ESG / 23 Skidoo / Nine O'Clock Drop
drei platten geben anlass, knapp 20 jahre zurückzublicken
06.08.2000, 13:12, Text: Autor unbekannt
Tatort Plattensammlung: schichtweise mengen sich die Tonträger, und nach einiger Zeit des aktiven Musik-Einkaufs bilden sich beim Betrachten der Regale Jahresringe unter den Augen. Tendenz Lagerkoller. Die ewige Frage: regelmäßig weg mit den ollen Kamellen oder horten, weil: man weiß ja nicht? Es besteht ein großer Reiz, sich von den Sünden der Vergangenheit zu lösen, aber es gibt die Nostalgie-Werte. Es gibt den Gedanken, dass es noch mal toll sein könnte, Zeitgeschichte, will sagen: persönliche Geschichte in Hör- und Greifweite zu haben. Kurz und gut - ich habe den ganzen Kram bislang behalten. Und kurz und schmerzlos - gerade von meinen 80er-Jahre-Einkäufen stellt sich vieles als komplett überholtes, teilweise einfach wirklich mieses Zeug ohne heutigen Hörwert heraus.
Fand auch Andrew Weatherall, der sabresonische Swordman, König des Stilwechsels und gleichzeitig involviert in so extreme Positionen wie Balearic, Minimal Techno, Düster-Dub, Primal Scream und Disco. Von einer der englischen Dance-Postillen aufgefordert, stellte er vor einiger Zeit eine Playlist zusammen, die er so 1987 hätte auflegen können, kurz bevor er mit dem Boys Own Camp seinen Beitrag zum Acid House-etc.-Aufbruch manifestierte. Nun ist bei dem eigentlich eher auf geschmäcklerischen UK-House (Latin, Disco, Afro Style) geeichten Nuphonic-Label die Platte zur Playlist zum Sound vor dem Sound erschienen: “Nine O’Clock Drop” - Herrn Weatheralls Prä-House-Einflüsse in 13 Auszügen. Dabei geht er zurück bis ins Jahr 1978, aus dem er uns The Normals “Warm Leatherette” mitgebracht hat, seinerzeit der Beginn des Mute-Labels und Daniel Millers Vorwegnahme jener Electro-Pop-Vision, die er zehn Jahre später mit Depeche Mode und Erasure ausreichend zu Markte tragen konnte. Weatheralls Wurzelsuche reicht von frühem Electropop über Industrial Funk bis zu den “Nenn es nicht Dancefloor, weil das da noch nicht so hieß”-Sounds von Colourbox, die bekanntlich zu Teilen “Pump Up The Volume” von M/A/R/R/S zu verantworten haben.
Weatherall selbst sieht seine Compilation als Klangreise, bei der es nicht um mundgerechte Häppchen Popgeschichte geht, sondern um Erinnerungen an ein Jahrzehnt, das genauso viel zerborstene Träume wie zukunftsweisende Grundlagen hinterlassen hat. Im Mittelpunkt der musikalischen Entwicklung stand die Technologie. War der Einsatz von Synthies und Drum-Maschinen Ende der 70er entweder teure Pionierarbeit oder (meist) trashiger Novelty-Hype, so entwickelten sich bald mehrere Schulen des Umgangs mit den neuen Instrumenten: inspiriert vom Do-it-yourself-Ansatz ihrer Punk-Zeitgenossen, stümperten sich viele Nicht-Musiker mit zwei Fingern durch die schöne neue Welt von Roland, Korg und Co., während andere versuchten, das Experimentieren mit dem nun Möglichen und eher herkömmliche Musizier-Ansätze unter einen Hut zu bringen. Am Erfolgreichsten aber waren diejenigen, die durch kompetentes und radikales Umdenken den Boden bereiteten für die Synthie-Pop- und Dancefloor-Wellen und dafür sorgten, dass in vielen Musikbereichen der Einsatz “richtiger” Instrumente lange Zeit als retro galt. Auf Andrew Weatheralls Playlist finden sich aber weder Arthur Baker noch “Blue Monday” und auch nicht Trevor Horn, sondern eben eher hybrid werkelnde Musiker wie der Gang Of Four-Splitter Shriekback oder Factory Records’ einzige Funkband A Certain Ratio. Und gerade dass die somit zusammengekommenen Stücke keine selbstverständlichen Vorläufer von irgendetwas sind, sondern ihrer Entstehungszeit verbundene Perlen, die am eigenen Verfallsdatum glücklich vorbeigeschlittert sind, macht aus “Nine O’Clock Drop” eine sehr interessante und empfehlenswerte Platte.
