Thomas Rusiak

hiphoppär

21.10.2000, 15:01, Text: Autor unbekannt

Schon kurz bevor Thomas Rusiak, einer der wenigen Popstars Schwedens, der sich die Mühe einer Tour durch die weite Provinz macht, in der zum Auftrittsort umfunktionierten Kneipe auf die Bühne kommt, ist die Stimmung ausgelassen. Doch eine Stunde später, als das HipHop-mit-Rockband-Set des 24jährigen auf seinem Höhepunkt angelangt ist, ist bei den 200 anwesenden Jugendlichen kein Halten mehr. Egal, ob Junge oder Mädchen, wer sich noch auf den Beinen halten kann, tanzt Pogo, wer noch bei Stimme ist, grölt mit: “You see me drivin’ down the street - I look so fuckin’ good. I’m smokin’ weed and doin’ dirt - in my Tommy Hilfiger hoodie.

I’m gonna keep talkin’ bullshit about you. Cause nobody be frontin’ on me and my crew. Cause I’m a hiphopper yes I am ...” Das Publikum kennt den Text auswendig. Kein Wunder, immerhin ist “Hiphopper” seit Wochen auf Platz Eins der schwedischen Popcharts.
Thomas Rusiak sieht den Erfolg des Songs mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite ist “Hiphopper” der erfolgreichste HipHop-Track der schwedischen Rap-Geschichte und ein Stück, mit dem Rusiak - läuft alles nach Plan - auch international seinen Durchbruch feiern wird. Auf der anderen Seite lädt es zu Missverständnissen ein und ist genaugenommen gar kein HipHop-Track, sondern vielmehr ein Punkrock-Stück mit Breakbeats. Wenn die Toten Hosen einen Song über HipHop machen würden, klänge er vermutlich wie “Hiphopper”. “Ursprünglich hieß das Stück sogar ‘Punkrocker’ und war von der schwedischen Rockband Teddybears STHLM”, erklärt Thomas Rusiak. “In dem Track machten sich die Teddybears über die üblichen Punkrock-Klischees lustig. Ich hab’ dann den Text auf HipHop-Verhältnisse umgemünzt und einen neuen Beat programmiert.”
Doch was von Rusiak durchaus selbstironisch gemeint ist - auch er hat einige Hilfiger-Hoodies im Schrank hängen und ist dem Gras nicht abgeneigt -, verliert bereits an Wirkung, wenn es mit der Unterstützung von betrunkenen Provinzjugendlichen zum Gassenhauer wird. Im Ausland, wo man nicht einmal weiß, dass Rusiak selbst aus der HipHop-Szene stammt, wird man den Song wohl gleich als Fortsetzung von “Pretty Fly (For A White Guy)” rezipieren. Dabei ist “Hiphopper” auch für Thomas Rusiak ein Novelty-Track. Das merkt auch, wer den bisherigen Werdegang von Rusiak nicht kennt, aber sich - trotz “Hiphopper” und irritierend psychedelisch anmutender Covergestaltung - sein Debütalbum “Magic Villa” anhört. Danach versteht man, warum Rusiak, dessen Vater Alfred polnischer Jazzmusiker war, als zur Zeit bester schwedischer HipHop-Produzent gilt. Die erste Singleauskopplung “All Yours” etwa würde auch einer Lauryn Hill gut zu Gesicht stehen, der Track “She” hat einen unglaublich tighten Beat mit gesungener Hook von Masayah, und “Fire Walk With Me” überrascht mit einem von Rusiak selbst eingespielten und anschließend geloopten Akkordeon.
Als 13jähriger begann Rusiak als Mitglied der Gruppe Doughnut$$, erste Reime zu schreiben. Fünf Jahre später produzierte er für den HipHop-Act Sherlock auch eigene Tracks. Das Debütalbum “Made To Measure” von Sherlock erhielt so gute Reaktionen, dass Thomas Rusiak fortan als Produzent für nationale Soul-Größen wie Titiyo, Robyn und Stephen Simmonds engagiert wurde. Als Produzent der Debütplatte seines Freundes Petter war Rusiak vor zwei Jahren auch für den ersten schwedisch-sprachigen Rap-Nummer-1-Hit “Vinden Har Vänt” verantwortlich und löste damit eine Wende im schwedischen HipHop aus. Heute gehört Thomas Rusiak selbst zu den wenigen schwedischen Rappern, die nicht in ihrer Heimatsprache, sondern nach wie vor auf Englisch rappen: “Für mich ist das eine Frage der Gewöhnung. Im Laufe der Zeit ist es selbstverständlich geworden, meine Texte auf Englisch zu verfassen. Sobald ich an Musik denke, schaltet mein Gehirn auf Englisch um.”
Dass die Qualität von Rusiaks Beats auch den Vergleich zu Produktionen im Mutterland des HipHop nicht scheuen muss, zeigten sein Remix für Ol Dirty Bastards “Got Your Money” und seine Arbeit für die Single “Frozen” von Slick Rick. Doch trotz weiterer Angebote, für Def Jam zu arbeiten, hat Thomas Rusiak erst mal an weiteren Produktionsaufträgen kein Interesse. “In Amerika gibt es einfach eine völlig andere Art und Weise zu arbeiten”, meint Rusiak. “Da ist es selbstverständlich für einen A&R-Manager, einen Beat einzukaufen, den er dann seinem Künstler vorsetzt. Ich habe Slick Rick nicht mal kennengelernt, geschweige denn direkt mit ihm gearbeitet. Ich fühle mich aber nur wohl, wenn ich mit Leuten zusammen im Studio bin.” Und dann ist da auch noch die stilistische Engstirnigkeit, mit der sich Rusiak des öfteren in den USA konfrontiert sieht. “Wenn ich da jemandem sage, ich möchte etwas in Richtung Aphex Twin ausprobieren, dann verstehen die gar nicht, was ich meine.”
Dass Thomas Rusiak auch ansonsten nicht ausschließlich auf HipHop steht, ist ihm bereits anzusehen: seine neue Frisur erinnert an die Gallagher-Brüder, er trägt ein russisches Stooges-Shirt. Und dann ist da noch die Hochzeitsanekdote: Als er vor einigen Monaten heiratete, wurden Rusiak und Gemahlin zu den Klängen von The Verves “Bitter Sweet Symphony” zum Traualtar geleitet.



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aus Intro #79 (November 2000)
 
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