Midfield General

mehr als bigbeats

19.08.2000, 10:40, Text: Autor unbekannt

Für Damian Harris, den Midfield General- und Skint-Label-Betreiber, ist BigBeat sicherlich letzteres, auch wenn er heute viele Releases in die Vinylschmelzmaschine wünschen würde. Jaja, die Geister die man rief – oder auch nicht. Denn eigentlich war Harris 1988 für sein Kunststudium nach Brighton gezogen. So richtig hingehauen hat das freilich nicht. Das Jobben im lokalen Plattenladen „Rounder Records“ und die dortige Bekanntschaft mit dem Ex-Housemartin Norman Cook, der gerade zum Pizzaman mutierte und den Fatboy Slim rausließ, sowie die Mitarbeit beim Houselabel Loaded kamen dazwischen. Harris blickte hinter die Plattenindustrie und „realisierte, dass man das ja auch alles selber machen kann.“
Skint wurde mit der Unterstützung von Loaded geboren.

Einzige Bedingung: kein House auf Skint. Für Harris nicht weiter schlimm: „Ich mochte die Herausforderung, neue Musik zu finden.“ Und Cook machte diesen Sound. Das Label sollte aber nicht nur mit dessen Namen verbunden werden, dafür gab es zu viele interessante Künstler. Es folgten Releases von Bentley Rhythm Ace, Lo Fidelity Allstars und Req, die sich allesamt an einer ähnlichen Ästhetik abarbeiteten: „Zu der Zeit war TripHop ziemlich präsent, aber man wünschte sich etwas Heftigeres, mit mehr Energie. Es gab zwar gute Platten, aber nicht unbedingt die, die man spielen wollte – also musste man sie machen.“ Damit war BigBeat erfunden bzw. die Musik, die von der englischen Presse recht schnell mit jenem Etikett versehen wurde. Und Harris sorgte für die zugehörige Szene, indem er alle Künstler nach Brighton lockte und gemeinsam mit Cook den Club Boutique ins Leben rief. Doch die dunklen Wolken nahten: „Als BigBeat dieses große Ding wurde, begannen viele Musiker und Majorlabel, sich dafür zu interessieren. Wenn du dir die Dancemusikszene anschaust, dann gibt es immer jede Menge Leute, die darauf warten, dass die Musik kommt, mit der sie bekannt und berühmt werden können. Es gab sehr viele nicht gute Platten, die mit dem Etikett ‘BigBeat’ versehen wurden und mit denen ich nun wirklich nicht in einen Zusammenhang gebracht werden wollte.“ Und mit diesen kam das große Geld. Harris musste Skint zur Hälfte an Sony verkaufen (gilt nur für den internationalen Markt), um den drohenden Verlust seiner Acts zu vermeiden: „Wir mussten eine Entscheidung treffen: entweder wir lassen sie ziehen, oder wir bekommen irgendwoher Geld, um ihnen etwas bieten zu können.“
Nach fünfjähriger Existenz legte Harris das Label erstmals für ein halbes Jahr auf Eis und widmete sich seinem Midfield General-Projekt, mit dem er bis dato nur Compilationbeiträge (auf der hauseigenen „Brassic Beats“-Serie) herausgebracht hat: „Es war an der Zeit, neue Inspiration zu finden, weiterzuziehen, damit die Leute in uns nicht nur BigBeat sehen, sondern ein offenes Dancelabel.“
Dass dem so ist, zeigt zumindest Harris mit seinen beiden aktuellen Releases, der Mix-CD „On The Floor At The Boutique Vol. 3“ und dem Album „Generalisation“. Beide zeugen von seinem Faible für Freiräume in der Musik, eine Tendenz, die konträr zu dem BigBeat-Prinzip „mehr ist besser“ steht. Die Mix-CD ignoriert stilistische Grenzen und integriert TripHop, House, Breakbeat, BigBeat und Techno – und bietet erstaunlich viele alte Platten: „Die Hälfte der Platten, die ich spiele, ist alt. Es gibt sehr viele gute, historisch bedeutsame Platten, die noch immer sehr gut klingen.“ Und auch „Generalisation“ ist alles andere als eintönig geworden. Harris sucht und findet seinen Weg nach BigBeat im stimmigen Eklektizismus. Indem er die einzelnen Soundideen auf unterschiedliche Tracks verteilt, umgeht er die Gefahr der Überladung. „Generalisation“ wirkt aufgeräumt, aber nicht penibel kleinkariert. Harris kreiert mit viel Seele seine Definition of Dancemusic, in der sich, angenehm locker arrangiert, Partikel aus Drum’n’Bass, Techno und vor allem Soul wieder finden und um die herum die von ihm so dringend benötigte Luft zum Atmen ist.



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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