Der Star, der aus den Netz kam [Heimspiel]

bandsites im www. pickelige selbstausbeutung oder halfway to stardom?

16.01.2001, 20:47, Text: Autor unbekannt

Mit der stetigen Zunahme netzfähiger Geräte und dem Etablieren rein elektronischer Zahlungsverfahren wird das Internet ein alles durchdringendes Kommunikations- und Kommerzforum sein. Ob es nun Verheißung oder Apokalypse ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wichtig ist, dass Produktions- und Vertriebsstrukturen für Musik in der Änderung begriffen sind. Heimstudio, Datenkompression (Stichwort: MP3), legale wie illegale Musikforen, Download statt Plattenladen, digitale Signatur und Kreditkarte statt Geldschein. Über solche Entwicklungen kann man trefflich spekulieren (kürzlich konnte man die Meldung lesen, es gäbe immer mehr Netzverweigerer, die sich wieder ganz auf die \"reale\" Welt besinnen), wir wollen schauen, was ist, also, wie sich Bands im Netz präsentieren, welchen Weg Musiker gehen, um Informationen, Bild und Ton darzustellen und abrufbar zu machen, und schließlich auch, welchen Aufwand sie betreiben müssen, um Webspace zu bekommen und um die Grafiken und Programme zu erstellen.

Viele haben uns geschrieben, mit einigen haben wir gesprochen, hier ist das Resultat:

Astra Kid (www.astrakid.de)
Zum Auftakt ein Werbebanner. Na ja, wenn es ein paar Pfennige einbringt. Astra Kid haben ihre Seite gerade komplett überarbeitet. Der Charme des Futzeligen ist etwas gewichen und hat einer professionell programmierten, aber eher cleanen, funktionellen Oberfläche Platz gemacht. Sieht ein wenig technoid aus für eine gestandene Indie-Rockband. Schlagzeuger und \"Pagemaker\" Marc versichert aber, dass er sich bewusst von der typischen Retro- und Pseudo-Trash Ästhetik absetzen wollte. Etwa einen Monat Aufwand hat Marc im Rahmen eines Projekts seines Grafik-Design Studiums investiert. Updates sind selbstverständlich: Da gibt es nach einem Auftritt auch mal schnell Live-Fotos serviert. Hat man die Steuerung über die quadratischen Männchen kapiert, geht alles sehr übersichtlich vonstatten. Hier wird man in Zukunft noch viel Inhalt reinpacken. Die Fotosektion wird erweitert und die Hörproben um einige Livesongs ergänzt. Allerdings erlaubt der Musikverlag nur sog. Snippets, also Songschnipsel, die halt irgendwann ausfaden.

The Electric Club (www.theelectricclub.de)
Eine sparsam-schöne Startseite lädt uns in den elektrischen Club hinein. Die Infosektion besitzt nette Gimmicks wie das Bild der Woche oder den Clubberer des Monats. Es ist doch immer wieder schmunzelig, wenn Bandmembers ein paar Intimitäten von sich geben. In diesem Fall gibt es Einträge in eingescannte Poesiealben, wobei man z.B. über \"Splatterking\" Thomas erfährt, dass er gerne \"Braindead\" guckt. Er war es auch, der im Do-It-Yourself Kursus die Programmierung gelernt hat. Einen Server-Anbieter fand man in der Webspace Firma Strato (www.strato.de). Für die Band kam die 9,95 im Monat Variante in Frage, bei der man 50 MB Platz, verschiedene Hilfen in Form von Skripts und Software bekommt. Interessant ist auch, dass man sich statistische Daten abrufen kann, die dokumentieren, wie viele Fans denn wann welche Mp3s heruntergeladen haben. Das kann man sich dann als Balkengrafik übers Waschbecken hängen, wenn man will. Zurück zu Electric Club: Die Bildersektion ist etwas dünn, enthält aber dafür ganz stylische Fotos. Auch die Musiksektion ist eher spärlich. Man kann nur einen Song ganz und zwei Songs angespielt downloaden. Die Philosophie über freie Musik gehen sicherlich auseinander, die Jungs sind etwas knauserig. Da aber ein neues Album frisch aus dem Studio gekommen ist, wird man bestimmt bald mehr anbieten, oder?! Ein Highlight ist dann wieder die Gästeliste, in der man ein Rezept von Mutter Beimer genauso findet wie Einträge von Mädels namens Maren und Anke, die sich einen Streit liefern über Muskelgruppen und sexuelle Erfahrungen von Schlagzeugern. Amüsant!

