Lead Sheet

play against Boris Fust

07.08.2000, 21:37, Text: Boris Fust, Boris Fust

Hat Boris Fust seinen bösen Geist aufgegeben? - Mit Sicherheit nicht. Er wurde lediglich vom Dienst suspendiert und weilt im maltesischen Exil, um in und mit der ihm eigenen Gemütsruhe tausendmal den Satz von der Gedenktafel abzumalen: \"Nach Ausschwitz darf keine satirische Kolumne mehr geschrieben werden.\"

Ein Lead Sheet und die Folgen. Lesen Sie an dieser Stelle, wie es dazu kam. Gastkolumnisten heute: die Sportfreunde Stiller und die - wer hätte es gedacht! - Cucumber Men.

Hallo Boris, nachdem man uns auf deine großartige “Kolumne” im Mai-Intro angesprochen hat, wollen wir dir zumindest ein paar Zeilen zu deinem tollen Aufsatz schreiben: Willst du jetzt tatsächlich den Maßstab dafür setzen, was Musik ist und was nicht? Es ist schwer nachzuvollziehen, dass alles, was sich außerhalb eines “amtlichen” Gitarrensolos bewegt, nicht als Musik verstanden werden soll.

Ich würde sogar behaupten, dass gerade ein Bruchteil aller musizierenden Menschen ein amtliches Solo auf die Reihe bringt und sie sich trotzdem leidenschaftlich mit Musik beschäftigen können. Dass Musik dabei nicht nur als pc-Botschafter genutzt wird, trifft da natürlich zu, ist in unserem “Genre” zum Glück eher die Ausnahme.
Noch mal kurz zu deiner Einstellung, wer wie weshalb Musik machen darf - ich denke, dass du mit deinem intoleranten Geschreibsel möglicherweise dieselben “proto-faschistischen” Maßstäbe erfüllst, die du uns in unserem Text zum Heimatlied vorwirfst. Wird denn nicht gerade in einem autoritären, reaktionären Klima bestimmt, was Kunst ist und wie man sie macht und was außerhalb dessen als entartete Kunst zu bezeichnen ist? Du lügst dich da natürlich hervorragend vorbei, indem du jedem, der sich mit Sport beschäftigt oder etwa Fan ist, die Fähigkeit, Kunst zu machen, absprichst. Der Protofaschischmus lebt und gedeiht nur so in deiner arroganten Haltung. Zu deinem Gebrauch des Begriffs Faschismus muss ich noch hinzufügen, dass es wahrscheinlich gefährlicher ist, ihn durch unbedachte Anwendung und überhastete Kategorisierung zu relativieren und somit auf lange Sicht zu einer unglaubwürdigen Hülle abzunutzen, als sich vielleicht etwas bedachter mit seiner Anwendung zu beschäftigen. Vielleicht ist dir außerdem auch entgangen, dass der Begriff Faschismus in dem klassischen nationalstaatlichen Kontext nur noch wenig Relevanz besitzt. Er wird inzwischen in wesentlich größeren Dimensionen von internationalen Firmenkonsortien wie z. B. Philipp Morris nicht beachtet, von solchen Intelligenzbestien wie dir ausgeübt. Wie viel Geld habt ihr eigentlich für eure ganzseitige Marlboro-Anzeige bekommen?!? Komm doch da nicht mit so Zitaten wie “hier bist du Mensch” aus dem Wald gekrochen, um uns so einen Mist anzuhängen. Wenn du keinen Bock auf unsere Musik hast (ich muss Musik dazu sagen, obwohl ich Sport mache) und mal ordentlich durchziehen willst, mach dich erst mal schlau, bevor du dich auf so ein Terrain begibst.
Nun zu unserem Verständnis des Textes von Heimatlied. Es geht in diesem Text um das Gefühl, nach einer langen Zeit wieder mal nach Hause zu kommen, in die vertraute Umgebung, zu den Freunden, Freundinnen - auch zu sich selbst, überall dorthin, wo man sich wohl und geborgen fühlt. Ankommen, durchschnaufen. Das kann in einem selbst sein, man ist entspannt, fühlt sich einfach wohl, oder in der eigenen Stadt oder in Timbuktu, Helgoland, den Cayman-Inseln oder der Autobahnraststätte Greding oder bei meinem Freund, dem Baum. Sag mir bitte, wo ist hier der Faschismus?!?! Riechst du ihn in dem Begriff Heimat? Den gab es schon vor dem 3. Reich, den gab es schon immer. Natürlich ist der Begriff Heimat im positiven Sinne auf einen Nationalstaat bezogen gefährlich, weil es ein uneingeschränktes Einverständnis mit dessen Politik erfordert, was ein normal denkender Mensch nicht bringen kann. Auf das Private, mein näheres Umfeld bezogen, sehe ich jedoch keinen Anlass, diesen Begriff nicht zu gebrauchen. Wir wehren uns dagegen, dass dieses Lied als neue “Deutschland-Hymne” angesehen wird, außerdem gegen jeden rechtsradikalen Mief, den du uns in deinem “Artikel” anzudichten versuchst.
Rüdiger / Sportfreunde


