Labels

Interview mit Christof Ellinghaus

20.01.2001, 19:09, Text: Autor unbekannt

?: Mal generell gefragt: Lizenzierung, wie hat das früher bei City-Slang funktioniert?

C: Ich hab ja keine Labels Lizenziert, sondern mir immer nur die Rosinen rausgepickt. Ich bin ja geschmäcklerisch und wollte bei City Slang nie ein ganzes Label lizenzieren. City Slang war so immer meine Sicht der Dinge. Ich habe das veröffentlicht, was ich in Europa für veröffentlichungswürdig hielt. Das basierte sicherlich auch auf meinem eigenen Aufwachsen mit vor allem amerikanischen Sachen. Da hatte ich einfach die Kontakte, weil ich vorher eine Bookingagentur hatte. Das lief so seit 1988 (seit 1990 gibt es ja erst City Slang) und dann habe ich 1990 angefangen die Flaming Lips und Lemonheads nach Europa zu lizenzieren.



?: Hatten die vorher kein anderes Label hier in Europa?

C: Es waren eben die einzigen, die auf mich zukamen. Ich war deren Agent für Deutschland. Die Lemonheads wollten z.B. touren und fragten mich, ob ich nicht einen kenne, der 'ne Platte machen will. Da hab ich das eben gemacht. Das gleiche bei Yo La Tengo und den Flaming Lips. Das war nichts großes mit \"Kulturaustausch\", sondern einfach gute Musik aus Amiland, die ich hier vor zehn Jahren veröffentlichen wollte. Deutsche Bands zu dem Zeitpunkt fand ich nicht interessant, da gab es nichts, was mich interessiert hat. Irgendwann kamen dann auch Deutsche Bands auf uns zu, die so klangen wie ihre Vorbilder, aber das brauchte ich nicht, wenn ich das Original habe.

?: Wie wird das jetzt mit \"Labels\" laufen?

C: \"City Slang\" wird genauso weiterlaufen, mit Lizenzdeals und eigenen Signings wie To Rococo Rot, Schneider TM oder Experimental Pop Band.

?: Was ist die generelle Idee bei Lizenzgeschäften?

C: Es gibt da zwei Varianten, die sogenannten Band-Übernahme, da übernimmt eine Plattenfirma wie z.B. \"City Slang\" ein Band, also eine fertige Aufnahme einer Platte. Wenn \"Thrill Jockey\" z.B. Tortoise ins Studio schicken dann gehört ihnen in der Regel das Recht der Verwertung dieser Aufnahme. Dieses Recht wird für einen gewissen Zeitraum dann z.B. an uns (hier City Slang) für die Verwertung in Europa übertragen. Die brauchen einfach jemand vor Ort, weil das eben nicht so gut übers Importgeschäft geht.

?: Das ist doch häufig auch eine Frage der Betreuung, oder?

C: Klar, die Platten werden dann selber von uns hergestellt, geben die in die Vertriebe hinein, bewerben die, denken uns dazu die Konzepte aus und organisieren eventuell sogar die Touren. Auf dem Importweg werden die Platten z.B. in Amerika hergestellt, dann hierüber geschafft und dann muss sich das entsprechende Label eben darauf verlassen, dass die hier von ihrem Vertrieb gut vertreten werden. Die haben dann natürlich meist nicht so viel Zeit und auch nicht den Spielraum, da große Aktionen zu machen. Die andere Variante ist das was Kitty-Yo oder was Bungalow machen. Die nehmen den Künstler direkt unter Vertrag und sehen zu, dass sie das hier herausbringen. To Rococo Rot oder Schneider TM sind z.B. bei uns originär unter Vertrag, da machen wir also die Aufnahmen und gehen dann los und suchen uns jemand wie Daniel Miller (Mute), der dann sagt, 'Ich find eure Sachen gut, können wir nicht irgendwie ins Geschäft kommen'. Da wir Europa schon selber machen, läuft das dann z.B. über ihn auf \"Mute Amerika\" in den Staaten.

?: Wie sieht die Struktur von \"Labels\" im Unterschied dazu aus.

