über die Landesgrenzen hinwegzuschauen, da der englische Markt sehr launisch ist und von Mode zu Mode schwankt. Wenn man es schafft, Künstler in anderen Teilen der Welt zu etablieren, haben diese längere und bedeutendere Karrieren vor sich. Wenn man sich nur auf UK verlässt und darauf, was der NME oder ein wichtiger Radiosender sagt, dann begibt man sich auf schwieriges Terrain. Was wäre, wenn sie sagen: “Wir schenken dieser Platte keine Beachtung?”
Was Musik angeht, die von außen kommt, hat mich deutsche Musik der frühen Siebziger sehr beeinflusst: Can, Kraftwerk, Klaus Schulze, etc. Gegenüber Musik aus dem Ausland war ich immer sehr offen. Das war noch vor Mute. In der Tat war das erste von Mute releaste Album von D.A.F., wir waren schon früh involviert in weiterreichende musikalische Zusammenhänge abseits UK.
? Als die Mute-History begann, gab es noch nicht so viele Labels. Habt ihr denn als Reaktion auf eure frühen Veröffentlichungen Tapes aus aller Welt bekommen?
M: Na ja, vielleicht nicht unbedingt Tapes, aber wir kommunizierten global. Wir hatten zum Beispiel schon früh Kontakt mit Atatak oder mit Kindred Spirit aus Düsseldorf oder mit ZikZak-Records. Es gab eine gewisse Affinität zwischen deutschen Labels und Mute. Für mich war es sehr interessant zu beobachten, wie deutsche Musik sich aus der anglo-amerikanischen 60s-Szene entwickelt hat. Und was sollte auf Punk folgen? D.A.F. hätte es in England nie gegeben, sie waren aber eine unmittelbare Antwort auf Punk. In England gab es Joy Division als natürliche Folge von Punk. Es gab auch einige interessante Sachen aus Frankreich: Metal Urbain, Dr. Mix & The Remix, Stinky Toys ... Es war sehr interessant zu beobachten, wie alles aus Punk herauswuchs und dabei mutierte.
? Du sagst, D.A.F. hätten in UK nie passieren können. Gibt es manchmal Releases, von denen du von vornherein weißt, dass es eine kulturelle Grenze gibt, die diese Musik nicht überschreiten können wird?
M: Man weiß es nie, aber man hat ein Gefühl für bestimmte Releases. Aus Erfahrung und durch Kenntnis der betreffenden Kultur weiß man schon, was wo besser funktionieren wird. Bei manchen Sachen weiß man beispielsweise, dass sie in Südeuropa besser ankommen als in Nordeuropa oder in den Staaten nie landen. Man liegt nicht immer richtig, aber es ist wichtig, sich eine Meinung zu bilden. Wir begrenzen unsere Künstler aber nicht. Wir versuchen jeden unserer Künstler in den major territories - in Europa, den Staaten, Australien und Japan - zu pushen.
? Es gibt auch bei Mute im Labelroster Künstler, die erst nach der zweiten oder dritten Platte so richtig den Durchbruch geschafft haben. Inwieweit gehört für dich eine langfristige Planung dazu, gerade bei “schwierigen” Künstlern? Inwieweit lässt sich dies bei manchen Künstlern nur als spezifisches Phänomen in einem Land analysieren? Und denkst du, dass sich eine solche “Vertrauens”-Strategie auszahlt?
M: Moby ist ein gutes Beispiel. Besonders in Frankreich hatte Moby lange unglaubliche Schwierigkeiten. Es war fast hoffnungslos, und wir wussten auch nicht genau, woran es lag, falsche Präsentation, keine Ahnung. Tja, und die letzte Platte hat sich fünf Wochen auf Platz 1 in den Albumcharts gehalten. Es läuft in Frankreich mittlerweile sogar besser als in Deutschland. Man sieht zum Beispiel jemanden wie Nick Cave wachsen. Er hat immer sehr viel Erfolg an den “Rändern” Europas gehabt, auch in Norwegen, Israel, Griechenland oder Portugal. In Israel oder Griechenland zum Beispiel war er ein Superstar, während er überall sonst mehr als underground artist klassifiziert wurde. Er konnte in Tel Aviv nicht über die Straße gehen, ohne einen Pulk Fans im Rücken zu haben. Er hat dort auf Festivals gespielt, wo er vor Bob Dylan Headliner war. Das ist über zehn Jahre her. Mittlerweile arbeitet er auf einer international sehr breiten Basis. Es war fantastisch, dies wachsen zu sehen. Manchmal funktioniert das auch nicht, aber es ist eine Herausforderung, und es gehört zum Befriedigendsten, wenn es klappt.
