Stella
interview
09.08.2000, 12:31, Text: Autor unbekannt
Beim Hören eurer neuen, zweiten CD “Finger On The Trigger For The Years To Come” ist mir als Erstes aufgefallen, dass die Texte für eine Pop-CD - zumal eine mit Elektro-Einschlag - außergewöhnlich lang sind.
Elena Lange: Ja, man hat halt einiges zu sagen, da wird das dann manchmal fünf Zeilen länger.
Ist es schwierig, lange Texte in Musik umzusetzen?
E: Manchmal ist auch zuerst die Musik da, und dann kommt der Text.
Mense Reents: Ich fand das teilweise schwierig, ja, das war oft das Schwierigste: Die Texte mit diesen elektronischen Arrangements zusammenzubringen. Gerade wenn man mit Beats arbeitet, gerade wenn da etwas Elektronisches ist.
E: Ich denke Stimmen und Text immer zusammen, als eine Figur. Ich habe mich deshalb auch nie erwärmen können für Instrumental-Musik, egal, ob als Sixties-Instrumental oder als Techno. Sobald eine Stimme reinkam, war für mich plötzlich das Menschliche, das Unmittelbare da. Also, dass ich jetzt die Modernist-Platte gut fand, war wirklich eine große Ausnahme.
Welche Platte fandest du gut?
E: Die Modernist-Platte.
Ah ja.
E: Ich kann mit abstrakter Musik wirklich nicht so viel anfangen. Deswegen bin ich auch Sängerin und nicht Produzentin oder Programmiererin oder so. Man hat da halt einen Text. Und man hat da was zu sagen. Ich habe übrigens auch sehr viel rausgestrichen bei den Texten. Die waren teilweise noch viel länger.
Verstehe mich nicht falsch, ich finde es super, dass ihr so viel Wert auf Texte legt.
Hendrik Weber: Ich habe die Texte nicht wirklich als lang empfunden.
Man könnte auch sagen: sie sind sehr inhaltsstark. H: Die nehmen sich auch den Platz, weil eine relativ große Präzision in den Worten auf der Platte steckt. Insgesamt. Das ist recht gelungen, für mein Gefühl, für meine Ratio.
Thies Mynther: Für deine Ratio. [lacht]
E: Stell schnell die nächste Frage, sonst fängt er wieder an, so komisch rumzulabern. [lacht]
Lasst uns das Interview mit den Inhalten beginnen. Mir ist aufgefallen, dass fast jedes Stück auf eurer CD in irgendeiner Form von dem Jugoslawien-Krieg handelt ...
E: ... Ja, sie handeln vom Nato-Krieg. Vom Jugoslawien-Krieg eigentlich weniger. Aber es geht schon um diesen Krieg.
Ich fand es sehr interessant, wie du Persönliches mit Politischem mischst. Dass du z. B. Liebesbeziehungen schilderst und dann immer wieder zu Beschreibungen des Krieges zurückfindest.
E: Ja? Äh.
M: Finde ich auch sehr besonders und geil.
E: Welcher Text?
“Hyperventilation Weeks” zum Beispiel. Ich kann den Text jetzt nicht auswenig zitieren, aber ich erinnere mich an eine Zeile wie “They’ve already arrested each other. Oh my love, we’ve not yet arrested each other.”
E: Das ist ein Text, der ist älter als der Krieg.
Es geht da eigentlich eher um bäuerliche Volksgemeinschaften, die sich schnell finden. Also, ich wollte mal ein anti-städtisches Lied schreiben. Ich finde unsere Musik nämlich ziemlich urban. Deshalb wollte ich, dass einmal ein dreckiges Rock-Stück drauf ist, was in meinen Ohren ländlich klingt.
Dieses “We have not yet arrested each other” handelt davon, wie die Menschen sich klein machen im Staat, Verantwortung an andere übergeben und sich gegenseitig das Leben schwer machen, ja, sich gegenseitig verhaften, indem sie dafür sorgen, dass Prioritäten existieren, die eigentlich einem menschlichen Leben abkömmlich sind. Geld zum Beispiel, Karriere zu machen, in irgendeiner Form. Jeder in irgendeinem Kuhdorf in Schleswig Holstein will jetzt schon, keine Ahnung, Marketing Director oder so was werden. Die Globalisierung im Neo-Liberalismus ist so weit fortgeschritten, die Leute merken gar nicht, wie sie sich gegenseitig das Leben nehmen.
