Kitty-Yo

it's from, berlin

02.01.2001, 16:15, Text: Autor unbekannt

VORAUSSETZUNGEN

Schon 1993, als das Label mit einer Single von Surrogat startete, war der volle Name des Labels: Kitty-Yo Int. – “Int.” für International. Damals machten Patrick Wagner und Raik Hölzel das Label zu zweit. Und heute?

Wieviele Leute können heute leben von der Arbeit bei Kitty-Yo?

C: Wirklich davon leben könnten drei oder vier, tatsächlich leben acht Leute halb davon. Es ist schon krass. Man denkt immer, das ist der Wahnsinn, wie das so schnell so viele Leute geworden sind. Aber es ist eben so, dass alle nur halb davon leben, sprich: dass jeder noch einen Job nebenbei hat, oder eine Band.



Patrick hat mal erzählt, dass aber keiner auch nur halb davon leben könnte, wenn es nicht auch die Verkäufe im Ausland gäbe.

C: Ja, definitiv.

Wie ist denn das Verhältnis zwischen Inlands- und Auslandsverkäufen?

P: Das hängt natürlich immer von den einzelnen Releases ab, aber grundsätzlich haben wir ungefähr einen 70/30-Split, 70% Ausland, 30% Inland.
C: Wobei man aber auch nicht vergessen darf: Ausland sind 30 Länder, von denen drei oder vier richtig gut sind. Es kann aber schon passieren, dass eine Platte alleine in England mehr verkauft als in Deutschland. Oder in Frankreich: Die “Silur” von Tarwater hat in Frankreich mehr verkauft als in Deutschland. “Gonzales Über Alles” übrigens auch.
P: Aber was entscheidend ist: Man kann durch diese Arbeitsweise ein bisschen entspannter an die Deutschland-Geschichte gehen. Es ist wichtig, dass man seine Schwerpunkte setzen kann. Klar, Kante muss man halt hier wuppen, da hilft alles nichts. Aber so konnten wir die “Entertainist” von Gonzales hier relativ entspannt machen. Man kann kreativere Sachen machen statt der üblichen Standard-Tour - wie zum Beispiel diese komische Pressekonferenz. Man weiß: das geht soundso weit, dafür ist man zuständig und für andere Dinge eben nicht. Das entschärft diesen Druck, den es auf dem Markt gibt, der gerade bei Indie-Labels immer drastischer wird. Wir können sagen: Dann funktioniert das hier eben nicht so, aber dafür anderswo.
Für uns sind 500 Platten in England und 200 in Norwegen total interessant, weil die unser halbes Gehalt bezahlen. Vor allem ist das da überall immer noch ausbaufähig. Man kann das auschecken: Flippt da jemand aus? Du brauchst ja immer diese eine Person, die dann plötzlich eine Vision für irgendwas hat, und dann kann man da wieder hinterher arbeiten, rumwurschteln, hinschicken, was probieren, Interviewtag machen, soll den und den treffen. Und das ist natürlich spannender, als zum 293. Mal beim Intro anzurufen und zu fragen: “Willst du nicht noch das Video besprechen?” Weil dadurch könnten wir vielleicht noch die Retouren verhindern. Das ist total eng und total beklemmend.

VERTRIEB ODER LIZENZIERUNG

Grundsätzlich gibt es zwei Wege für den Export: Lizenzverträge und Vertriebsdeals. Ist es von der Band oder vom Land abhängig, was man macht?