? Bist du persönlich mindestens einmal pro Jahr in jedem Land, also auch in Randländern wie Israel oder Norwegen, in dem Mute präsent ist?
M: Für mich persönlich ist es schwer, in jedes Land zu reisen, aber Mitarbeiter von Mute tun das. Wenn ein Künstler in ein Land reist, um Promotion zu machen, ist natürlich jemand von Mute mit dabei. Bei Mute gibt es ein international departement, das nur damit beschäftigt ist, den internationalen Markt zu beobachten und Kontakt vor Ort zu halten.
? Ich bin erstaunt zu hören, dass Nick Cave in Israel groß ist. Das ist ja nicht unbedingt ein Land, bei dem die Verbindung zu Popkultur evident ist ...
M: Israel ist ein sehr musikbegeistertes Land. Musik ist ein wichtiger Bestandteil jeder Landeskultur. Manchmal orientieren sich die Länder eher an Länderspezifischem, manchmal eher an internationaler Musik. Wir haben von Anfang an mit den Leuten in diesen kleinen Ländern gearbeitet, wenn du jemanden hast, der enthusiastisch ist, mit deiner Musik arbeiten möchte. Okay, vielleicht werden dann nur 100 Copies verkauft, aber für die Leute ist das ‘ne ganze Menge.
? Das ist gut für die Künstler, 100 in jedem Land summieren sich auch.
M: Es kann auch mit 100 losgehen, dann werden 1.000 daraus, und auf einmal verkaufen sie 100.000 auf der ganzen Welt, so wie Nick, der mittlerweile ungefähr 500.000 Einheiten von jedem Album verkauft.
? Glaubst du, das ist der Knackpunkt der Mute-Philosophie? An einen Künstler zu glauben und eher auf lange Zeit hin zu arbeiten? Das ist bei vielen anderen Labels nicht gerade üblich.
M: Das ist keine Philosophie, es ist nur eine Form des Arbeitens. Mit Künstlern über einen langen Zeitraum zu arbeiten ist interessant. Wenn ich einen Künstler signe, dann denke ich schon an das dritte oder vierte Album, genauso, wie ich an das kommende und die erste Single denke. Ich versuche, eine Beziehung zu den Künstlern herzustellen, im Sinne einer Geschäftsbeziehung, aber auch auf persönlicher Ebene. Man muss einem Künstler den Freiraum lassen, zu wachsen. Man darf keinen Druck ausüben, mit der ersten Single und dem ersten Album super erfolgreich sein zu müssen. Das ist eines der Probleme, glaube ich, und das ist nicht der Fehler der Plattenlabels, sondern des Künstlers selbst oder seines Managements. Sie versuchen, viel Geld im voraus für die erste Platte zu bekommen, meist Beträge, die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was die erste Platte einspielen könnte. Selbst wenn die Platte okay abschneidet, sagen wir, 60.000 Kopien verkauft, dann sagt die Plattenfirma, wenn es um die Finanzierung der zweiten Platte geht: “Wir haben damals 500.000 $ in dich investiert und das Geld nicht eingenommen durch die erste Platte, sondern Verlust gemacht.” Das könnte das Aus für den Künstler bedeuten. Independent-Labels können es sich gar nicht leisten, soviel Geld auszugeben. Das ist aber positiv für die Entwicklung des Künstlers. Die Leute sollten das bekommen, was sie brauchen, um ihren Job zu machen. Dadurch überleben solche Künstler. Man muss sich nicht die ganze Zeit überlegen: “Mein Gott, wieviel Geld gebe ich aus?” Für einen Künstler ist es Psychoterror, zu wissen, dass man dem Label Geld schuldet. Das kann viel zerstören. Wir pflegen ein sehr persönliches Verhältnis zu unseren Künstlern. Wir kommen ihnen so nahe, wie sie möchten. Wir zwingen die Künstler zu nichts. Okay, wir bereiten sie natürlich darauf vor, dass sie ihre Platte auch promoten müssen über Interviews, Reisen etc. Man arbeitet ja schließlich zusammen und muss sich dementsprechend auch gemeinsam nach vorne bewegen.