Was ich auch ziemlich krass finde, sind Textzeilen aus eurem Titelstück “Finger On The Trigger For The Years To Come”. Zeilen wie “If we die like flies, it is still nice, not like humans that no-one will bury.”
E: Ja, dieser Limerick da.
Ist das ein Limerick?
E: Ja [zitiert in ziemlicher Geschwindigkeit den ganzen Limerick, der das Titelstück abrundet]: “The sky is blue. I wear his shoes, the one with the pad that is furry, if we die like flies, it is still nice, not like humans that no-one will bury.”
[Mense Reents summt die Melodie dazu.]
E: Ja, das geht darum, dass die Menschen wie die Fliegen sterben in Jugoslawien, aber niemand sich darum kümmert.
M: Aber der ganze Text ist doch eigentlich gar nicht so ... Ich weiß nicht, der kommt mir so Laberflash-Beatnik-mäßig vor. Weil auch so verschiedene Orte auftauchen.
H: So surreal.
T: Surreal finde ich das nicht.
M: Der Text geht doch so: Da war ich da, und plötzlich wach’ ich auf und guck’ auf meine Füße, und das ist alles so schnell und hektisch und ...
E: ... Ja, aber es geht um zwei Dinge.
M: Ich finde den Text auf eine Art sehr realistisch.
Das finde ich auch. Gerade weil der Text etwas Kosmopolitisches hat. So: ich war noch in Italien und ...
E: ... Nein! Moment, Moment, Moment. Ihr habt das nicht ganz richtig verstanden. Also: Erst mal geht es ganz konkret um den Krieg, und zwar um zwei Seiten. Also: Mein Vater ist deutsch, meine Mutter ist Jugoslawin. Ich guck so auf meinen Körper: Ich bin zweigeteilt. A quarter pounder. Also: Ich bin 250 Gramm menschliches Fleisch auf der deutschen Seite, auf der jugoslawischen Seite aber auch. Das heißt: der Text handelt von zwei Seiten. Einmal: wie ist es, bombadiert zu werden. Ich bin meinetwegen jetzt irgend so ein Bauer, es geht um diese Zeile: “I am fought and fight at the same time, as I sit with my fellows in the rotary, the village one, we smoke our partners.” Die Bauern sitzen da und trinken ihren Mokka, und dann gehen die Sirenen los, und dann werden sie bombadiert. Auf der anderen Seite bin ich ein Pilot in einem Kampfflugzeug und habe meinen “finger on the trigger for the years to come” und fahre los. Und Italien kommt deshalb in dem Text vor, weil von Italien die ganzen Flüge losgingen. Das hat nichts mit einer Touristen-Romantik zu tun oder so. [Allgemeines Gelächter] Ah ja. Darauf muss man erst mal kommen.
E: Und der Pilot ist irgendwie so merkwürdig, ein Muttersöhnchen. “I told my mama via satellite.” So herablassend. Es sind zwei Positionen eigentlich in dem Stück “Finger On The Trigger For The Years To Come”.
T: Also interessant, ich habe das ganz anders verstanden.
M: Ich auch.
H: Ich auch.
T: Man kann das auch ganz anders lesen.
Ich habe das auch anders gelesen. Also einerseits: Beschreibungen eines fast schon hedonistischen In-der-Welt-Seins und andererseits dann eben diese Kriegs-Ebene.
E: Das kann man natürlich auch so sehen.
M: Das kann man wirklich genau so lesen. Den ganzen Text. Von vorne bis hinten.
E: Ja, aber das macht ja nichts. Das widerspricht sich ja nicht.
T: Ich habe den Text schon ganz oft gehört, also ich weiß wirklich Wort für Wort, was da vorkommt, und ich habe das auch aus der Perspektive eines Reisenden gelesen. Auch mit diesem Wirrwarr, diesen Flashes ...
