Stella
kommunizieren, sprechen, versprechen - etwas wagen
14.08.2000, 12:50, Text: Autor unbekannt
Es gibt manchmal CDs, da weiß man: über die wird man noch in drei Jahren oder so reden. Die neue Stella zum Beispiel. Und das nicht nur, weil sie „Finger On The Trigger For The Years To Come“ heißt. Was ziemlich lautstark und lyrisch zugleich klingt. Und auch nicht unbedingt, weil sie in einem Hamburger Diskurs-Pop-Umfeld entstanden ist. Sondern weil sie vor allem eines will: gerade nicht die kommenden Jahre vertonen, sondern die Gegenwart, den Moment oder die vielen Momente, die die Gegenwart ausmachen. Reden wir also nicht über die Jahre, die da kommen werden, reden wir über den Augenblick. Und vor allem: reden wir.
Mense Reents [übrigens einer der beiden Typen von Egoexpress]: Es geht doch auch um einen sinnlichen Ausblick.
Hendrik Weber, der neue Bassist: Um Visionen irgendwie.
M: Um eine Möglichkeit. Eine Perspektive. Irgendwas.
Ruhm
Begonnen hat alles vor drei Jahren. Damals rückten Stella sich mit dem kleinen Indie-Hit „Ok, Tomorrow I’ll Be Perfect“ ins Licht der Pop-Öffentlichkeit. Und apropos Licht. Ein Licht, ein „super spot light“, ist ständig präsent in ihren neuen Stücken. Es geht um die Bühne, um die Show, die Arena. So beginnt zum Beispiel „Opening Night“ mit den Worten: „My best two talents are on super spot light like my bad moods, are your bad news entertainment.“
Es ist einer der schönsten und ruhigsten und persönlichsten Songs auf der Platte, und man sieht die Sängerin förmlich vor sich, wie sie in der Bandgarderobe sitzt, unten mit den Nerven, und melancholisch wird. Über ihre Star-Rolle sinniert, in Drinks, Gedanken und Arroganz gehüllt. Wie es ist, die Show zu machen, davon handeln dieser und viele andere Songs auf der Platte, und was sagt das Publikum dazu, was der Direktor. Stücke über Rollenspiele. Dass Ruhm ein Schimpfwort ist. Und man trinken muss, um außer Reichweite zu gelangen. Vorgetragen mit einer leicht koketten Verletzlichkeit. Ich finde, das Thema Ruhm sagt einiges aus über das Leben im Moment. Weil so viele Leute sich so viel mit Stars beschäftigen, egal, auf welcher Seite sie nun stehen. Und Stella ja auch keine echten Stars sind, sondern sich eher vornweg ausmalen, wie das sein wird: Glanz.
Denn tatsächlich, um die Geschichte weiterzuerzählen, verstanden Stella es schon früh, sich irgendwie „starhaft“ in Szene zu setzen. Nach zwei EPs, die in Insiderkreisen verwunderte Kreise zogen, erschien Anfang ‘98 die Debüt-CD „Extralife“. Die Band, damals noch ein Trio, verband darauf Electro, Rock und New Wave zu eigenständigem Dancefloor-Pop. Und das Erfolg versprechende L’Age D’Or-Label brachte die Platte heraus. Die Meinungen waren gespalten, nach dem Motto: Ist das nun wirklich gut, hip oder nur ein Hype?
Mir hat die Platte gut gefallen damals, weil sie rau und poppig klingt und dabei so spontan und aufgeregt, wie schöne Electro-Pop-Platten aus den frühen 80ern. Worauf alle sich einigen können: Stella ist zumindest eine „sehr interessante“ Band. Wenn nicht mehr. Interessant auf Grund dieser Mischung aus musikalischer Innovation und Meinungsoffenheit. Diesen Ruf gilt es mit der neuen CD zu festigen und auszubauen.
