The Thievery Corporation
agenten des guten geschmacks
15.08.2000, 19:26, Text: Autor unbekannt
Das Fotoshooting im Hamburger Hafen, das durch einen verspäteten Flieger auch den Fotografen mit seiner Kamera Warteschleifen fliegen lässt, ist jedoch nicht der alleinige Grund, warum das Duo wieder einmal seinen Weg auf den alten Kontinent gefunden hat. Eric Hilton und Rob Garza (den man sich dank seines Jobim-Spitzbartes bestens merken kann) haben nach ihrem letztjährigen Remixalbum “Abductions And Reconstructions” nun endlich ihr erstes eigenes Full-Length-Album mit dem verschwörerischen Titel “The Mirror Conspiracy” fertig gestellt, das für beide wie die erste gute Krawatte eine neue Qualitätsstufe bedeutet und Eric schwärmen lässt: “Zwischen den alten Produktionen und dem neuen Album gibt es einen großen Unterschied.
Auch Rob Garza, der Eric gerne die Wortführerschaft überlässt und beim Shooting auch gerne Mal etwas kompliziertere Umgangsformen vor das Objektiv bringt, sieht mit dem neunen Album musikalisch einen neuen Horizont erklommen: “Im ganzen Soundbild ist dieses Album wesentlich runder und detaillierter geworden. Bei ‘Sounds Of The Thievery Hi-Fi’ gab es viel simplere Beats und kaum Arrangements. Da wir aber in letzter Zeit sehr viele Vocal-Platten gehört haben, wollten wir beim neuen eigenen Album einen möglichst hohen Standard erreichen, und das haben wir auch als eigene Herausforderung gesehen.”
Neben der modischen Erscheinungsweise gehört auch die Einarbeitung guter Stimmen zu den markantesten Eckpunkten der musikalischen Firma namens Thievery Corporation. Die Songs mit französischen Texten schrieb eine Freundin aus Washington, bei “Lebanese Blonde” und dem Titeltrack übernahm das Duo die textliche Verantwortung jenseits der üblichen Come-on-take-me-higher-Strickmuster. “In erster Linie muss man dem Sänger oder der Sängerin eine Performance entlocken. Wir sind selber keine Sänger und obwohl diese Künstler sehr talentiert sind, bestimmen wir, wie sie zu singen haben. Das war manchmal schon komisch, aber da haben wir uns auf unser Gefühl verlassen. Rückblickend war es wirklich ungemein schwer, einen richtigen Song zu schreiben, der dann etwas aussagt und auch noch originell ist. Da bewegt man sich als Produzent auf einem ganz schmalen Grat, und wir überlegen oft lange, ob der Song überhaupt Gesang braucht und nicht ein Instrumental besser ist. ‘Indra’ funktioniert allein durch seine Stilmischung so wunderbar, da hätte eine Gesangsstimme den Track nur überlastet. Bei ‘La Monde’ dreht sich dagegen gerade alles um die Vocals!”
Nicht nur der weltliche Auftritt des Duos - bevorzugt in Marken wie Gucci, Boss oder Prada - hat seine Reize, auch die virtuelle Appearance besitzt einen eigenen Charme. In einer Mischung aus Popfarben, großen Visuals und Möbeln der Siebziger ist der Webauftritt vom eigenen Label Eighteenth Street Lounge Music unter www.eslmusic.com eine Reise wert. Gerade für Infos über ihre äußerst gefragten Remixe ein lohnenswerter Aufenthaltsort. Denn neben Stereolab, David Byrne, Pizzicato 5, Hooverphonic oder Ursula 1000 steht auch ein Remixauftrag von Kraftwerk vor und in der Studiotür, auch wenn Eric nicht wusste, das andere davon schon wissen sollten. “Mir hat niemand gesagt, dass das schon auf unserer Website steht. Dieser Remixauftrag gehört zu einem größeren Remixprojekt, wo Coverversionen von alten Kraftwerk-Klassikern gesammelt werden, und da wir große Kraftwerk-Fans sind, haben wir uns nach langen Überlegungen für ‘Computer Love’ entschieden. Die ‘Abductions And Reconstructions’-CD hat ja gezeigt, wie seltsam das ganze Remixbusiness ist. Oft sind diese Tracks nicht mehr nur Remixe, sondern komplett neue Songs. Da steckt dann so wenig vom Original drin, dass es eigentlich gar nicht mehr den Namen verdient. Auf der einen Seite ist das zwar eine sehr schöne kreative Freiheit, aber andererseits auch eine seltsame Abwandlung, wo eher eine ganze Neuinterpretation dahinter steht. Deswegen gab es auch diese CD, auf der unsere besten Remixe mit sehr vielen eigenen Ideen auch so präsentiert werden sollten!”
Beim eigentlichen Fotoshooting müssen sich Eric und Rob mit der kreativen Freiheit anderer auseinander setzen - die Kleidungsauswahl trifft farblich und stilistisch nicht so ganz ihren Geschmack: Alles jenseits von Schwarz und dessen Abstufungen scheint nur widerwillig Sinn zu machen für die beiden, da mögen die Designerarbeiten der neuesten Kollektion von Dirk Schönberger, Raf Simons oder des Designerduos Soto_Stich noch so viel Applaus aus Fachkreisen beziehen. Dabei würden gerade die sommerlichen Töne perfekt zu ihrem eigenen Club in Washington passen. Und wie würde Eric abschließend dieses Haus einem blinden Besucher erklären, der auf seine Mode nicht so achten muss? “Uhh, das ist eine schwierige Frage! Der Club ist in einem großen, alten Haus und hat eigentlich überhaupt nichts von dem, woraus Danceclubs normalerweise bestehen. Wir haben einen Palmengarten, drinnen mehrere Kamine, eine Menge schöner alter Sofas, und in einem Raum ist alles komplett in Goldfarbe gehalten. Insgesamt ist das Haus recht groß, und viele sind dann immer extrem beeindruckt, dass alles wie ein Club funktionieren soll. Und genau so soll es auch gedacht sein - als ob man einen Freund zu Hause besucht!”
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