E: ... Aber wie machst du das, wie kannst du dann solche Sätze verstehen wie: “My mother and my father have yearned to see me be one of theirs, each half made of halves, enemies of the century, and I am equally theirs, I am fought and fight at the same time”?
T: Ja, ich dachte, es geht um diesen Widerspruch zwischen zwei Kulturen. So habe ich das gelesen, ganz einfach.
E: Ah ja, gut.
H: Ich finde, dieser Text verlangt einfach nur Wachsamkeit. Deshalb haben wir ihn auch zum Titel auserkoren.
M: Und weil er so schön poetisch klingt.
Was meinst du mit Wachsamkeit? Fordert der Text eine Informiertheit ein?
E: Informiertheit, ja, klar, wobei ich natürlich nicht von jedem einzelnen Deutschen verlangen kann, dass er sich mit der Geschichte Jugoslawiens auseinander setzt, andererseits, wenn er einen Krieg befürwortet, dann sollte er sich noch mal überlegen, ob er sich nicht mit der Geschichte desjenigen Landes auseinander setzt, das er da bombadiert.
T: Mit den genauen Zusammenhängen, warum da überhaupt was stattfindet. Die Gründe, wer wie handelt. Wobei die Propaganda zu dem Zeitpunkt, als das stattfand, auch wirklich übermäßig war, muss man schon sagen.
E: Jetzt werden die Dinge langsam klar, und es gibt lauter Enthüllungen über Kriegslügen. Und immer noch sagen die Leute, dass der Krieg gerechtfertigt war. Also, man kann die Leute nicht erziehen, es geht nicht.
H: Ich glaube, man muss einfach ganz allgemein einfordern, dass die Menschen genau hinsehen. So eine Wachsamkeit. Dass man noch Hebel hat in diesem System. Dass es halt einfach nicht so schön ist, wie wir alle vorgespiegelt bekommen und uns gegenseitig vorspielen.
T: Es ist einfach eine Forderung, die man an sich selbst stellen muss, an sich selbst und die Menschen, die einen umgeben. Ich meine, wenn die Utopien schon wegbrechen, dann muss man wenigstens einen klaren Blick und eine Analyse wagen.
M: Es ist gut, dass die weg sind, die Utopien.
T: Weiß ich nicht. Kann ich nicht genau sagen.
E: Warum soll das gut sein? Genau das Bürgerlichste, was es gibt, sind: keine Utopien.
M: Keine Utopien heißt aber auch: konkret werden. Utopien sind immer große, riesige Gebilde, die sich irgendwelche Leute ausdenken.
T: Ich finde, wir sprechen zu unkonkret.
M: Es geht doch auch um einen sinnlichen Ausblick irgendwie.
H: Um Visions.
M: Dass man überhaupt einen Blick hat. Eine Perspektive. Irgendeine. Eine Möglichkeit.
T: Aber muss das gleich, ich meine: Utopie ist doch auch so unheimlich viel. Das ist so eine Vorstellung von so einem Nirgendwo-Land, das gar nicht existiert, von einem völlig anderen System, das nach anderen Regeln funktioniert.
E: Also ich finde den Kapitalismus so irrational, ich finde es so unglaublich, dass die Leute so ausgeblutet, ausgemelkt werden. Und dass da niemand was dagegen sagt.
H: Die Selbstausbeutung ist so dermaßen integriert worden in dieses System, dass es echt grausam ist.
T: Darauf kann man sich doch wohl einigen. Dass man überhaupt einen Blick dafür bekommt, wie die Selbstausbeutung in den Spät-Kapitalismus integriert ist. Das kann man doch wohl festhalten.
H: Ja, absolut.
M: Da überhaupt draufgucken zu können ist schon mal ein Schritt.
Und die Band ist euer Medium, das zum Ausdruck zu bringen?