C: Vertriebsdeals laufen grundsätzlich über das Label. Vertrieb XY in Frankreich zum Beispiel entscheidet sich: “Okay, ich nehme alle Kitty-Yo-Veröffentlichungen bei mir mit rein.” Dass die sich mehr oder weniger für die einzelne Platte einsetzen, ist klar. Das hängt aber auch von der Arbeit ab, die wir dazu leisten, nämlich, ob wir einen Promoter da vor Ort finden. Vertriebsdeal heißt also, dass du die Platten hier herstellst und sie dann an einen Vertrieb für einen bestimmten Preis verkaufst.
Lizenzierung heißt ganz klar: Für ein Land, oder manchmal auch für die ganze Welt, gibst du die Rechte für die einzelne Platte weg. Der Lizenznehmer stellt die Platten selber vor Ort her, muss sich um alles kümmern und vereinbart mit Kitty-Yo Lizenzpunkte, Prozente also. Künstler und Kitty-Yo sind dann eins und stehen dem Lizenznehmer gegenüber. Ein Trugschluss ist, zu denken, dass das so viel weniger Arbeit wäre. Im Gegenteil: wenn du eine Platte weglizenzierst, dann musst du den Leuten richtig in den Arsch treten.
Wir haben gute und schlechte Erfahrungen mit Lizenzdeals gemacht, aber grundsätzlich haben wir Bock, möglichst vieles selber zu machen. Wenn du lizenzierst, dann kriegst du unter Umständen einen total hohen Vorschuss, meistens aber nicht. Und danach siehst du eigentlich nichts mehr, es sei denn, dass sich die Labels, an die du lizenzierst, richtig derbe dafür einsetzen. Aber letztendlich ist es gerade für die Band finanziell gesehen besser, wenn wir nicht lizenzieren. Und langfristig natürlich auch für Kitty-Yo: unsere Schwerpunkte sollen schon in der ganzen Welt liegen, und zwar für alle Bands. Das Interesse kommt aber immer erst, wenn man sich total den Arsch abgerackert hat im Ausland. Erst dann kriegen es die Labels dort mit und denken: “Hey, Tarwater, Gonzales, Peaches, klingt ja interessant.” Und dann sagst du: “Okay, aber was ist mit Surrogat, was ist mit Couch, was mit Laub?” Das ist uns wichtig, wir wollen nicht, dass ein paar Bands wegbrechen, wir wollen jeder Band auf der ganzen Welt eine Chance geben. Die französischen Vertriebe sagen jetzt: “Gonzales und Tarwater sind weg, was sollen wir mit Kante und Go Plus?” Und das wollen wir halt nicht, dass das passiert.

Und wenn man es selber macht und nicht lizenziert, bedeutet das, dass man Büros in den Ländern aufmachen muss?

P: Wir haben noch keine Büros. Woran wir im Moment arbeiten, ist, über Promo-Agenturen Power beim Vertrieb zu machen. Du brauchst jemanden auf Vertriebsseite, der sich total dafür engagiert, und du brauchst jemanden auf der Promoseite. Im Prinzip haben wir uns Leute gesucht, die wie wir sind. Wir haben in Frankreich und England so kleine Kitty-Yos sitzen, auch wenn das nicht unter Kitty-Yo läuft. Aber da wir in den Territorien nun schon seit zwei oder drei Jahren ziemlich gut arbeiten, hat man natürlich auch einen entsprechenden Stellenwert.
C: Das mit den zwei oder drei Jahren ist ein ganz entscheidender Punkt. Du brauchst Zeit, bis das was wird. Jetzt werden wir überall abgefeiert, aber das ist drei Jahre her, dass wir damit angefangen haben.
P: Bei Lizenzierungen ist es auch so, dass die Bands nicht unbedingt mit Kitty-Yo in Verbindung gebracht werden. Couch werden in Amerika als Matador-Act wahrgenommen, genauso wie Tarwater als Mute-Act. Was uns, wie wir jetzt erst merken, schon ein bisschen behindert in den USA. Wenn wir Tarwater behalten hätten, hätten wir vielleicht weniger Platten verkauft, aber man hätte den nächsten Schritt machen können. Und jetzt müssen wir mit Peaches und Gonzales wieder bei Null anfangen.

KONTAKTE

Wie funktioniert die Auswahl der Partner, ob Vertriebe oder Lizenznehmer? Habt ihr da Kriterien?

