Ernst Jandl

eile mit feile

07.08.2000, 14:18, Text: Autor unbekannt

In unserem Deutschbuch für die 7.-10. Klasse standen eigentlich nur zwei interessante Gedichte: „Kleine Aster“ von Gottfried Benn und eines, das „schtzngrmm“ hieß und bei uns Pennälern immer für große Erheiterung sorgte, da es keine Vokale enthielt und zu geräuschvollen Vorträgen animierte. Seine „Bedeutung“ begriffen wir erst später. Geschrieben hatte es Ernst Jandl. Der verfasste auch Hörspiele und Dramen, aber vor allem war er durch seine experimentellen Gedichte bekannt. Geboren wurde er am 1. August 1925 in Wien, später Studium der Germanistik und Anglistik an nämlichem Orte, bis 1979 war er Gymnasiallehrer.

Seine Gedichte waren in den 50ern so unerhört, dass 1957 der Redakteur einer Literaturzeitung nach Abdruck eines Jandl-Gedichtes entlassen wurde. Bekanntheit erreichte Jandl 1966 mit dem Gedichtband „Laut und Luise“, in dem ebenjenes „schtzngrmm“ und „wien: heldenplatz“ besondere Aufmerksamkeit erregten. Das „beschädigte Leben“ interessierte Jandl Zeit seines Lebens besonders: „der könnte jetzt bald / ein hauptmann sein. / schade um sein bein“ („Kriegskrüppel 1955“). Jandl „verhunzte“ die Sprache, verdrehte Vokale und Konsonanten, ließ Satzbauten einstürzen. Besonders seine eigenen ausdrucksstarken Rezitationen verhalfen seinen Gedichten zu großer Popularität. Viele musste man hören, um ihren Inhalt zu begreifen, andere entzogen sich des Vortrags durch ihr nicht zu verlautbarendes Schriftbild. Besonders interessiert war Jandl an Musik, vor allem am Jazz. Er machte viele Aufnahmen seiner Gedichte, darunter auch etliche in Begleitung von Musikern. Für mich hatte Jandl immer etwas von einem Popmusiker. Die knapp 50 Gedichte der CD „Laut Und Luise“ - fast alle unter einer Minute lang - stellten sich als ideal für die kleinen Zeitreste am Ende von für Freunde aufgenommenen Mixtapes heraus. Langsam kristallisierten sich Favoriten heraus: „Fünfter Sein“, „Falken Und Tauben“, „Erfolg Beim Dritten Versuch“ und – vor allem – „Ottos Mops“, Jandls wohl berühmtestes Gedicht über den Hundebesitzer Otto und seinen kotzenden Mops, das mit einem Vokal auskommt. Mit meinem persönlichen Lieblingsgedicht pflegte er häufig seine Lesungen zu beenden. Der Titel: „spruch mit kurzem o“. Der Text: „ssso“. Klappte das Buch zu und ging von der Bühne ab. Ernst Jandl starb am 9. Juni 2000 in Wien.



Artikel kommentieren
aus Intro #77 (September 2000)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Gruppen


MISS KITTIN AND THE HACKER

MISS KITTIN AND THE HACKER

Hier geht es um MISS KITTIN AND THE HACKER: Carline Herve und Michel Amato aus Grenoble, Frankreich

» Mehr Gruppen