E: Die Musik ist unser Medium. Musik gibt uns die Möglichkeit, ein Bild zu schaffen, über Freiheit zu reden. Auch wenn sie nicht konkret erfüllt ist. Ich weiß ja nicht, was Freiheit ist. Aber man kann in der Musik einen Weg finden, eine Vorstellung oder ein Abbild davon schaffen.
Jede Musikrichtung transportiert - über die Musik hinaus - ihre eigenen Inhalte. Auf eurer neuen CD seid ihr ziemlich von R&B beeinflusst - findet ihr auch die Werte gut, die im R&B hochgehalten werden?
E: Also für mich spielt das schon eine Rolle.
Was findest du toll an R&B?
E: Das Schönste an R&B: es transportiert ganz viel Wärme. Und ich finde, es ist ein rasantes Tempo im Moment, in Deutschland oder meinetwegen auch in Hamburg: Kunst wird immer kälter und abstrakter und rationaler und reduzierter und minimalistischer. Und ich finde, R&B hat einen schönen Gegenpol dazu. Ich finde R&B so erholsam in dieser hässlichen Welt, in dieser Welt, in der man sich wie ein Gemarterter vorkommt, wenn man auf die Straße geht und gleich ins Büro muss oder zur Uni oder zur Arbeit. R&B kommt mir da so vor wie eine Erlösung.
H: Aber ich finde grundsätzlich die Werte, die R&B transportiert, ziemlich problematisch. Der Körperkult, das Nach-außen-Tragen von Richness und Potenz. Das Einzige, was ich daran reizvoll finde, ist die Emotionalität dieser Musik. Alles andere finde ich eigentlich furchtbar.
E: Also ich rede jetzt nur von der Musik. Obwohl: die Frauen sehen besser aus. Die Typen mit großen Schwänzen und Goldketten find’ ich auch super, aber ... [Allgemeines Gelächter]
T: ... Sexy.
E: Ich hätte so was gerne mal, ja.
M: R&B ist irgendwie Weltmusik. Als Elena gestern in der Astra-Stube aufgelegt hat, habe ich mir das gedacht. Wenn du Indie-Rock auflegst, dann ist es undenkbar, dass Türken reinkommen und zwei Stunden bleiben.
E: Das habe ich gar nicht gemerkt.
M: Die standen da rum und haben mit Andrea geredet. Das ist wohl schon so, so komische Rich-Musik. Von reichen Leuten für reiche Leute, oder? R&B vermittelt halt den Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen.
M: Und es hat auch etwas extrem Prolliges. Aber ich finde, das ist einfach eine sehr minimalistische, funkige, moderne Popmusik. Die ist extrem wichtig für das Ende der 90er.
H: Ich find’s auch gut, dass wir R&B benutzen, um unsere Inhalte zu transportieren. Also, das finde ich das Geile daran. Dass man das so nimmt und dann trotzdem so Positionen, wie wir sie haben, da drauf setzt.
Eure inhaltlichen Positionen stehen ja auch ein bisschen im Widerspruch zu R&B, oder?
M: Natürlich, ja, das ist schon ein Widerspruch.
E: Was ist ein Widerspruch?
M: Mit diesen Brechungen zu arbeiten. Diese Musik zu nehmen, die textlich mit ziemlichen Banalitäten agiert, und dann ganz andere Inhalte reinzutun, ohne dass sie draufgepropft wirken.
H: Ich glaube, dadurch schärft man für beides den Blick.
E: Dieses Sex-Thema im R&B ist ein Problem. Man hat so das Gefühl, dass die einem wirklich Leid tun können. Die reden die ganze Zeit nur darüber. Die singen auch die ganze Zeit darüber.
M: Die haben nichts als Sex, ununterbrochen. [Allgemeines Gelächter]
E: Die können nicht teilnehmen an anderen kulturellen Ereignissen.
Alle sexsüchtig.
H: Gruselig.
E: Aber es wird von Frauen und Männern gleichermaßen praktiziert, und das finde ich dann in Ordnung, warum nicht? Ja, das finde ich gut. Ihr habt vorhin schon den Körperkult angesprochen ...
E: ... Ja, was ist das Problem an Körperkult?
Mich nervt die Übersteigerung, das Übertriebene daran, wie an jedem Kult halt.