Politik
Und dann ist da natürlich die Stella-Sängerin, -Texterin und -Co-Songschreiberin Elena Lange. Auch Elena Lange war stets Grund, warum man Stella „interessant“ fand. Sie wirkte durch energisches Auftreten, Imponiergehabe und Streitlust. Und weil sie so reich und gut aussehend rüberkam und andererseits aber ernsthafte politische Position bezog, ging damals eine kleine Welle der Empörung durch die Szene.
Elena: „Ich habe gemerkt bei der letzten Platte und auch bei den Interviews: das ging die meiste Zeit nach hinten los. Vielleicht lag das daran, dass man auf einmal zu viel wollte und dann plötzlich mit ‘Ismen’ angefangen hat. Ich habe gedacht, das hätte vielleicht so einen Knalleffekt und das würde die Leute wachrütteln. Stattdessen haben damals einige versucht, mich auszudrücken wie eine Zigarette.“
Elena spricht energisch und schnell. Wir sitzen in einem italienischen Restaurant in Hamburg. Es ist ruhig hier drin, aufgeräumte Nachmittagsstimmung. Mit „Ismen“ meint Elena, dass sie zum Beispiel über „Feminismus“ geredet hat in früheren Interviews und sich selbst auch als Feministin bezeichnet hat.
Viele haben dir ja damals auch die Glaubwürdigkeit abgesprochen. So nach dem Motto: die ist noch so jung und außerdem trägt sie Designerklamotten.
E: Ja, das alles, alles so. Ich würde zwar immer noch die gleichen Sachen wie damals sagen, aber ich weiß mittlerweile, dass die Leute, wenn sie einer Pop-Band zuhören wollen, einer Pop-Band zuhören wollen.
Finger On The Trigger For The Years To Come
Auf „Finger On The Trigger For The Years To Come“ werden diese Erfahrungen nun aufgegriffen.
Insgesamt klingt die CD erwachsener, gereifter. Die Band ist mehr in die Tiefe gegangen. Was wir sicher auch den Basslines des neuen Bandmitgliedes Hendrik Weber zu verdanken haben. Trotzdem strahlen die Stücke noch immer dieses spontane „gewisse Etwas“ aus, klingen flapsig und professionell zugleich. Das gilt auch für den Gesang. Elena legt, trotz größerer Stil-Bandbreite, noch immer dieses hetzende, halsbrecherische Tempo vor, dass man sich fragt beim Hören: Ist die Frau nun auf dem Weg ins Fitness-Studio oder rennt sie irgendwohin, um Alarm zu schlagen? Atemlos und auslotend klingen auch die Lyrics. Stilvolles Droppen von Stimmungen und Stimmen. Sprachwitz, HipHop-geschult. Ein geordnetes Wirrwarr mit vielen Bedeutungsebenen.
Ist es schwierig, so lange Texte in Musik umzusetzen?
M: Ich fand das teilweise schwierig, ja, das war oft das Schwierigste. Die Texte mit diesen elektronischen Arrangements zusammenzubringen. Gerade wenn man mit Beats arbeitet, gerade wenn da etwas Elektronisches ist. Sprache wirkt da oft wie ein Fremdkörper. Deshalb ist die Platte auch nicht an Elektronik oder Minimal-Techno angelehnt. Ich glaube, solche Musik lässt nicht viel Platz für klassische Songstrukturen oder lange Texte. Wir sind auch eher von HipHop oder R&B beeinflusst. Das ist das nahe Liegende.
E: Ich denke Stimmen und Text immer zusammen, als eine Figur. Ich habe mich deshalb nie erwärmen können für Instrumental-Musik, egal, ob als Sixties-Instrumental oder als Techno. Sobald eine Stimme reinkommt, ist für mich plötzlich das Menschliche, das Unmittelbare da.
H: Die Texte nehmen sich auch den Platz, weil eine relativ große Präzision in den Worten auf der Platte steckt. Insgesamt. Das ist relativ gelungen für mein Gefühl, für meine Ratio.
Thies Mynther: Für deine Ratio. [lacht]
E: Stell schnell die nächste Frage, sonst fängt der wieder an, so komisch rumzulabern.
