Coldplay vs. Mansun
vom knallfrosch zum kanonenschlag
11.08.2000, 15:54, Text: Autor unbekannt
Coldplay – Norwich, Maids Head Hotel Das Maids Head Hotel in Norwich ist nach eigener Auskunft das älteste Hotel Englands. Auf dem Zimmer werben kleine mit Särgen bedruckte Heftchen für ein Murder Mystery Dinner. Klingt alles etwas morsch und nekrophil. Ironischerweise treffe ich gerade hier die derzeit am höchsten gehandelte Popband Englands, Coldplay, bzw. Teile von ihr: Drummer Will Champion und Bassist Guy Berryman haben sich in das Zimmer bequemt, Sänger Chris Martin und Gitarrist Jonny Buckland widmen sich derweil “wichtigeren” Dingen ... Guy stopft sich noch ein paar krümelige Sandwiches zwischen die Backen, während Will bereits ein paar Worte von sich gibt: “In den letzten Wochen waren wir viel in Europa unterwegs.
Will: “Wir müssen den ganzen Wahnsinn erst einmal verdauen. Wir waren auf jeden Fall völlig überrascht, dass das Album auf Platz eins ging.” Nicht nur den Erfolg gilt es zu verdauen – und für Guy die Sandwiches -, sondern auch erste Vergleiche und Missverständnisse. Will: “In den Medien wird oft so viel Unsinn geschrieben. Zum Beispiel, dass wir in Oxford studiert hätten. Es ist unheimlich schwierig, solche Mythen dann wieder auszulöschen.” Die vier Jungs begegneten sich am University College of London (UCL) und begannen dort, Musik zu machen. Will stammt ursprünglich aus Southampton, Guy aus Canterbury, Jon aus Wales und Chris aus einem kleinen Dorf in Devon. Keine bösen Ghettoboys, keine unberechenbaren Aussteiger. Einfach nur Middle Class Lads, denen Mutti vor kurzem bestimmt noch das Butterbrot geschmiert hat.
Am College hingen die vier dann eben miteinander ab und spielten in den Gängen Simon&Garfunkel- und Bob Dylan-Songs. Wills Einflüsse liegen aber auch in der traditionellen irischen Musik, während Guy eher die Funk- und Soul-Plattensammlung seiner Eltern durchforstete. Klar mag man auch aktuelle Bands wie Radiohead und Travis, aber “es ist einfach total lästig, ständig mit solchen Bands verglichen zu werden. Wir haben unseren eigenen Stil und unsere eigenen Vorstellungen von Musik”, meint Will.
Schmeichelhafterweise wird Chris’ Stimme in der englischen Presse mit der von Nick Drake oder Jeff Buckley verglichen. Man mag sogar das Timbre von Nicholas Currie – besser bekannt als Momus – in einigen Songs wieder finden. Andererseits bedarf es noch eines gewissen Reifungsprozesses, um wirklich die melancholische Tiefe und textliche Schärfe solcher musikalischen Ikonen zu erreichen.
Das Debüt stimmt optimistsch und offenbart eine ungeheure Portion Talent in puncto Songwriting und Spielvermögen. Der Erfolg ist also kein Zufallstreffer. Guy: “Klar hatten wir auch jede Menge Glück, dass die richtigen Leute am richtigen Ort waren, wie die von Fierce Panda Records oder Parlophone, aber alles in allem war es eine durchaus logische Entwicklung, die wir bisher durchgemacht haben. Außerdem haben wir enorm viel Kraft in das Album investiert.”
