Tortoise
irgendwo zwischen history und his story
02.01.2001, 19:35, Text: Autor unbekannt
13.12.2000
Ein Fundstück aus einer anderen Zeit liegt auf dem Schreibtisch. Ein stiller Zeuge, der Bände spricht oder dazu gebracht werden soll. Denn es handelt sich um Worte, zusammengefügt zu Text. Die folgende Behauptung wird aufgestellt: Eine Band mit dem Namen Tortoise habe die Spitze eines musikalischen Zusammenhangs eingenommen. Eines Zusammenhangs, der so neu sei, dass er weder einen Ort noch eine Mode, noch ein klar definiertes Selbstverständnis besitze. Und all das in einer Zeit, die permanent unbekannte Horizonte eröffne.
Aber was haben diese Sätze zu bedeuten? “Wenn sie das bedeuten, was ich glaube, dann hat das zu diesem Zeitpunkt vielleicht sogar gestimmt”, sagt Dough McCombs an einem total verregneten Dezemberabend in Hamburg.
Dezember 1995 – Januar 1996
Vielleicht hat es sich wie folgt zugetragen: Ein Musikjournalist möchte eine Zeitdiagnose stellen, möchte wissen, in welcher Weise die Popkultur seine Gegenwart abbildet, und trifft bei Tortoise auf lauter Leerstellen. Kein Ort, keine Mode, kein Selbstverständnis. Er selbst aber hat sich vorgenommen, diese Lücken zu schließen, indem er aus dem Strudel der Zeit heraus einen Artikel schreibt und so eine Sprache für das Neue findet. Wenige Tage später erscheint das zweite Tortoise-Album “Millions Now Living Will Never Die”; der Titel ist das Versprechen einer in Amerika weitverbreiteten religiösen Gemeinschaft an ihre Mitglieder für die Zeit nach dem Weltuntergang.
1993 – 9?
Vielleicht ist es aber auch hilfreich, wenn man Musik selbst als Sprache auffasst. Prinzipiell könnte man behaupten, dass heute weniger die Begabung, gut zu argumentieren, als die, anders zu sprechen, das Hauptinstrument kulturellen Wandels darstellt. Helden unserer Tage wären dann solche Leute, die möglichst radikale Neubeschreibungen der Welt anbieten, für die viele Menschen in ihrem Leben eine Verwendung finden. Werden derartige Neubeschreibungen angefertigt, bedienen sie sich zumeist ungewohnter Kontextualisierungsstrategien und verwenden Vokabulare, die noch keine feste Form angenommen haben und deshalb mit Unsicherheit behaftet sind. Man kann sie noch nicht wirklich verstehen. Dafür sind sie sehr aufregend.
Die musikalischen Neubeschreibungen von Tortoise hatten ganz offensichtlich eine solche Irritationskraft. Zum Beispiel war es in den frühen Neunzigerjahren für viele Hörer eine wirklich seltsame Angelegenheit, Popmusik als Popmusik wahrzunehmen und solche zu lieben, die bewusst auf Gesang verzichtete. Nichts Geringeres als die Bedingungen, was Musik sein kann und wie sie zu rezipieren ist, schienen sich plötzlich zu ändern. Aus dieser Perspektive wird die obige Behauptung verständlich: Sie beschreibt das Öffnen eines Möglichkeitsraums. Kein derartiger Möglichkeitsraum bleibt jedoch dauerhaft in seiner Unbestimmtheit bestehen. Aus verschiedenen Richtungen kristallisieren sich Bedeutungen heraus, vertreiben die Vagheit und verfestigen den Sinn. So muss im Feld der Popkultur jeder Möglichkeitszusammenhang fast zwangsläufig zu einem Verwertungszusammenhang gerinnen: Schon im Jahr 1994 hatte Simon Reynolds in der Juliausgabe des Melody Maker eine entscheidende Frage in großen Lettern an die Leserschaft gerichtet: “R U Ready To Post-Rock?” Es gab also schon einen Namen. Und was braucht man mehr, um etwas zu verkaufen?
Von anderer Stelle aus wurden Tortoise als eine soziale Institution interpretiert. Zu einem historischen Zeitpunkt, an dem die Legitimation von Indie-Rock nicht nur als Musik, sondern auch als Lebensweise im Angesicht von Techno bröckelte, stellte die Band idealerweise eine Verbindung zwischen Song und Track zur Verfügung. Millions now living will never die: gewissermaßen ein Versprechen an alle verstreuten Existenzen, die auch nach dem Weltuntergang von Nirvana weiterleben wollten. Im Gegenzug erhielten Tortoise auf dem Weg in die Zukunft ihre Erdung in der fernen Vergangenheit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Ihre Platten wurden wie Bücher über Musikgeschichte gelesen, und kein Gespräch über die Band schien ohne die Nennung der Namen Philip Glass, Arvo Pärt oder Steve Reich möglich. So war der Möglichkeitsraum recht schnell vermessen, der Ort, der kurz zuvor nicht mal vorhanden schien, eingegrenzt und auf den Navigationskarten verzeichnet.
