Björk / Dancer In The Dark
eine rastlose seele im kampf für die introvertierten dieser welt
20.08.2000, 12:45, Text: Autor unbekannt
Es ist der Vortag der diesjährigen Love Parade. Und obwohl ich in einigen Stunden in diese Stadt der Erden gewordenen Hölle muss, ist das alles noch meilenweit entfernt. Hamburg ist - mal wieder - das Gegenteil von Berlin. Dabei hat die Stadt einen guten Tag erwischt. Kein Regen, keine Sturmböen und auch die zu bemühenden Einwohner, die ich nach dem Weg zum Kino, wo die Pressevorführung zu “Dancer In The Dark” stattfindet, und zum Interview-Hotel frage, sind für norddeutsche Verhältnisse extrem locker. Was doch das Wetter, überhaupt die Umwelt für eine Auswirkung auf die menschliche Seele hat.
Die Leinwand ist schwarz. Musik erfüllt den Raum.
Selma: zwischen Fantasie und Wirklichkeit
Björk hat nicht nur die Musik zu “Dancer In The Dark” beigesteuert, sondern auch die Hauptrolle gespielt. Das war nicht von vornherein so gedacht und sollte zur großen Bewährungsprobe für alle Beteiligten werden.
“Als ich das Skript zum ersten Mal las, hatte ich gleich sehr starke Gefühle für die Figur von Selma, wollte für sie kämpfen; 70% meines Wesens sind unterbewusst, und um diese 70% frei zu setzen und Selma Platz in mir einzuräumen, musste ich sie sehr lieben. Um die Musik für sie zu schreiben, habe ich ein Jahr gebraucht, in dem ich sehr viel Zeit mit Lars verbracht habe. Es erfolgte ein kreativer, kritischer Austausch. Als Lars darauf bestand, dass ich sie auch spielen soll, sagte ich ihm, er solle sich jemanden aus Hollywood besorgen. Leider hatte ich mich gänzlich verliebt in Selma, außerdem hatte ich das Gefühl, Selma besser zu kennen als Lars, was sehr seltsam ist, denn er hat sie schließlich geschaffen. Ich hatte das Gefühl, sie verteidigen zu müssen. Als ich einwilligte, sie zu spielen, begann ich, mein Wesen durch ihres zu ersetzen. Ungefähr noch mal ein Jahr später begannen die Dreharbeiten. Zu diesem Zeitpunkt erkannten mich meine Freunde nicht wieder. Ich war sehr tschechisch.” Lacht.
Es ist an der Zeit, auf die Geschichte einzugehen. Björk spielt Selma, eine Immigrantin aus Tschechien, die mit ihrem Sohn in einem Campingwagen lebt. Selma ist an einem Augenleiden erkrankt, das, stetig schlimmer werdend, letztlich zur Blindheit führen wird, weshalb sie in Tag- und Nachtschichten in der Fabrik arbeitet, um rechtzeitig das Geld für die Operation ihres Sohnes zu beschaffen, denn auch dieser hat dieselbe Krankheit. Sie lebt ein komprimiertes Leben, in dem alles nur auf eines ausgelegt ist: Geld zu verdienen, aus Liebe zu ihrem Sohn.
Selma verzichtet auf alles. Auf Ruhe, auf Freunde (Kathy, gespielt von Catherine Deneuve, versucht es redlich), ja sogar auf die Zuneigungen von Jeff (Peter Stormare), der sich in die introvertierte Tschechin verliebt hat. Und wie so oft im Leben vertraut sie sich und ihr Schicksal dem Falschen respektive ihrem Vermieter Bill (David Morse) an, der ihre Ersparnisse zum Tilgen der Schulden, die das snobistische Leben seiner Frau verursachte, nutzt. Nicht weil er so abgrundtief böse ist, sondern aus purer Verzweiflung, die so weit geht, dass Selma ihn töten muss, um ihr Geld zurückzubekommen, und Bill diese Katharsis im Grunde will.