Widmet sich Weatherall ausschließlich englischen Produktionen, so lässt sich eine ähnlich museale Fahrt durch den Time Tunnel auch nach New York unternehmen. Die dortige No Wave-Szene, wenn man überhaupt von einer einzigen Szene reden kann, spannte den Bogen von extrem aggressiven Bands wie Teenage Jesus And The Jerks und den Contortions bis zur bereits via Mo’Wax recycleten Minimal-Groovyness von Liquid Liquid. Während sich James Chance von den Contortions noch bemüßigt fühlte, wegen Gagenstreitigkeiten mit der Paradise Garage kurzerhand das eigene Gesicht mit einer zerbrochenen Bierflasche vor Publikum zu zerschneiden (eine Geschichte, die nicht so recht zum Legenden-Kontext um “Larry Levans hedonistischen Tempel der Disco-Kultur und Wiege aller House Musik”, die Paradise Garage, passen will), folgten die Schwestern Scroggins den Vorstellungen ihrer Mutter und gründeten eine Band, um etwas Besseres zu tun zu haben, als auf der Straße herumzulungern.
In der Besetzung Gitarre&Gesang, Bass, Schlagzeug und zweimal Congas traten sie an, ihre Idee einer aktuellen Version von James Brown’schem Funk Gestalt zu geben. Die Band wurde schließlich ESG genannt und sollte mit “UFO” eines der meistgesampleten Stücke der frühen HipHop-Geschichte veröffentlichen. Ein Gig im Vorprogamm von A Certain Ratio brachte ESG in Verbindung mit Factory Records, Heimat u. a. von Joy Division. Der Haus-und-Hof-Produzent des Labels, Martin Hannet, mixte und produzierte in Manchester die erste Single von ESG, und 1981 erschienen die Stücke “Moody”, “You’re No Good” und “UFO” auf einer 7-Inch. Diese drei Tracks allein schon reichten, um ESG einen Platz in der Musikgeschichte zu sichern. Der Percussion-lastige Groove der Gruppe ergab, gepaart mit der sparsamen, entrückten Produktion des Factory-Tonmeisters, einen zeitlosen Sound, der die ESG-Platten zur gesuchten Ware für damalige DJs machte.
Exkurs: DJ war damals in “Szene”-Kreisen eine wenig verbreitete Tätigkeit, da sich die relevanten Sozialkontakte im tanzfreien Raum solcher Post-Punk-Schuppen wie dem Subito in Hamburg abspielten. DJs waren eigentlich entweder Timmendorfer-Strand-Disco- bzw. Rod-Stewart-Wunschtitel-Könige mit zu viel Boney M und zu wenig Funk oder mal mehr, mal weniger bewegungsfreundliche New Wave-Aufleger. Dementsprechend gab es nur wenige DJ-taugliche Plattenläden.
Trotz eines bescheidenen Ruhms um 1983 herum, als ESG ihre erste LP einspielten, hat die Band nie besonders großen kommerziellen Erfolg geerntet. Jahrelang versuchte man, wenigstens aus den versampleten Urheberrechten der eigenen Musik Geld zu schlagen, was nie richtig gelang. Immerhin wird jeder, der das Intro von “UFO” hört, erkennen, dass sich hier viele bedient haben (Schuld mal wieder die “Ultimate Breakbeat”-Bootlegs, die den Track heruntergepitcht auf einer ihrer frühen Folgen verbreiteten). Man sollte also eigentlich mindestens eine Generation von HipHop-Produzenten jetzt dazu auffordern, “ESG: A South Bronx Story” zu kaufen, die vorbildliche Darbietung der Höhepunkte des gesamten bisherigen ESG-Katalogs (ja, die Band gibt es immer noch!) durch SoulJazz Records bzw. deren Universal Sounds-Sublabel.