C: \"Labels\" ist auch ein Lizenznehmer, der ganze Labels lizenziert oder einzelne Künstler unter Vertrag nimmt. \"Lables Deutschland\" geht dabei mit City Slang, Bungalow, Wall Of Sound, Source Frankreich, Source UK, Grand Royal, Pussyfoot an den Start. \"Labels\" ist dabei zu 100% eine Virgin Niederlassung. Die haben uns eben gefragt, ob wir das für sie hier in Berlin machen wollen, wir sind also alle mit fliegenden Fahnen Virgin-Angestellte geworden. \"City Slang\" ist jetzt also ein Label, das einen Vertrag mit \"Labels\" gemacht hat. Für Deutschland ist das gehupft wie gesprungen. Wer verkauft die Platten in Deutschland? Ist das City Slang mit einem Vertriebsdeal mit der Virgin oder ist das \"Labels\" selber? Es ist nicht mehr City Slang, wir haben die Virgin-Zusammenarbeit seit einem Jahr. An einem Beispiel wie Calexico bedeutet das z.B: früher war das eine Lizenz eines \"Touch & Go\" Sublabels. Für die ändert sich nichts, in Europa wird die Lizenz von uns einfach weitergegeben an \"Labels\". Das findet aber eigentlich nur auf dem Papier statt, weil wir das ja alles selber machen.

?: Heißt das dann: von den anderen Label müsst ihr jetzt nehmen, was kommt? Gibt's da eine klare Aufgabenverteilung?

C: Klar, darum sind wir jetzt auch viel mehr Leute als vorher. Es gibt Ansprechpartner für die einzelnen Bereiche, das haben wir schon etwas getrennt. Wir haben jetzt auch unsere eigene Promoabteilung, was ja früher NTT gemacht hat.

?: Das heißt, die Entscheidung, welche Maßnahmen zur Veröffentlichung einer Platte vorgenommen werden, liegt bei euch?

C: Ja, das machen wir aber auch nur für Deutschland. Das passiert natürlich in Absprache.

?: Gibt's irgendwelche Interessenskonflikte mit \"City Slang\", wenn es z.B. darum geht, ob man eine Band selber unter Vertrag nimmt oder das ein \"Labels\"-Partner macht?

C: Wenn jetzt ´ne Band Demos rumschickt, ist das wie früher. Derjenige, der das bessere Angebot macht, wird wohl auch den Deal machen. Das bleibt wie gehabt.

?: Schizophrenie gibt es nicht?

C: Nur wenn ich überlegen muss, wenn ich was Neues signen will, signe ich das zu City Slang oder Labels. Das muss ich dann mit mir selber ausfechten. Da muss ich immer die Rolle wechseln. Da muss ich mich fragen, will die Band lieber einen Vertrag mit der Virgin abschließen, denn Labels ist schließlich ein Virginunternehmen, oder möchten sie lieber einen Vertrag mit City Slang, also meinem Label abschließen. Wir sind ja keine existente Firma mehr in dem Sinne, es gibt keine City-Slang Angestellten mehr. Das bin nur ich als Person. City Slang hat eben bestimmte Traditionen, da muss man sich im Einzelnen überlegen, wo was hinpasst.

?: Gibt's auch den Fall, dass ihr etwas nicht signen könnt, dass dann aber über das \"Labels\" Netzwerk weitervermittelt?

C: Solche Fälle gibt's sicherlich mal, z.B. gab es ja zwischen Bungalow und City Slang schon immer enge Verbindungen. Da gibt's schon Dinge wie Mina, die ich z.B. auch gerne unter Vertrag hätte, oder aber die neue Platte der Experimental Popband, die wäre eigentlich auf Bungalow erschienen, aber die hatten keinen Platz in ihrem Veröffentlichungsplan, da hab ich das gerne übernommen.

?: Inwieweit orientiert sich \"Labels\"-Deutschland denn an seinem französischen Vorbild?

C: Die \"Labels\"-Niederlassung in Frankreich gibt es ja schon seit zehn Jahren, die haben auch ein ausgelagertes Büro, das ist eines der Standbeine von Virgin Frankreich. Nach deren Vorbild stricken wir uns ein bisschen, und die haben schon Labels für ganz Europa gesichert. Die müssen jetzt in jedem Land jemanden finden, der das bearbeitet. Das war erst auch kurz in München bei der Virgin.

?: Spielt der Gedanke \"Kulturaustausch\" auch eine Rolle im Verhältnis Major-Mainstream und Underground-Strukturen? Das ist ja im Prinzip auch eine Art Übersetzungs- oder Transferleistung, die ihr da vollbringt.