“Dancer In The Dark” ist als Musical angelegt. Selma klinkt sich immer wieder für Minuten aus dem Alltag aus, switcht in eine Fantasyworld aus Tanz und Gesang - was von Trier über das Filmmaterial transportiert: die Realität findet in relativ nüchternen “Digitalkamerabildern” statt, die Tanz- und Singsequenzen in farbenfrohem Multicolor. Genau diese Trennlinie zwischen Fantasy und Wirklichkeit sollte zu einem der Knackpunkte im Diskurs zwischen Björk und von Trier werden:
“Selmas Musik spiegelt die Unvereinbarkeit der idealen Welt und ihres Ist-Zustandes wider; sie bemüht sich jedoch, diese Gegensätze Tag für Tag nicht nur zu überwinden, sondern sie zu vereinen und so den Widerspruch aufzulösen. Hier greife ich das Thema Träume und Fantasie auf; Träume und Fantasien im Gegensatz zum Leben als Bilder für die gegensätzlichen Pole in Selma. Während der Dreharbeiten wurde zu viel Gewicht auf das Element der Realität gelegt. Ich hätte Selma gerne mehr Leichtigkeit und Euphorie verliehen, mehr Poesie.
Ich habe versucht, die 60:40-Relation zwischen Realität und Fantasie durch die Musik zu Gunsten der Fantasie zu verschieben. Wenn man einen so traumhaften Gesang für den Soundtrack benutzt, dann gibt das der Szene einen anderen Anstrich. Ich finde, dass selbst die Fantasiesequenzen zu streng, zu straff waren. Ich hätte mir gewünscht, dass alles etwas verschwommener, weniger stark konturiert dargestellt wird.”
Selma versus Björk
Das größte Problem während der Dreharbeiten und gleichzeitig das größte Geschenk, das Björk dem Film machen konnte, war ihr völliges Aufgehen in der Rolle der Selma. Björk schauspielerte ohne Distanz, ließ sich in die dunklen Abgründe der Geschichte fallen. Eine großartige Leistung, die zu Recht mit der Goldenen Palme prämiert wurde, die aber so auch nur möglich war, und da ist Björk realistisch und hält sich nicht für eine hochtalentierte Schauspielerin, da es viele Ähnlichkeiten zwischen Selma und Björk gibt. Zum einen die Mutter-Sohn-Beziehung. Der zweite wichtige Aspekt ist die Blindheit von Selma und damit verbunden die Konzentration der Wahrnehmung auf das Hören: “Blind zu sein würde mir nicht so viel ausmachen. Meine Ohren sind 70% von mir, zu sehen ist hilfreich, aber die Sicht ist nicht meine wichtigste Sinneswahrnehmung. Wenn ich die Augen zumache, empfinde ich nicht so viel anders als mit offenen Augen, denn es ist die Musik, die mir neue Welten erschließt, nicht das Visuelle.” Björk teilt noch einen weiteren Wesenszug mit Selma: die Introvertiertheit. Hinter der Fassade der gerne auch mal exzentrischen Sängerin steckt ein scheues, schüchternes Wesen, das auch während des Interviews nach getaner Arbeit (Kommunikation) den Blick nach unten senkt. “Ich habe erst mit 20 gelernt zu kommunizieren. Die ersten 10 bis 15 Jahre meines Lebens bin ich viel in der Natur gewesen, habe aus vollen Lungen gesungen, war nur euphorisch und glücklich. Das Gefühl der Einsamkeit habe ich nie richtig verstanden; wenn ich alleine bin, ist alles großartig. Erst aus der Kommunikation mit Menschen erwachsen Probleme. Die Leute denken meist, dass man ein trauriger, problembeladener Mensch sein muss, wenn man gerne alleine ist. Bei mir war es immer anders. Ich glaube, dass viele meiner Freunde mir in der Hinsicht ziemlich ähnlich sind. Ich verbringe oft ein oder zwei Wochen alleine, ohne zu sprechen, und wenn ich dann wieder raus gehe und kommunizieren muss, finde ich das anstrengend. Dann wünsche ich mir, ich wäre zu Hause und würde Musik machen. Unsere Selma musste an dem Punkt verteidigt werden. Diese Menschen sind nicht alle Loser, eigentlich gewinnen sie. Irgendwie hat Selma auch gewonnen, auch wenn das für andere nicht sichtbar ist. Sie ist sehr selbst genügsam. Das macht sie stark. Man braucht nicht irgendwelche Dinge wie eine Ehe, ein Auto oder Kaviar, um glücklich zu sein. Sie kann aus sich heraus glücklich und stark sein. Damit fühle ich mich verbunden. Als ich ein kleines Mädchen war, wollte ich in Island ganz alleine in einem Haus leben und Songs schreiben. Ich erkannte aber, dass das feige ist. Die wahre Herausforderung ist, in die Welt hinauszugehen und zu kommunizieren. The love thing, you know? That’s what we gotta learn before we leave.”
