Shellac

die große verweigerung

08.08.2000, 15:58, Text: Autor unbekannt

Zugegeben: einige der besten Texte, die über Rockmusik geschrieben wurden, etwa von Greil Marcus, sind ganz ohne Interviews ausgekommen. Im Fall von Shellac ist diese schroffe Haltung allerdings kokett. Schließlich weiß Albini, dass sich eine neue Platte von Shellac auch ohne große Presse verkaufen würde. Taktisch gesehen hat die Verweigerung zudem - und das weiß Albini auch - einen ganz anderen Effekt: Gerade sie spornt Journalisten an, über die neue Shellac zu schreiben, denn nichts eignet sich besser zur Verkultung als ein Produkt, das sich dem ganzen Promo-Schnickschnack verwehrt und damit die Aura eines Mysteriums enthält.


So durchschaubar diese Strategie auch sein mag, muss ich zugeben, dass sie mir gefällt. Sie passt ganz und gar zu dem, was es auf „1000 Hurts“ zu hören gibt: kühle, analytische Musik, die absolut begehrenswert klingt, weil alles an ihr auf Verweigerung eingestellt ist. Bereits der Auftakter „Prayer To God“ zieht alle Register in Sachen Boshaftigkeit. Der Text ist als Gebet vorgetragen, in dem Gott aus Eifersucht gebeten wird, ein Pärchen zu ermorden - „fuck and kill him“, peitscht der Refrain und liefert in seiner lakonischen Verdichtung mehr an Blasphemie und sexuell aufgeladener Gewaltfantasie, als das Gesamtwerk von Marilyn Manson je hätte vermitteln können.
Genau darin liegt die Stärke von Shellac: ihr Rock ist fies, ohne je an das Attribut Schweinerock zu erinnern, der Zynismus ihrer Texte provoziert, weil er gerade nicht offenkundig auf Provokation ausgelegt ist. Shellac-Stücke sind bewusst distanziert, sind erwachsen gewordener Punk, wo Hass nicht mehr aus der Ich-Perspektive herausgeschleudert wird, sondern wo die Kaputtheit umso verstörender wirkt, weil Shellac ihre Musik aus der Sicht von Psychopathen zu schreiben verstehen. Sie wirkt wie die Lektüre des „American Psycho“, lässt einen die Gesellschaft hassen, obwohl sich der Hass doch nirgendwo explizit ausgedrückt findet. Anders gesagt: Shellac sind cool, haben die letzte noch adäquate Form gefunden, Punk-Haltung rüberzubringen, ohne dabei musikalisch wie textlich Phrasen zu bedienen.
Wären die Amokläufer von Littletown fähig gewesen, den Bodensatz dessen, was sie zu ihren Taten veranlasst hat, in Worte zu fassen, müsste es wie „1000 Hurts“ klingen: kaputt, verstört, am Rande aller kommunikativen Vermittelbarkeit. Die Stärke von „1000 Hurts“ liegt nämlich darin, zu zeigen, dass die Kaputtheit unserer Gesellschaft längst ganz anders verläuft als zur Blütezeit von Punk. An die Stelle von Subkulturen und Protestbewegungen sind Psychopathen und Amokläufer getreten, die ihre ganz individuelle, zugleich völlig vereinsamte Form der Verweigerung ausleben, diffus, tödlich, sinnlos, aber medial effektiv - abgebildet in der abgehackten, zerfahrenen Musik von „1000 Hurts“, die so hypernervös und desillusioniert klingt wie eine durchwachte Nacht im Leben eines vereinsamten Nerds, kurz bevor er zur Waffe greift.
Die abgehackten Instrumental-Einsätze und der teilnahmslose Gesang benutzen - wie einst bei „Psycho Killer“ von den Talking Heads - ganz bewusste Strategien, Entfremdung hörbar zu machen. Die Entfremdung, die sich hier in jedes Riff und jeden Beat eingeschrieben hat, gibt Einblick in eine alptraumhafte Post-Grunge-Welt, ist die musikalisch zum Skelett abgespeckte Fassung von Pearl Jam - eine Musik, die an den versöhnenden Geist von Rock nicht mehr glauben kann. Umso deutlicher tritt hier zugleich die Stärke von Rockmusik zu Tage: statt zu versöhnen, gibt Musik - was wir schließlich auch von Filmen und Romanen erwarten, die mehr als nur unterhalten sollen - einen Einblick in die unlösbare Zerstörtheit der Welt.



Artikel kommentieren
aus Intro #77 (September 2000)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 
Anzeige
 

Gruppen


Festival Theaterformen 2009

Festival Theaterformen 2009

Informationen zum Festival Theaterformen in Hannover 2009 - mit vielen Parties und Konzerten

» Mehr Gruppen
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.