Krieg
Die nächste Frage, äh ja, die Inhalte natürlich. Das, was Stella so spannungsvoll rüberbringen.
Mindestens so viel wie von Ruhm handelt die Platte nämlich auch von Krieg. Ja, ihr habt richtig gehört: Krieg! Nicht nur von der Showbühne also, sondern auch von einer Art (Kampf-) Arena. Beides vermischt sich in den Songs, die auch mal nach kriegerischen Videospiel-Tönen klingen. Beides geht ineinander über: „Tonight we enter the arena. Give me bad news entertainment“, singt Elena im Duett mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow.
Mir ist aufgefallen, dass fast jedes Stück auf eurer neuen CD in irgendeiner Form vom Jugoslawien-Krieg handelt.
E: Ja, sie handeln vom Nato-Krieg. Vom Jugoslawien-Krieg eigentlich weniger. Aber es geht schon um diesen Krieg.
Wir reden eine Weile über das Titelstück „Finger On The Trigger For The Years To Come“, das ich und die Jungs von der Band eher metaphorisch gehört haben.
E: Nein, Moment, Moment, Moment, ihr habt das nicht ganz richtig verstanden. Es geht ganz konkret um diesen Krieg - und zwar um zwei Seiten. Also: mein Vater ist deutsch, meine Mutter ist Jugoslawin. Ich guck so auf meinen Körper: Ich bin zweigeteilt. A quarter pounder. Ich bin 250 Gramm menschliches Fleisch auf der deutschen Seite, auf der jugoslawischen aber auch. Das heißt: der Text handelt von zwei Seiten. Einmal: wie ist es, bombadiert zu werden. Ich bin meinetwegen jetzt irgend so ein Bauer. Die Bauern sitzen da und trinken ihren Mokka, und dann gehen die Sirenen los, und dann werden sie bombadiert. Auf der anderen Seite bin ich ein Pilot in einem Kampfflugzeug und habe meinen ‘Finger On The Trigger For The Years To Come’ und fahre los.
Wie Elena so über den Text redet, entsteht eine leichte Heiterkeit am Tisch.
Ah ja. Darauf muss man erst mal kommen.
T: Also interessant, ich habe das ganz anders gelesen.
H: Ich auch.
M: Ich auch.
Ich habe den Text auch anders gelesen: einerseits die Beschreibungen eines fast schon hedonistischen In-der-Welt-Seins und andererseits dann eben diese Kriegs-Ebene.
T: Ich dachte, es geht um diesen Widerspruch, zwischen zwei Kulturen zu leben, ganz einfach.
E: Das kann man natürlich auch so sehen.
T: Ich habe den Text schon ganz oft gehört, ich weiß wirklich Wort für Wort, was da vorkommt, und ich habe das auch aus der Perspektive eines Reisenden gelesen. Auch mit diesem Wirrwarr, diesen Flashes ...
E: ... Aber wie machst du das? Wie kannst du dann solche Sätze verstehen wie: „My mother and my father have yearned to see me be one of theirs, each half made of halves, enemies of the century, and I am equally theirs, I am fought and fight at the same time“?
T: Ich dachte, es geht um diesen Widerspruch zwischen zwei Kulturen.
E: Ah ja, gut.
H: Ich finde, dieser Text verlangt einfach nur Wachsamkeit. Deshalb haben wir ihn auch zum Titel auserkoren.
M: Und weil er so schön poetisch klingt.
Was meinst du mit Wachsamkeit? Fordert der Text eine Informiertheit ein?
E: Informiertheit, ja, klar, wobei ich natürlich nicht von jedem einzelnen Deutschen verlangen kann, dass er sich mit der Geschichte Jugoslawiens auseinander setzt. Andererseits: wenn er einen Krieg befürwortet, dann sollte er sich noch mal überlegen, ob er sich nicht mit der Geschichte desjenigen Landes auseinander setzt, das er da bombadiert.