Björk versus von Trier
Die Darstellerin und ihr Regisseur waren nicht immer einer Meinung, wenn es an die konkrete Ausgestaltung der Rolle und deren Anbindung an die Geschichte ging. Die rund um das Filmfestival von Cannes (wo “Dancer In The Dark” als bester Film ausgezeichnet wurde) publizierten Artikel sprachen von handfesten Streitereien am Set, gegenseitigen Drohungen und beidseitigen Kündigungen. Man hätte den Eindruck erhalten können, Björk und von Trier würden sich hassen. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Björk hat eine sehr hohe Meinung von dem dänischen Regisseur und sieht die Auseinandersetzungen rückblickend als notwendiges Übel zum Wohle des Films:
Es wurde viel geschrieben und man konnte dementsprechend viel lesen über die Dreharbeiten zu dem Film. War alles wirklich so dramatisch? “Eine ganze Menge wurde erfunden. Lars und ich haben uns in der Öffentlichkeit nicht gerade beliebt gemacht: ich habe während der Dreharbeiten gar keine Interviews gegeben, und Lars ist generell nicht der Typ, der gerne Interviews macht. Die Dreharbeiten waren für alle Beteiligten schwierig. Ich ohne jegliche Filmerfahrung, Lars, für den Musik ebenso Neuland war. Wir hatten das größte Budget, das es jemals für einen skandinavischen Film gegeben hat. Die Crew bestand aus Mitarbeitern, die Low-Budget-Filme gewöhnt waren und sich erst auf eine derart große Produktion einstellen mussten. Für jeden am Set brachte dieser Film eine neue Situation mit sich.
Dennoch haben wir den Film noch vor der Deadline fertig gestellt, was zeigt, dass wir alle Schwierigkeiten gemeistert haben. Konflikte in einem kreativen Prozess sind nichts Ungewöhnliches. Ich habe schon immer 1:1 gearbeitet, mit sehr exzentrischen und eigenständigen Menschen. Seien dies nun meine Videoproduzenten oder diejenigen, die für das Artwork meiner Platten zuständig sind. Gerade die eigenwilligen Künstler sind jene, mit denen ich am liebsten zusammenarbeite. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als mit ihnen zusammen etwas Neues zu erschaffen, die andere Hälfte von ihnen zu werden. Was Lars von Trier angeht, war es das erste Mal, dass er mit jemandem gearbeitet hat, der ihm ebenbürtig ist. Lars hat sich in seinem 20-jährigen Schaffen eine hierarchische Struktur aufgebaut, die vor mir keiner aufzubrechen wagte. Das funktioniert auch sehr gut, für ihn zumindest. Ich komme aus einer ganz anderen Schule: die erste Punkband mit 14, daraufhin gründete man ein Label, jeder hatte die gleichen Rechte. Wir wollen keine Leitfiguren, bevorzugen ein basisdemokratisches Modell. Wir Isländer leben in einer der ältesten Demokratien der Welt und mögen es heute noch nicht, wenn uns jemand vorschreibt, was zu tun ist. In Dänemark, Großbritannien oder Deutschland findet man sehr stark hierarchisierte Strukturen.