E: Ach so, man muss dann ins Fitness-Center, man kümmert sich dann um sich selber.
Dagegen ist ja nichts einzuwenden, dass man sich um sich selbst kümmert.
E: Ich finde es gut, wenn man sich um seinen Body kümmert. Ich finde immer noch: ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper. Ich kann mich nicht hinstellen und sagen: “Nee, du machst zu viel Sport.”
H: Aber es geht ja um die Frage, inwiefern dieses Hinterherrennen Sinn macht. Also dieses: Ich renne einem Ideal hinterher, was ich nie erreichen kann. Das finde ich total sinnentleert.
M: Ich denke nicht unbedingt über die R&B-Inhalte nach. Ich mag einfach diese trockenen Beats. Ich finde geil, dass man dadurch mit modernen Beats so ganz flapsig Songstrukturen herstellen kann. Eine gute Mischung, ja.
M: Das gibt es bei elektronischer Musik nicht. Da gibt es dann immer einen Rückzug auf Elektro, was es in den 80ern gab. Aber bei R&B ist alles viel offener. Obwohl man jetzt natürlich auch sagen muss: Wir haben ja keine R&B-Platte gemacht. Wir sind einfach nur beeinflusst von so einer Sound-Ästhetik. Wie der Sound klingt oder wie die Basslinie klingt.
T: Ich finde schon, dass wir Modellen folgen, die typisch sind für R&B-Beziehungsduelle.
Auf der anderen Seite fahrt ihr auf eurer CD ein enormes Kontrastprogramm zu R&B. Ich spreche von eurem Seventies-Hardrock-Einfluss.
M: Was natürlich ein klassischer Stella-Bruch ist: Ja, wir finden jetzt R&B und Hardrock gut. [Allgemeines Gelächter]
E: Also ich finde R&B gut, aber ich habe auch Thin Lizzy entdeckt. Und ich habe Black Sabbath entdeckt, und das ist für mich, oh Gott, das kannst du nicht schreiben ...
... Nun gut.
M: Is’ doch gut.
E: Also, Thin Lizzy hatte wirklich den größten Einfluss auf mein Songwriting, plötzlich habe ich gemerkt, wo meine Grenzen sind. Das musste da einfach rein. Das Stück, von dem du sprichst, “Hyperventilation Weeks”, ist das hardrockigste Stück. Es ist allerdings auch schon etwas älter, muss man sagen, damals habe ich noch viel mehr Glam-Rock gehört, T.Rex und so. Aber ich finde das ganz wichtig, dass man Hardrock verarbeitet. Weil das nämlich auch irgendwie natürlich ist.
T: Thin Lizzy ist ja wiederum ein interessantes Beispiel, weil das eine Hardrock-Band war mit einem ...
E: ... schwarzen Sänger.
T: Mit einem halbschwarzen Sänger. Der intoniert extrem anders als die anderen Hardrock-Sänger. Ich finde das extrem geil, muss ich sagen.
E: Ohne Thin Lizzy kein Prince!
Ich finde, das ist auch das Schönste auf der Platte: wie ihr diese krass unterschiedlichen Einflüsse einfach so selbstverständlich zusammenbringt. Die meisten aktuellen CDs funktionieren doch so, dass Leute halt eine bestimmte Musikrichtung machen und dann innerhalb dieser Musikrichtung variieren oder einen sehr kalkulierten Crossover herstellen.
T: Wir haben uns das schon genau überlegt. Wenn man eine Platte macht, muss man sich fokussieren. Man kann nicht alles, was alle gut finden, benutzen und dann so eine verdammte Platte zusammenbauen. Andererseits befinden wir uns hier auch am Ende eines Prozesses. Da klingt dann immer alles so reflektiert. Jetzt ist eben die Schnittmenge von den vier Leuten, die hier am Tisch sitzen, sichtbar geworden. Also Sachen, auf die man gerade kam, die man zusammen geil fand und was man auch in der Lage war, zusammen umzusetzen.
