Thomas Meinecke

wider die re-inszenierung (en) des autonomen künstlersubjekts!

05.08.2000, 21:38, Text: Autor unbekannt

Hat sich etwas geändert? Als man aufhörte, über die Toten Hosen nachzudenken, und anfing, die Neubauten zu dissen, spielte immer das Theater, d. h. die Hochkultur, eine entscheidende Rolle: sie machten Hörspiele oder mit Peter Zadek rum. Und nun das: seit einiger Zeit ist Castorfs Volksbühne ein beliebter Szenetreff nicht nur der Berliner Bohème, jetzt kommt die Intermedium-Reihe mit (immerhin) DJ Spooky, Mick Harris, To Rococo Rot, Philip Jeck und auch Thomas Meinecke feat. Move D. & Karl Berger, und Schorsch Kamerun inszeniert am Hamburger Schauspielhaus Hubert Fichte. Was sagen wir dazu?
Ist das jetzt meine Vorlage? Meine Gangway? Ich sehe schon noch einen Unterschied zwischen dem Theater und den aufs rein Sonische ausgerichteten Erlebnisformen, bin nach wie vor ein großer Skeptiker dieser Staatstheaterbühnen, die es ja nach wie vor sind, auf denen jetzt praktisch die Wiedereinführung des autonomen Subjekts inszeniert wird.

