Cristian Vogel

ein virus, eine subversive bombe

15.08.2000, 16:26, Text: Autor unbekannt

“Musik ist zwar ein wichtiger Teil meines Lebens, aber um nicht meine Bezüge zu verlieren, ist es wichtig, die Welten zu trennen. Mein Zuhause, meine Familie, meine Freunde, meine Wohnung ... Ich bin unten mit meinem Leben in Brighton, ich mag es, wenn mich die Leute mit ganz alltäglichem Kram belästigen und mich fragen, ob ich mit in den Pub gehe, und nicht, warum ich keine Clubnacht veranstalte. Ich bin nicht berühmt und habe auch kein Popstar-Problem, aber in anderen Städten geht es eigentlich immer um meine Musik.” Vogels Techno-Philosophie kommt auf Grund ihres verkopften, zu wenig banal-hedonistischen Ansatzes in England nicht so richtig an.

Das hat sich auch mit seinem Bruch mit dem frühen Minimaltechno-Ansatz nicht geändert. Vogel hatte die Schnauze voll, das Limit einer Drummachine und eines Synthesizers zu erforschen: “Jamie Lidell [sein Partner bei Super_Collider] und ich nennen das ‘Maximal’. Man holt alles aus dem Computer heraus, was er zu leisten in der Lage ist, alles geht ins Rote.”
Das klingt so, als läge ihm der Transfer vom cluborientierten Minimaltechno zu einer sehr abstrakten, funky Elektronik, die sich am ewig verlockenden Spiel mit dem Gegensatz aus Avantgarde und Popappeal abarbeitet, wirklich am Herzen. “Diese verschiedenen Elemente, die zusammen kollidieren, kreieren eine unglaubliche Energie in der Musik. So viel Energie, wie ich sie nie erreicht hätte, wenn ich weiter diesen Minimal-Shit gemacht hätte. Das war wirklich sehr aufregend, besonders 1997, als wir mit dem Projekt angefangen haben. Mein Kopf fing Feuer. Kommerziell ist es leider gefloppt. Dafür hatten wir überall gute Kritiken. Die richtigen, die guten Leute haben es verstanden. Wir hatten nach all der Energie und dem großen Aufwand, den wir in das Projekt gesteckt haben, eigentlich mehr erwartet. Von daher waren wir frustriert, dass es nur eine Minderheit interessierte.”
Mit seinem aktuellen Soloalbum “Rescate 137” hat er das Pendel etwas zurückgeschwungen. Es klingt nicht mehr ganz so weird wie Super_Collider, lässt die Breakbeats gerne auch mal straight ihren Weg gehen und erleichtert so den (Tanz-) Einstieg. Vogel hat in gewisser Weise seine Konsequenzen aus der bisherigen Super_Collider-Rezeption gezogen (was sich sicher auch auf dem im Entstehungsprozess befindlichen zweiten Album zeigen wird) und mit “Rescate 137” “ein Statement zur Situation von Techno, der Community, der ich entstamme”, abgeliefert und nicht mehr den ganz großen Bezug gesucht. “Ich möchte ja nicht isoliert sein, einsam vor mich hin klagen: ‘Ich bin kein Technokünstler, kein Housekünstler, kein HipHopper ...’ Es geht darum, zu sagen: ‘Das hier ist eine potenzielle Zukunft für diese Musik. Ihr könnt vielleicht dazu tanzen, aber achtet auch mal darauf, wie zerbrechlich sie ist, wie löslich die Struktur ist. Es klingt, als könne alles jeden Moment auseinander fallen.’ Ich möchte eine Tür öffnen – und dabei hoffentlich auch Platten verkaufen.”
Da kommt auch Brighton wieder ins Spiel. Durch seine dort erlebte musikalische Isolation ist es Vogel gewohnt, an der “Frontlinie” zu stehen: “‘Wo ist unser Publikum’, war schon immer eine der zentralen Fragen von Art-Music. Und die Antwort: ‘Unsere Musik ist so fortschrittlich, dass es das Publikum noch gar nicht gibt.’ Das befriedigt mich aber nicht. Diese Musik soll kommunizieren - wenn sie das nicht macht, ist sie unnütz.”
Berührungsängste kennt er dementsprechend nicht. Auf der diesjährigen Love Parade trat er mit Super_Collider im Tresor auf, obwohl ihm viele davon abrieten: “Dort können Veränderungen bewirkt werden. Indem wir an diesem Platz existieren, wo uns die Leute wirklich gar nicht erwarten, können wir sie von unserem neuartigen Live-Ansatz, von der dargebotenen Qualität überzeugen. Wir sind talentierte, engagierte Leute, und wir machen das während der Love Parade, da wir die Leute wachrütteln, ihre Köpfe wegblasen, sie für uns gewinnen wollen. Wir sind ein Virus, eine subversive Bombe. Es geht um das Infiltrieren des Systems, die eigene politische Botschaft hineinzubringen.”
Eigentlich schon beim informellen Teil des Treffens angelangt, wird Cristian Vogel plötzlich ernst: “Glaubst du, die Leute werden die Platte mögen?” - Ich hoffe es, aber wie du sagtest, die Diskrepanz zwischen dem Empfinden der Kritiker und dem des Publikums ist leider oft groß ... “Im Gegensatz zum Super_Collider-Album ist es nicht der ganz große Wurf. Sie müssen also nicht zu überschwänglich schreiben, das erhöht die Chancen.” Hoffen wir es.

Auf www.no-future.com kommentiert Vogel jeden Track des Albums.



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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