“Parachutes” rundet ein perfektes Kapitel ab, das 1998 mit der ersten EP “Safety” begann und sich über die EPs “Brothers And Sisters” und “The Blue Room” fortsetzte. Die LP-Auskopplungen “Shiver” und “Yellow” sind sehr erfolgreich gelaufen, “Yellow” gelangte sogar auf Platz vier der Single-Charts. Kein Wunder also, dass beim abendlichen Konzert im Arts Centre in Norwich die ca. 400-köpfige Menge die Texte auswendig kennt. Hüpfende Teenies genauso wie kritische Pressefuzzies oder betrunkene Mittvierziger, alle bekommen glänzende Augen angesichts dieser zauberhaften Band. Es passiert zwar nicht viel auf der Bühne, aber das liegt in den Charakteren der Bandmitglieder begründet. Will: “Man muss sich und anderen gegenüber vor allem ehrlich sein und darf sich nicht verstellen.” Das macht sie zwar nicht unbedingt zu den “netten, unkomplizierten Jungs von nebenan”, wie das Info ihrer Plattenfirma besagt, aber es verleiht ihrem Auftritt eine besondere Glaubwürdigkeit. Zuletzt kündigen Will und Guy noch an, beim nächsten Album einiges besser machen zu wollen. Noch besser? Na, das gibt ja ein enormes Feuerwerk. Aaaaaah ...
Mansun – Colchester, Marks Tey Hotel Die Zugfahrt von Norwich nach Colchester dauert etwa eine Stunde, genau richtig, um sich das neue Album von Mansun erneut anzuhören. Die vorbeiziehenden Landschaften animieren dazu, so einiges in die Musik hineinzulesen. Mehr jedenfalls, als Sänger Paul Draper und Gitarrist Dominic Chad bereit sind, beim Interview im Marks Tey Hotel zuzugeben. Ihrer Ansicht nach haben sie einfach ein weiteres Pop-Album hingelegt, ohne jegliche tiefere Bedeutung. Paul: “Bei der Suche nach einem Titel saßen wir einfach nur herum und suchten nach etwas, was die Songs irgendwie zusammenfasste. Irgendwie hat ‘Little Kix’ gepasst, obwohl es eher aus der hohlen Hand kam und keine echte Bedeutung hat.” Man muss ihnen einfach glauben, so vernünftig und abgeklärt, wie sie da sitzen, als hätten sie eine Metamorphose hinter sich, hin zu einer für sie neuen Herangehensweise an das Pop-Genre. Keine Spur von den frühen Rockexzessen, nichts von der angekündigten Zickigkeit. Nun macht der Opener auf dem Album erst recht Sinn: “Butterfly (New Beginning)”. Das kann doch kein Zufall sein. Paul: “Darüber habe ich nie nachgedacht. Der Song war eigentlich für das letzte Album, wir haben ihn aber dann doch nicht aufgenommen. Man kann natürlich eine Message hineinlesen, die hat er aber wirklich nicht.”
Viele werden sehr gründlich über Mansuns Musik nachdenken, auch darüber, warum die Songs an bestimmte Größen der Pop- und Rockgeschichte erinnern wie Frankie Goes To Hollywood oder Duran Duran. Immerhin geben sie zu, Talk Talk, David Bowie und Prince zu mögen, auch Depeche Mode und Kraftwerk gehören zu ihren Vorbildern. Dominic wendet seinen Blick vom – freundlicherweise stumm geschalteten - Fernseher ab: “Unterbewusst absorbiert man bestimmt so einiges, aber das fließt nicht bewusst in die Songs mit ein. Die synthetischen Drums und Streicher zum Beispiel haben wir allein aus Zeitgründen so gelassen, wie sie auf den Demoaufnahmen schon waren.” Paul ergänzt: “Wir haben das Album einfach besser aufgenommen als das letzte. Die Songs sollten nicht unter Effekten begraben sein, sondern offener klingen. Ansonsten haben wir immer nur das genommen, was am besten zu den Songs passte.” Die klare Produktion, die breiten Flächen und epischen Harmoniegesänge legen den – durchaus positiven – Verdacht nahe: Mansun bereiten sich auf das Spiel in einer neuen Liga vor, oder, um beim eingangs gebrauchten Bild zu bleiben: Sie wollen ihre Popraketen in höhere Sphären abschießen, in denen die Farben länger leuchten. “Little Kix” ist eben nicht einfach nur irgendein Pop-Album, sondern der Versuch, zu Meriten zu gelangen, die sich nicht so schnell in Luft auflösen.
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