? Was ich sehr sympathisch an Mute finde ist, dass es sehr erfolgreiche Bands gibt, aber auch solche, die es wahrscheinlich nie sein werden und die dennoch nicht gedroppt werden.
M: Wenn man ein eigenes Label hat, dann geht es doch eigentlich nur um eines: Man veröffentlicht Platten, die man mag. Ich mag alle möglichen Platten. Ich bin in den 60s aufgewachsen, was eine großartige Dekade der Popmusik war, und dadurch habe ich wohl auch Popmusik im Blut. Dann bekam man die psychedelische Ära mit, gefolgt von experimentellerem Stuff. Mein Leben ist eine lange Geschichte des Musikhörens. Ich liebe schöne Texte, und ich liebe gute instrumentale Musik, ich liebe auch sehr fordernde Musik, aber auch leicht zugängliche Musik - alles. Solange ich die Möglichkeit habe, mit Musik zu arbeiten, werde ich das tun. Ich empfinde es als Privileg, dies tun zu dürfen. Natürlich ist es ein Business in einer kapitalistischen Gesellschaft - diesen Aspekt darf und kann man nicht aus den Augen verlieren. Manchmal kann ich nicht die kleinen Sachen rausbringen, die ich gerne rausbringen würde. Besonders Anfang der 90er aber hatte ich zum Beispiel keine Lust, mit irgend jemandem zu arbeiten. Ich finde, dass diese Zeit gerade in England wenig interessant war. Mittlerweile passieren überall auf der Welt viele fantastische Sachen, vieles, das ich mag, speziell im Bereich der elektronischen Musik. Köln produziert zum Beispiel unglaubliche gute Musik, die im Rest der Welt wie eine Bombe einschlägt.
? Du hast eine Menge deutscher Künstler für die Staaten gesignt. Normalerweise arbeitet ihr schon eher international mit den Künstlern, hier betreibt ihr wieder dieses Indie-Lizenzierungsding. Wieso?
M: So was machen wir nur in den Staaten. In Amerika kann das funktionieren, da der Markt groß genug ist, sehr vielfältig, aber auch abgeschlossen genug. Das würde in Europa nicht funktionieren. In den Staaten haben wir exklusiv mit Non-UK-Signings gearbeitet. Aus Deutschland kommt soviel großartige Musik, ich wollte sehen, ob ich daran teilhaben kann. Wir haben gerade erst angefangen, mit Kreidler oder To Rococo Rot, Schneider TM oder Tarwater zu arbeiten. Leider bin nicht in der Lage, mit ihnen überall sonst zu arbeiten, aber das ist fair enough, sie sind auf guten Labels. Wir sind froh, dass wir mit ihnen in den Staaten arbeiten können und etwas dafür tun können, dass sich diese Sache weiterentwickelt.
? Versuchst du im Moment, aus einer bestimmten Szene Künstler für Mute weltweit zu gewinnen?
M: Wir haben Acts aus Finnland, Deutschland, Slowenien, aus den Staaten, Kanada oder Australien auf Mute, und auch aus anderen Ländern. Ich denke nicht allzusehr daran, woher sie kommen, solange ihre Musik mir gefällt. Wir hören von überallher jede Menge Sachen.
? Ist es so, dass du noch viel in Plattenläden gehst und Platten kaufst, um dich inspirieren zu lassen? Ich weiß von Christof Ellinghaus von City Slang, dass er, wenn er in den Staaten war, mit bis zu 300 Singles zurückkommt, und dann schließt er sich eine Woche in seinem Büro ein ...
M: Ich kaufe eine ganze Menge, aber ich kaufe nicht so viel, da ich weiß, dass ich keine Zeit habe, um mir alles anzuhören. Was mir in den letzten Jahren geholfen hat war, in Berlin eine Radioshow zu machen, dadurch musste ich nach neuer Musik suchen, das hat mir viel geholfen.
? Wenn du die Veröffentlichungen einer anderen Plattenfirma für ein anderes Land lizenzierst, stört dich dann nicht, dass du das gesamte Produkt inklusive Artwork hingestellt bekommst und keinen Einfluss mehr darauf hast?
M: Das ist okay ...
? Denkst du nie: Hm, hätte ich an dieser Entwicklung teilgehabt, dann ...