M: Ich glaube, dass wir einfach relativ selbstbewusster sind, wenn wir Genres aufgreifen. Wenn wir eine Musik geil finden, dann machen wir das. Und wir haben keine Angst, dem Genre dann nicht gerecht zu werden.
E: Keine Pietätsschwierigkeiten.
M: Ja, genau.
T: Was wir machen, hat einfach eine eigene Stella-Qualität. Es geht uns nicht darum, etwas zu kopieren. Für viele Leute ist das natürlich extrem wichtig, gerade wenn sie solche Musik hören, dann wollen sie auch diese ...
M: ... diese Identität.
T: Ja, genau.
E: Ja, es gibt Leute, die uns vorwerfen, wir hätten nicht genug Respekt vor Musik. Wie zum Beispiel Tobias Levin mit Musik umgeht. Immer sehr respektvoll, immer sehr genau, immer sehr eins nach dem anderen. Und wir kommen einfach ein bisschen flotter daher! Wir nehmen uns das einfach alles. Aber das hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun. Ich finde, das hat einfach mit Lust und mit Freude und mit Energie zu tun. Für mich ist das keine höhere Kultur, Musik.
M: Diesen Respekt vor Genres finde ich manchmal extrem spießig. Wenn Leute dann sagen: “Das habt ihr aber nicht richtig programmiert.” Echt bescheuert so was.
H: So nach dem Motto: Also die neuen Stücke aus London - die klingen anders. [Allgemeines Gelächter]
Ich möchte noch einen Einfluss ansprechen: Liz Phair. Der Gesang, aber auch Text und Musik-Elemente der Stücke “Opening Night” und “Fame Is A 4-Letter Word” erinnern mich an Liz Phair. Also dieses spröde, leicht sarkastische Songwriting. E: Es gab mal jemanden, dem habe ich die Platte vorgespielt und der hat gesagt: “Die Songwriting-Stücke sind echt was ganz Besonderes, weil es ist unbezahlbar, so ein ganz eigenes Songwriting zu haben.” Und das finde ich auch so.
T: Was sind denn die Songwriting-Stücke?
E: “Fame”, “Opening Night”, so was eben. Und “Premodern”.
T: Also “Fame” ist absolut aus Luxus zusammengesetzt.
H: Also, die Wirkung, die das hat, ist aber schon musikalisch.
E: Aber es ist ja nichts Elektronisches herausgestellt wie bei den anderen Stücken.
Welche Sängerinnen hast du denn gehört, um dich auf diese Platte einzustimmen?
E: Ich find’ sogar die neue Mya-Platte ganz gut.
M: Biene Maja.
E: Sag ja, dass das von dir kommen musste.
[Elena und Thies gehen auf die Toilette.]
Sprechen wir solange über eure anderen Musikprojekte. [Zu Mense:] Wie ist das für dich, neben Stella auch noch bei Egoexpress mitzumachen? Das sind ja zwei ziemlich unterschiedliche Bands.
M: Also, ich brauche beide. Egoexpress empfinde ich schon als freier. Wenn Jimi und ich einfach so anfangen, mit Sounds rumzuexperimentieren. Bei Stella gibt es viel mehr Einschränkungen, also positve Einschränkungen wie zum Beispiel: Wir haben jetzt hier diesen Text, wir sind eine Band, wir haben, was weiß ich, Akkorde, die da sind, am Anfang, dann geht so ‘ne Maschine los. All das finde ich extrem reizvoll, und das hat auch viel zu tun mit meiner musikalischen Vergangenheit. Ich glaube, viele Leute, die die Elektronik entdeckt haben, interessieren sich nicht mehr für das, was sie vorher gehört haben. Aber ich vergess’ nicht einfach etwas, was ich mal gemocht habe. Ich höre auch alte Platten von vor zehn Jahren. Es ist alles ein großes musikalisches Chaos in meinem Kopf.
H: Zu Hause mit meinen Freunden, mit meinen beiden Jungs, mache ich schon völlig andere Sachen. Da sind auch ganz andere Arbeitsweisen am Start. Es geht viel weniger um Innovationsanspruch.
[Elena und Thies kommen zurück.]
