Station Rose
interview von sonja eismann am 17.07.00 in frankfurt am main
10.08.2000, 13:14, Text: Autor unbekannt
Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit Crippled Dick Hot Wax! zu Stande?
Elisa: Das ist eine ziemlich witzige Geschichte.
Gary: Ja, eine sehr persönliche Geschichte, ich weiß gar nicht, ob das druckreif ist. Das war so einer der Zufälle, die im Nachhinein ganz unglaublich sind. Wir saßen in einem Berliner Lokal und hatten gerade am Tag eine erfolgreiche Sache gehabt. Wir waren beruflich unterwegs und es war schon eins, wir waren eigentlich nur noch auf ein Bier dort. Wir haben fast gestritten, weil wir den weiteren Verlauf der Tour planen wollten, vor allem in unserer alten Heimat und dort vor allem in Linz, wie wir das dort machen wollen etc., und waren da total geteilter Meinung.
E: ... Der perfekte Diskurs, ein Satz jagt den nächsten ...
G: Ich sagte dann, Schluss jetzt damit, mir reicht's, und bin aufs Klo gegangen. Rainer von Crippled saß am Nebentisch und sah Lisa dort alleine sitzen. Er kam rüber und sagte, er kann nicht mit ansehen, wie Lisa da so traurig am Tisch sitzt, und dann hat eins das andere ergeben. Ich kannte Crippled natürlich, und insofern ist die Zusammenarbeit nicht so erstaunlich, denn ich habe ja schon in den 70ern in Bands gespielt und hab' fast zehn Jahre, bevor ich begonnen habe, elektronische Musik zu machen, diese 60s-Gitarrenschiene sehr enthusiastisch verfolgt, bevor ich dann einen ganz bewussten Schnitt gemacht habe. Crippled ist ja sehr aktiv in dieser Ecke, so diese 60s-Soundtrack-Psychedelic-Geschichte. Dann wurde das Gespräch mit Rainer sehr schnell zu einem Fachgespräch über die 60s und so, und da hat dann eins das andere ergeben. Wir haben sie dann bemustert, denn sie kannten nichts von uns ...
E: ... Aber es kam dann ganz schnell raus, dass viele Kollegen und Freunde von ihnen schon ganz viel hatten von uns, also Postkarten, Musik, und dann kam über das persönliche ganz schnell das berufliche Interesse. Es kam dann bald raus, dass ihnen von unseren eigenen Vinyl-Sachen die am besten gefallen haben, die Vocals haben und gesampelte Gitarre. Wir haben uns dann gedacht, dass diese Dinge in der letzten Zeit eh nicht releast worden waren, es gab schon einmal eine Phase, wo PIAS das gemacht hatte in Hamburg, aber sonst war immer nur eher das Elektronische, Technoide rausgekommen. Da haben wir dann alles durchgeforstet, was wir in der Richtung produziert hatten, und da kamen dann gleich zehn Stücke zusammen, und die von Crippled waren total begeistert.
Ihr habt also Material verwendet, das schon da war?
E: So halb, halb.
G: In unserer Arbeit fällt dann eben doch immer Material an, das nicht so technoid ist, in dem unsere Bandvergangenheit, bei mir z. B. die 60s, durchschimmert, und das wurde von uns immer ein bisschen stiefmütterlich behandelt, denn auf unserem Label hier, im Frankfurter Technokontext, wäre das verlorene Liebesmüh, das versteht keiner, das braucht keiner, das würde sich nicht verkaufen. Das war sehr schön, dass Töni und Rainer von Crippled sagten, genau das wollen wir aber gerne haben.
E: Es trifft die 60s-Roots von Gary ganz gut, es trifft aber auch meine französischen Chanson-Roots. Das hat sich perfekt ergeben, denn etwa einmal im Monat nehmen wir so einen Track auf, der ist oft wirklich extrem improvisiert aus dem Moment heraus, und viele von diesen Tracks machen wir dann auch im Zuge der Webcasts auf www.stationrose.com jeden Donnerstag und Freitag ab 21h. Die lagen dann fertig auf Dat rum, und wir haben nie dran gedacht, die auch rauszubringen, und so ist es jetzt glücklicherweise doch noch passiert.
Wie kommen deine Stimmsamples zu Stande, Lisa?
