Sugababes

der lange weg zum pop-phänomen

14.01.2001, 14:21, Text: Autor unbekannt

Wirklich, da möchte man doch glatt versuchen, seine feinsäuberlich mit lauter Madonnas, Surrogats, Björks, Coldplays, Jeans Teams oder Sigur Róses vollgepinnten Zettel zurückzufordern, um dieses eine Stück noch irgendwo unterzubringen. 'Overload' ist Pop as Pop can, und im Grunde habe ich bislang noch mit niemandem gesprochen, der dieser Hymne nicht zumindest Sympathien entgegenbringt. Könnte so was wie deine nette, kleine Konsensplatte von schräg gegenüber werden, auf die sich letztendlich alle einigen können: MTV, Bravo, Spex, der NME und schließlich und endlich auch das Intro. Und ich behaupte, dass dies alleine über die Musik funktioniert.

Denn 'Overload' wirkt nicht wie bspw. Britney Spears über 'das Image' oder 'die Show', von konkreten Lolita-Verweisen ganz zu schweigen. Die, das sei zugegeben, vermutlich durchaus auch vorhanden sind, aber sie wären eigentlich nicht nötig, genauso, wie die Fokussierung auf die Tatsache, die hier jetzt einmal und dann nie wieder erwähnt werden soll, dass die Drei gerade mal 16 Jahre alt sind.

Nein, dieser Song nimmt einen durch sich selbst gefangen, und wo beispielsweise 'Music' seinen Appeal hauptsächlich aus der Produktion (und dem Umstand, dass es sich bei der Vortragenden um Madonna handelt, okay...) zieht oder die All Saints erst nach einiger Zeit durch die Wahl von William Orbit als Produzenten wirkliche Credibility aufbauen konnten, lässt sich 'Overload' nicht mal eben so auf ein Detail reduzieren. Da ist zunächst einmal die alles richtig zu machen scheinende Produktion, die die alte Phil Spector-Weisheit 'achte darauf, dass sich das Klangbild auch im Mittelwellen-Radio durchsetzt' beherzigt und trotzdem immer mal wieder neu zu entdeckende, subtile Spielereien bereithält. Da ist der Beat, der sich im Sounddesign in erster Linie an R'n'B-Produktionen orientiert, letztendlich mit seinen übereinandergeschichten Percussion-Spuren aber in eine ganz andere Richtung geht. Da ist der unwiderstehliche Basslauf, im Refrain herrlich konterkariert durch Schrummel-Akustik-Gitarren und ein paar sparsam gesetzte E-Piano-Akkorde. Da ist die Melodieführung, die in ihrer Catchyness bekannt scheint und dennoch beim ersten Hören durch auseinanderstrebenden mehrstimmigen Gesang und unerwartete Harmoniewechsel überrascht. Da ist der Wechsel auf Half-Time und zurück, der den letzten Refrain geschickt zum Höhepunkt aufbaut. Und da ist zuguterletzt das Gitarrensolo, irgendwie swampig und dirty, ganz und gar nicht slick und virtuos und dennoch das, was ich in meiner ersten Euphorie mal 'die beste Gitarre in einem Popsong seit mindestens 'When Doves Cry' nennen musste. Und der Top Of The Pops-Auftritt war eine Offenbarung: Understatement ist noch untertrieben. Wo ansonsten überladene Choreographie mit mindestens vier leichtbekleideten Tänzerinnen und billige Animation rulen, sitzen die Drei auf Barhockern und bewegen sich kaum - dies allerdings in höchster Vollendung und holpernd-sympathisch versuchsweise synchron. Als dann das Gitarrensolo einsetzt, stehen sie auf und lassen unendlich langsam einmal (!) die Hüfte kreisen, drehen sich einmal um die eigene Achse, um sich anschließend wieder auf den Hockern niederzulassen. Hatte was von einem großen Moment - auch wenn die RTL-Bildregie dies weitgehend zu kaschieren suchte.

Begleitend zur Veröffentlichung ihres Albums spendiert der NME dann auch ein zweiseitiges Feature und eine wohlmeinende Plattenkritik, die allerdings auch auf den Umstand hinweist, dass 'One Touch' im Vergleich zu der alles überragenden Vorab-Single erst mal abfallen muß (und benutzt in diesem Zusammenhang endlich mal wieder das schöne Wort 'sassiness'). Smells like One-Hit-Wonder, was nichts Schlechtes heißen muß. (Irgendwann wird hoffentlich mal jemand eine Lanze für all die armen Seelen brechen, die es nur ein einziges Mal in die höheren Ränge der Charts geschafft haben, was zuguterletzt vielleicht auch ein Ausdruck dafür ist, wie sehr auf den Punkt ein solches Stück sein muß, dass man danach nie wieder dessen Qualität erreichen konnte.) Hört man sich das Album dann an, scheint 'Overload' wirklich herauszuragen. Obwohl wir uns hier aber in der wunderbaren Welt des Planeten Pop bewegen, in der die Single, d.h. der einzelne Song / Track, erstmal alles und das Album eigentlich nichts bedeutet (die Fetischisierung des Albums ist ein Umstand, dessen Ursprünge mit Sicherheit in den dunklen Siebzigern zu suchen sind), sollte man es sich damit aber nicht zu einfach machen. 'One Touch' ist sicherlich unspektakulärer als die alles überragende Single zu versprechen versucht, ist im Vergleich dazu auch viel tiefer und offensichtlicher im R'n'B geerdet , letzten Endes sogar mehr, als mir eigentlich lieb sein kann. Aber nennt es durch meine Vorschusssympathien den Sugababes gegenüber induziert, nennt es Euphorisierung durch die Wirkung eines Songs, nennt es Verblendung durch den sagenhaften Auftritt bei Top of the Pops, auch ich, der mit R'n'B eigentlich nicht besonders viel anfangen kann, vermag dieser Platte gute Seiten abzugewinnen. Da gibt es nämlich auch noch Stücke wie 'Soul Sound' oder 'Promises', die sich ähnlich weit wie 'Overload' vom R'n'B entfernen und dem eigentlichen Pop nähern, und dabei die sich auf ähnlichem Terrain bewegenden All Saints aus dem Rennen werfen. Mehr davon, am besten ein ganzes Album voll, und die Drei könnten die Welt verändern.

Aber wie gesagt, man sollte viel weniger über Alben reden. Am Ende des Tages zählt auch für den härtesten Verfechter von Konzeptualität, Stringenz ('über mindestens zwei Plattenseiten') oder der großen Vision wieder die Musik. Und die ist bei den Sugababes für ziemlich genau vier Minuten die beste der Welt. Für die nächsten Wochen jedenfalls. Nein, ich hab mich entschieden, ich will meine ausgefüllten Polls zurückhaben. Liebe Redaktionspraktikanten allerorts, die ihr euch mit den ganzen Zetteln rumärgern müsst, wenn ihr meinen Poll in die Hand bekommt, schickt mir den doch bitte unausgewertet zurück. Adresse steht drauf. Oder streicht einfach 'Keine Melodien' durch und schreibt 'Overload' hin. Um mein Gewissen zu beruhigen. Danke.


Dieser Artikel erschien in überarbeiteter, gekürzter Fassung in Intro #81.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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