Word Sound

die dritte generation der kakerlaken

18.08.2000, 10:06, Text: Autor unbekannt

Als ich Label-Betreiber Skiz Hernandez 1997 das erste Mal per Telefon interviewte, gab es noch regelmäßige „Word Sound-Kommuniqués“, kleine theoretische Zettelchen, die - im Tonfall denen von Alec Empires Label Digital Hardcore ähnlich - von einer Guerilla-Taktik des Labels gegen „The Beast“ (also Major-, Medien- und Fashionsucker-Zusammenhänge aller Art) wetterten, einen Zusammenhang aufgeklärt-spiritueller und „originaler“ Existenzen priesen, ohne dabei jedoch in irgendeiner Form explizit zu werden, also die Zusammenhänge weiter gehend zu erläutern und die Oberfläche ihrer Rhetorik zu durchstoßen.

Das mag nun auch wirklich nicht Aufgabe eines Musiklabels sein, wenn es sich jedoch schon auf das Terrain „politischer Dissidenz“ begibt, ist kritisches Hinterfragen - bei aller generellen Sympathie und dem strikten Unten-Sein mit den Idealen und vor allem den Betreibern des Labels - unumgänglich.
Das zweite Mal besuchte ich Skiz im Sommer ‘98 in Williamsburg, Brooklyn, dem alten Word Sound Compound, von dem aus er immer noch alleine das Label betreibt, und bereits da begann er die schleichende gentrification in seinem Bezirk zu spüren. „Ich gehörte zu den ersten Künstlern, die hier hinzogen, es gab vielleicht ein Restaurant in der Umgebung der 11. Straße.“ Dann wurde Williburg stetig schicker, nach den sozial schwachen Künstlern kamen die reicheren, die gehobeneren Mittelständler - die Miete wurde verdoppelt, und aus war es.
Nun habe ich Skiz wieder in der Leitung. Die gentrification des Bezirkes, also die „Aufwertung“ eines sozial schwachen Areals durch wohlhabendere Mieter - Manhattan wird schnell eng -, hat ihn mittlerweile nach Quinton Hill getrieben, zwar eine „nice neighbourhood“, aber direkt angrenzend an den größten schwarzen Ghettobezirk New Yorks mit chronisch schlechtem Ruf, Bedford Stuyvesant. In zwei Wochen muss Skiz erneut die Bude räumen: „Die Yuppies schmeißen mich wieder raus, und ich habe noch nichts Neues. Ich meine, ich muss nicht mehr ums Überleben kämpfen, aber ich frage mich, was mit den Leuten passiert, die das wirklich tun!“ Die Dislozierung der schwarzen und hispanischen Bevölkerung hat den Zuzug von fast ausschließlich Weißen zur Folge, und das erweckt Ressentiments.
Aber es gibt auch Positives zu berichten, von massig neuen Gesichtern auf der Compilation beispielsweise: Bimos ist ein Protegé von Prince Paul, Produzent der ersten Metabolics-Scheibe und von Mr. Deads Soloalbum, ein Beatmaster aus Long Island. M. Sayyid kommt vom Anti-Pop-Consortium, ist ebenso MPC-Meister, ein außergewöhnlich guter MC mit superben Lyrics. Mr. Law ist ein Verrückter aus Georgia, der äußerst durchgedrehte Grafik macht. „Er kam zu mir mitten im Hochsommer mit dem Bus aus Georgia, im Bärenfellkostüm. All the way.“ Verstehe. Mentol Nomad ist eine Entdeckung von Skiz, ein junger Puerto-Ricaner aus Brooklyns HipHop-Szene. Hinter Outer Space stecken zwei Puerto-Ricaner aus dem Prince Paul-Kontext. Unipod dagegen ist ein Lehrer, der die „original vibes“ von HipHop und Graffiti in die Grundschule bringt.
Und dann sind da noch die alten Bekannten: Ish, Scotty Hard, die Skiz-Buddies Mr. Dead und Sensational. Der Meister selbst steuert natürlich auch noch einen Track bei. Mit Spectre ist er wie üblich superdunkel unterwegs. „Von jeder Platte verkaufen wir durchschnittlich 5000“, so Skiz, „das ist nichts, aber es gibt eine Latte von Leuten, die uns treu unterstützen, gerade in Europa.“ In NY selbst ist man zwar nicht unsichtbar, ein Showcase im von John Zorn kuratierten Tonics steht gerade bevor, aber: Das sei Luxus, so Skiz, die Labelarbeit sei viel intensiver in einem Land, „wo die Herdenmentalität übergroß ist und die Kids die Popmusik mit Löffeln gefüttert bekommen.“ Harte Zeiten, auch für die Word Sound Posse, aber „The Ill Saint“ ist zuversichtlich: „Du kannst diese Stadt nicht kontrollieren - sie ist Natur, gemacht von Menschen. Und wir sind wie Kakerlaken - die überleben auch immer.“



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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