A Guy Called Gerald
das herz in der machine
10.08.2000, 16:25, Text: Autor unbekannt
Gerald Simpson ist ein kleiner Buddha. Er lungert im Trainingsanzug am Tisch seines Hotelzimmers und stiert auf einen Kristall, als sei dieser seine spirituelle Mitte. Die Finger huschen fast zärtlich über den Laptop. Gerald Simpson lächelt gelassen. “Tanzmusik dreht sich für mich persönlich immer mehr im Kreis. Als ich anfing, konnte man machen, was auch immer man wollte. Heute ist es eher so, als müsste man sich an ein Regelwerk halten. Das erinnert mich an meinen Klavierunterricht. Wenn ich eine Note anschlagen wollte, mit der der Lehrer nicht einverstanden war, schlug er mir mit dem Lineal auf die Finger.”
Aus seinem Lachen sprechen gut fünfzehn Jahre Erfahrung.
Ich versuche alles von außerhalb zu betrachten, um es als Ganzes zu begreifen, anstatt nur einen DJ zu sehen und zu wissen, in welchem Tempo er auflegt. Dabei vergisst man all die Menschen, die sich extra schick machen, um auszugehen und zu tanzen. Man muss das aus der Perspektive der Alltagsmenschen betrachten, die nicht wissen, was BPM bedeutet. Viele Musiker vergessen, dass ihre Hörer keine Experten sind.” In diesen schönen und schlichten Worten lauert der Verdacht auf Sinnfindungsschnack und den Versuch, versäumte Tantiemen einzustreichen. Wer jedoch Gerald Simpsons entspanntes Lächeln vom Typ “Elefantenmama trifft Yoda” sieht, weiß, dass in ihm, wenn auch vielleicht etwas naiv und verträumt, ein ganzes Herz schlägt. “Es ist interessant zu beobachten, wie wir alle herumhuschen und versuchen, etwas Besonderes zu kreieren, und am Ende doch alle den gleichen Weg gehen. Manchmal, wenn wir so herumhuschen, vergessen wir zu beobachten. Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. Selbst wenn das fünf Jahre sind, um ein Album fertig zu stellen.” Mit “Essence” schickt A Guy Called Gerald das Frickeltum zu den Komparsen. Vor zwei Jahren hätte das Album formalen Ansprüchen im Drum’n’Bass genügt, heute hat es eben mehr Songschreiber-Attitüde und Seele – 21st Century Soul. Ursprünglich sollte es ‘95 als “Aquarius Rising” erscheinen, aber die Trennung von seinem Label Juicebox Records, das er Anfang der Neunziger gründete, und ein Umzug von Manchester nach New York zögerten die Veröffentlichung hinaus. “Ich wollte Musik schreiben, die näher an dem ist, was ich wirklich fühle. Der erste Schritt war, mit Sängern zu arbeiten.”
Auf “Essence” singen u. a. Louise Rhodes von Lamb, Wendy Page und Lady Kier. “Der nächste wird sein, das Instrumentarium, das bisher nur aus Samples und Loops bestand, durch orchestrale Instrumente zu ersetzen. Nicht konventionell, sondern eher so, als würde man elektronische Instrumente imitieren. Damit werde ich das nächste Projekt beginnen.” Gerald Simpson blickt aus dem Fenster und lächelt.
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