M: Natürlich denkt man das, aber man muss das respektieren. Andersherum würde es mich nerven, käme zum Beispiel unser französischer Lizenzpartner an und würde sagen: “Nee, das Depeche-Mode-Cover gefällt uns nicht, kann man ...” Die Majors in den Staaten versuchen so etwas die gesamte Zeit, aber man muss die künstlerische Vision, die das Artwork transportiert, respektieren. Natürlich diskutiert man das mit der Band, wenn einem das Cover überhaupt nicht gefällt, aber wenn sie gute Gründe für ihre Wahl haben, dann ist das eben so.
? Ich wusste nicht, dass auch Mute-Veröffentlichungen in andere Ländern lizenziert werden. Wie kommt es dazu? Und - noch konkreter gefragt - wann? Nur bei den ganz populären Bands?
M: Wir haben in UK, in den Staaten und nun auch in Deutschland unsere eigene Company, aber nicht in Frankreich oder in der Tschechei. Also arbeiten wir als Label mit Partnern zusammen. Diese lizenzieren unsere Veröffentlichungsrechte.
? Also liegt das nicht daran, dass gewisse Künstler ein bestimmtes Level erreichen ...?
M: Nein, auf gar keinen Fall. Es ist uns ein Anliegen, unseren Bands ein Zuhause zu bieten. Es ist wichtig, dass Leute, die mit Depeche Mode arbeiten, auch mit Echoboy oder Add N To (X) zusammenarbeiten. Es war gut, dass die Franzosen, die mit Depeche Mode gearbeitet haben, auch mit Moby arbeiteten. Als er anfing, richtig groß zu werden, war es ein kontinuierlicher Prozess, wir mussten für Moby keinen neuen Partner suchen.
? Ist es nicht schwer, an der Spitze eines weltweit agierenden Unternehmens zu stehen und den Überblick zu bewahren?
M: Wir haben ein gutes Team, und natürlich ist es hart, immer am Ball zu bleiben, aber E-mails erleichtern zum Beispiel schon eine ganze Menge. Das Internet eröffnet auch kleineren Labels als Mute eine egalitäre Kommunikation. Wir haben ja auch unsere eigene Website, ein Forum, einen Shop, und die Leute treten in Kontakt mit uns.
? Letztes Jahr wurde der D.A.F.-Backkatalog von euch wiederveröffentlicht. Ist das genauso wichtig wie die Veröffentlichung einer neuen Platte?
M: Wir sind uns unserer Geschichte auf jeden Fall bewusst, und deswegen kann man heute noch jede Platte bekommen, die ever auf Mute releast wurde. Natürlich nicht mehr jede 7-Inch, aber die Alben ja. Wir haben von D.A.F. nur das erste Album rausgebracht, dann sind sie zu Virgin gegangen. Als D.A.F. die Rechte zurückbekamen, haben sie sie an uns lizenziert. Auch von Can haben wir die Rechte des gesamten Katalogs lizenziert, wie auch von Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle, hoffentlich klappt das auch für Clock DVA. Für mich als Fan ist das was Besonderes, diese Kataloge im Mute-Rahmen sehen zu können. Vieles davon ist sehr zeitgemäß, und es ist uns ein Anliegen, diese Dinge wieder zugänglich zu machen. Gerade diese Acts werden heute wieder sehr geschätzt. Wenn wir eine neue Band signen, wird als erstes die Frage gestellt: “Please, could we have the Can catalogue?”
Wir bekommen gute Response auf die Kataloge. Can sind ein extrem gutes Beispiel, weil sie zwar nicht mehr als Can auftreten, aber immer noch aktiv sind. Man kann so immer noch auf ihre Wurzeln verweisen.
? Das ist jetzt die Fan-Perspektive, aber das macht ja auch Sinn aus einer Business-Perspektive heraus.
M: Ja, natürlich. Man muss schon vorsichtig sein, man kann das nicht mit jedem Katalog machen, aber man sucht sich die guten raus.
? Gibt es ein Land, mit dem du am liebsten arbeitest?
M: Schwer, hm ... Ich sage das jetzt nicht, weil ich hier bin, aber ich glaube, Deutschland ist als Markt auch in Sachen Kreativität sehr interessant. Aus der Perspektive der Künstler kann man sagen, dass das Publikum hier sehr loyal ist. Kreativ gesehen einer der besten Orte der Welt. Deswegen haben wir uns auch entschlossen, unser eigenes Label hier zu gründen, nach all den Jahren ... Fünfzehn Jahre, vielleicht 15 Jahre zu spät. Na ja, nicht zu spät, aber ... Hauptsache ist, dass wir es jetzt gemacht haben.