T: Mit den genauen Zusammenhängen, warum da überhaupt was stattfindet. Die Gründe, wer wie handelt. Wobei die Propaganda zu dem Zeitpunkt, als das stattfand, auch wirklich übermäßig war, muss man schon sagen.
E: Jetzt werden die Dinge langsam klar, und es gibt lauter Enthüllungen über Kriegslügen. Und immer noch sagen die Leute, dass der Krieg gerechtfertigt war. Man kann die Leute nicht erziehen, es geht nicht.
H: Ich glaube, man muss einfach ganz allgemein einfordern, dass die Menschen genau hinsehen. So eine Wachsamkeit. Dass man noch Hebel hat in diesem System. Dass es halt einfach nicht so schön ist, wie wir alle vorgespiegelt bekommen und uns auch gegenseitig vorspielen.
T: Es ist einfach eine Forderung, die man an sich selbst stellen muss, an sich selbst und die Menschen, die einen umgeben. Ich meine, wenn die Utopien schon wegbrechen, dann muss man wenigstens einen klaren Blick und eine Analyse wagen.
M: Es ist gut, dass die weg sind, die Utopien.
T: Weiß ich nicht. Kann ich nicht genau sagen.
E: Warum soll das gut sein? Genau das Bürgerlichste, was es gibt, sind: keine Utopien.
M: Keine Utopien heißt aber auch: konkret werden. Utopien sind immer große, riesige Gebilde, die sich irgendwelche Leute ausdenken.
T: Ich finde, wir sprechen zu unkonkret.
M: Es geht doch auch um einen sinnlichen Ausblick irgendwie.
H: Um Visions.
M: Dass man überhaupt einen Blick hat. Eine Perspektive. Irgendeine. Eine Möglichkeit.
T: Aber muss das gleich, ich meine: Utopie ist doch auch so unheimlich viel. Das ist so eine Vorstellung von so einem Nirgendwo-Land, das gar nicht existiert, von einem völlig anderen System, das nach anderen Regeln funktioniert.
E: Also, ich finde den Kapitalismus so irrational, ich finde es so unglaublich, dass die Leute so ausgeblutet, ausgemelkt werden. Und dass niemand was dagegen sagt.
H: Die Selbstausbeutung ist so dermaßen integriert worden in dieses System, dass es echt grausam ist.
T: Darauf kann man sich doch wohl einigen. Dass man überhaupt einen Blick dafür bekommt, wie die Selbstausbeutung in den Spät-Kapitalismus integriert ist. Das kann man doch wohl festhalten.
H: Ja, absolut.
M: Da überhaupt drauf gucken zu können ist schon mal ein Schritt.
Sei’s drum. Auch wenn man sich mit dem Krieg nicht näher beschäftigt hat oder sich nicht betroffen fühlt, so kann man doch gut finden, dass Elena ihn mit ihren Texten in die Nähe eigener Wahrnehmung rückt. Es ist nicht so wie bei den großen berühmten Kriegs-Platten von The Clash zum Beispiel (Sandinista). Hier wird kein Exotismus aufgefahren, sondern eine nüchterne Auseinandersetzung. Dass die nicht ohne Emotionen vorgetragen wird, ist auch klar. Und wenn auch sogar eine gewisse Kälte in diesen Liedern mitregiert: Stella lassen dich nicht im Nebel stehen. Haben trotzdem etwas Helles, Klares, Aufgelockertes. Eine Allgegenwärtigkeit. Sind um Wärme bemüht. Und bevor ich meine Finger hier auf noch mehr Adjektive über Texte und Inhalte drücke: etwas über die Musik.