Hallo, liebe INTRO-Redaktion. Hier mailt euch Justin von den Cucumber Men. Ich habe gerade von dem kleinen Disput mit Sportfreunde Stiller mitbekommen und prompt folgenden als Leserbrief gedachten Text verfasst. Ich muss gestehen, dass dieser mein erster Leserbrief überhaupt ist (ich bin deshalb auch ganz aufgeregt!), und deshalb weiß ich auch nicht, ob folgende Bitte unverschämt ist, oder nicht. Nämlich: Bitte, druckt ihn ungekürzt oder lieber gar nicht, da sonst das “subtil fragile Ironiegefüge” auseinander brechen könnte, und dann stehen WIR womöglich auf einmal im Ruf, rechtsreaktionäre Trottel zu sein. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!
Euer Justin Balk.

Und jetzt mein Leserbrief:

Liebes Intro,
den Sportfreunden auch nur ansatzweise die Verbreitung faschistischen Gedankenguts (z. B. im “Heimatlied”) vorzuwerfen ist derartig niederträchtig, dass wir nicht umhin kommen, uns diesbezüglich zu Wort zu melden. Unsere Einschätzung der ganzen Situation ist folgende: Die Sportfreunde sind KEINE Nationalsozialisten. Als Beweis mag folgende Anekdote herhalten: Nach einem gemeinsamen Konzert spielten wir im Backstageraum Fußball (wohlgemerkt wir und nicht die Sportfreunde, deren Sportlerimage hiermit als reine Marketingmasche enttarnt sei!!!). Wir waren dermaßen aufgekratzt, als uns dann zusätzlich noch der Hafer stach, so dass wir anfingen, uns auf einem unserer Plakate so genannte “Hitlerbärte” aufzumalen (mit Edding!). Das war vielleicht lustig!!! Just in diesem Moment betrat einer der Sportfreunde den Raum, um völlig bestürzt und oberlehrerhaft zugleich zu sagen: “Oh, des mocht man aber net!” Kopfschüttelnd zog er von dannen. Für uns war der Abend natürlich gelaufen ...
Unser Fazit also: Die Sportfreunde sind derartig pc, das gibt’s schon fast gar nicht mehr. Man kann ihnen einiges vorwerfen: Dass sie den Rock’n’Roll endgültig verniedlichen und verkuscheln. Dass sie sich im Jahre 2000 immer noch mit orangefarbenen Bad-Taste-Lampen aus den Siebzigern auf die Bühne trauen. Vor allem aber, dass sie (momentan!!!) mehr Erfolg haben als wir!!! Aber faschistoid? Nein, das sind die Drei nun wirklich nicht!
Mit freundlichen Grüßen und trotz allem einem “Macht weiterhin so tolle Hefte!” verbleiben wir
eure Cucumber Men


Nach Verfertigung der Strafarbeit hat sich unser Autor komplett in den Untergrund verabschiedet – er hofft so, den zahlreichen Strafverfahren wegen u. a. Aufruf zum Mord (“Die ‘Du darfst’-Sängerin muss sterben!”, Lead Sheet #60), der Verbreitung kinderpronografischer Schriften (“Wie weit die beiden Sechzehnjährigen schon entwickelt sind!”, Lead Sheet #66) und allgemeinem Unglimpf (“Bruce Spingsteen und der Vocoder wurden ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt”, Lead Sheet #64) zu entgehen. Auf den bekannt inoffiziellen Kanälen erreichte uns jedoch folgendes Drahtwort mit knapper Stellungnahme:

“Niemand hat je behauptet, die Sportfreunde Stiller seien Nationalsozialisten oder verbreiteten faschistisches Gedankengut. Stopp. Das zu behaupten, bedarf es einer gehörigen Portion Fantasie mit Sahne. Stopp. Vielleicht kommt’s auch vom Zirkeltraining, das macht light im brain. Over and out.”



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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