Inseln im Netz

radio- und audio-streaming im internet

04.01.2001, 18:27, Text: Autor unbekannt

“Sag mal, kannst du mir mal ein Tape geben? Ich muss heute abend um 22:00h unbedingt John Peel im Besatzersender BFBS aufnehmen.” - “Bei uns bekomme ich das überhaupt nicht rein.” - “Tja, aber dafür läuft doch bei euch Evosonic, wo du dir zumindest den ganzen Elektrokram draufpacken kannst!”
Jeder kennt diese Dialoge, früher in allen Jugendzimmern der Republik so selbstverständlich wie Mal Sundocks Hitparade, Clearasil und 7-Inches. Das Szenario mag anachronistisch sein - Evosonic ist längst pleite, Audiocassetten gehören schon seit Jahren vom Markt, und Radio hört seit MTV und VIVA auch keiner mehr, aber es beschäftigt.

Auch Max Goldt, bekannt und geschätzt als Erfinder sinnstiftender Hobbys von soziokulturellem Wert, kennt diese jugendlichen Eigenarten und rät, derartige Radio-Tapes für kommende Generationen zu horten und zu archivieren. Samt des in die Songenden hineinsprechenden Moderators und während der Aufnahme gewechselten Senders. Aber das alles wird überflüssig, nicht nur durch die Nervensägen Napster und/oder MP3.

Ab ins Netz

Denn das gute alte Radio geht in die nächste Runde, und zwar ins Internet: Webradio, in Form von “Streaming” mit der eigenen Übertragungsversion. Die Technik basiert darauf, dass Audiodaten, die aus dem Netz geladen werden, eben nicht dauerhaft auf der Festplatte gespeichert werden können, sondern in “Echtzeit”, also nur während der Datenübertragung, angehört werden können. Kennt jeder, der schon mal im Internet war – gibt es doch kaum noch eine Site, die ohne Real-Audio-Stream im Netz herumnavigiert. Oft werden die Streams, die natürlich auch live produziert werden können, zum späteren Hören auf den jeweiligen Sites archiviert. Die zeitunabhängige Verfügbarkeit ist neben fast völliger Ortsunabhängigkeit der andere Riesenvorteil des Webradios und des sogenannten stream on demand.

Die Software, die man zum Anhören der Streams downloaden kann, ist überwiegend kostenlos. Der Real Player (www.real.com) war der erste und ist noch immer derjenige mit der größten Verbreitung, Alternativen sind der Windows Media Player von Microsoft, WinAmp oder Liquid Audio, und alle können bzw. müssen ständig upgedatet werden. Jaja, dein Nutzerprofil ... In Sachen Hardware reicht ein handelsüblicher PC mit Modem, Soundkarte und Lautsprecher bzw. Anschluss an die Stereoanlage. Wie überall gilt auch hier: Mehr ist mehr, jedenfalls bei KB im RAM, K in Modem oder ISDN-Karte und Wumms in der Anlage. Zu beachten bei der Hauptschwachstelle des Internets, der Telefonleitung, ist auch hier die Art des Anschlusses. Analog geht, digital bzw. ISDN ist besser, super ist ADSL, aber darauf wartet man derzeit noch drei Monate. Aus Kostengründen sollte man sich zudem nach einer günstigen flatrate erkundigen. Bis dahin gilt: buffering is suffering.
Aber nun ab ins Netz. Bisher gibt es weltweit etwa 9000 Radiostationen im Netz, davon 3000 in den USA. Weniger interessieren sollen uns hier die Webpages herkömmlicher Rundfunkstationen, die lediglich ihr On-Air-Programm im Netz streamen, sondern die webexklusiven Programme mit ihren unterschiedlichen Konzepten. In Deutschland gelten übrigens die klassischen Bürozeiten als Spitzenzeiten des Online-Radiohörens. Das impliziert neben Rückschlüssen auf bestimmt verheerende volkswirtschaftliche Schäden gewisse Vorurteile ob der Geschmackssicherheit. Doch sehen Sie selbst ...

Who kills the radiostar?