E: Es gibt da zwei Arbeitsweisen. Beim Webcasting hat das eine eigene Struktur bekommen, da gibt es meistens ein Grundriff und ich überlege mir dann zwei, drei Wort- bzw. Satzsamples dazu, die gerade passen, und die legen wir dann gleich zusammen im Netz. Oft habe ich dann aber auch so Statements oder so kurze Sprüche, die wir dann im Nachhinein verwenden. Eine Zeit lang hatte ich die auch alle nur auf Festplatte und Gary holte sich die dann einfach, wenn er sie brauchte.
G: Genau, ich baue dann eigentlich um die Sätze oder Gesangsfragmente von Lisa so einen Songaufbau drum rum. Z. B. auf dem Stück \"It's Not There\", das ist richtig live, da spiele ich auch Bass und Lisa singt richtig dazu. Aber dann bei Tracks wie \"Cyberspace Is Our Land\" oder \"A Quantum Process\" gibt es ein fertiges Stimmsample und drum herum wird das Stück gebaut.
E: Bei Liveauftritten mache ich seit Herbst '99 auch richtige Slam-Einlagen, fünf oder zehn Minuten lang, ganz improvisiert mit nur einer Grundidee von Worten, das hat viel mit dem Moment zu tun. Witzigerweise kommt das gerade in Technoclubs sehr gut an, im Ultraschall in München war das der Renner. Da haben wir aus einem 10-Minuten-Stück eine Stunde gemacht, weil da niemand wollte, dass es aus ist. [lacht]
In welcher Sprache \"slammst\" du?
E: Gemischt. Hauptsächlich englisch, weil man das leichter formulieren kann. Ich bin eigentlich kein Fan von deutschem Rap, ich finde, die Sprache eignet sich da nicht so. Und bei den Webcasts ist es auch manchmal Französisch, ich habe ja damals in Wien auch Französisch studiert, es ist also so eine Mischform.
Noch mal zu den Labels: Bringt ihr Vinyl weiterhin auf eurem eigenen Label Gunafa heraus?
G: Genau. Wir haben vor circa einem Jahr die Serie live@home gestartet, wo wir Mitschnitte aus den Webcasts teilweise 1:1 - also wirklich im Original - verwenden und mastern und auf Vinyl pressen oder sie - wie bei der letzten, also Nr. 3 - remixen lassen, wie jetzt von Move D von Source Records aus Heidelberg. Das war eine neue Erfahrung, mit der wir total zufrieden waren und die auch gut ankommt.
Kommen auf Gunafa nur eure Sachen raus oder auch Produktionen von anderen?
E: Eigentlich hatten wir es '93 als Label gestartet, um dort unsere eigenen CD-Roms und CDs rausbringen zu können. Dann haben sich aber ziemlich schnell Plattenfirmen gefunden, die gerade diese Sachen rausbringen wollten, eben Audio-CD und CD-Rom auf einer, dann ist es ein bisschen liegen geblieben, jetzt verwenden wir es momentan nur für die Audioprojekte. Jetzt sind wir aber gerade dran, eine DVD zu produzieren, weil wir viele Tracks von unseren Liveperformances haben, 1:1, und die Nachfrage danach auch besteht. Über kurz oder lang war das auch immer eine Überlegung von uns, auch Sachen von anderen darauf zu releasen, aber das ist wirklich nur eine Zeitfrage. Wir kommen kaum unseren eigenen Beschäftigungen nach, und da müssten wir auch expandieren und ein, zwei Leute für das Label dazu nehmen, und da wissen wir auch noch nicht genau wie und was, aber es ist überhaupt nicht ausgeschlossen.
Was ist eigentlich aus eurem Sony-Deal geworden?
E: Wir waren der erste Act, der von einem Major aus dem Techno-Multimediabereich gesignt wurde, also lange vor Leuten wie Sven Väth oder DJ Hell z. B. Die von Sony hatten sich vorgenommen, das auf Single rauszubringen, so als Multimedia-Single. Nach dieser Veröffentlichung ist diese Abteilung zerfallen, wie das leider bei Majors so oft so ist. Also, das lag weder am Produkt noch an uns noch an anderen Künstlern. Da hat einer Ambitionen gehabt, da was Anspruchsvolles zu machen, und der war innerhalb von vier Monaten weg. Jetzt ist z. B. genau diese Single vom Markt verschwunden, weil Singles am Markt nicht als Backkatalog bestehen bleiben, und wir kriegen permanent Anfragen, ob es diese CD/CD-Rom noch gibt. Das ist eben nach unseren Erkenntnissen einer der Nachteile daran, mit einem Major zu arbeiten, weil die sehr unverlässlich sind.