Noch mal zurück zu euren Inhalten. Ihr seid ja, neben anderem, auch eine politische Band. Wie kommt das beim Publikum an? Kommt das auch als etwas Politisches rüber?
E: Dazu kann ich vielleicht etwas sagen. Ich habe gemerkt, bei der letzten Platte, auch in den Interviews: das ging die meiste Zeit nach hinten los. Vielleicht lag es auch daran, dass man auf einmal zu viel wollte und dann mit “Ismen” angefangen hat. Ich habe damals gedacht, das hat vielleicht so einen Knalleffekt und das wird die Leute wachrütteln, aber stattdessen haben einige Leute versucht, mich so wie ‘ne Zigarette auszudrücken.
Viele haben sie dir ja damals auch die “Glaubwürdigkeit” abgesprochen. So nach dem Motto: Die ist doch noch so jung. Und außerdem trägt sie Designerklamotten.
E: Ja, das alles, alles so. Ich würde zwar immer noch die gleichen Sachen sagen wie damals, aber ich weiß mittlerweile, dass die Leute, wenn sie einer Pop-Band zuhören wollen, einer Pop-Band zuhören wollen. Die wollen da kein schlechtes Gewissen kriegen, weil sie noch nie was von Marx gelesen haben. Andererseits interessieren mich die klassischen Themen des Pop einfach nicht so sehr. Mich interessiert zum Beispiel Liebe nicht so wahnsinnig. Und da bleibt dann einfach am Ende nicht so viel übrig.
Stimmt, die Liebeslieder auf der Platte sind alle von Thies.
E: Das einzige Liebeslied auf der Platte ist von Thies, ja.
T: Es gibt zwei Liebeslieder auf der Platte. Eins ist versteckt ein Liebeslied: “Webcam”.
E: Na gut. Beide Liebeslieder sind von Thies. [Allgemeines Gelächter]
Thies schreibt über Liebe und Elena über Krieg.
E: Und über Ruhm schreibe ich auch.
M: Liebe. Ruhm. Krieg. Unsere Themen. [Allgemeines Gelächter]
H [mit verstellter, düsterer Stimme]: Fame. Love. War.
E: Ich glaube, das passt jetzt ganz gut, die Frage mit dem Ruhm. Also, wenn man merkt, dass man den Leuten mit Kritik nicht kommen kann, dann überlegt man sich so: Okay, mit Politik kannst du nicht berühmt werden. Das ist einfach so. Es sei denn, du bist Politiker.
Dann schon lieber ein Lied über Ruhm ...
E: ... Ja genau, also “Fame Is A 4-Letter-Word” heißt unser Song. Weil: 4-Letter-Words sind ja Schimpfwörter. “Fuck” und so, “Cunt” und “Cock”, um das mal beim Namen zu nennen, und “Fame” gehört so in dieselbe Klasse.
M: Weil “Fame” eigentlich unwichtig ist.
E: Weil Liebe wirklich zählt.
H: So blöd sich das auch anhört.
E: Ich bin jedes Mal aufgeschmissen, wenn es niemanden gibt, an den ich denken, für den ich Gefühle haben kann. Davon abgesehen: Respekt ist nicht Liebe. Das musste ich ganz oft erfahren in letzter Zeit.
T: Um noch mal auf die Frage zurückzukommen. Man hat, glaube ich, schon eine Chance, Leute mit der eigenen Message zu erreichen. Mich hat immer beeinflusst, was in Texten stand. Es hat mich auch tatsächlich auf Themen gestoßen, über die ich sonst nicht nachgedacht hätte. Und die mich auch dazu gebracht haben, mich mit Sachen zu beschäftigen. Texte haben immer einen bestimmten Blick auf die Welt für mich geschärft. Als ich noch nirgends war und noch niemanden kannte ... [Allgemeines Gelächter]
H: Wann war das?
T: Vor zwanzig Jahren oder so, keine Ahnung, da war Musik mein Fenster zur Welt.