Auch aus der Sicht der Subkultur, das ist für mich ein Problem. Ich bin ja Magister der Theaterwissenschaften und seit meiner Magisterarbeit nie wieder im Theater gewesen und glaube auch, hierfür gute Gründe zu haben. Es gibt einige gute Dinge, die auf dem Theater passieren, aber mich persönlich interessiert das nicht. Ich hoffe in diesem Zusammenhang nicht, dass es theatral-performativ-revisionistisch wirken könnte, was ich jetzt mit David Moufang als “Hörspiele” gemacht habe. Falls du darauf anspielst. Dieser performative Aspekt des Theaters, des Hauptstadt-Theaters, des Berliner Theaters, wo jetzt das Subjekt auch im politischen Sinne wieder eingeführt, re-inszeniert zu werden scheint, ist nicht meine Bühne.
Aber liegt es am zunehmenden Alter, an den legitimen Versorgungsansprüchen der Kleinfamilie, dass das, wofür die Neubauten vor Jahren explizit gedisst wurden - die Theatermusiken, das Zum-Thema-Werden in den Feuilletons, das Sepia-Kochen mit Biolek -, mittlerweile auf breiter Front praktiziert wird? Beobachtungen solchen Treibens wurden ja immer stark pejorativ gewendet. Schorsch Kamerun ...
... hat immer schon einen gewissen Hang zur Hochkultur bewiesen, wenn er sich zum Beispiel in durch bildende Kunst codierte Räume begeben hat. Andererseits finde ich seine Musik geradezu immun gegen dieses Erhabene, das sonst auf dem Theater gerne zum Einsatz kommt, was, glaube ich, auch die Neubauten serviert haben. Insofern sehe ich da bei Schorsch Kamerun keine Gefahr, und zudem ist Hubert Fichte einer meiner Lieblingsautoren. Da ist also ein gewisses Sentiment bei mir dabei, dass er das inszeniert. Es freut mich. Andererseits hat mich die Nachricht auch irritiert, eben weil sie eine Feuilleton-Nachricht ist. So etwas kann man unter Vermischtes im Feuilleton lesen. Ich persönlich hätte das nicht gemacht, will ihm aber ganz gewiss nicht seinen Spaß daran nehmen, zumal ich überzeugt bin, dass er gefeit sein wird gegen diese politischen und ästhetischen Fußangeln, die im Theater ausliegen. Aus dem Theater ist ja noch kaum jemand aufrechten Ganges wieder herausgekommen. Ich bin einfach kein Fan des Theaters, aber bei Schorsch bin ich immerhin gespannt.
Aber kann man die Räume der Hochkultur leichthin umcodieren? Und wird man in diesen Zusammenhängen nicht notwendig zum bloß exotischen Ornament? Frei nach dem Motto “Frisches Blut für Dracula”! Es handelt sich nicht bloß um ein Zugehen der Subkultur auf die Hochkultur, sondern in der Hochkultur sitzen mittlerweile Leute, die subkulturell sozialisiert sind. Wenn also heute beim Bayrischen Rundfunk solche Hörspiele wie auf Intermedium möglich sind, dann liegt das auch daran, dass Herbert Kapfer, der diese Abteilung leitet, ein ehemaliger “Zündfunk”-Moderator ist, der dort seinerzeit Captain Beefheart gespielt hat. Und was das Phänomen Volksbühne angeht, so hat das auch damit zu tun, dass Christoph Schlingensief aus genau dieser Szene stammt, aus der auch die Leute kommen, die jetzt in die Volksbühne gehen. Man hat nicht etwa das Gefühl, Feindesland zu betreten, sondern da hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren strukturell etwas verändert. Da sitzen heute keine sechzigjährigen Altnazis mehr oder so muffige Kulturtypen mit Pina Bausch-Poster an der Wand. Kulturpolitisch bleibt die Sache natürlich trotzdem ambivalent.
Also: Die Revolution ist vorbei, und wir haben gesiegt! Oder was?
Nee, glaube ich nicht. Nee, nee! Wir sehen ja an unserer Regierung, dass wir nicht gesiegt haben. Das ist Augenwischerei und deshalb gefällt mir das nicht, was da in Berlin durchgezogen und inszeniert wird. Das ist leider auch der Soundtrack zur Hauptstadt, und er ist visuell. Der geht auf die Bühne rüber. Ich bin eher auf dem Weg zu rein sonischen Erlebnissen. Meine Devise ist und bleibt: Theater zu Parkhäusern! Und das ist relativ weit weg davon, was derzeit in Berlin inszeniert wird. In Detroit gibt es übrigens so’n Ding! Ein wunderschönes gründerzeitliches Theater mit eingezogenen Stockwerken für Autos.
Hübsch! Also ist die Revolution vorbei, wir haben nicht gesiegt, aber wir haben die Gelegenheit genutzt, die Nischen zu schaffen, wo sich jetzt verdiente Punkrocker ihr Altenteil abholen können? Es ist eine Carpetbagger-Zeit. Die Restauration ist im Schwange.
Wenn aber Theater zu Parkhäusern gemacht werden, was macht man dann mit den Hörspielabteilungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?