G: Du verkaufst ja die Reproduktionsrechte an den Stücken an die Plattenfirma, d. h., wir könnten jetzt gar nicht auf dem eigenen Label die Stücke wiederveröffentlichen, weil die Rechte bei Sony sind. Bei unserem eigenen Label hingegen bleiben die mechanischen Rechte bei uns, und gerade bei Multimedia-Sachen, die so irrsinnig viel Arbeit für so wenig Lohn darstellen, ist das für uns sehr wichtig.
E: Mit einem Major würde das nur gut gehen, wenn da von deren Seite viel mehr Input wäre, in puncto Zeit, Leute, Budget. Die sind so in dieser Welt der Hits verstrickt, wo von zehn Stück sowieso neun floppen und es ihnen egal ist, ob sie DM 100.000 verlieren. Bei anspruchsvolleren Projekten zählen sie irgendwie viel genauer, da kann das nicht gegen den Kommerz bestehen.
Im Buch \"1st Decade\" von Edition Selene in Wien, in dem es mehr oder weniger dokumentarisch um die ersten zehn Jahre von Station Rose geht, habe ich gelesen, dass zu Anfang der 90er die Technoszene so ein bisschen von euch abgerückt sei und es da statt Support eher Unverständnis oder Spannungen gegeben habe. Hatte das denn etwas mit diesem Majordeal zu tun?
G: Nein, das Phänomen war ja, dass die Technoszene von uns abgerückt ist, weil - '92 noch nicht so, aber dann so ab '93-'95 - spürbar wurde, dass die Technoszene ein Problem mit Multimedia hat. Unser Konzept war ja, dass wir nicht als Person Stars sein wollten, sondern davon wegrücken und diese multimediale Sprache als das Ding propagieren wollten. Und die Technoszene - Underground wie Majors - hat einen völlig anderen Weg genommen, zurück zur Rock'n'Roll-Megaveranstaltung, wo eben nicht vier Leute auf der Bühne stehen, sondern ein Typ vor Tausenden von Leuten Platten auflegt. '93 hat man ja ganz deutlich gespürt: das war's jetzt mit der Euphorie der ersten Stunde, jetzt geht's ums harte Business, und dann haben sich eben diese DJ-Götter raus kristallisiert, und damit wollten wir nichts zu tun haben. Auf der anderen Seite haben wir auch nie aufgehört, für diese Szene zu produzieren, aber es war trotzdem sehr mühsam, eine CD-Rom in dieser Szene zu lancieren.
E: Das Problem war auch: wir waren einfach teurer als diese DJs. Wenn man Station Rose live gebucht hat, haben wir das Zigfache von einem DJ gekostet. DJs funktionieren eben supereinfach, die brauchen zwei Plattenspieler und Plattenkoffer und tauchen wo auf. Bei uns war es damals sehr aufwändig, die ganzen Projektionswände aufzustellen, die Beamer zu leihen, wir haben richtig Roadies gebraucht und einen VW-Bus, wenn wir auf Tour waren. Inzwischen ist das auch schon wieder einfacher, denn mittlerweile geniert sich jeder Club ja, wenn er nicht mindestens einen Videobeamer hat. Eine andere Sache damals war, dass einige DJs wollten, dass wir Videos für sie machen, aber nur zu ihren Sachen dazu, und das haben wir dann abgelehnt.
G: Wir wollten keine reinen Dienstleister für andere sein. Ein weiterer Grund, warum wir dann ab '93 einen anderen Weg gegangen sind, war unsere Internet-Euphorie, die damals gerade angefangen hat. Damals war das ja ein wirklich sehr schöner, elitärer Zirkel, in dem Sinne, das wirklich noch jeder jeden im Netz kannte. Das hat uns viel mehr interessiert als die absehbare Entwicklung von Techno. Wir sind damals lieber in kleinen Clubs vor 300 Leuten aufgetreten, mit Internet-Anbindung, und das hat damals wirklich noch niemand begriffen. Die meisten wurden ungeduldig bis wütend, wenn wir ihnen vom Internet vorgeschwärmt haben. Das war einfach zu früh.
