Kanzleramt

labelportrait

06.08.2000, 20:37, Text: Autor unbekannt

Wie betreibt man eine Plattenfirma so, dass es Bestand hat, nicht langweilig wird, sich entwickelt und dabei auch noch Spaß macht? Für Heiko Laux, der das Kanzleramt-Label (und die beiden Sublabels K2o und UTurn) 1994 in Bad Nauheim gründete und mit den Labels seit Anfang des Jahres in einer Fabriketage des Berliner Ostens residiert, scheint diese Fragestellung wenig problematisch zu sein. Er verlässt sich auf Menschenkenntnis und Gespür und hat es damit bisher immerhin auf stattliche 48 Releases gebracht. Egal, ob es sich nun um „feste“ Kanzleramt-Artists wie DJ Slip, Johannes Heil, Anthony Rother und Christian Morgenstern handelt oder um Projekt-bezogene Zusammenarbeiten wie mit Diego, Kowalski oder Goldwave, alleiniges Ziel ist es immer, ein authentisches Produkt zu bekommen.

Es ist eine reine Gefühlssache, auf die sich Heiko Laux bei der leidigen Arbeit der Selektion stützt: „Ich vertraue auf den natürlichen Gang der Dinge“, und dieser lässt nur wenig Richtlinien zu.
Techno ist zwar das Zentrum und die Basis, aber mehr als alle musikalischen Vorgaben zählt der Künstler selbst: „Bei mir ist eigentlich die Persönlichkeit, gerade von den Stammartists, sehr wichtig. Also das, was sie gerade denken, der Level, den sie gerade in der Musik haben, so dass ich die Person in der Musik wiederhören kann. Das zeigt sich hauptsächlich bei den Alben, wo ich am liebsten immer alle Facetten des Künstlers sehen will. Kanzleramt hat eigentlich keine Richtlinien. Das habe ich für mich selber abgeschafft und ich entscheide es von Track zu Track neu.“
Entsprechend werden klassische Genrefragen so lange nicht gestellt, wie der Spirit transportiert wird und die authentischen Vibes der Produktionsumstände in vollem Umfang beim Hörer angelangen. Und dass eine stilistische Bandbreite, wie sie das Label gerade im ersten Halbjahr 2000 vorgelegt hat - vom Banging Techno des Neueinsteigers Diego über die Trance- und House-Klänge eines Johannes Heil und der Double X Posse bis zum experimentellen Sound eines DJ Slip -, irgendwann zum Problem werden könnte, wird im Kanzleramt ganz und gar nicht so gesehen: „Wiederholungen finde ich generell langweilig. Man ist doch quasi gezwungen, sich permanent zu ändern, weil das sonst schon wieder unecht wäre. Kein Künstler ist eine Fabrik. Alle sollen sich weiterentwickeln. Damit werden sie natürlich auch in verschiedene Richtungen gehen. Nur dadurch gibt es dann auch den Facettenreichtum, den ich auf dem Label haben will. Man soll die Platte [er spricht von seinem aktuellen Album ‘Sense Fiction Remixed’] später als Dokumentation der Zeit hören können. Ich fände es traurig, wenn die Leute sich im Plattenladen einfach die neueste Platte greifen würden, weil es sowieso immer das Gleiche ist. Es muss immer auch Überraschungen geben.“
Immer wieder trifft man bei Heiko Laux auf identische Begriffe, die als Sinn stiftender Überbau sein Handeln als Label-A&R, Produzent und Privatmensch prägen: Freundschaftlichkeit, Natürlichkeit, Spontaneität, Intuition. Nichts ist schlimmer als ein Verlust dieser Eigenschaften. Der Spaß wäre weg und damit auch der Mut zum Risiko und die Quelle der Kreativität. So wenig Plan wie möglich, so viel wie nötig. Am liebsten würde Laux wieder die Euphorie der Anfangstage umsetzen, der Musik wieder den Status als Kommunikationsmedium zurückgeben, den sie mal besaß. Eine Rückkehr zu den Wurzeln im Geiste mit den Mitteln von heute. Klar wurde ihm das beim Blick auf seine eigene Produzentengeschichte: „Ich war eigentlich schon relativ weit weg davon und habe es mir auch relativ schwer gemacht, indem ich versuchte, die Tracks von vorne an durchzuarrangieren, wobei ich mich zu Tode arrangiert habe. Letztendlich ist das Album wieder mehr auf Spontaneität und Improvisation gebaut. Ich habe da ein bisschen was von meinem DJing gelernt: Man hat zwei neue Platten, mixt sie zusammen, und sie funktionieren sehr gut zusammen, es entsteht eine Euphorie. Und genau das versuche ich eine Woche später zu wiederholen, und plötzlich ist es leer und tot.“ Das Gefühl des Augenblicks ist unwiderruflich verloren, sobald es nur noch eine Kopie des Originalmoments ist. Die Reproduktion als spürbarer Akt, der die Musik zweckentfremdet und von ihrer eigentlichen Bestimmung fern hält: „Die eigene Erinnerung mit zu prägen oder das eigene Gefühl aus der Zeit festzuhalten. Das ist der Punkt, wo Musik eigentlich die Aufgabe erfüllt, wofür sie da ist. Eigentlich noch besser als ein Fotoalbum. Eigentlich ist Musik Dokumentation der Zeit.“



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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