Import/Export
deutsche musik in japan und japans blick zurück
12.01.2001, 17:49, Text: Autor unbekannt
I. Deutsche Leitkultur - made in Japan
Standort Deutschland, Winter 2000. Wieder einer dieser zähen Sonntage, an denen es schon um vier Uhr nachmittags zu dämmern beginnt. Ich besteige die S-Bahn nach Frankfurt, das Abteil ist bis auf den letzten Platz mit Fußballfans aus Nürnberg besetzt. Ihre Jacken sind eng wie ein Puzzle mit Aufnähern versehen, Mutti hat da gute Arbeit geleistet, neben üblichen Fußball-Emblemen auch: “Deutschland heißt mein Vaterland.” Am Frankfurter Flughafen steigen Japaner mit schweren Koffern ein, zwängen sich zwischen andere bereits stehende Fahrgäste. Sofort brüllt es aus zwanzig bis dreißig Kehlen: “Sushi, Sushi”, die Fäuste nach oben geballt, “wink’ emol, wink’ emol!”, gefolgt von Sprüchen wie “hier stinkt’s nach rohem Fisch.” De facto stinkt es im Abteil jedoch nur nach schalem Bier, kaltem Rauch und Friteusenfett.
Vor einigen Jahren stellte mir eine Bekannte aus Kalifornien die ernstgemeinte Frage: “Is there anyone else in Germany beside bavarians and nazis?” Demgegenüber japanische Touristen in einer Fernsehdokumentation: “Deutschland zu besuchen bedeutet uns sehr viel. Dieses Land hat eine so große Kultur.” Welche Kultur sie denn meinten, fragte der Interviewer und erhielt gleichzeitig verschiedene Antworten aus verschiedenen Kehlen: “Goethe”, “Beethoven”, “Wagner”, “Neuschwanstein”, “Mozart” und “Schubert”.
Treffer! Ein Großteil der japanischen Touristen assoziiert Deutschland mit Musik. Die S-Bahn-Fahrt, die ich vor einem Monat erlebt habe, legt dagegen eher die kalifornische Lesart nahe: Deutschland, das Land der Bayern oder Nazis; in diesem Fall paradigmatisch beides in einem: Bayern und Nazis. Wer möchte da noch einen Schubert gegenüber seinen Nachfahren verteidigen? Wer möchte da überhaupt noch, wie es die japanischen Touristen taten, ernsthaft von “großer deutscher Kultur” sprechen? Um eben diese Diskrepanz soll es allerdings hier gehen. Um die Diskrepanz zwischen dem hohen Ansehen, das deutsche Kultur, vor allem Musik und längst auch Popmusik in Japan genießt, und dem tatsächlichen Erscheinungsbild von Deutschland, das von jenen Fußballfans leider genauer, weil alltäglicher repräsentiert wird.
Es geht um eine Diskrepanz, die geradezu absurd erscheint. Während jene älteren japanischen Touristen um die Fünfzig von einem Deutschland im Geiste Beethovens und Schuberts schwärmen (der Sonderfall Wagner und der Österreicher Mozart sollen hier mal nicht interessieren), identifzieren jüngere Japaner deutsche Kultur mit Phänomenen wie Can, Kraftwerk und Neu!, mit Der Plan, Andreas Dorau, Mouse On Mars, Kreidler, Chicks On Speed und Stereo Total. Was hierzulande noch immer als reines Indie-Phänomen am ökonomischen Rand zur Selbstausbeutung steht, trifft in Japan auf jubelnde Fans beim Eintreffen am Flughafen, auf Dimensionen, die wir aus Deutschland nur von tatsächlichen Stars wie Elvis, den Beatles oder Leonardo Di Caprio her kennen. Viele Japaner identifizieren deutsche Kultur - und hier ist ab jetzt nur noch Popkultur gemeint, nichts, was sich auch Merz und Merkel im Sinne einer Leitkultur auf den Wanderstock nageln würden - längst mit einem Underground, der in Deutschland selbst alleine rein ökonomisch gar nicht auf die Idee käme, sich als signifikant deutsch zu definieren.