E: Ich finde aber auch, dass wir die Technoszene nie wirklich verlassen haben, wir haben uns bloß nie exklusiv drauf festgelegt. Es gibt ja viele DJs, die wirklich ausschließlich im Musik/Clubkontext arbeiten, aber bei uns hält es sich mittlerweile ziemlich genau die Waage, die Hälfte aller Auftritte sind in Clubs, die andere Hälfte ist im Kunst/Museumskontext.
Habt ihr einen holistischeren Anspruch in puncto Technokultur, weil es euch wichtig ist, die multimedialen Aspekte mit einzubeziehen?
E: Ja, genau. Das haben wir ja auch in unserem Gunafa-Clubbing in Frankfurt gemacht. Wir waren weltweit der erste Club, der Projektionen hatte und Netzzugang und uns als Live-Acts, und ein paar DJs hatten wir auch immer noch dabei. Das hatte auch in Berlin kein Club, das gab es überhaupt nirgends. Wenn man so was mal in seiner ganzen Komplexität erlebt hat, will man dann auch nicht mehr runterschrauben.
Elisa, du hast in deinem Beitrag für das Buch \"Techno\" von Philipp Anz und Patrick Walder von den Anfängen von Techno als \"körperloser Bewegung\" geschrieben, als \"pulsierendem Netz der Energie\", in dem man mit anderen \"in eine nonverbale Kommunikation eintritt\", und dabei deutlich gemacht, dass ihr das als Chance gegen das personenfixierte Rockstar-Ding seht. G: In der Hochblüte des Techno, also bis ca. '93, war das ja ein nicht nur von uns gefordertes Postulat, das war ja eigentlich Techno-immanent. Underground Resistance z. B. mit \"We Will Never Surface\", da hat man nie gewusst, wie ein Jeff Mills oder Mad Mike eigentlich aussieht - das war einfach klasse.
E: Ich glaube, da sind sicher so viele unglaublich gute Musiker auf der Strecke geblieben, die diesen Ausverkauf nicht so betrieben haben wie manche DJs. Station Rose war ja auch immer ein Live-Act, und deswegen sieht man uns eben auch, wenn wir auftreten, aber DJs sind zu einem großen Ausmaß eben Konsumenten, die Daten von anderen veräußern. Bei Live-Acts wie bei uns ist es ja auch so, dass wir mit eigenem Material arbeiten, und das ist ja auch noch mal ein riesiger Unterschied.
G: Es war ja in Ordnung, denn Techno war ja durch die ganze Sampling- und Resampling-Geschichte schon von Anfang an eine DJ-Bewegung, und Acts und DJs haben sich ja gegenseitig gebraucht und befruchtet, aber '93 ging das zu Gunsten der DJs los, dass der DJ von den Plattenfirmen wieder in dieses alte Star-Muster reingepresst wurde, und da haben wir halt ganz klar gesagt: Nein, da machen wir nicht mit.
Benutzt ihr für eure Musik eigentlich tatsächlich nur eigene Samples?
G: Na ja, ich bediene mich schon hin und wieder verschiedener CDs, wo einfach so gewisse Rhythmusloops drauf sind, aber dass ich wirklich aus einem bestehenden Musikkunstwerk einfach zum Beispiel ein entscheidendes Riff raussample - nee, das habe ich natürlich in den 80ern gemacht, als es einfach toll war, sein Lieblingsdrumloop nehmen und verändern zu können, aber das interessiert mich schon lange nicht mehr, insofern stimmt das. Natürlich setze ich mich jetzt nicht hin und spiele selber Schlagzeug und baue das dann zu einem Loop, aber ich nehme nicht ein fertiges Lieblingsstück von mir und sample da Teile raus, das mache ich nicht.
Wie ist das live, wer reagiert da auf wen, Elisa mit dem visuellen Teil auf Gary mit dem auditiven oder umgekehrt?
E: Der, der schneller seine Daten geladen hat, reagiert auf den andern! [lacht] Bei uns ist es auch ganz wichtig, dass wir wirklich eine Live-Band sind, die schon oft aufgetreten ist und sehr gerne live spielt. Das letzte Mal haben wir, glaube ich, im Mai live gespielt, und jetzt fehlt es mir schon richtig ...