Bei unserem Fim gab es ganz klare Gegensatzpaare, die zusammengebracht werden mussten: Musik vs. Dialog, Sprechen vs. Singen, Mann vs. Frau (auch wenn dieses Paar einen überstrapazierten Antagonismus darstellt), Monarchie vs. Anarchie, Realität und Fantasie. Es war ein bisschen so, als müssten Pippi Langstrumpf und Napoleon Bonaparte sich die Hände reichen. Wir haben zusammen jedoch alle Schwierigkeiten überwunden.”
Music
Sie hatte es ja bereits in Cannes immer wieder verkündet, doch der Grund war immer eher im Hintergrund geblieben: Björk will künftig definitiv nicht mehr schauspielern. Das hat nichts mit den Dreharbeiten, von Trier oder dem Film an sich zu tun, sondern mit der Musik, die sie als ihre Bestimmung ansieht.
“Ich spüre, wie mir die Zeit wieder durch die Finger rinnt und ich ins Studio möchte, um an meiner Musik weiterzuarbeiten. Jetzt nehme ich mir fünf, sechs Wochen Zeit, um mich adäquat von Selma zu verabschieden. All diese Interviews und Pressekonferenzen sind ein Abschied von ihr.”
Auch das ist in der Person der Selma angelegt. In einer Szene des Films fragt sie sich, warum sie Musik so gerne mag. Für Björk eine Frage, die sich nicht beantworten lässt: “Musik übersteigt menschliche Logik. Es muss ein Geheimnis bleiben, wieso man Musik so liebt. Man darf es sich selbst nicht aufdecken.”
Und wenn man sie dann stellt, die Frage aller Fragen zu “Dancer In The Dark”, die seltsamerweise ausgiebiger als Björks Performance diskutiert wird, “warum sie nie mehr schauspielern möchte”, da kommen Sätze aus ihrem Mund, die all den abscheulichen “Berufsmusikern” da draußen das Herz zerreißen sollen:
“Ich hatte nie vor, einen Film zu machen. Mein ganzes Leben gilt eigentlich der Musik. Dass ich drei Jahre auf den Film verwandt habe, ist ungezogen. Es fühlte sich an wie eine Affäre. Ich fühlte mich unloyal. Meine größte Angst nach dem Film war: ‘Wenn ich zu der Liebe meines Lebens zurückkehre, wird sie mich dann noch mit offenen Armen empfangen? Oder hab’ ich sie dann verloren?’ Während der ganzen Produktion wusste ich, dass dies mein erster und letzter Film sein würde. Eine Ausnahme.
Es ist der Hunger und die Aufregung, die mich Musik machen lassen. Ich war immer sehr gegen Selbstzufriedenheit, ich denke, das ist eine der teuflischsten Kräfte in unserer Welt. So viele Menschen haben ihre Seelen an Pflicht, an Mittelmäßigkeit und an Selbstzufriedenheit verkauft. Wenn die Menschen mehr ihrem Hunger folgten, würden viel mehr aufregende Dinge passieren. Wir sind doch alle im Kleinen Workaholics, keiner von uns ist faul. Wenn einem die Arbeit jedoch auch Spaß macht, arbeitet man dreimal so hart. Es war hart, in der Zeit auf so viel zu verzichten, aber es war auch eine interessante Erfahrung.