Sucht man bei www.fireball.de unter dem Stichwort Internetradio, könnte man den Eindruck gewinnen, dass es überhaupt keine andere Webradiostation neben www.youwant.com gibt. Da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht. Das Musikprogramm ist dementsprechend kompetent gestaltet und bietet die größte stilistische Vielfalt im Netz, da ist für jeden was dabei. Sieben Genre-Welten werden unterschieden: Pop/Charts – da gibt’s auch eure Intro-Lesercharts -, Dance, Club/Lounge, Rock, Independent, HipHop/Black und Comedy, welche wiederum in fein skaliertere Subgenres unterteilt werden. Hier findet man einen Ska-Stream, Punkrock, Metal, Elektronik, Breakbeat, Nuhouse, Postrock etc. – alles von eigenen Redakteuren betreut, die auch für News und Features sorgen. Im Player-Fenster werden serviceorientiert Interpret und Titel angezeigt, logischerweise führt der “Kaufen”-Button gleich auf die jeweilige Produktseite von Amazon. Seit dem vor kurzen erfolgten Relaunch ist die Seite schneller geworden und verzichtet auf Flash-Firlefanz. Seine Einkünfte bezieht www.youwant.com aus Banner-Schaltungen und der Vermarktung seines Contents, also der Player, für andere Sites.
Bleiben wir zunächst bei den etwas reichweitenstärkeren Sites und verirren uns kurz zu www.daswebradio.de, das im Mittelwelle-Sound mono zwar immer noch besser ist als ffn oder vergleichbares “Superhits der 80er und 90er”-Getöne für den Schwager, dennoch schlimmes Zwischendurch-Gejingle nicht lassen kann, und bei Ronan Keating bin ich nun mal raus.
Endlich Erfüllung in der www.betalounge.com, wo man von San Francisco aus auch in Bullerbü oder Babylon ganz erlesene Audiodaten aus der TAE-Dose bekommt. Übertragen werden hier ausschließlich DJ-Sets von Künstlern aus dem elektronischen Umfeld, und zwar live. Wer die verpasst hat, der kann sich auch später die Sets anhören, die nämlich in der ersten Woche noch auf der Startseite stehen und danach ins Archiv wandern. Derzeitig findet man auf der ansprechend designten und recht schnellen Seite Sets von Christian Vogel (Super_Collider) und Beige, im Archiv fallen Pole, A Guy Called Gerald, Burnt Friedman, Funkstörung und Atom Heart auf.
Bleiben wir in elektronischen Gefilden und surfen zu www.sonix.de, wo ein paar deutsche Webradioheads schon seit 1996 das Netz mit ihrer Version von Radio besiedeln. Das Design ist eher schlicht, dafür übersichtlich - allerdings nicht in jeder Bildschirmgröße. Auch hier liegt der Fokus auf DJ-Sets und vor allem Quantität. Die streams on demand sind nach den Genres Techno, House, 2Step Garage, Drum’n’Bass, Dub, HipHop und Ambient aufgeteilt. Bis zu 80 Streams pro Genre von ca. 40 bis 90 Minuten wollen durchgehört werden und zeigen auf Klick die Set-Listen (Übersicht aller für ein Genre verfügbarer Streams). Vom No Name bis zu Sepalot, DJ Tonka, Kruder & Dorfmeister, Paul Van Dyk, DJ Shadow, DJ Rush, Kabuki und LTJ Bukem geht so einiges. Schade, dass noch keine Tracklisten (der einzelnen gestreamten Songs) vorliegen, dafür gibt es Liveradio, CD- und Vinyl-Previews. Mit der Jukebox lassen sich eigene Lieblingssets zusammenstellen und abspielen. Leider ruckelt die Übertragung ein wenig, kann aber auch an meinem Provider liegen. Tommy von Sonix gibt sich optimistisch, was die Zukunft des Webradios angeht: “Empfangsgeräte wie Handys, Mobiles, PDAs kommen dazu, außerdem wird es in absehbarer Zeit Onlinezugänge in Autos geben, so dass auch dort Internetradios empfangen werden können. Man kann sich vorstellen, wie groß plötzlich die Reichweiten werden. Zudem werden wir stärker in Richtung des personalisierten Radios gehen.” Mehr in Richtung individuelle Stimmung geht das \"Mood Radio\" von www.besonic.com. Man klickt seine persönliche Laune an, zappt sich ins gewünschte Genre, den Rest erledigt dann der Suchroboter, der umgehend das gewünschte Programm zusammenstellt.
www.cyberchannel.de dagegen haben nicht nur einen langweiligen Namen, sondern visieren auch ein etwas mainstreamigeres Publikum an. Sechs Channels werden angeboten, sogar einer für EBM/Darkwave und einer für “Young Professionals”, also für die Nine-to-five-Fraktion.
www.roemerstrasse31.com hat einen töften Namen und streamt Sonntag abends live aus einem Münchner Wohnzimmer in ebender Straße u. a. Sets von Miss Kittin. Hier werden auch mal etwas experimentellere Sets gefahren. Die wenigsten User tanzen vor dem Rechner.
www.klubradio.de ist eigentlich weniger Radio als vielmehr ein guter Event-Überblick. Hier werden DJ- und Live-Sets aus den Berliner Elektronik-Clubs WMF oder Tresor übertragen und archiviert, teilweise auch als Video-Stream – was zwar die Produktionskosten der Betreiber in die Höhe treibt, aber dennoch lohnenswert ist.
Kommen wir zu zwei Plattformen, die zwar völlig unterschiedliche Konzepte aufweisen, aber ähnliche strategische Allianzen geschlossen haben: Ist www.radiomoi.com noch am ehesten in der Kategorie Webradio mit riesiger Genrebandbreite zu fassen, funktioniert die belgische Plattform www.atrecordings.com eher wie ein Labelforum. Während radiomoi.com noch stream channels hat und mit so unterschiedlichen Labels wie Ninja Tunes, Epitaph, V2 oder 4AD zusammenarbeitet, richtet atrecordings.com ausschließlich Labelsites ein und stellt die Platten der Partner – Ninja Tunes, Kitty-Yo, Heimelektro Ulm, Doxa, Bungalow, Crippled Dick, Basswerk, Scape, eleganz, Hydrogen Dukebox und zig andere - als komplette Streams mit Kaufbutton im Player ins Netz. Diese Listening-Sessions lassen sich mit der Track-o-matic-Funktion zusammenstellen und speichern.

