Akhenaton

niemand tanzt mehr zu rap

11.01.2001, 22:39, Text: Autor unbekannt

Mit dem Stuttgarter Kopfnicker-Label arbeitet er zur Zeit an einer deutsch-französischen Compilation (siehe auch Artikel auf Seite xxx). Die deutschen Rapper kommen aus dem Massive-Töne-Umfeld, die französischen rekrutieren sich aus der IAM Crew. Eine erste Kooperation ist bereits auf dem aktuellen Kopfnicker-Album zu finden: Auf “Oasis” reichen sich Shurik’n (IAM), Afrob, Ju (Massive Töne), Skills En Masse und Shabazz The Disciple (Gravediggaz) das Mikrofon in die Hand. Des weiteren wurde ein Track mit Freeman und den Massiven Tönen aufgenommen. Und Akhenaton, wichtigster Kopf von IAM, soll – wenn alles klappt – auch mit von der Partie sein.


Doch nicht nur die Beziehungen zwischen Musikern in Marseille und Stuttgart sollen durch die Zusammenarbeit verbessert werden, auch die Aufmerksamkeit für HipHop-Produktionen aus dem jeweiligen Nachbarland soll gesteigert werden. Deutscher Rap war in Frankreich bislang praktisch völlig unbekannt. Und auch umgekehrt könnte die Situation besser sein. Seitdem MC Solaar und Soon E MC hierzulande Anfang der 90er Achtungserfolge erzielen konnten, hat sich im französischen HipHop mindestens ebensoviel getan wie im deutschen. Mittlerweile kommen jedes Jahr einige der weltweit besten Platten von französischen Produzenten (unbedingt anhören: den Akhenaton/Bouga-Hit “Belsunce Breakdown” mit Uhrwerk-Beats). Doch in Deutschland sind nur wenige von ihnen erhältlich: Neben der Überblick-Compilation “Le Flow” wurden hier zuletzt nur die Alben von Passi und der Saian Supa Crew veröffentlicht. Von IAM selbst – mit drei Millionen verkauften Platten in ihrem Heimatland immerhin die erfolgreichste französische HipHop-Gruppe - ist lediglich ihr ‘97er-Album “L’Ecole Du Micro D’Argent” erhältlich. Die vier Soloalben der sechsköpfigen Crew lassen sich, wenn überhaupt, nur als Import bestellen.
Doch eine Besserung ist nicht nur wegen der geplanten deutsch-französischen Compilation in Sicht. Mit “The Magnet” wird nun auch die bislang ambitionierteste und aufwendigste französische HipHop-Platte in Deutschland veröffentlicht. Wobei sie den Rahmen üblicher HipHop-Projekte sprengt: Produziert von Akhenaton und dem Filmmusikkomponisten Bruno Coulais (“Microcosmos”, “Himalaya”), versammelt die Platte alte amerikanische Soul-Größen (Isaac Hayes, Millie Jackson, Dennis Edwards), US-Rapper (Talib Kweli, Bruizza), junge Reimtalente aus Marseille (Psy 4 Del La Rime, Bouga) sowie neapolitanische (Mario Castiglia) und korsische Musiker (A Filetta). Letztere Beiträge gehen auf Akhenatons italienische Abstammung zurück.
Anders als in Deutschland sind die französischen Rapstars vor allem Immigrantenkinder. HipHop ist hier nicht die letzte Besatzermusik, sondern die erste Musik der zweiten Generation. IAM bestehen aus Mitgliedern mit arabischen und italienischen Eltern und “befinden sich in Marseille inmitten aller Widersprüche: Einer starken Nazi-Le-Pen-Anhängerschaft stehen fundamentalistische Islamisten stärker als anderswo gegenüber, und die drei algerisch-stämmigen Mitglieder der Truppe wissen auch sicher, was auf der anderen Seite des Mittelmeers vorgeht”, schrieb Diedrich Diederichsen bereits vor sieben Jahren anlässlich des zweiten IAM-Albums “Ombre Est Lumière”. Diese spezielle Situation hat auch einen Einfluss auf das Schaffen von IAM und spiegelt sich sowohl in den Texten als auch in der Musik der Gruppe wider. Neuerdings im Falle von “The Magnet” auch in einem Film: “The Magnet” (im Original “Comme Un Aimant”, benannt nach einem alten IAM-Stück) zeigt das Leben jugendlicher Immigrantenkinder in Marseille. Akhenaton hat ihn nicht nur mitproduziert, sondern auch geschrieben und Regie geführt. Doch während wirtschaftlich wohl amerikanische HipHop-Ghetto-Filme Modell gestanden haben (der Soundtrack ist mit einem Budget von einer Millionen Mark etwa ebenso teuer wie der Film), orientiert sich “The Magnet” inhaltlich, so Akhenaton, an Fellini. “Der Film handelt vom Leben im Marseiller Arbeiterviertel Belsunce, in dem ich aufgewachsen bin. Inspiriert dazu hat mich Fellinis Film ‘I Vitelloni’ [‘Müßiggänger’]. Der Soundtrack ist zwar in dem Film zu hören, stellt aber auch ein Projekt für sich dar. Ich wollte vor allem eine Brücke zum amerikanischen Soul der 60er und 70er schlagen”, sagt Philippe Fragione alias Akhenaton, übersetzt von Jerôme Hadey. “Ich habe den Eindruck, dass das Wissen über Musiker wie Isaac Hayes oder Dennis Edwards etwa in Deutschland viel größer ist als in Frankreich. In Deutschland gibt es etliche Läden, wo du noch die alten Platten kaufen kannst, in Frankreich interessiert sich hingegen kaum jemand für die Musiktradition. Ich wollte diese Musiklegenden mit dem Projekt auch der französischen HipHop-Generation näherbringen.”
Doch damit nicht genug. Mit “Electro Cypher” hat Akhenaton gerade ein weiteres Album veröffentlicht, das während der Clubszenen von “The Magnet” zu hören ist, und dahin gehört diese Musik, Akhenaton zufolge, auch. “Mir fiel auf, dass Rap in Frankreich zwar so populär ist wie nie zuvor, aber niemand mehr dazu tanzt. Also wollte ich eine Party-Platte aufnehmen, die auch im Club funktionieren würde.” Mit aktuellen dancefloortauglichen HipHop-Tracks von US-Produzenten wie Cash Money oder Timbaland haben Akhenatons Clubtracks jedoch nichts gemein. Vielmehr greift er mit Electro auf einen Musikstil zurück, der ihn selbst einst zum HipHop gebracht hat. “Durch Afrika Bambaata und seine Electro-Tracks bin ich Anfang der 80er erst auf HipHop gestoßen. Doch mittlerweile ist diese Musik, zumindest im HipHop-Kontext, in Vergessenheit geraten. Ich hoffe, das wird sich ändern.”



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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