Musik
Auch die Musik bewegt sich in Extremen, hat zwei Seiten. Da gibt es diesen supermodernen R&B-Einfluss und dann wieder ganz schweißige alte Seventies-Hardrock-Gitarren. Nur die Art, wie Stella die beiden Seiten vereinen, macht, dass etwas Vielseitiges dabei rauskommt. Sogar gut zum Morgens-Früh-Aufstehen:
E: Das Schöne an R&B: es transportiert ganz viel Wärme. Und ich finde, es ist ein rasantes Tempo im Moment in Deutschland oder meinetwegen auch in Hamburg: Kunst wird immer kälter und abstrakter und rationaler und reduzierter und minimaler. Und ich finde, R&B hat einen schönen Gegenpol dazu. Ich finde R&B so erholsam in dieser hässlichen Welt. In dieser Welt, in der man sich wie ein Gemarterter vorkommt, wenn man auf die Straße geht und gleich ins Büro muss oder zur Uni oder zur Arbeit. R&B kommt mir da vor wie eine Erlösung.
H: Ich finde die Werte, die R&B transportiert, ziemlich problematisch: den Körperkult, das Nach-außen-Tragen von Richness und Potenz. Das Einzige, was ich daran reizvoll finde, ist die Emotionalität dieser Musik.
E: Ich rede jetzt nur von der Musik. Obwohl: die Frauen sehen besser aus. Die Typen mit großen Schwänzen und Goldketten find’ ich auch super, aber ...
T: ... Sexy.
M: Das ist einfach eine sehr minimalistische, funkige, moderne Popmusik. Die ist extrem wichtig für das Ende der 90er.
Zwar haben Stella keine R&B-Platte gemacht, orientieren sich aber an solcherart „flapsigen Songstrukturen“ und „trockenen Beats“ (Mense Reents).
E: Ich finde sogar die neue Mya-Platte gut.
... und als Kontrastprogramm Seventies-Hardrock:
M: Was natürlich ein klassischer Stella-Bruch ist: Ja, wir finden jetzt R&B und Hardrock gut. [Allgemeines Gelächter]
E: Also, ich finde R&B gut, aber ich habe auch Thin Lizzy entdeckt, und ich habe Black Sabbath entdeckt, und das ist für mich - oh Gott, das kannst du nicht schreiben ...
Nun gut.
M: Ist doch gut.
E: Also, Thin Lizzy hatte wirklich den größten Einfluss auf mein Songwriting. Plötzlich habe ich gemerkt, wo meine Grenzen sind. Das musste da einfach rein. Ich finde das ganz wichtig, dass man Hardrock verarbeitet. Weil das nämlich auch irgendwie natürlich ist.
„Hyperventilation Weeks“ geht zum Beispiel so richtig los mit knarzigen Hardrock-Gitarren.
E: Ich finde unsere Musik ziemlich urban. Deshalb wollte ich, dass ein dreckiges Rock-Stück drauf ist, was in meinen Ohren ländlich klingt.
Es ist zwar - in der heutigen Pop-Welt - alles andere als ungewöhnlich, Songs wie Flickenteppiche zusammenzusetzen, dennoch ist die Art, wie Stella ihre Einflüsse zitieren, krass Unterschiedliches vereinen, eher selten.
Verzichten sie doch immerhin auf ein allzu kalkuliertes Crossover. Und einigermaßen selten ist auch, dass ihrer Patchwork-Arbeitsweise nichts Eigenbrötlerisches anhaftet.
T: Wir haben uns das schon genau überlegt. Wenn man eine Platte macht, muss man sich fokussieren. Man kann nicht alles gut finden, benutzen und dann so eine verdammte Platte zusammenbauen.
Andererseits befinden wir uns hier auch am Ende eines Prozesses. Da klingt dann immer alles so reflektiert. Jetzt ist eben die Schnittmenge von den vier Leuten, die hier am Tisch sitzen, sichtbar geworden. Also Sachen, auf die man gerade kam, die man zusammen geil fand und was man auch in der Lage war, gemeinsam umzusetzen.
M: Ich glaube, dass wir einfach selbstbewusster sind, wenn wir Genres aufgreifen. Wenn wir die Musik gut finden, dann machen wir das. Und wir haben keine Angst, dem Genre nicht gerecht zu werden.
E: Keine Pietätsschwierigkeiten.
T: Was wir machen, hat einfach eine eigene Stella-Qualität. Es geht uns nicht darum, etwas zu kopieren. Für viele Leute ist das natürlich extrem wichtig, wenn sie schon die Musik hören, dann wollen sie auch diese ...
