Poptones
Alan McGee - vom creation-zar zum independentlabelchef
21.01.2001, 15:57, Text: Autor unbekannt
Ein bisschen mulmig ist mir ja schon vor dem Interview. Vor allem, weil ich mich an diverse Gerüchte bezüglich Alan McGees Interviewfaulheit erinnere. Außerdem handelt es sich hier um den Entdecker diverser großartiger Bands. Nicht nur die von ihm im Zitat gemeinten Oasis, sondern unter anderem auch Primal Scream, The Jesus And Mary Chain und My Bloody Valentine sind durch seine Mithilfe bekannt geworden. Das schafft Ehrfurcht. Und feuchte Hände. Wird er auch mir (wie bei anderen Kollegen passiert) aus Mangel an Gesprächslaune einfach seinen Lieblingstonträger vorspielen?
Nein, er ist erstaunlich guter Dinge und sehr gesprächig. Man merkt ihm an, dass Poptones ein Baby ist, auf das er stolz ist.
Und diese Musik ist wesentlich vielseitiger, als man es von Creation gewohnt ist. The Montgolfier Brothers zum Beispiel. Wunderschöne Melodien, melancholisch-monoton dahingehaucht, irgendwo zwischen Smog, den Red House Painters und Dakota Suite. Oder auch die bemerkenswerten Oranger, die es tatsächlich geschafft haben, eine Liste mit Lieblingsbands und Idolen aufzustellen, die nicht mit “B” beginnen, obwohl ich ihnen bösartig unterstellen wollte, ohne Beatles und Beach Boys nicht auszukommen. (Sie selbst sehen sich auch eng verbunden mit David Axelrod und ZZ Top.) Retro trifft bei Poptones plötzlich auf den Dub eines Mad Professors oder El Vez, des Kings Reinkarnation in Form eines schwulen, mexikanischen Kommunisten mit einer enormen Menge Humor. Da wird dann gerne mal “In The Ghetto” mit “Go, Zapatistas!” auf ein Album gepackt. “Deutschland könnte eventuell reif sein für El Vez, ihr seid nicht so verklemmt wie die Engländer”, meint McGee. Die Engländer seien überhaupt “too fucking stuck up”, was neue Musik betreffe. “Sie halten El Vez für einen Irren, genau wie mich auch. Sie vergessen, wie viele Platten ich schon verkauft habe. Ich verstehe mein Geschäft. 35 Millionen Oasis-Alben machen mich vielleicht ein wenig exzentrisch, aber verrückt bin ich deshalb nicht.”
Im Gegenteil, er wirkt ansteckend klar. Keine Drogen mehr, eine zehn Wochen alte Tochter und trotzdem Besitzer des angesagtesten Clubs Londons, Radio4, in dem er jeden Mittwoch auflegt. Und dort geht es ihm, wie bei der Auswahl der Bands auf Poptones, um gute Musik. “Nicht um ein zwanghaftes Schema, dem man treu bleiben muss. Bei uns wird gemischt. Da kann es auch mal passieren, dass ich die Ping Pong Bitches, eine meiner liebsten Bands auf Poptones, sehr modern und neu, gleich nach Led Zeppelin spiele.” Und das Konzept kommt an. “Der Club fasst ca. 250 Leute, und jeden Abend wollen 800 oder 900 Menschen rein. Aber wir wollen es so klein und familiär wie möglich halten.” Geplant ist eine Radio4-Tour durch Europa, zu der eventuell auch einige Bands eingepackt werden sollen. Das Verhältnis zwischen Label und Bands ist ebenso familiär wie der Club, da sich im Gegensatz zu Creation, wo zum Schluss 47 Mitarbeiter angestellt waren, ganze neun Personen um Poptones kümmern.
Dazu kommt, dass Poptones den großen Multimedia-Vorsprung hat. Sowohl McGee als auch die Bands, beispielsweise Oranger, sehen einen großen Aspekt der musikalischen Zukunft im Internet. Dennoch hat keiner Angst vor Napster oder Gnutella. Für McGee ist der mp3-Markt eine Art “Werbung für den Back-Katalog der Bands. Viele benutzen mp3s als eine Art Radio und kaufen sich dennoch die Alben. Außerdem gibt es ja noch uns Vinyl-Freaks, uns bekommt ja auch niemand tot. Irgendwann wird es Downloads im Abo geben, dann kann man für einen bestimmten Betrag runterladen, soviel man will, und dennoch werden CDs und LPs gekauft werden. Jede Wette.” Auch Oranger sehen zwar den revolutionären Geist in Gnutella und Napster, haben aber keine Angst vor Verlusten: “Wir haben schon etliche Alben über das Internet verkauft. Napster tut uns nicht weh.” Wenn man schon mal mit Alan McGee persönlich plaudern kann, müssen natürlich auch die alten Oasis-Kamellen auf den Tisch. Nachdem ich mich einige Zeit verlegen um das Thema gewunden habe, macht er es mir plötzlich erstaunlich einfach: Was ich denn so für Musik höre, will er wissen. Ich hangel mich mehr oder weniger subtil bis hin zu Blur. Woraufhin er lacht. Dann dauert es nicht allzu lange, und wir sind uns einig, dass die letzten beiden Oasis-Alben doch stark zu wünschen übrig ließen und ziemlich langweilig waren. Ein Wort gibt das andere, die Blur-oder-Oasis-Frage wird durch die Beatles-oder-Stones-Frage abgelöst. Schließlich streiten wir uns, wer von denen denn nun besser und ungezogener sei. Und das ist eigentlich der Punkt, wo man den MD-Player ausmachen und das Gespräch in die Kneipe verlegen sollte, denn eigentlich ist er fast ganz normal, nicht einmal so exzentrisch, wie er selbst behauptet. Und er liebt die Musik. Und das ist ja das Wichtigste.
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