Busta Rhymes
das schwarzbuch des anarchismus
04.08.2000, 14:10, Text: Autor unbekannt
Im Gegensatz zu den Punks der ersten Stunde, zu Bands wie den Sex Pistols und The Damned, verkörperten Crass eine Lebenshaltung, die gegen jegliche Form von Unterdrückung und Teilnahme am System gerichtet war. Sie forderten wirtschaftliche Unabhängigkeit, gründeten dafür ein eigenes Label und bekämpften in ihrer Musik alles, was der Befreiung des Einzelnen im Wege stand oder - frei nach Rosa Luxemburg - Freiheit auf Kosten anderer bedeutete. Crass waren radikal antikapitalistisch, aber auch gegen einen auf Zwang basierenden Sozialismus, sie setzten sich gegen Pornografie und prüdes Christentum zugleich ein. Ihre politische Wirkung, etwa im Kampf gegen den Falkland-Krieg, ging so weit, dass Jello Biafra bewundernd feststellte: „Ich wünschte, die Dead Kennedys hätten in den USA die Wirkung gehabt, die Crass in Großbritannien hatten.“
Keine Frage: Der Glaube an den Geist der Anarchie war völlig utopisch, aber er gab Punk zumindest innerhalb der eigenen Szene für kurze Zeit die Kraft, alles in Frage zu stellen, was nicht der maximalen Freiheit aller Beteiligten diente.
Nicht die Sex Pistols, die „Anarchy“ zum Slogan machten, sondern erst die zweite Generation von Punk und nach ihr all die dogmatischen, aber letztlich auch sympathischen Hardcore-Veganer und pc-Kämpfer in Dreadlocks haben sich aus dem Geist der Anarchie heraus gegen jegliche Form von Macht und Unterdrückung eingesetzt. Anarchie war diesbezüglich alles andere als Chaos, sondern ständiges, sensibles Reflektieren, welche Handlungen in der Praxis überhaupt möglich sind, ohne über sie zum Unterdrücker zu werden.
Und nun, mehr als zwanzig Jahre nach Crass, nennt Busta Rhymes sein neues Album „Anarchy“, posiert im Beiheft vor einem jener an die Wand gemalten Logos, die inzwischen selten geworden sind.
Gemeint ist allerdings etwas ganz anderes: Busta ruft nach Ordnung und Gemeinschaft, fordert auf, den „Current State Of Anarchy“ zu bekämpfen. Auf dem Cover wird gleich auch eine Definition von Anarchie mitgeliefert: „political disorder and violence.“ Damit verglichen ist selbst noch der konservative Brockhaus moderater und erklärt, dass Anarchie in der Aufklärung als „glücklicher Ort der Freiheit und der natürlichen Gesellschaft“ angesehen wurde, „eine auf dem Individuum gegründete Gesellschaft“, wie es später bei Bakunin hieß. Busta Rhymes dagegen setzt ein auf Herrschaft aufgebautes neoliberales System mit Anarchie gleich, verwechselt das kapitalistische Chaos der Börse mit einer Gesellschaftsform, die sowohl Chaos wie Börse abschaffen will.
Wen aber wundert all das angesichts einer verbalen Schlacht aus „Niggas“ und „Bitches“, die auf „Anarchy“ ihrerseits selbstherrlich zu Phrasen geworden sind? Busta Rhymes' Kosmos ist so einfach, selbstherrlich und dumm wie sein Anarchie-Begriff: Der „Nigga“ ist cool, sofern er es versteht, sich ans Entertainment anzupassen, und die Frau ist cool, sofern sie ihrer Rolle als „Bitch“ entspricht. Als Crass 1979 mit „Penis Envy“ ein Album gegen die pornografische Rolle der Frau in der Gesellschaft aufnahmen, waren sie, die Anarchisten, in Sachen Aufklärung um Lichtjahre weiter als dieses kleine, nur von medienwirksam brennenden Mülltonnen beleuchtete Licht, das Reim für Reim nichts anderes macht, als bestehende Rollen von Schwarzen und Frauen als solche festzuschreiben. Respekt gilt bei Busta Rhymes nicht Unterdrückten, sondern kommt nur jenen zu, die es im Geschäft zu etwas gebracht haben. Busta Rhymes: „Ich habe nur ein Bild von dieser spezifischen Sache, von Anarchie, zeichnen wollen, aber ich habe auch versucht, alles andere einzubringen, was Grund gibt, das Album als ganz spezielles Package zu bewundern, als ein Entertainment-Package und als Underground-HipHop-Klassiker, der von der Straße kommt.“ Weniger Entertainment und weniger Straße hätten da gut getan. Bleibt nur, mit dem Slogan zu kontern: Stay at home and read a book. Wie wär’s mal mit Bakunin?
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