P: Es muss halt immer der nächste Schritt sein, einen Level weitergehen, das ist eigentlich das einzige Kriterium. Macht das für den Moment Sinn, bringt uns das a) finanziell und b) imagemäßig was und können die auch Platten verkaufen? Das ist sehr nüchtern, im Prinzip. Aber natürlich muss man auch mit den Leuten klarkommen.
Natürlich gibt es auch noch Mute oder Matador, vor denen man so einen 80er/90er-Jahre-Respekt hat. Neulich hat Daniel Miller, der Gründer von Mute, hier in Berlin so ein Essen gemacht, da waren wir eingeladen. Er war natürlich auch an Acts von uns interessiert. Wir mussten da ein bisschen grinsen: “Du könntest das bestimmt noch einmal einen Tick besser als wir, weil du 15 Jahre weiter bist. Nur weißt du ja ganz genau, dass wir eine bestimmte Zielsetzung haben.” Und da musste er lachen und meinte: “Ja, ich weiß, wenn ihr so weitermacht, seid ihr in zehn Jahren wie Mute.” Der hat das schon richtig erkannt. Wo vielleicht in Deutschland viele Leute denken: “Das ist jetzt der Höhepunkt von allem”, ist es für uns eher der Startpunkt. Jetzt ist man überhaupt zum ersten Mal so was wie eine Maschine, jetzt fängt’s erst an, überall zu brodeln. Man kann doch nicht sagen, dass wir irgendeine Platte irgendwo relevant verkauft haben. Okay, man hat jetzt die Kontakte und hat bestimmte Beziehungen, und jetzt muss man die eigentlich nur noch mit Musik füllen – und gleichzeitig vorsichtig sein, dass man die nicht mit zuviel Musik füllt.

Und diese Kontakte zu finden, das ist vermutlich auch ein Trial-and-error-Ding, oder?

C: Total. Wir haben so viele Fehler gemacht. Gerade am Anfang. Junge Labels kommen zu uns ins Büro und fragen: “Hey, wie läuft denn das eigentlich so? Hast du nicht ein paar Adressen von Journalisten für mich?” Und man sagt immer: “Pass auf, mach’ es soundso”, und denkt zugleich: “Hey, hätte ich vor drei Jahren zu jemand hingehen können, und der hätte gesagt: ‘Mach’ es soundso!’ Wie anders wäre das gewesen!” Wobei ich sagen muss, dass ich es extrem gut finde, so viele Fehler gemacht zu haben und so viel daraus gelernt zu haben, weil ich jetzt dadurch eine Sicherheit habe.
P: Und selbst die Kontakte sind ja wiederum auch immer nur Namen. Das ist dann trotzdem immer noch eine Zugangsfrage. Wenn du nachts um fünf in irgendeinem Club stehst, und irgend jemand spricht dich an, irgendwo auf der Welt, hast du in dem Moment das Rückgrat, dem zu vermitteln: “Hier ist die maximale Energie”? Oder hast du gerade einen schlechten Tag und sagst: “Lass mich in Ruhe, wer bist du überhaupt”?

AMERIKA

P: In Amerika versuchen wir im März einen Re-Release von Gonzales und Peaches, weil deren Tour dort mit Elastica ziemlich erfolgreich war. Vorher kannte das natürlich niemand, und die Leute waren wohl extrem angetan, manchmal angetaner als vom Hauptact.

Welchen Vertrieb habt ihr da?

P: Caroline, der größte Indie-Vertrieb in den USA. Die haben schon eine ganz gute Struktur, wenn man in Betracht zieht, wie riesig die USA sind, da kann man nicht so rumfahren und Platten in die Läden bringen. Man muss sich immer vergegenwärtigen: Im Moment verkauft man Platten in New York, Chicago, San Francisco, vielleicht noch sieben in LA, noch ein paar Städte an der Ostküste – und das war’s. Keine von unseren Platten steht irgendwo in Minnesota. Dazu braucht man eine ganz andere mediale Power, die auch Mute nicht hat und auch Matador nicht. Man darf auch nicht vergessen, dass die USA musikalisch ganz woanders sind. Da ist College-Rock immer noch die heiße Nummer, und trotzdem gibt es immer Sachen, die da durchbrechen. Wenn da plötzlich eine Pole-Platte über Matador 20.000 Stück verkauft, fragt man sich: Wie hat das jetzt funktioniert?

ENGLAND

In England zum Beispiel wurden Gonzales und Peaches sehr gefeiert. Das läuft aber wahrscheinlich auch deswegen so gut, weil sie halt die Sprache verstehen, oder?