G: Na ja, die Webcasts sind ja eigentlich auch live, mit dem Riesenvorteil, dass man da nix aus dem Studio rauszuschleppen und in den VW-Bus zu packen hat. Das wird nie fad und ist ein permanentes Training, und wenn man so die Festplatten durchforstet, stößt man eigentlich immer auf was Neues. Wir sind jetzt am Donnerstag [20.07.] bei Webcast 116, und es war noch kein einziges Mal fad.
Bei eurem grafischen Style, natürlich auch bei Aspekten der Musik [im Lied \"Nenn Es Wie Du Willst\" singt Gary ja auch \"Ich nenn' es psychedelic\"], ist mir aufgefallen, dass da schon ein gewisser psychedelischer Touch drin zu sein scheint. Hat das was mit eurem Pionierstatus im Bereich Techno zu tun?
E: Bei der Grafik finde ich immer, dass Psychedelik nicht der richtige Ausdruck ist, man muss da mit Computerkunst genauer umgehen. Man kann nicht einfach zehn Jahre Computerkunst unter dem Label \"Psychedelik\" subsumieren. Ich z. B. nenne das \"digitale arabeske Patterns\". Da fehlt eigentlich die Kunstgeschichte, die mal ein bisschen genauer einteilt. Das wäre so, als würde man nicht mehr Unterteilungen bei Malerei oder Skulptur machen. Es gibt sicher so was wie ein Heimatgefühl für mich, das zum Teil auf die ganz frühen Amiga-Grafiken zurückgeht, auf das Gunafa-Clubbing, weil damals dieser Echtzeitmoment - das Zeug dann live rauszuschleudern, damit zu spielen - gegeben war. Aber inzwischen sind die Arbeiten ja so verschieden, dass man das nicht so verallgemeinern soll. Das ist auch eine Motivation für mich, eine DVD zusammenzustellen, damit man sehen kann, wie vielfältig die Arbeiten sind. Warum man bei euch natürlich auch oft quasi automatisch an Psychedelic denkt, ist ja, dass im Zusammenhang mit Station Rose auch häufig der Name Timothy Leary fällt.
G: Da muss man aber mal sagen, fast zur Verteidigung von Tim [lacht], dass wir, wenn wir bei ihm waren, nie über Psychedelisches geredet haben, da wurde ganz abstrakt über vernetzte Computerkultur gesprochen.
Jetzt ist ja auf Vol. 4 von DJ Hells \"International Deejay Gigolo\"-Compilation euer '92er-Technohit \"Dave\" re-releast worden. Habt ihr eigentlich das Gefühl, dass das große Techno-Revival in der Luft liegt?
G: Ja, das sehe ich eigentlich schon. Dieser fürchterliche Begriff Trance-Techno erfährt eine eindeutige Aufwertung. Damit ist man hier in Frankfurt ja wirklich lange genug gestraft worden, ich fand es immer grauenhaft und ich finde auch nicht, dass wir jemals Trance waren. Da kann ich mich noch eher mit dem Begriff \"Psychedelic\" identifizieren, das ist wenigstens vielschichtiger, von Drum'n'Bass bis zu den neuesten collagenhaften Releases von Mille Plateaux.
E: Wenn man davon ausgeht, dass es den Leuten wichtig ist, vergangene Zeiten noch mal durchzuspülen oder psychoanalytisch aufzuarbeiten oder was auch immer, dann sind dafür jetzt sicher die 90er dran. Die 80er sind ja noch nicht richtig durch, die liegen immer so halbverdaut rum, und ich habe das Gefühl, so richtig will die niemand, aber die 60er und die 70er sind zur Genüge durchgekaut worden, und die 90er müssen natürlich kommen, da führt kein Weg dran vorbei. Wir haben immer gesagt, dass wir für unser Buch bei Edition Selene unfreiwillig die 90er als Bewegung durchleben mussten, weil es da ja um unsere \"1st Decade\", also '88-'98, ging. Ich finde die 90er eine total spannende Zeit, ich bin bloß dagegen, dass sie sich in das neue Jahrtausend wieder so automatisch als start-up-sequence niederlassen, denn jetzt ist ja eine neue Zeit, und es ist nie gut, Altes einfach so zu wiederholen. Samples daraus kann man immer nehmen, das ist dann ja immer was anderes.
