Station Rose

digital bohemian lifestyle

05.08.2000, 13:30, Text: Autor unbekannt

Das Multimedia-Elektronik-Duo Station Rose a.k.a. Elisa Rose und Gary Danner lächelt unisono amüsiert aus der Sofaecke der Station Rose-Homebase, einem Studio/Apartment im 16. Stock des “grünen Hochhauses” in Frankfurt, über die Geschichte des Labeldeals mit Crippled für die neue CD “Au Ciel”. “Im Endeffekt ist es nicht so erstaunlich, dass wir als eher klassischer Technoact auf diesem Label gelandet sind, denn diese für Crippled typische 60s/Psychedelic/Soundtrack-Geschichte ist mir so fremd nicht”, erklärt Gary. “Bevor ich angefangen habe, elektronische Musik zu machen, habe ich mich zehn Jahre lang in verschiedenen Bands enthusiastisch am End-60er-Jahre-Acid-Punk-Gitarren-Sound abgearbeitet.”
Dann der goldene Schnitt: 1988 kehren Elisa Rose und Gary Danner, beide frisch gebackene Absolventen der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst, bewusst der analogen Welt den Rücken.

Nachdem sie schon während der Hochschulzeit gemeinsam multimediale Events veranstaltet hatten, wobei Elisa als Meister- und Lieblingsschülerin Karl Lagerfelds für die Mode und Gary für die Musik zuständig war, eröffnen sie am 11. März 1988 die Station Rose, eine multimediale Kunststation in der Wiener Margaretenstraße. Demonstration und Theorie zu Sampling, Mind Machines und erste Vorstöße in den Cyberspace, kombiniert mit monatlichen Acid-House-Audio-Visual-Clubbings, bei denen sich wie auch heute noch Elisa um das Bild und Gary um den Ton kümmern, sind hip in Wiens langsam erwachender Szene. Zu hip. “Es war einfach alles zu früh”, erinnert sich Elisa. “Ich weiß noch, wie bei unserem letzten Konzert in Wien alle Musikjournalisten in einer Reihe standen, vor dem Eingang. Die konnten mit Techno einfach noch nichts anfangen.” Nach einem achtmonatigen Forschungsaufenthalt in Kairo ‘88/89, bei dem sie das arabische Wort “gunafa”, das so viel wie “kreatives, positives Chaos” bedeutet, für sich adaptieren und später für ihre Clubbings und ihr Label verwenden, verlassen sie ‘91 Wien. Nächste Andockstation ist Frankfurt, befreiend lose, hässlich und modern, das Gegenteil von Wien, wo für Station Rose zu dem Zeitpunkt eine Weiterentwicklung nicht möglich scheint.
1990 nehmen sie in San Francisco an der Veranstaltung Cyberthon teil, lernen Timothy Leary kennen. Netzeuphorie. Auf Elisas Betreiben hin gehen sie ‘91 zum ersten Mal online. Im Frankfurter XS veranstalten sie ihr Gunafa-Clubbing, bei dem Elisa ihre Grafiken in Echzeit aus dem Amiga schleudert und Gary, mit Elisa über Midi verbunden, live Musik aus dem Computer fuchst. E-Mail-Nachrichten von kalifornischen Freunden aus der Well-Webcommunity werden über Beamer sichtbar.
Mit “Dave” haben sie ‘92 einen amtlichen Technohit, der jetzt auf Hells vierter “Gigolo”-Compilation wieder veröffentlicht wurde. Doch spätestens ‘93 ist der Techno-Pionierspirit zerbröckelt, “da hat man ganz deutlich gespürt: das war’s mit der Euphorie der ersten Stunde, jetzt geht’s ums harte Business, wo sich eben diese DJ-Götter rauskristallisiert haben. Wir dagegen wollten - ganz im Sinne von Underground Resistances ‘We Will Never Surface’ - die multimediale Sprache als DAS Ding propagieren, statt selbst als Stars im Vordergrund zu stehen. Die Technoszene, Majors wie Underground, hat den entgegengesetzten Weg genommen: zurück zur Rock’n’Roll-Megaveranstaltung, wo ein Typ vor Tausenden von Menschen auf einem Podest Platten auflegt. Damit wollten wir nichts zu tun haben.” In den folgenden Jahren bleiben Gary und Elisa aktiver Bestandteil der Multimedia-Kunst- und -Musikszene, ziehen sich aber gleichzeitig zu einem “Virtual Cocooning” in den Cyberspace zurück und leben als Mann-Frau-Künstlerpaar die von Leary als visionär angestrebte, aber selbst nie erreichte bi-gender Kreativitätssymbiose. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei Sony verlassen sie sich zunächst wieder auf die autarken Handlungsformen auf ihrem Label Gunafa, wo sie ihre technoiden Tracks releasen, die teilweise von ihren Live-Webcasts für die Reihe live@home auf Vinyl gepresst und über Neuton vertrieben werden. Bei Crippled haben sie jetzt eine ganz spezielle neue Heimat gefunden. “Das Schöne ist, dass sie bei Crippled genau das Material mit Garys Psychedelic- und meinen Chanson-Wurzeln haben wollten – also Gitarrenloop-, Stimmsample- und Song-orientiert -, das hier im Frankfurter Technokonzept verkümmert wäre.”



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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