Modulator (www.modulator.de)
Diese netten Elektroniker aus der Gegend um Krefeld haben wohl schon immer gerne Apfelsinen gegessen, denn alles hier ist so schön orange. Wer keine Farb- oder Denkschwäche hat, findet den gelben runden Knopf am unteren Bildrand. Weitere Verweise folgen. So auch zu einem bereits etablierten Internetforum für Nachwuchsmusiker: Besonic (www.besonic.com), auf dem etwa 15000 Musiker 33000 Songs in das virtuelle Welt ausgesandt haben. Über Foren und Charts verschafft man sich in der Community Status und kann über Wettbewerbe sogar Erfolge einheimsen. Auf Besonic haben Modulator ausser Musik auch ein Info hineingestellt, damit der minimalistische grafische Stil ihrer Seite nicht überfrachtet wird. Für die schreibende Zunft eher ein Suchspiel, wenn man nur mal schnell ein paar Informationen braucht. Modulator sehen sich aber eher als Gesamtkunstwerk, in dem Grafik und Musik ineinander gehen und die Kommunikation abgekoppelt ist von Zweckmäßigkeit. Ein spielerisches Projekt mit Formen und Farben.

Vibravoid (www.vibravoid.de)
Ommm! Vibravoid machen Musik so zwischen \"Tibet-Trance\" und \"Slomo-Lounge\". Ihre Webseite sieht entsprechend hypnotisch und \"fraktalös\" aus, ist dabei aber nicht so überladen wie es bei so manch anderer Band vorkommt, die tausend Knöpfe übereinanderschichten und die Übersicht vernichten. Vibravoid haben den richtigen Riecher für Stil, Grafik und Animation. Das bringt beim Laden der jeweiligen Bereiche zwar oft ein \"Wait - Downloading Data\" mit sich, die Langeweile hält sich durch die netten Animationen und blubbernden Sound aber in Grenzen. Hoffen wir, dass in kommenden Zeiten ein schnelleres Internet ein höheren Datendurchsatz bietet. Wem die Vibravoidschen Filmshows zu \"psilocybinös\" (=bunt) werden, der darf jederzeit auf die schnellere und etwas schlichtere Html-Version umschalten. Außerdem gibt es einen Link auf das Label Triggerfish-Music (www.triggerfish-music.de), deren Store die CD zum Kauf anpreist. Dr. Koch (nicht der vom Multivitamin-Saft) von Vibravoid arbeitet nicht nur aus Leidenschaft an den Seiten, es geht ihm um ernste Spiritualität und Konzentration. Selbst User aus Japan und Polen lieben seinen Theremin-Simulator oder den Clipmaker, in dem man sein eigenes psychedelisches Filmchen zusammenstellen kann. Alles in allem ein \"bomböses\" (Wortschöpfung von Big Brother-Harry) Teil.