? Was ist mit Osteuropa? In den letzten zehn Jahren haben sich dort Wechsel in jeder Hinsicht vollzogen.
M: Es ist ein interessanter Markt. Von meinem persönlichen Blickwinkel aus gesehen ist da nicht viel Musik herausgekommen, die mir gefällt. Vom Verkaufsstandpunkt her bietet der Markt noch nicht allzu großes Kaufpotential, dennoch sind wir sehr aktiv in solchen Märkten. In Prag gibt es eine Firma, die für Mute-Belange auch in Ex-Jugoslawien, Ungarn und Polen arbeitet.
? Vielleicht haben die Menschen dort nicht soviel Geld, dafür aber sind sie sehr interessiert.
M: Ja, das stimmt. Sie nehmen Musik sehr ernst. Wenn man dort ein Interview gibt, analysieren sie alles minutiös. Es ist fantastisch, dass Musik soviel Nachdenken provozieren kann.
? Es gibt Länder, die man einfach nicht im popkulturellen System sieht. Ist es ein Anliegen von dir, immer mehr Ländern den Zugang dazu zu ermöglichen? Heute bekommt man als Journalist die Platte mit dem Presseinfo auf den Tisch, früher musste man dem Label noch einen Brief schreiben, um an Infos zu kommen. In manchen Ländern muss man bestimmt noch hart arbeiten auf beiden Seiten, weil es nicht diese bequemen Formen der Kommunikation gibt wie bei uns.
M: In Indien oder China, der Großteil von Afrika – dahin hat man wenig Kontakte. Der beste Weg, diese Menschen zu erreichen, ist über das Internet. Wenn es einen Add N To (X)-Fan in Delhi gibt, dann bietet ihm das Internet Zugang zu dem, was ihn interessiert. Das eröffnet zumindest die Möglichkeit, erreichbar zu sein, auch wenn dies gerade in diesem Kontext noch nicht viel Wirkung gezeigt hat. In China haben wir übrigens auch schon einiges veröffentlicht, aber die Regierung ist da sehr streng, man hat als Künstler nicht viel Raum. Man bekommt Auflagen, wie viele Platten gepresst werden dürfen. Wenn diese 50.000 dann weg sind, kommt auch nichts nach. Aber irgendwo muss man ja anfangen. In China geht es gerade im kleinen Rahmen los, ein paar DJs in Shanghai, ich weiß nicht viel darüber. In Afrika ist das ganz anders, dort gibt es eine eigene starke musikalische Tradition. Es kommt ja auch viel afrikanische Musik nach Europa, vor allen Dingen Pop aus Südafrika, wo es eine sehr ausgeprägte Popkultur gibt. Es ist schwer genug zu sagen, ob wir dahin expandieren möchten, denn würden wir dann die Märkte vernachlässigen, die wir aufgebaut haben? Wenn es Möglichkeiten gäbe, die sinnvoll erscheinen, okay, aber ... In manchen Gebieten, wo es eine eigene Popkultur gibt, wie in Südostasien oder in Südamerika, sind westliche Künstler Randerscheinungen. Bevor wir uns Gedanken über die Erschließung neuer Märkte machen können, müssen wir erst an jenen arbeiten, die groß sind und wo wir unsere Arbeit bereits begonnen haben.
? In bezug auf Tarwater arbeitet ihr ja auch mit Kitty-Yo zusammen. Gibt die Zusammenarbeit mit Mute kleinen Labels den Impuls, es auch weltweit zu versuchen? Würdet ihr sie unterstützen?
M: Wir haben uns vor ein paar Wochen in Berlin getroffen und ein gutes Gespräch gehabt. Ich helfe gerne, wenn ich kann. Kitty-Yo haben schon gemerkt, dass einige ihrer Künstler das Potential haben, über Landesgrenzen hinweg bekannt zu werden. Der Impuls, Grenzen zu überwinden, geht sowieso meist von den Künstlern aus. Ich glaube schon, dass Kitty-Yo wachsen wird. Manche Labels wollen das gar nicht, das ist okay. Ich bin froh, wenn ich jemandem einen Ratschlag geben kann; ich bin gerne da, wenn man Fragen hat. Besonders gerne helfe ich natürlich Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten.
? Danke für das Interview und alles Gute weiterhin.
M: Danke auch. Ich hoffe, es war okay.
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