R'n'B Quo Vadis
enttäuschte liebe, guter sex und gott
17.08.2000, 22:32, Text: Autor unbekannt
Welche Musik dringt eigentlich in lauen Sommernächten an Flanierstraßen aus schwarzen 3er BMWs mit Alu-Felgen? Was legen eigentlich DJs in zu schicken Klamotten mit zu viel Gel im Haar bei so genannten “Soul-Partys” für ihr BWL-Publikum auf? Was hört denn der Vorstadt-Stecher, wenn er sein Seidenhemd nur halb zuknöpft und sich mal so richtig sexy fühlen will?
R’n’B, also Rhythm’n’Blues, hat es schwer bei den popkulturell Interessierten hier zu Lande: Das ist doch nur schmalziger Satinbettwäsche-Sound, sagen sie, die klangliche Untermalung zum Upperclass-Koitus im Versace-Schlafanzug. Klanguntermalung, mit der man höchstens bei einem Moët-getränkten Candlelight-Dinner nichts falsch macht.
Denn R’n’B ist auch die sexy Schwester von HipHop. Die Musik, mit der Afroamerika Beziehungspolitik und Mikro-Gesellschaftsmodelle verhandelt, wo sich doch HipHop lieber mit Jungsprotzereien, Szene-Gerangel und Weltphilosophischem beschäftigt. Tatsächlich Musik zum Kuscheln statt zum Cruisen. Und das Produkt R’n’B ist auch ein faszinierendes Mess-Instrument für den Zustand jenes Teils der US-Unterhaltungsindustrie, der sich in den Händen von Black America befindet. Nicht nur deswegen ist R’n’B auch der legitime Nachfolger von Soul. Denn während alte Helden wie Isaac Hayes oder, immer noch auf Motown, die Temptations eher belanglosen Zahnlos-Soul als Abendbrot-Beschallung für gelangweilte Ehepaare produzieren, führt R’n’B Experimente und Exkursionen für schwarze Gesangsmusik durch. Da ist, zu Recht, eine neue Generation am Start. Interessant also. Aber, wenn man sich mal nicht die Sicht durch Vorurteile behindern lässt, oft auch einfach nur wunderschön. Das hat natürlich viel mit Gesang und den darin behandelten Themen zu tun. Schöne Oberflächen männlichen und weiblichen Geschlechts, echte Menschen also, geben einen Teil ihres Körpers (die Stimme) für ergreifende oder partytaugliche Radio-Wegwerfprodukte her. Also Pop in reiner Form. Und wie schon im Soul kann ein Mann hier noch ein echter Kerl sein und gleichzeitig doch Gefühle preisgeben. Frauen sind wahlweise mächtige Königinnen, leidensstarke Individuen oder begehrenswerte Sex-Symbole. So sind auch die Themen gerne mal ganz oben aufgehängt: Weltschmerz, enttäuschte (oft) und glückliche (selten) Liebe, guter Sex und Gott. Was könnte man daran aussetzen?
Viele Plattenkäufer setzen daran nichts aus: In den USA und auch hier zu Lande ist R’n’B ein Riesengeschäft. Auch Janet Jackson und Whitney Houston haben spätestens seit “The Velvet Rope” beziehungsweise “My Love Is Your Love” diese Musik als Möglichkeit für ein zeitgemäßes Update ihrer 80er-Jahre-Karrieren gefunden. Da läuft die gut geölte Unterhaltungsindustrie zur Hochform auf und verkauft Megaplatin-Acts mit den immer gleichen Klischee-Werdegängen: Die Künstler sind aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, aber mit musikalischen Eltern, gerne mal selbst Musiker. Darum nennt der typische R’n’B-Sänger als Einfluss, der ihn von Kindheitsbeinen an zum Singen getrieben hat, auch immer Stevie Wonder, Gladys Knight, die Supremes, die Four Tops, die Isley Brothers, Curtis Mayfield oder Marvin Gaye. Also ging’s mit fünf Jahren ab in den Gospelchor der örtlichen Kirche, um dort Gesang von der Pike auf zu lernen. Später auf der Highschool gab es dann die erste eigene Gesangstruppe, danach Backgroundgesang bei bereits berühmten Kollegen - bis man schließlich in Las Vegas oder bei Gesangswettbewerben selbst von einem Produzenten entdeckt wird. Man kennt solche Geschichten. Vielleicht stimmen sie nicht immer, aber zumindest der Part mit den Produzenten trifft es: überwiegend männliche Teams wie Trackmasters (Mary J. Blige) oder Neptunes (Kelis) und Einzelproduzenten wie Kevin “She’kspere” Briggs (Destiny’s Child) oder Rodney Jerkins (Brandy) bestimmen den künstlerischen Output vieler weiblicher und männlicher Sänger. Autoren-R’n’B ist selten.