Wie ist es eigentlich für euch, jetzt auf einmal den ganzen Webhype mitzubekommen, nachdem ihr schon seit fast zehn Jahren online seid und das alles schon lange kennt?
G: Wir haben uns eigentlich eh gedacht, dass das so kommt. Manchmal ist es ein bisschen lästig, dass das Internet für viele nur aus E-Mails zu bestehen scheint und dadurch teilweise zu einer Schreibstube verkommt und dann jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Das war Anfang der 90er noch überhaupt nicht so, da wurde viel euphorischer Blödsinn geschrieben, aber es war trotzdem ein freierer Spirit. Jetzt können wir sagen: wir haben keine Java-Animationen auf unserer Homepage, das finden wir blöd, das haben wir schon vor acht Jahren auf unseren CD-Roms gemacht.
E: Das Gute ist aber, dass man jetzt endlich mal ein Feedback bekommt, es gibt ja sogar schon einige Medientheoretiker, die sich damit auseinander setzen. Ganz toll ist es auch, dass so viele Leute zehn Jahre, nachdem wir ihnen davon vorgeschwärmt haben, jetzt endlich auch im Netz und dadurch wieder greifbar sind. Einer der wichtigsten Schwerpunkte im Netz, das, worum es meiner Meinung nach jetzt wirklich geht, ist, dass man so wie wir eine Sendestation aufbaut. Das kann man absolut mit unserer Station in Wien in der Margarethenstraße vergleichen ... Das finde ich unglaublich spannend, es ist eine ganz neue Kunstform, in Echtzeit im Netz zu senden, das hat es in der Geschichte noch nie gegeben! Das war früher Fernsehen, staatlich oder von großen Unternehmen gesteuert, aber jetzt kann jeder seine eigene Sendestation und Plattform sein. Ich denke, dass es im Netz natürlich auf der einen Seite eine ganz starke Kommerzialisierung geben wird, wie bei den Privatfernsehsendern, aber andererseits wird es auch extrem avantgardistisch bleiben. Es wird einfach beides geben, und wir werden durch die Dotcomisierung auch keine Leute verlieren. Kommerz gibt es immer.
Was mich jetzt natürlich doch noch brennend interessiert: Wie habt ihr denn Timothy Leary wirklich kennen gelernt?
E: Wir waren gerade auf Tour, so '89 oder '90, und als wir nach Wien zurückkamen, hatten wir auf dem AB eine Plattenfirma aus Hamburg, die über unsere Cyber-Aktivitäten gelesen hatte und uns gefragt hat, ob wir bei einem Abend mit Timothy Leary spielen wollten. Das war zwei Wochen nach der Ars Electronica, wo wir schon gemeinsam aufgetreten waren. Um das noch zu toppen, waren wir wieder gemeinsam auf Cyberthon in San Francisco, das wichtigste und erste Cyber-Festival, wo er gesprochen hat und wir performt haben, da haben wir uns eben auch wieder getroffen. All diese drei Treffen waren innerhalb eines Monats oder so, da ist das dann sehr eng geworden. Er hat uns dann auch zu sich nach Beverly Hills eingeladen und hat uns ein Empfehlungsschreiben für unseren Forschungsauftrag fürs österreichische Bundesministerium geschrieben.
G: Im schlechtesten Falle stellt das unsere Kunst in so ein psychedelisches Licht, was vollkommen ungerechtfertigt ist, weil wir mit ihm nie über so was geredet haben und nie mit ihm in dem Kontext zu tun hatten. Er war ja der Erste, der durchschaut hat, was das Netz bedeutet und was das für ein Potenzial darstellt. Unsere neue multimediale Language of Icons fand er faszinierend. Außerdem fand er auch zukunftsweisend, dass wir als Mann und Frau, als Paar, künstlerisch kooperieren. Das wollte er auch immer haben für seine Aktivitäten in den 60s und 70s, hatte da aber leider immer Pech. Er fand, dass eine evolutionäre neue Arbeit nur in dieser Konstellation passieren kann.
Danke für das Gespräch.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Alle Artikel von Autor unbekannt
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...