Im dritten Teil dieses “Blick zurück nach vorne”-Aufsatzes geht es um die Londoner Band 23 Skidoo, ebenfalls ein Gewächs der 80er und mit zwei frühen Titeln auf der “Nine O’Clock Drop”-Compilation vertreten. Schlagwort-artig im Industrial Funk-Komplex verortet, befand sich die Gruppe lange im assoziierten Umfeld der großen Throbbing Gristle-Nachfolge-Familie, ein Umstand, zu dem man inzwischen nur befremdet Bezug nimmt. Ja, man habe auch mal mit tribalistisch auf Ölfässer einhauenden Musikern zu Dia- und Videoprojektionen performt, aber das schnell als kreative Sackgasse erkannt, behaupten 23 Skidoo heute. Ihre 80er-Jahre-Platten-Spezialität: “Lock Grooves”, also Dauerrillen, die sich gerne auf halber Abspiellänge der Platte befanden, pendelten von furztrockenen Groovemonstern zu experimentellen Soundspielereien irgendwo zwischen Weltmusik und Weltuntergangssoundtrack. Damit war Mitte der 80er aber zunächst Schluss. 1989 wurde unter Mithilfe verjüngender Neufreunde wie DJ Agzilla das Label Ronin Records aus der Taufe gehoben. Dort trat man an, Warehouse-Party-Turntablism-Fun zu verbreiten, um sich anschließend bei der Virgin mit einem Deal für das Force&Kzee-Album einzunisten, das vermeintlich ganz große Ding des UK-HipHop mit fettem Ragga-Vocal-Anteil und Sponsordeals für einen ganzen Andenkenladen voll mit Record Bags, Schlüsselanhängern, Teetassen und Jeansjacken. Doch Ober-Virgin Richard Branson verscherbelte just in diesem Moment sein Label an die EMI, die sich als erstes aller nicht 100% rentablen Virgin-Sublabels entledigte wie weiland die britische Armee ihrer kolonialen Hilfstruppen.
Das war ‘92/93, und es dauerte quasi fünf Jahre, bis sich Ronin Records mit abermals verjüngtem Artist Roster und als reines HipHop-Ding wieder zu Wort meldeten. Diesmal independent und bislang unschlagbar gut. 23 Skidoo aber werkelten bis vor kurzem lieber im Hintergrund und werden erst in diesem Herbst ein neues Album veröffentlichen - das erste seit 16 Jahren. Schlicht “23 Skidoo” betitelt, schlägt die Platte eine Brücke von Roots Manuva bis zu Pharao Sanders und beweist in unzähligen Details die Tüftler-Qualitäten, die die vier Originalmitglieder der Band aus den 80ern herübergerettet haben. Es mag ja sein, dass es oftmals reicht, einen Beat aus dem Sampler zu holen und die Soundbytes gleich dazu, aber nach einer guten Dosis 23 Skidoo mag man manche moderne Digital-Tat nur noch als relativen Tand ansehen, angesichts der analogen Diamanten, die sich hier bieten. Laut Gruppenaussage geht es 23 Skidoo um Groovemusik, die keinen unmittelbaren Tanzanspruch hegt, und damit um eine heute wieder sehr aktuelle Attitüde.
Alles in allem zeigen die drei hier angesprochenen Neuveröffentlichungen, dass die 80er Jahre für Beatheadz mehr zu bieten hatten als Electro, Old School HipHop und nervigen Pop-Overkill à la “Fetenhits der 80er”. Tipp für Secondhand-Freunde: sucht nach Fetish Records-Releases (checkt die Neville Brody-Cover!) sowie Platten von 99 (NY), ZE und einige von Les Disque Du Crepuscule. Mögen die 80er mit euch sein.
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