Hier haben wir tatsächlich einen Kritikpunkt, der so auch schon auf die Hitfabriken des Soul zutraf: planende Produzenten, ausführende Künstler. Vielleicht muss das bei industriell gefertigtem Pop so sein. Das Ergebnis sind jedenfalls schön anzusehende Frauentruppen wie En Vogue, 702, S.H.E. oder, nah am HipHop, SWV. Beziehungsweise zuckersüße Solo-Acts wie Brandy, ihre Ex-Freundin Monica oder Toni Braxton. Ausnahmen auf weiblicher Seite sind leider rar: Missy Elliott und Lauryn Hill zumindest haben ihre Karrieren komplett selbst in der Hand. Vor allem Missy hat es geschafft, als Frau erfolgreich zu sein, ohne barbiemäßig-sexy wirken zu müssen. Sie hält lieber ihre Geschäfte tight. Zumindest in ihren Texten jedoch, ob selbst verfasst oder nicht, haben ja einige R’n’B-Sängerinnen in letzter Zeit den Payback im Geschlechterkampf ausgerufen: Kelis zum Beispiel macht in “Caught Out There” ihren fremdgehenden Freund verbal und tatkräftig zur Schnecke.
Destiny’s Child sehen das ähnlich. Ebenso TLC, die über “No Scrubs” schimpfen, also Spacken-Männer, die es nicht bringen. TLCs Lisa “Left-Eye” Lopes soll ja sogar mal ihrem Freund das Haus angezündet haben, weil der zu einer anderen ins Bett stieg.
Das passende Ziel für solche schönen Schimpfkanonaden ist jener männliche R’n’B, den man als weißer deutscher Mittelklassemensch eigentlich nur mit einem ironischen Grinsen konsumieren kann: aufgetakelte Aufreißertypen wie Luther Vandross, Sisqo und Joe, R.Kelly mit seinem megaopulenten Multiseller-Doppelalbum “R.” oder Montell Jordan (Albentitel: “Let’s Ride” und “Get It On ... Tonite” - zwinker, zwinker, noch Fragen?). Diese Leute sehen sich wohl eher als Nachfolger Barry Whites denn Marvin Gayes: Kuschel-Geschmachte statt Consciousness, mit Kohle statt mit Verstehen protzen.
So findet R’n’B wie dieser vor allem in Lofts mit Edel-Ledergarnituren und satinbezogenen Riesenbetten statt. Die handelsüblichen Videos zeigen Designerklamotten, durchtrainierte Oberarme und Waschbrettbäuche bei Männern, Pelze, extravagante Sonnenbrillen, Gucci und Prada bei Frauen - und dabei immer ein Kruzifix um den Hals und dem lieben Gott danken, dass man es so weit bringen durfte. Es wimmelt von Statussymbolen wie dicken Limousinen, Goldkettchen, Champagner und Swimmingpools. Das Vorzeigen von Erfolg und Wohlstand spiegelt wohl das Streben nach gesellschaftlicher Akzeptanz wider, die einer ganzen Schicht von US-Bürgern immer noch versagt bleibt: es mit Gesang zu etwas bringen. In Deutschland identifizieren sich mit R’n’B anscheinend tendenziell eher testosteronüberschüssige Kollegen mit, siehe oben, schwarzen 3er BMWs und einem Pitbull als bestem Kumpel. Menschen also, die etwa den Kölner Plattenladen “Groove Attack” mal eine Zeit lang dazu brachten, keine R’n’B-Platten mehr zu verkaufen - man hatte zu viel Stress mit den ganzen Kampfhunden im Laden. Dazu passt dann deutscher R’n’B wie der des gottesfürchtigen Dummschwätzers Xavier Naidoo oder des Möchtegern-Stechers Ayman (“Mein Stern”). Aber es gibt auch guten R’n’B aus Deutschland, der hier ebenso wie in den USA direkt mit der HipHop-Kultur verwandt ist: Brooke Russell und Danacee etwa, beide aus dem Benztown-Umfeld.