C: Wir erfüllen hier - überspitzt gesagt - den Kulturauftrag der deutschen Majorlabel. Wenn man sich die Landschaft anschaut, mit \"Big Brother\"-Kollaborationen wie Zlatko & Co, das ist sehr kurzsichtig. Virgin macht das zum Glück nicht, und dort haben die Leute eben verstanden, dass man mit diesem Zeug nichts für die nächsten Jahre aufbauen kann. Das ist schnelles Geld, aber das ist morgen auch schon ausgereizt. Das sind keine langen Aussichten, die die Umsätze auch noch in zehn Jahren sichern. Es hat sich ja in den letzten zehn Jahren gezeigt, dass auch aus dem Underground ernst zu nehmenden Acts hervorgehen, die auch richtig erfolgreich werden können. Ob du einen Künstler mit viel Geld zu 200.000 Verkäufen durchpeitschst oder zehn mit weniger Aufwand und vielleicht mehr Kreativität zu 20.000, dann hast du das gleiche Ergebnis aber mit weniger Aufwand. Da ist so was wie \"Labels\" für Virgin interessant. Das ist schon eine langfristig gedachte Sache nach dem Motto \"Da werden noch ne Menge Sachen passieren\".

?: Ihr seid also so was wie der Indie-Scout für die Majors?

C: Klar, und damit im Grunde so was wie ein Staat im Staate, denn es gibt in jedem Land Virgin Niederlassungen, und irgendwann soll es in jedem Land \"Labels\" Niederlassungen geben, die alle untereinander vernetzt sind, aber auf gewisse muskulöse Strukturen der Virgin zurückgreifen können. Die auch an die Geldtöpfe der Virgin können wenn nötig, wobei natürlich nicht mit riesigen Beträgen um sich geworfen wird.

?: Dafür halten sie sich was die Einmischung angeht aber zurück, oder?

C: Sie sind schon sehr engagiert dabei, wir sind aber auch noch nicht lange dabei, erst seit Oktober. Dass eine Firma wie Virgin dabei natürlich auch nicht ihr Geld versenken will, ist klar.

?: Wenn jetzt konkret was ansteht, gibt's da Unterschiede, wie das in den einzelnen Ländern vermarktet wird? Zu Frankreich kann ich mir da ja schon einige Unterschiede vorstellen?

C: Der Aufbau von \"Labels\" ist in beiden Ländern gleich, aber es kann durchaus Unterschiede geben. In Deutschland kriegt man z.B. bestimmte Radiosender, die du in Frankreich kriegen würdest, nicht für ein Thema begeistert. Oder der Unterschied, dass die deutsche Radiolandschaft durch die Länderhoheit viel zersplitterter ist als in Frankreich. Dafür gibt es in Frankreich nicht so was wie Viva II. Es gibt Sender, die spielen grundsätzlich französischsprachige Sachen, und insgesamt ist das Marketing noch viel weiter entwickelt. Da findest du kein Band-Poster ohne fette Logoleiste unten dran. Natürlich muss man auch dort mit den Tastemakern wie \"Les Incorrocktibles\" oder \"Magic\" anfangen. Der Livemarkt ist erheblich schwieriger als in Deutschland.

?: Umgekehrt, wie laufen die eigenen Sachen im Ausland?

C: Frankreich sind insofern im gleichen Boot, dass sie sich nicht Rock und Pop ausgedacht haben. Die wichtigen deutschen Beiträge dazu kann man ja fast an zwei Händen abzählen. Eine Musik die aus Deutschland kommt und eine eigene Identität hat wie Schneider TM oder To Rococo Rot funktioniert auch im Ausland gut. Welche Deutsche Musik geht ins Ausland? Die haben was Eigenes. Eine Deutsche Band muss nicht unbedingt \"teutonisch\" klingen, dann könnte man auch Rammstein unter Vertrag nehmen, aber sie muss eine eigene Identität haben. Deutsche Kultur und Musik fängt mit Can und Krautrock an, geht über Kraftwerk bis hin zu Techno und elektronischen Sache wie Kompakt.

?: Was wird über \"Labels\" denn jetzt auch im Ausland besser vermarktbar?

C: Eine Band wie z.B. Mina wird jetzt auch auf diesem Weg in die \"Labels\"-Kooperationen in die anderen Länder geschickt. USA ist da noch eine Ausnahme, die haben noch keine \"Labels\". Dort sind die Strukturen noch mal anders, da müssen wir uns noch was ausdenken.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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