So viele gibt es davon gar nicht, vielleicht zwei, drei progressive bundesweit, die natürlich öffentlich-rechtlich sind und die super nischenmäßig funktionieren. Das sind Freiräume, wo Dinge gemacht werden können. Beim BR hängen die beispielsweise nicht am überkommenen, Günter Eich’haften Hörspielverständnis. Die nennen sich ja auch Abteilung für Medienkunst und produzieren Sachen von DJ Spooky oder auch Philipp Jeck, beziehen also auch ganz selbstverständlich das Non-Verbale ins “Hörspiel” ein. Das Besondere an dieser “Hörspielabteilung” ist die Offenheit beim Experimentieren. Es herrscht eine Aufbruchsstimmung, obwohl, glaube ich, niemand weiß, wohin die Reise geht. Neulich wurden einige historische Hörspiele aus dem Archiv geholt, zerschnipselt und an jeweils einen Musiker und einen Texter als Samplematerial weitergereicht. Mit dabei waren beispielsweise Hans Nieswandt, Hans Platzgumer, To Rococo Rot und Console, ich selbst habe mit Martin Gretschmann gearbeitet. Das Ganze mag etwas angestrengt wirken, weil das Material so zerschreddert war, dass nichts vom ursprünglichen Kontext mehr zu erkennen war. Wir hätten also auch gleich mit rosa Rauschen als Ausgangsmaterial arbeiten können, aber die Resultate dieser Arbeit sind spannend geworden, klingen jeweils völlig anders und sind auf eine angenehme Art eher Pop als irgendetwas Angestrengtes. Um es mit Kodwo Eshun zu sagen, dort finden sich gerade Freiräume für “adventures in sonic fiction”.
Reden wir noch kurz über die neue Intermedium-CD mit den Tracks “Tomboy” und “Freuds Baby”, die du zusammen mit Move D. aufgenommen hast! Wie kamst du auf Move D.?
Als Fan! Ich bin ein super begeisterter Hörer seines ‘95er-Albums “Kunststoff”, ein Album, das mir die Ohren für die Eleganz, für die jazzige Schönheit von Techno geöffnet hat. Ich höre da immer auch eine Miles Davis-Exegese. Ich mag auch die “Ro 80” und natürlich die Conjoint-Alben und auch den Katalog des Source-Labels. Insofern war David Moufang mein Traumpartner, als der Sender mir sagte, ich solle mir einen Partner für das Projekt aussuchen. Und David hatte auch Lust dazu. Was meinst du in diesem Zusammenhang mit Jazz? Move D. ist ein totaler Musiker, hat das aber aus so einer Muckerhaftigkeit befreit an seinem Bildschirm, wo er mit sich selbst in einem Jazz ist. Das war für mich faszinierend, zu erleben, dass es am Bildschirm einen autistischen Jazz-Kosmos geben kann. Von wegen Klötzchen schieben am Bildschirm, im Programmierprozess liegt der Grund für den Jazz im Techno. Deshalb fand ich es gut, dass Carl Craigs Innerzone Orchestra-Platte “Programmed” hieß. Das Schlechte an der Platte war, dass sie nicht programmed war. Aber die Idee, Jazz und Programm zusammenzudenken, die finde ich klasse. Und das Überflüssigste an dem Ganzen sind im Grunde meine Texte. Ich würde gerne meine Texte da noch richtig in dies Geräuschhafte unterpflügen. Wie weit kann ich meine Sachen unterpflügen und trotzdem noch ein Honorar bekommen?
Ist die Zusammenarbeit zwischen dir und Move D., einmal abgesehen von der Sympathie, kontingent oder gibt es da auch vergleichbare ästhetische Verfahrensweisen? Die Sounds auf den Alben sind sehr offen gehalten, wie auch bei konventionellen Jazz&Lyrik-Geschichten, die zumeist hierarchisch und in einer Abfolge organisiert sind: spricht der Sprecher, wird die Musik zweitrangig, erst das Schweigen der Poesie eröffnet der Musik einen Raum. Genau das findet bei euch aber nicht statt. Obwohl die Texte zum Teil sehr anspruchsvoll sind, scheint doch der Sound der Sprache entscheidend.
Es gibt zwar noch Restbestände einer Narration, aber das ist schon extrem verkürzt - sozusagen einige Kerne meines nächsten Buches. Aber am liebsten wäre mir, wenn die Musik etwas erzählt und der Text irgendwie dazu passt. Wenn schon Lyrik & Jazz, dann aber zumindest Jazz & Lyrik - obwohl beides furchtbar ist, weil man da immer an Peter Rühmkorff denken muss. Ich möchte meinen Text, der übrigens zu 70 bis 80% aus anderswo Gefundenem besteht, in den Dienst dessen stellen, was musikalisch abläuft. Das entspricht im Übrigen auch dem konkreten Produktionsprozess. Wir entwickeln die Musik zu zweit und anschließend werden die Worte wie Streusel in diesen Teig gegeben. Das Resultat ist allerdings nicht ambient, denn ich erzähle schon noch etwas, selbst wenn es vielleicht nur noch angetäuscht scheint.



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