E: Aber man muss fairerweise sagen: Es ist nicht nur die Musik. Ich schreibe nicht nur Songtexte, sondern auch Gedichte, die auch teilweise veröffentlicht werden. Und ich finde, Texte beeinflussen einfach.
Schreibst du diese Gedichte auf Deutsch oder auf Englisch?
E: Auf Deutsch, die Gedichte sind auf Deutsch. Bitte frag mich nicht warum.
Warum? [Allgemeines Gelächter] Okay, frag’ ich nicht. Ich habe eine Frage, die in eine andere Richtung zielt: Ihr seid auch eine sehr stylishe Band. Könntet ihr genauer sagen, welche Bedeutung Style für euch hat?
T: Style ist schon sehr wichtig. Ich überlege mir immer drei Dinge: wie sehe ich aus, wie klingt die Musik, was habe ich dazu zu sagen.
Das ist deutlich.
M: Es ist schon sehr wichtig, wie man aussieht. Das ist schließlich auch die Verpackung, die Art und Weise, wie man sich seinen Mitmenschen präsentiert. Das hat auch etwas mit Höflichkeit zu tun. Aber wir sind alle vier individuelle Typen und haben wahrscheinlich alle andere Auffassungen von Style.
H: Zum Style möchte ich Folgendes sagen: Mich nerven diese ewigen Designer-Klamotten. Man trifft kaum noch Leute, die sich trauen, sich selbst wirklich einzubringen in ihren Kleidungsstil. Könnten die vielleicht mal selber etwas herstellen? Wer kann sich heutzutage noch selber eine Hose nähen? [Allgemeines Gelächter] Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich eine alte Oma sehe, die ein rosafarbenes Kleid trägt und ein rotes Tuch um den Hals, dann geht mir das Herz auf. Aber wenn ich einen Typen sehe in einem Prada-Hemd, dann denke ich nur: Der Typ hat Kohle, na und?
E: Ihr seid ja nur neidisch, weil ihr kein Geld habt, euch Designer-Klamotten zu kaufen! [Proteste von Seiten der Jungs] Ich sehe es so: Wenn ich ein Designer-Kleid trage, dann ist das schon etwas Besonderes und dann fühle ich mich auch wie etwas Besonderes.
Apropos Geld. Erzählt ihr mir etwas über eure Erfolgspläne? Wollt ihr in die Charts?
T: Ja, ganz klar, wir haben gute Chancen, in die Charts zu kommen, und die nutzen wir natürlich auch. Und es wäre schön, nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb von Deutschland Erfolg zu haben.
“Kommt ihr dann mal langsam zum Schluss?” Die Zeit ist um, der Promoter drängt, und vorne am Tisch haben - passend zum Thema “Erfolgsaussichten” - der L’Age D’Or-Chef Carol von Rautenkranz und seine Assistentin Verona Platz genommen. Sie haben wichtige Notiz- und Terminbücher vor sich ausgebreitet und reden schon mal über die Pläne für die kommende Woche. Es geht um die Klamotten für den Videodreh am Wochenende.
Okay, lasst mich zum Schluss noch ein Resümee ziehen: Ihr kommt mir insgesamt reifer vor als bei unserem letzten Interview vor zweieinhalb Jahren. Damals habt ihr euch ständig gestritten, was natürlich auch seinen Reiz hatte.
E: Ja, wir sind erwachsener geworden.
M: Das hört man auch unserer CD an. Es gibt nicht mehr diese fast schon alarmhaften Songs wie auf “Extralife”. Wir sind mehr in die Tiefe gegangen.
Hängt diese neue Reife auch mit eurem neuen Bandmitglied Hendrik zusammen?
E: Zum Teil. Ich habe festgestellt, dass Hendrik eine echt beruhigende Wirkung auf mich hat. Wenn ich versuche, einen Streit anzufangen, dann lässt Hendrik das erst mal an sich abprallen. Das ist, glaube ich, ganz gut so.
Okay, danke für das Interview und alles Gute!
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...
Gruppen
MISS KITTIN AND THE HACKER
Hier geht es um MISS KITTIN AND THE HACKER: Carline Herve und Michel Amato aus Grenoble, Frankreich