Der Konflikt in mir bezüglich der Dreharbeiten war, auf der einen Seite die Musikerin zu sein, die sehr fürsorglich und mütterlich ist, und auf der anderen Seite Selma zu sein, die von einer Klippe springt, ohne Fallschirm. Es gab Tage, da war ich ganz Selma, mit all dem Blut und den Scherben, die dazugehören, und dann aber wieder ich selbst und meine Musik, die wirklich mein ganzes Leben ausmacht. Meine Musik wurde während des Films geschnitten und um ca. 20 Sekunden verlängert, und das konnte ich nicht hinnehmen. Mein innerer Konflikt ergab sich aus der Rolle der Musikerin und der Rolle der Schauspielerin.”
Zum ersten Mal komponierte Björk einen Soundtrack. Und eigentlich gab genau das am Anfang den Ausschlag für ihre Zusage. Sie reizte der Umgang mit einer so noch nicht bewältigten Konstellation. Nicht ihre eigenen Gefühle, sondern die einer imaginären Person namens Selma galt es in Musik zu überführen. “Das erforderte Selbstdisziplin und einen neuartigen Arbeitsansatz. Was zählte, war mein handwerkliches Geschick. Das war eine Sache, die ich schon immer hatte lernen wollen, einfach eine Handwerkerin zu sein. Natürlich gehen alle Songs dennoch auf Emotionen zurück, Gefühle, die ich beim Lesen des Skripts hatte.”
Ebenfalls neu war die Erfahrung, fremde Texte zu singen. Lars von Trier war zwar an sie herangetreten mit der Aufforderung, die Texte zu schreiben, doch für Björk war sehr früh klar, dass sie das nicht will. “Ich wollte weg von dieser Egoschiene. Lars’ Verhältnis zu Selma gab mir jedoch auch zu denken: er sah sie als einfache und dumme Person. Sie mag einfach sein, aber sie ist nicht dumm. Sie ist eine Figur mit starkem Überlebenswillen und daher weise für mich. Einer meiner besten Freunde, ein isländischer Dichter, setzte sich dann mit Lars zusammen, um die Texte zu schreiben.”
Kaum ein Genre spielt so sehr mit den Emotionen des Zuhörers wie der Soundtrack. Die Stilmittel sind seit Jahrzehnten die gleichen vorgegebenen Schemata, wie Angst und Trauer, Freude und Melancholie klingen, und doch ist es ein großer Unterschied, ob da nur Instrumente zu uns sprechen oder ob die Stimme des Protagonisten sich erhebt und die Seele sprechen lässt, wie in der Soundtrack-Kollaboration von Björk und Radiohead-Sänger Thom Yorke, mit dem sie “I’ve Seen It All” duettiert, einen Song, der - ähnlich dem Song “Tu Du Levi Be” von Les Robbespierres - das “alles gelebt haben” thematisiert, nur dass bei Selma Zufriedenheit, der Aspekt des Frieden Machens mit der Welt, den Vibe bestimmt und nicht die Nörgeligkeit einer altklugen Szene-Persönlichkeit, die die “Früher war alles besser”-Leier abzieht.
“Selma Songs” ist natürlich kein Björk-Album geworden, obwohl es viel davon hat, es ist vor allem “eine Liebeserklärung an Selma, an ein fiktives Wesen.” Jetzt kann Björk es kaum mehr erwarten, ihr nächstes reguläres Album fertig zu stellen, das im April erscheinen soll und die mannigfaltigen Veränderungen seit “Homogenic” widerspiegeln wird.