P: Nee. Natürlich hat das mit der Sprache zu tun, aber es läuft deshalb so gut, weil es um Entertainment geht. Das ist das Hauptding bei Peaches und Gonzales, deshalb lässt sich das auch nicht beliebig übertragen auf andere Kitty-Yo-Künstler. Das ist Pop! Und gleichzeitig gibt es diese Verweigerungshaltung. Das ist in England genau die Sache.
C: Das Coole bei Gonzales und der “Über Alles” war, dass die Art und Weise, wie Gonzales in den Medien erschienen ist, nichts mit der Platte an sich zu tun hatte, und dass die Medien das die ganze Zeit gar nicht bemerkt haben. “Gonzales Über Alles” war für die von Anfang an eine HipHop-Platte, Gonzales war ein MC. Hör’ dir mal die “Gonzales Über Alles” an, das ist eigentlich eine Pop-Platte, da ist kein einziges HipHop-Stück drauf, außer “The Worst MC”. Und in den Medien war er plötzlich der “Jewish Prankster MC” und blablabla. Das war schon ziemlich magisch, wie er das so hingekriegt hat.
P: Ein ganz gutes Beispiel für diesen Entertainment-Faktor: Raz Ohara hätte genausogut in England klappen können, wir haben auch im Prinzip das gleiche dafür getan, nur wollte er nicht als Image irgendwo auftauchen, sondern sich über die Platte definieren. Gonzales geht nach England, spricht mit den Journalisten und sagt: “I’m the man, ich fick’ euch alle in den Arsch.” Das finden die Journalisten halt geil, das ist sein Ding. Und Raz sagt: “Eigentlich bin ich ganz woanders, kümmere mich um andere Sachen, und meine Platte finde ich eigentlich nicht so gut.” Dann sagen die Journalisten eben: “Was ist denn das für ein Langweiler? Die Fotos sehen auch nicht richtig gut aus, na, dann lass uns mal unten in den Ticker irgendwas hinschreiben.”
Es ist schon immer relativ schwierig, das in irgendeiner Form unter Kontrolle zu halten, wenn dann Surrogat im Rough-Trade-Laden in London, der sehr wichtig ist, unter “Dance” steht. Gerade in England denken viele, Kitty-Yo sei ein englisches Label: “It’s a UK dance label.”

BERLIN

Spielt es denn sonst in der Wahrnehmung aus dem Ausland eine Rolle, dass Kitty-Yo aus Deutschland bzw. aus Berlin kommt?

P: Das fand ich lustig, gestern habe ich, in der Face, glaube ich, eine Plattenkritik über Jeans Team gelesen. Und da stehen so Icons drunter, eins ist ein Bierglas. Da habe ich in der Agenda nachgeguckt, und ein Bierglas heißt: “It’s from Berlin.”
C: Echt? Oh Scheiße! Komisches Thema, auch unter uns. Es spielt eine Rolle, aber es ist oft nicht zu aller Zufriedenheit, dass es eine Rolle spielt. Denn das ist echt nicht das Ziel, da will man eigentlich weg von.
P: Aber ich glaube, dass man nicht wirklich davon weg kann. Wir haben das ja ein Stück weit benutzt.
C: Ja, man hat das ja selbst ein Stück weit mit aufgebaut - ohne Scheiß. Klingt vielleicht ein bisschen hochmütig, aber ein Grund, dass Berlin in aller Munde ist, ist, dass Kitty-Yo in Berlin sitzt und seit fünf Jahren diese Platten rausbringt.
P: Nicht, dass das alles toll ist. Ich kann auch nicht sagen, dass alle Kitty-Yo-Releases toll sind. Aber es hat alles ein bestimmtes Level, das gerade innerhalb Berlins nicht viele haben, weil hier immer noch so Trash- bzw. Inselkultur großgeschrieben ist. Deswegen sind die Leute gerade aus dem Ausland froh: “Upps, ich will hier irgendwas machen, was a) interessant ist, b) ein bestimmtes Niveau hat, c) irgendwie Pop ist.” Und dann kommt man schnell darauf: “Ah ja, da gibt es ja die Leute, deren Künstler und die Typen selbst kann man ja ganz gut fotografieren.” Es gibt eine Energie, das nimmt man halt mit. Da streiten wir uns immer ein bisschen drüber, und ich sage immer: “Ja, das wird jetzt erst mal auf absehbare Zeit auch so sein, wenn wir jetzt nicht totalen Bullshit bauen.”
C: Wobei das echt nicht das Ziel sein sollte.
P: Es geht nicht um Zielsetzungen, aber es wäre ja gleichzeitig naiv, das alles von sich zu weisen.



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