02.01.2001
Ein neues Jahrzehnt, ein neuer Zusammenhang. “Seneca”, das erste Stück auf “Standards”, ist die Ouvertüre für alle Anfänge dieser Welt, etwa so, wie “Along The Banks Of Rivers” auf Ewigkeiten die Schlusspunkte markiert. Genaugenommen sogar eine inszenierte Pose des Anfangens: wilde Trommelwirbel, auf jedem Boxenkanal einer. Aber statt der strikt abgezirkelten Mathematik, die viele Leute immer noch mit Tortoise verbinden, eher ein Poltern. Ein infernalisches Stolpern, ein Dröhnen der Instrumente, zwei Minuten rasender Stillstand. Bis der unterproduziert produzierte Lärm abbricht und sich ein Schlagzeugbeat seinen Weg durch die Schaltkreise eines Synthesizers groovt. Erst dann kann der Song beginnen.
Derartige dramaturgische Momente sind auf “Standards” keine Seltenheit. Immer wieder überschlagen sich die musikalischen Ereignisse, die Dinge laufen für kurze Momente aus dem Ruder. Gitarrenfeedbacks flackern kurz auf, Stücke ufern aus, indem Takte ausbrechen. Und Tortoise erfreuen sich am Exzess der Klänge. “Als wir ‘TNT’ fertiggestellt hatten, wussten wir, dass wir musikalisch wirklich etwas erreicht hatten. Allerdings hatten wir auch das Gefühl, dass es etwas Langweiliges und Ermüdendes an sich hat. Oder besser: dass das Album uns ermüdet hatte, weil wir so lange daran gearbeitet, an jedem kleinsten Detail so lange gefeilt hatten. Und deshalb sollte das nächste Album unmittelbarer, weniger erarbeitet sein. Vielleicht auch rauher und präziser. So enthält es vor allem kürzere Songs. Wir wollten nämlich eine Reihe einander ähnelnder Gedanken in einer kürzeren Zeitspanne zum Ausdruck bringen.”
Auch wenn Dough McCombs den Charakter von “Standards” als das Ergebnis einer bewussten Entscheidung der Band auffasst, wären die gleichen Aufnahmen vor knapp vier Jahren noch nicht möglich gewesen. Vielmehr hat das Jahr 1997 ein übermächtiges Album wie “TNT” gefordert. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem Post-Rock schon mehr als tot war, benötigten Tortoise einen derartigen Kraftakt, um sich einen Raum aufzuspielen. Heute ist die Situation erneut eine andere, der Raum hat sich für Tortoise von selbst geöffnet. Die Indizien dafür nennt McCombs in unserem Gespräch praktisch nebenbei: Kaum jemand hat ihn im Rahmen seiner Interviewtour auf den Begriff “Post-Rock” angesprochen, und wohl niemand käme heute auf die Idee, die Band beim Schachspielen zu fotografieren. Im Februar 1996 erschien genau dieses Motiv auf dem Intro-Cover aussagekräftig und passend. Den Titel “Standards” bezieht McCombs auf die Bedingungen des Musikmachens: “Wir haben das Wort von dieser langen Liste ausgewählt, auf der wir potentielle Song- oder Albumtitel sammelten. Wir hatten zunächst sogar daran gedacht, den Stücken gar keine Titel zuzuordnen und nur diese lange Liste der gesammelten Wörter abzudrucken. Aber ‘Standards’ erschien gerade aufgrund der verschiedenen Bedeutungen so treffend: Da ist zunächst die Referenz zu Song-Standards, also zu formellen musikalischen Mustern, die sich mit der Zeit herauskristallisiert haben. Aber ‘Standards’ kann sich auch auf persönliche Standards im Sinne von Ansprüchen beziehen, die wir an uns selbst stellen, also Ansprüche an uns beispielsweise, ein gewisses Qualitätsniveau unserer Arbeit zu erhalten. Und drittens gibt es einen ganz direkten Bezug zum Coverartwork des Albums, das aus einer Collage verschiedener Fahnen besteht. Eine Fahne kann im Englischen auch ‘Standard’ genannt werden.”
Versteht man den Albumtitel jedoch auf eine andere, paradoxe Weise, verweist er darauf, dass Tortoise gewissermaßen bei sich selbst angekommen sind. Denn die neuen Stücke müssen weder eine brandheiße Zukunft behaupten, noch benötigen sie einen tonnenschweren Hintergrund an Geschichte. Zudem sind die Hörerinnen und Hörer ebenfalls gemeinsam mit der Schildkröte durch die 90er spaziert und wissen nun diese Musik zu lesen. Als Vokabular ist sie ihnen vertraut, nun kann man sich den Feinheiten widmen. Schließlich starb mit dem Terminus “Post-Rock” keinesfalls die dazugehörige Musik. Die hat sich vielmehr aufgespalten und überall in atomatisierter Form auch an jenen Orten eingenistet, die derzeit von den Nachzuständen des Rock gar nichts hören wollen: Der 7/8-Takt bei Surrogat und die gewundenen Gitarrenmelodien bei Trail Of Dead kennen ihre geistigen Eltern. Dafür sind Tortoise heute nicht mehr so unerhört wie 1994, die Zukunft gehört im permanenten Aufflackern der Gegenwart anderen. Und darüber scheint Dough McCombs an diesem verregneten Dezemberabend alles andere als unglücklich zu sein. “Musikalisch”, sagt er ernst, “stehen Tortoise eigentlich erst am Anfang.”
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