Unsere britischen Nachbarn haben, ebenso wie beim HipHop, ein kleines Akzeptanzproblem ihrer R’n’B-Produktionen bei den Plattenkäufern jenseits des großen Teichs. Denn diese wollen lieber die Originale als Kopien aus Europa. Dabei gibt es auf der britischen Insel sehr schöne Werke, etwa von Angel Lee, Cleopatra oder den leider in letzter Zeit etwas stillen All Saints. Doch jetzt will das Vereinigte Königreich den selbst generierten 2Step-Garage-Boom nutzen, um endlich genuin britischen R’n’B zu etablieren. Erste Resultate davon finden sich auf dem großartigen Craig David-Debüt “Born To Do It” und in Ansätzen bei MJ Cole. Gebrochene, tanzbare Beats mit Gesang. Die Verbindung lag nahe, da 2Step schon lange R’n’B-A-cappellas bootlegte, die bei US-12-Inches zur Standardausstattung gehören. So kommt es übrigens auch zu diesen ganz großartigen Ragga-Bootlegs von R’n’B-Stücken, bei denen harte Riddims mit säuselnden Frauenstimmen kollidieren und die so jeden Tanzflur Kopf stehen lassen. Breakbeats jedenfalls sind das Element, das in jüngster Zeit auch in den USA zu einer der interessantesten Evolutionen geführt hat: Cyber-R’n’B. Vor allem der Producer Timbaland, so geht das Gerücht, hat beim britischen Drum’n’Bass viel über den Groove komplett gebrochener Beats gelernt und sein Verstehen in die USA importiert - auch wenn er diese Inspiration selbst komplett abstreitet. Sein zersplitterter Beat-Futurismus jedenfalls bescherte der Musik einige ihrer aufregendsten Rhythmik-Momente - etwa bei der umwerfenden Aaliyah und ihrem 303-Electro-Breakbeat “Try Again”. An Ähnlichem bastelt auch Missy Elliott. Die passenden Bilder dazu hat Clip-Regisseur Hype Williams gefunden, der die Bilder im Takt zerbröselt und Menschen in surrealistischen Hyperräumen in neue Daseinsformen morpht - etwa bei Busta Rhymes’ und Janet Jacksons “What’s It Gonna Be?!”
Aber es gibt im R’n’B auch eine komplett gegenläufige Bewegung: rootsbewusste Neo-Soul-Aktivisten, die auf die Tradition ihrer Musik setzen. Der bezaubernde Funk von D’Angelo und seiner Ex-Freundin Angie Stone etwa, das kratzige Rockorgan mit dem Extra-Weltschmerz-Faktor Macy Gray oder Erykah Badu mit ihrem Afrozentrismus und einer Stimme, die Herzen schmelzen lassen kann. Aretha Franklin, Billie Holiday und Roberta Flack stehen hier Pate. Das alles überragt der Diamant Maxwell mit echtem Soul in urbanem Design und Weltoffenheit. Der Mann hat sogar Affinität zu Kölner Minimalelektronik und sich auf eigenen Wunsch einen Track von Kompakts Jürgen Paape remixen lassen. Wow.
Auch aus den Überresten der zerfallenen R’n’B-Soul-Gigantentruppe Tony Toni Toné haben sich einige glitzernde Fundstücke zusammengefunden: So lästert Dwayne Wiggins auf seinem sehr hübschen Soloalbum “Eyes Never Lie” über “nasty little R&B singer” und veröffentlichen Destiny’s Child auf dessen Label “Grass Roots Entertainment”. Raphael Saadiq dagegen hat sich mit Ex-En-Vogue-Diva Dawn Robinson und dem ehemaligen ATCQ-Mitglied Ali Shaheed Muhammad zur Supergroup Lucy Pearl zusammengetan. Gemeinsam mit Muhammad hatte Saadiq auch schon beim samtweichen Schmeichelfunk von D’Angelo die Hände mit im Spiel. Bleibt zu hoffen, dass auch der ehemalige Dritte im Tony Toni Toné-Bunde, Timothy Christian Riley, bald so große Dinge auf die Beine stellen wird.
Damit würde er jedenfalls zur weiteren Rehabilitation von R’n’B beitragen, der keinesfalls nur aus muskelbepackten Deppen und trällernden Black Barbies besteht. Sondern der einige Edelsteine zum Entdecken bereithält und zuverlässig den Soundtrack zu jedem Sommer liefert. Den Moët-Champagner in dicken Schlitten kann man ja trotzdem noch genießen - selbst wenn es nur im Traum und mit einem zwinkernden Auge ist.
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