The End
Für Björk bedeutet das Augenlicht nicht allzu viel, sie könnte ohne leben. Selma muss (fast) ohne leben, und obwohl diese Tatsache für den ganzen Film handlungsleitend ist und klar ausdefiniert scheint, birgt sie in sich eine entscheidende Aussage des Films: Selma muss erst ganz blind werden, bevor sie auch in der “Realität” singen kann, bevor von Trier nicht das Multicolor-Filmmaterial benutzt, sondern die normalen Digibilder. Vielleicht ist es aber auch die Unabwendbarkeit des eigenen Todes, die Selma endlich die irdischen Grenzen überwinden lässt, ihrem Inneren, das sich zuvor den Zwängen des fremden Regimes unterordnete, freien Lauf lässt. Von Trier hat sich dazu entschieden, Selma (am Strang) sterben zu lassen. Eigentlich hätte man das von ihm nicht anders erwartet, ein Bruch mit der Konsequenz, ein Einlassen auf eine verklärte Hollywood-Schöne-Welt-Ästhetik würde nicht zu ihm passen, und doch liegt so etwas wie ein Deus ex Machina (in der Antike eingeführte Begrifflichkeit für eine übernatürliche Konstellationslösung von oben) in der Luft, neigt man kurz dazu, mit Rauchschwaden und Zaubertricks zu rechnen.
Björk hätte Selma nicht unbedingt sterben lassen, weiß die Entscheidung von Triers aber zu verordnen. Zum einen wollte der Regisseur ein Statement zur Todesstrafe abgeben, zum anderen muss man “Dancer In The Dark” im Kontext mit seinen anderen Filmen sehen: “Das ist Lars’ Idee von Märtyrertum. Er hat eine Trilogie moderner Märtyrer im Sinn: ‘Breaking The Waves’ war der erste Film, danach ‘Die Idioten’, und das hier ist das große Finale in seiner Darstellung gequälter Frauen.” Lachen.
Und trotz aller Skepsis haftet ihren Worten auch großer Respekt für von Triers Arbeit an, an der teilzuhaben sie stolz ist: “Ich halte das Skript für die Arbeit eines Genies. Es passt alles zusammen, Selma gewinnt und verliert zugleich.”
Die Zeitungen haben viel geschrieben, sich an dem Zitat von der fast schon legendären Pressekonferenz in Cannes aufgepusht, wo von Trier mit seiner leisen Stimme die dramatisch anmutenden Worte 'Everybody who meets Björk should tell her I still love her' hauchte. Doch dahinter steckt, wie oft im Medienrummel, nichts wirklich Substanzielles: “Das Zitat von Lars ist seine typische Art, mich zu ärgern. Lars ist geprägt von der Hippie-Generation und versucht, ähnlich wie es meine Mutter versuchte, Grenzen zu überschreiten, und seien es die Grenzen anderer Menschen. Meine Mutter hat einmal mein Tagebuch genommen und es ihren Freunden vorgelesen. Zur Befreiung aller. Ich fand und finde das nicht gut. Wenn ich mit meiner Großmutter spreche, geht es um anderes, als wenn ich mit meinem Geliebten spreche. Lars ist von der Wahrheit besessen. Das ist wunderschön und auch einer der Gründe, warum ich ihn so bewundere, das ist sein Genie. Ich glaube jedoch, dass er andere Wege zur Wahrheit finden muss. Lars setzt Entblößung und Nacktheit mit Wahrheit gleich. Er sagt Sachen in der Öffentlichkeit, die für mich dort nie denkbar wären. Das weiß er auch.”
Love Parade
Ich habe die völlige Hingabe an das eigene künstlerische Werk noch im Ohr, da bricht die Apokalypse über mich herein. Wir haben noch immer den Vortag der Love Parade. Es sind lediglich zweieinhalb Stunden vergangen, Zeit genug in unserer schnelllebigen Welt, um viel Raum zu überbrücken, Distanz zu schaffen. Was würde Björk denken und sagen, wenn sie jetzt wie ich in einem voll gestopften U-Bahn-Wagen inmitten debiler Raver stehen würde. Wahrscheinlich nichts. Denn sie wüsste, dass ihr Plädoyer für die Introvertierten Menschen dieser Welt, ihre Ausführungen zur Einsamkeit und vor allem ihre ungezügelte Freude an der künstlerischen Arbeit sich bei mir eingebrannt haben und es - ausnahmsweise - keiner Worte mehr bedarf.
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