II. Extreme Culture
Auf den ersten Blick scheint Japan ein Mekka für anspruchsvolle und unkommerzielle Musik zu sein. Alleine der Begriff “unkommerziell” kehrt sich dort um: Obskure, hierzulande längst vergessene Bands wie Der Plan aus Düsseldorf (eigentlich der komplette Vinyl-Output des Ata Tak-Labels) haben in Japan Tausende Fans, Der Plan hat sogar einen eigenen Fanclub. Bands wie Neu! aus Düsseldorf, die als Kraftwerk-Ableger zu Beginn der Siebziger entstanden, sind in Deutschland nur absoluten Kennern ein Begriff. Obwohl namhafte Musiker wie David Bowie und Sonic Youth nicht müde wurden, Neu! als wichtige Inspiration anzugeben - sie waren ja auch verdammt gut, stellenweise klangen sie schon Mitte der Siebziger wie Spacemen 3 in Hochform -, sind die drei offiziellen Neu!-Platten auf dem deutschen Markt längst nicht mehr zu haben. Was hierzulande fast niemand weiß: Klaus Dinger hat Neu! längst reformiert und in den Neunzigern auf dem japanischen Captain-Trip-Label bereits vier weitere Platten veröffentlicht. Wer in den Genuss von Neu-Livekonzerten aus ihren Anfangstagen kommen will, muss ebenfalls den Umweg über Japan nehmen und viel Geld für importierte CDs investieren. Haben wir in Deutschland kein Ohr mehr für die Propheten im eigenen Land? Oder, anders gefragt: Hat das japanische Publikum einfach ein besseres Gespür für interessante Musik? Die erste Frage mag vielleicht mit Ja beantwortet werden, die zweite mit einem klaren Nein.
In Japan wird nicht die bessere Musik gehört, sondern das japanische Publikum ist einfach begeisterungsfähiger - und zwar für alles. Das gilt für Can und Mouse On Mars ebenso wie bekanntermaßen für die Scorpions und nebenbei für drittklassige Hardrock-Bands, die hierzulande aus tausend guten Gründen auf keinen grünen Zweig kommen. “Musik wird in Japan wahrgenommen”, meint der Kölner Musiker Thomas Brinkmann, “nicht nur deutsche Musik. Japan ist angeblich sehr offen, man spricht als Europäer oft von kindlicher Begeisterung.” Wenn Japaner in Deutschland auf eine Plattenbörse kommen, erzählt Gregor Wildermann, “zucken die Händler bereits freudig zusammen, weil sie wissen, dass die Japaner bereit sind, für alle Platten Höchstpreise zu zahlen.” Aber auch das gilt eben nicht nur für Krautrock-Raritäten, seltene ZickZack-Singles oder sündhaft teure Industrial-Erstpressungen, sondern es gilt schlechthin für alles, von Burt Bacharach bis zu Beethoven, von Heino bis zu den Bee Gees. Japan, das ist das Land der Kontraste und Widersprüche, wie mir nahezu alle Interviewpartner bestätigt haben. Ein Land zwischen High-Tech und Retro-Gammel-Look. Während auf der einen Seite gebrauchte Autos verschifft werden, weil es für sie in Japan keinen Markt gibt, laufen die Jugendlichen stolz mit Adidas-Klamotten aus den Siebzigern über die Straßen und halten Ausschau nach alten Secondhand-Platten aus Europa, so verkratzt sie auch sein mögen. Nostalgie wird importiert, Hi-Tech geht nach draußen.
