Labels

euromix

20.01.2001, 18:10, Text: Autor unbekannt

Labels Germany, eine neu gegründete Tochter des Münchner Majorlabels Virgin, will bei diesem musikalischen Import/Export in Zukunft auch in Deutschland eine wichtige Rolle spielen. Von ihrem Berliner Headquarter aus sorgt die ehemalige Mannschaft des City-Slang-Labels nicht nur für die Betreuung ihrer Partnerlabel (derzeit Source Frankreich, Source UK, Grand Royal, Pussyfoot, Wall Of Sound und Bungalow), sondern funktioniert auch als “Übersetzer” zwischen Major-Betrieb und Indie-Strukturen.
In diesem Zusammenhang ist das Labels-Konzept von mehrfachem Interesse: einmal, weil das Vorbild des mit Niederlassungen in Italien, Belgien und Holland realisierten Netzwerkes, die seit zehn Jahren in Frankreich bestehende Labels-Dependance, gezeigt hat, dass auch Indie-Labels wie Mute, 4AD, Domino oder eben City Slang auf stark national geprägten Musikmärkten wie dem französischen mit Hilfe der richtigen Lizenzpartner bestehen können; zum anderen, weil auch Major-Plattenfirmen wie die Virgin scheinbar erkannt haben, dass man gerade im Indiebereich mit Major-Politics nicht weit kommt.

Als Folge werden die nationalen Labels-Abteilungen von Partnern aus der jeweiligen Untergrund-Szene realisiert und mit entsprechender Autonomie ausgestattet.
Die Wahl von City Slang als deutschem Labels-Repräsentanten fiel scheinbar nicht schwer, zumal diese ihr eigenes Profil vor allem der Lizenzierung amerikanischer Indie-Bands verdanken. Gibt es jetzt Interessenskonflikte mit der eigenen Labelarbeit? Alles kein Problem, meint City-Slang-Chef und Labels-Geschäftsführer Christof Ellinghaus.

City Slang hat bereits Anfang der 90er seinen Namen mit der Lizenzierung von US-Bands gemacht. Wie hat das damals funktioniert?

Ich habe damals keine Labels lizenziert, sondern mir die Rosinen herausgepickt. Ich bin geschmäcklerisch und wollte mit City Slang meine Sicht der Dinge präsentieren. Dabei spielte mein eigenes Aufwachsen mit amerikanischer Musik natürlich eine Rolle. Durch meine vorherige Booking-Agentur hatte ich ein paar Kontakte, durch die ich 1990 zunächst die Flaming Lips und Lemonheads nach Europa lizenziert habe, da ich außerdem deren Agent in Deutschland war.

Wie sieht die Arbeitsweise von Labels im Gegensatz dazu aus? Gibt es da Unterschiede? Und wie haltet ihr das mit der weiterhin laufenden eigenen Labelarbeit auseinander?

Labels ist ein Lizenznehmer, der sowohl ganze Labels lizenziert als auch einzelne Künstler unter Vertrag nehmen kann. Dabei handelt es sich um eine hundertprozentige Virgin-Niederlassung. Wir wurden gefragt, ob wir das für sie hier in Berlin realisieren wollen, und da wir sowieso seit einem Jahr einen Vertriebsdeal mit der Virgin hatten, sind wir alle mit fliegenden Fahnen Virgin-Angestellte geworden. City Slang besteht weiterhin, allerdings bin das jetzt nur noch ich als Person, mit einem Vertrag mit Labels. Für Deutschland ist das gehupft wie gesprungen. Wer verkauft die Platten in Deutschland: Ist das City Slang mit einem Vertriebsdeal mit der Virgin, oder ist das Labels selber? An einem Beispiel wie Calexico bedeutet das zum Beispiel: früher war das ein Lizenzdeal zwischen City Slang und Touch & Go. Auch für die ändert sich nichts. In Europa wird die Lizenz von uns einfach an Labels weitergegeben. Das findet aber eigentlich nur auf dem Papier statt, weil wir das ja alles selbst machen.

Gibt’s keine Interessenskonflikte, wenn es z. B. darum geht, ob man eine Band mit City Slang unter Vertrag nimmt oder das einem der Labels-Partner überlässt?

Wenn eine Band ihr Demo rumschickt, macht derjenige mit dem besseren Angebot den Deal. Nur wenn ich bei einem neuen Signing überlegen muss, ob ich das mit City Slang oder Labels mache, muss ich das dann mit mir selber ausfechten. Da muss ich dann mal die Rolle wechseln und mich fragen: will die Band lieber einen Vertrag mit der Virgin abschließen, oder möchten sie einen Vertrag mit City Slang? Da gibt’s bestimmte Traditionen, das muss man sich im Einzelfall überlegen.

Inwiefern spielt der Gedanke “Kulturaustausch” auch eine Rolle im Verhältnis Major-Mainstream und Underground-Strukturen?

Wir erfüllen - überspitzt gesagt - den Kulturauftrag der deutschen Majorlabel. Wenn man sich die Landschaft anschaut, mit “Big Brother”-Kollaborationen wie Slatko & Co., ist das alles sehr kurzsichtig. Virgin hat zum Glück erkannt, dass man mit diesem Zeug nichts für die nächsten Jahre aufbauen kann. Das sind keine Künstler, die Umsätze auch noch in zehn Jahren garantieren. Die letzten Jahre haben ja bewiesen, dass auch Underground-Acts richtig erfolgreich werden können. Ob du einen Künstler mit viel Geld zu 200.000 Verkäufen durchpeitschst oder zehn mit weniger Aufwand und vielleicht mehr Kreativität zu je 20.000 – das Ergebnis ist gleich, aber mit weniger Aufwand. Irgendwann soll es in jedem Land Labels-Niederlassungen für die Betreuung der Lizenzpartner geben, die alle unabhängig vernetzt sind, aber auf gewisse muskulöse Strukturen der Virgin zurückgreifen und, wenn nötig, auch an deren Geldtöpfe ran können, wobei natürlich nicht mit riesigen Beträgen um sich geworfen wird. Immerhin verdanken Air, Daft Punk oder Phoenix [alle auf Source Frankreich] einen Teil ihres internationalen Erfolgs Labels Frankreich. Jetzt kommen bald die neuen Alben von Simian, den Kings Of Convenience oder Russel Simins [auf Grand Royal]. Das ist schon eine langfristige Sache nach dem Motto: “Da werden noch ‘ne Menge Sachen passieren.”



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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