What is this world coming to?

Falls das Internet demnächst nicht versehentlich von einer Hausfrau aus Solingen-Ohligs gelöscht wird, bleibt immer noch die katastrophale Stimmung am Neuen Markt als Dämpfer der Euphorie. Aus vielen Dot.Coms ohne Visionen werden weiterhin Dead.Coms, potentiellen Investoren sollte man gar nicht erst mit Musik und Internet kommen. Jeder Programmierer weiß mittlerweile zudem, dass durch die scheinbar allgegenwärtige Verfügbarkeit (guter) Musik nicht nur im Netz diese subjektiv eine Art Entwertung erfährt. Gerade für die in diesem Magazin gern thematisierten dissidenten oder gar subversiven Musiken musste der Rezipient früher nicht nur mehr Mühe in Kauf nehmen, um heranzukommen – demnächst kann er das UMTS-Handy dazu nutzen. Derzeit bekommt man zumindest im Netz alles noch für free. Doch das wird sich ändern, zumal sich auch die GEMA irgendwann zu einer einheitlichen Regelung im Vervielfältigungsrecht durchringen wird.
Welche indentitätsstiftenden Wirkungen im Jugendzimmer das Webradio im Unterschied zur klassischen Rundfunk-Sozialisation haben wird, das lässt sich nur schwer absehen. Und wer wird Mal Sundock, Klaus Fiehe oder John Peel? Stirbt der Radio-DJ im Netz? Bisher verzichtet man im WWW noch auf Wortbeiträge und Features, auch Hörspiele oder gar Radiokunst findet man nur, wenn man gut sucht. Das Internet als Medium befindet sich nach Ansicht des Erfurter Wissenschaftlers Beck technisch auf dem Stand des Radios um 1928. So klingt es auch - noch.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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