“Der Musikgeschmack in Japan”, erzählte mir der Trompeter Toshinori Kondo, “ist äußerst undifferenziert. Du wirst sehr viele Leute finden, die einfach alles lieben: Disco, Pop, aber auch Free Jazz, Klassik, Schlager, Industrial Noise, Soul - einfach alles. Bei achtzig Prozent führt das wahrscheinlich zu einer gewissen Oberflächlichkeit. Ein paar dagegen wissen diese Offenheit zu nutzen. Leider ersticken aber die meisten unter einem Berg von Wissen, bloß quantitativem Wissen, und werden dadurch unkreativ.”
Legendär, um diese Kontraste zu verdeutlichen, ist das “Yen Memorial Album” von 1985, der Sampler eines Labels, das auch für den Westen einflussreiche Bands wie das Yellow Magic Orchestra veröffentlichte. Nichts könnte widersprüchlicher sein als Seite zwei und drei des Doppelalbums. Die dritte Seite enthält absolut billig produzierte Disco-Nummern, die wie lieblos hingepfuschte (aber durchaus ernst gemeinte) Drumbox- und Karaoke-Versionen von angesagten britischen Synthiepop-Melodien klingen, Seite zwei dagegen, von den Yen-Allstar-Artists eingespielt, besteht aus einer höllischen Klangcollage, einer Art Fegefeuer-Remix von den Mothers Of Invention, Pierre Henry und Throbbing Gristle. Da fragt jeder Europäer entgeistert: Wie geht das zusammen? Wir, die wir gewohnt sind, dass die kleine Schwester Caught In The Act hört und der Opa den Radetzkymarsch, alles also schön nach Generationen bis ins Stereotype getrennt ist, müssen dem japanischen Eklektizismus fassungslos gegenüberstehen. Zumal dieser eben nicht brav in verschiedene Lager geteilt auftritt, sondern in ein und denselben Personen zusammenkommt. Es gibt Platten der japanischen Extrem-Band Violent Onsen Geisha, die zu zwei Dritteln aus einem Lärm bestehen, dass der Putz von der Decke bröselt, inklusive markerschütternden Folterschreien, bis der Krach plötzlich in absolut einlullende Klänge à la Herb Alpert umschwenkt, die die restlichen zwanzig Minuten des Tonträgers einnehmen. Das Cover ihrer ‘91er-CD “Excrete Music” spielt bereits mit dieser Dialektik: vorne ein süßliches Easy-Listening-Cover, hinten ein Splatter-Motiv, das zwei Frauengesichter mit ausgekratzten Augen zeigt. John Zorn hat es vielleicht als einziger westlicher Musiker verstanden, diese Ästhetik der Kontraste mit Projekten wie Painkiller und Naked City kreativ umzusetzen. Entgegen dem Vorurteil, Japan würde Musik nur unkritisch aus dem Westen importieren, basierten Painkiller und Naked City ganz und gar auf einer japanischen Musikästhetik, was John Zorn auch aus guten Gründen nie allzu lautstark publik gemacht hat.
Ein anderer, der Auskunft geben kann: Masami Akita, besser bekannt unter dem Namen Merzbow, Synonym für Japan Noise der ersten Stunde. Akita, der nicht nur Platten, sondern auch Pornos mit der Unschuld des wissenschaftlichen Archivars sammelt, verteidigt die Bondage-Cover seiner Platten gerne damit, sie seien aus japanischer Sicht nicht Pornografie, sondern meditatives Ritual. Ähnlich spricht er über seine nervenaufreibende, auf mehrfach hintereinander geschalteten Verzerrern basierende Musik. “Den Lärm sehe ich als eine Form der Meditation an. Es gibt einen Punkt, wo Musik derart extrem und alles übertönend ist, dass sie bereits wieder die Eigenschaft der Stille annimmt. Ich glaube, dass sich viele Noise-Musiker in Japan deshalb auch für Easy Listening begeistern, weil sich besonders sanfte, leise Musik und besonders harsche, laute Musik nicht ausschließen, sondern als zwei Enden einer langen Kette von Möglichkeiten einander sehr nahe sind. Schön und hässlich sind nicht notwendig zwei verschiedene Dinge.”