Klar ist die kleine Auswahl nur bedingt repräsentativ für all das, was in den großen unbekannten Weiten des Netzes herumschwirrt. Vieles mussten wir unberücksichtigt lassen, weil es der Platz einfach nicht hergab. Trotzdem kann man schon mal ein kleines Resümee herausarbeiten. Vielleicht wird es irgendwann mal eine Fortsetzung dieses Webseiten Specials geben, wer weiß. In jedem Fall startet im Heimspiel mit dieser Ausgabe die Rubrik DAS IST NET. Darin stellen wir euch jeden Monat eine Band oder ein Indie-Label anhand seiner Website vor. Den Anfang macht diesmal www.apricot-records.de. Ein allgemeines Fazit der ganzen Thematik gibt es auch: Im Idealfall bündelt das Internet Formen der Kommunikation, schafft Verweise und Assoziationen. Bands können ein Forum bieten, auf dem Fans, Journalisten oder Autoren die Gruppe kontaktieren, des weiteren Musik und Informationen abrufen können. Man gewinnt ein Bild von den Musikern, von ihrem Stil, ihren Vorlieben, ihrem Können usw. Man ist präsenter, man findet statt, wie mir die meisten Musiker versicherten. Natürlich muss man Arbeit investieren oder delegieren. Wenn man allerdings einen richtigen Grafiker oder Web-Programmierer beauftragt, wird es sicher toll, aber die neue CD wird vom Gerichtsvollzieher konfisziert. Erstaunlicherweise ist es aber auch für Laien keine unüberwindbare Hürde, Seiten selbst zugestalten. Wer gekonnt ins Netz will, muss sich auf den Po setzen und für einige Wochen in die technische Welt der Grafikgestaltung abtauchen. Viele tun das bereits und kommen mit erstaunlichen Ergebnissen. Wichtig dabei ist die Balance zwischen Aufwand und Funktionalität. Was man gestaltet hat, darf anschließend auch nicht als Karteileiche enden. Regelmäßige Erneuerungen werten nicht nur auf, sondern geben diesem ungeheuer schnellen Medium Internet erst ihren Sinn. Ein weiteres interessantes Ergebnis: es ist keineswegs teuer, seine eigene sog. \"Top-Level-Domain\" (also direkte Webadresse) zu unterhalten. Wenn so mancher Gitarrist an einem Probentag 10 Mark für Dosenbier rauswirft, dann gibt es auch die Bandkasse im Monat her. Also: Das Netz ist aktiv, viele bringen sich aktiv ein und nutzen die Möglichkeiten der weltweiten Kommunikationsmärkte. Folgendes Szenario ist keine Fiktion: durch aktive Teilnahme in einem Forum erhält eine Band Aufmerksamkeit, die Downloadraten steigen an und sie gelangen in die virtuellen Charts. Talentscouts rezensieren die Band und organisieren einen Auftritt bei der Popkomm oder preisen sie in einem A&R Meeting an. Eine Plattenfirma findet die Band gut und gibt ihr einen Plattenvertrag. Internet made a Pop-Star!? Das könnte deine Band gewesen sein.

No Comment? Comment!
Unter www.intro.de sammeln wir für euch und von euch Links zu in welcher Art auch immer reizenden Band-Sites. Kommentare inkl. Du machst Musik? Du bist im Netz? Dann lad uns doch mal ein. Ganz einfach. Schick deine Adresse an heimspiel@intro.de. Be part of this. No Money? Money! Wer sich nicht in Html hineinfuchsen möchte, um seine Band online zu bringen und wer auch nicht Geld und Ambition hat für den eigenen Namen als Top-Level-Domäne, der kann sich helfen lassen. In der Music-Community im www finden sich diverse Portale, die Bands Webspace, Aufmerksamkeit und Specials zur Verfügung stellen. Hier gibt es neben den Standards natürlich große Unterschiede im Angebot, die einen eigenen Artikel wert sein werden. An dieser Stelle schon mal die wichtigsten links solcher Multiplikator-Seiten.

www.vitaminic.de
www.peoplesound.com
www.besonic.com
www.callasong.de
www.virtualvolume.com
www.musicaliens.de
www.music-licence.com
www.traxbox.de
www.mp3.de
www.mp3.com
www.worldofsound.com



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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