M: ... diese Identität.
E: Aber das hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun. Ich finde, das hat einfach mit Lust und Freude und Energie zu tun. Für mich ist das keine höhere Kultur, Musik.
Liebe
Langsam werde ich ein bisschen unruhig. Die sind so verdammt eloquent. Langsam möchte ich Stella, hier vom Schreibtisch aus, zurufen: Gibt es eigentlich etwas, worauf ihr keine Antwort habt? Ihr abgeklärten Patchwork-Typen. Ihr, die ihr im Grunde doch nur an Höheres glaubt. Warum ist Ruhm für euch ein Schimpfwort?
M: Weil „Fame“ eigentlich unwichtig ist.
E: Weil Liebe wirklich zählt.
H: So blöd sich das auch anhört.
Okay, beruhigend: Nur die Liebe zählt. Die Liebeslieder auf der Platte sind alle von Thies, warum? „Mich interessieren die klassischen Themen des Pop einfach nicht so sehr“, sagt Elena, während Thies darüber sinniert, ob die Stella-Messages das Publikum überhaupt erreichen.
T: Man hat, glaube ich, schon eine Chance, Leute mit der eigenen Message zu erreichen. Mich hat immer beeinflusst, was in Texten stand. Es hat mich auch tatsächlich auf Themen gestoßen, über die ich sonst nie nachgedacht hätte. Texte haben immer einen bestimmten Blick auf die Welt für mich geschärft. Als ich noch nirgends war und ich niemanden kannte ... [Allgemeines Gelächter]
H: Wann war das?
T: Vor zwanzig Jahren oder so, keine Ahnung, da war Musik mein Fenster zur Welt.
Wenn das kein Versprechen ist: Musik als Fenster zur Welt. Die Band als Diskussions-Einheit. Ach, und reifer sind sie geworden. Haben sich in Interviews ständig gestritten früher und wirken mittlerweile etwas, sagen wir, zahmer.
Hängt diese Reife auch mit dem neuen Bandmitglied Hendrik zusammen?
E: Zum Teil. Ich habe festgestellt, dass Hendrik eine echt beruhigende Wirkung auf mich hat. Immer, wenn ich versuche, einen Streit anzufangen, lässt Hendrik das einfach so an sich abprallen. Das ist, glaube ich, gut so.
Stil
Ganz ohne Disput soll dieser Artikel natürlich nicht enden. Deshalb hier zum Schluss noch ein kleiner Beitrag zum natürlich wichtigsten Thema: Style. Schließlich reden wir hier über Popstars, die die Charts im Sturm entern wollen.
T: Ich überlege mir immer drei Dinge: wie sehe ich aus; wie klingt die Musik; was habe ich dazu zu sagen.
M: Es ist schon sehr wichtig, wie man aussieht. Das ist schließlich die Verpackung, die Art und Weise, wie man sich seinen Mitmenschen präsentiert. Das hat auch etwas mit Höflichkeit zu tun.
H: Man trifft kaum noch Leute, die sich trauen, sich selbst wirklich einzubringen in ihren Kleidungsstil. Können die vielleicht mal selber etwas herstellen? Wer kann sich zum Beispiel heute noch selber eine Hose nähen? [Allgemeines Gelächter] Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich eine alte Oma sehe, die ein rosafarbenes Kleid trägt und ein rotes Tuch um den Hals, dann geht mir das Herz auf. Aber wenn ich einen Typen im Prada-Hemd sehe, dann denke ich nur: der Typ hat Kohle, na und?
E: Ihr seid ja nur neidisch, weil ihr kein Geld habt, euch Designer-Klamotten zu kaufen!
[Proteste von Seiten der Jungs] Ich sehe das so: Wenn ich ein Designerkleid trage, dann ist das schon etwas Besonderes und dann fühle ich mich auch wie etwas Besonderes.
In diesem Sinne: give me bad news entertainment!
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