Akita muss es wissen. Mitte der Neunziger schrieb er ein umfangreiches Buch über die Geschichte der Noise Culture, das bislang nur in japanischer Sprache erhältlich ist. Es darf durchaus als japanisches Äquivalent zu David Toops “Ocean Of Sound” gelten. Wo Toop sich schwärmend der Trompete von Miles Davis hingibt, verwendet Akita ebenso viele Seiten, um sich für die Zahnarztbohrer-Kakofonien von Industrial-Bands wie Whitehouse zu begeistern. Lärm und Meditation, Kitsch und Avantgarde: westliche Muster, beides wertend zu trennen, scheint es in Japan nicht zu geben.
III. Die Ruinen der Moderne
Die Ausgangsfrage nach einem Kulturaustausch, nach der Rezeption deutscher Musik in Japan, ist noch nicht klar beantwortet worden. Und sie wird es auch nicht. “Wir verstehen uns nicht als deutsche Musiker”, kritisiert Jan Werner von Mouse On Mars mit Recht bereits die Fragestellung. Und auch japanische Popfans haben im Unterschied zu Heidelberg-Touristen, die an der Loreley den kompletten Text mitsingen können, kein gesondert affirmatives Verhältnis zu Deutschland. Captain Trip veröffentlichte nicht nur Krautrock-Raritäten, sondern beispielsweise auch eine 13-CD-Box mit sämtlichem Material der amerikanischen Psychedelic-Band Yahowa, deren harter Kern zwischen 1973 und ‘75 Platten in Kleinstauflagen auf den Markt brachte, die heute zum Gesuchtesten der Psychedelic-Ära zählen. Geht es, fragt man sich da, überhaupt um eine bestimmte Musiktradition? Oder herrscht nicht in Japan vielmehr ein eigenartiger Wunsch vor, unabhängig vom Kontext - und erst recht vom Herkunftsland - alles zu archivieren, was einem nur unter die Finger gerät? Könnte es nicht sein, dass die japanische Sammelleidenschaft, die gerade auch auf Seltenes und Obskures abfährt, eine Art Hardcore-Gehorsam gegenüber dem Westen ist, nicht nur möglichst schnell an ihn Anschluss zu finden, sondern ihn auch noch in Sachen kulturellen Wissens zu übertrumpfen? Den Japanern ist es ziemlich egal, ob ihr Objekt der Begierde aus Deutschland, Italien, Großbritannien oder den USA stammt, solange es die doppelte Aura besitzt, zum einen aus dem Westen zu stammen und zum anderen dort auch noch selten und vergessen zu sein.
Japan liebt es, wenn Bands wie Oval Platten herausbringen, die auf Störgeräuschen von CD-Playern basieren. Funktionierender Hi-Tech nämlich ist Japans ökonomischer Export-Schlager, keineswegs aber kulturelle Passion. Die Passion besteht darin, die kaputten, verrauschten Klänge der Alten Welt zu archivieren und mit deren Hilfe einen Tempel für Europa zu errichten, das seinerzeit einmal glaubte, Hi-Tech zu sein. Daher Japans Liebe für Can, für Elektroakustiker wie Pierre Henry, für Industrial und Der Plan, aber auch für alte, knallbunte, vollsynthetische Skijacken und Adidas-Overalls. Es ist eine nostalgische Liebe, die das Altmodische an Europa und längst auch an den USA (sprechen wir also nicht mehr nur von Deutschland) gerade dort am meisten ins Herz geschlossen hat, wo das Verschlissene noch Spuren von Aufbruch und Moderne zu erkennen gibt. So wie die Romantiker des 19. Jahrhunderts die mittelalterlichen Ruinen besungen haben, schließt Japan heute die avantgardistischen Klänge Europas als Ruinen der Moderne ins Herz.
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