Sunny Day Real Estate

ein kohlenstoffatom

24.08.2000, 14:48, Text: Autor unbekannt

Gehen wir zurück: Das Jahr ist 1992, der Ort Seattle. Nach der Nirvana-Explosion lauert an jeder Straßenecke ein Talentscout auf der Suche nach der nächsten Grungerock-Sensation. In diesem Jahr formierten sich Sunny Day Real Estate, um eine Musik zu spielen, die so gar nichts mit dem eilig proklamierten “Seattlesound” zu tun hat: zu unrockig, zu ruhig sind die Klänge der Band, zu ausufernd die Lieder, als dass sie dem herrschenden Klischee untergeordnet werden könnten. Wehmütige Gitarren, denen man höchstens bei seltenen Ausbrüchen die Hardcore-Vergangenheit ihrer Spieler anmerkt, zu denen sich sanfter, fast klagender Gesang gesellt, der sich beim Refrain zu mitreißender Intensität steigert; das Ganze in druckvollen Liedern kombiniert, die es schaffen, gleichzeitig hart und weich zu klingen.

1992 war so etwas alles andere als üblich. Gitarrist Dan Hoerner: “Wir waren das hässliche Entlein.”
Die Band kommt nach zwei selbst veröffentlichten Singles 1994 bei Sub Pop unter, und es erscheint mit “Diary” der erste Langspieler, der der Band schnell zu amerikaweiter Beachtung verhilft. Es zeigt sich, dass nicht nur die Musik, sondern auch die Mitglieder der Band etwas “different” zu sein scheinen. So weigert sich zum Beispiel Dan Hoerner, Konzerte in Kalifornien zu geben, was dazu führt, dass die wenigen Auftritte in diesem Bundesstaat mit einer reduzierten Besetzung durchgeführt werden. Sänger Jeremy Enigk entdeckt 1995 sein Herz für Jesus, und die Band löst sich kurz nach den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album im gleichen Jahr auf, wobei über einen Zusammenhang der beiden Ereignisse beharrlich geschwiegen wird. “Es gab viele Gründe für den Split, doch auslösend war wahrscheinlich, dass wir nicht mit dem umgehen konnten, was da mit uns geschah, mit dem Erfolg und Leuten, die versucht haben, uns zu Dingen zu drängen, die wir nicht wollten. Wir waren damals schließlich noch Kinder.” Sub Pop veröffentlicht die Aufnahmen posthum als ein titelloses Album, das unter Fans schlicht LP2 oder, auf Grund des einfarbigen Covers, “the pink one” genannt wird.
Nach dem Split schließen sich Bassist Nate Mendel und Schlagzeuger William Goldsmith den Foo Fighters an und erleben mit diesen internationalen Erfolg. Der Popularität von Sunny Day Real Estate schadet die Auflösung nicht, die Zahl ihrer Anhänger wächst zunehmend und die Verehrung, die der Band entgegengebracht wird, nimmt zum Teil fast kultische Ausmaße an. Mangels verfügbarer Informationsquellen über die Gruppe findet das Internet Verwendung: Es bilden sich diverse Sites, die sich ausschließlich mit Sunny Day Real Estate befassen, es entsteht eine E-Mailing-Liste und in einigen Chaträumen wird über nichts anderes als die Band geredet.
Sehr zur Freude der Fans reformiert sich die Band 1997, einzig Nate, der sich nicht von seinem neu gewonnenen Popstar-Dasein trennen kann, bleibt bei den Foo Fighters. Dan: “Er hat an all das Geld gedacht, das er verlieren würde.” Daraufhin versucht es die Band mit verschiedenen Bassisten, ist aber mit keinem wirklich zufrieden. “Wir wollten keine weiteren Einflüsse, die ein Außenstehender einbringen würde. Wir sind wie ein Kohlenstoffatom, wir brauchen kein weiteres Elektron.” Auf Sub Pop werden in Folge die Alben “How It Feels To Be Something On” (1998) und “Live” (1999) veröffentlicht.
Nun, in der Gegenwart angekommen, liegt mit “The Rising Tide” ihre erste Platte auf Time Bomb Records, einer Majorlabel-Tochter, vor. Die Band ist zu einem Trio, mit Jeremy am Bass, geschrumpft, was laut Dan ein großer Schritt nach vorne ist: “Wenn man nur zu dritt ist, beschleunigt sich der Prozess des Songwritings enorm. Die neuen Lieder sind viel spontaner als noch auf dem letzten Album, viel näher an ‘Diary’.” Anders aber als bei “Diary” wurde der früher oft zerbrechliche Klang der Songs gegen einen breiteren, volleren und auch rockigeren Gesamtsound mit Tendenz zum Pathetischen ausgetauscht. Doch die überschwänglichen Reaktionen in Amerika zeigen: Die Fans lieben auch diese Platte und halten der Band die Treue.



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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