Björk
pressekonferenz
03.08.2000, 18:34, Text: Autor unbekannt
Wie ist dein Verhältnis zu Selmas Musik nach Abschluss der Dreharbeiten?
Selmas Musik spiegelt die Unvereinbarkeit der idealen Welt und ihres Ist-Zustandes wider; sie bemüht sich jedoch, diese Gegensätze Tag für Tag nicht nur zu überwinden, sondern sie auch zu vereinen und so den Widerspruch aufzulösen. Hier greife ich das Thema Träume und Fantasie auf, Träume und Fantasien im Gegensatz zum Leben als Bilder für die gegensätzlichen Pole in Selma. Während der Dreharbeiten wurde zu viel Gewicht auf das Element der Realität gelegt. Ich hätte Selma gerne mehr Leichtigkeit und Euphorie verliehen, mehr Poesie; Selmas Rolle ist es, Dinge auszubalancieren.
Wie wurde Selmas Situation mit Lars von Trier diskutiert?
Als ich das Skript zum ersten Mal las, hatte ich gleich sehr starke Gefühle für die Figur von Selma, wollte für sie kämpfen. 70% meines Wesens sind unterbewusst, und um diese 70% freizusetzen und Selma Platz in mir einzuräumen, musste ich sie sehr lieben. Um die Musik für sie zu schreiben, habe ich ein Jahr gebraucht, in dem ich sehr viel Zeit mit Lars verbracht habe. Es erfolgte ein kreativer, kritischer Austausch. Der kreative Prozess in Zusammenarbeit mit anderen kreativen Menschen ist für mich Utopia. Nach einem Jahr, als Lars darauf bestand, dass ich sie auch spielen sollte (wovon ich im Übrigen glaubte, es sei keine gute Idee), sagte ich ihm, er solle sich jemanden aus Hollywood besorgen.
Leider hatte ich mich gänzlich verliebt in Selma, außerdem hatte ich das Gefühl, Selma besser zu kennen als Lars, was sehr seltsam ist, denn er hat sie schließlich geschaffen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste sie verteidigen. Als ich einwilligte, sie zu spielen, begann ich, mein Wesen durch ihr Wesen zu ersetzen. Ungefähr noch mal ein Jahr später begannen die Dreharbeiten. Zu diesem Zeitpunkt erkannten mich meine Freunde nicht wieder. Ich war sehr tschechisch. [lacht]
Warum muss Selma sterben?
Ich glaube, das ist Lars' Idee von Märtyrertum. Er hat eine Trilogie moderner Märtyrer im Sinn: \"Breaking The Waves\" war der erste Film, danach \"Die Idioten\", und das ist das große Finale in seiner Darstellung gequälter Frauen. [Lachen]
Wer hatte mehr Angst voreinander? Du, weil du neben Catherine Deneuve spielen musstest, oder sie, weil sie an deiner Seite gesungen hat?
Ich glaube nicht, dass wir Angst voreinander hatten. Vom ersten Tag an fühlten wir uns sehr behaglich miteinander. Es gab so viele verrückte Sachen, die passierten, ich glaube, dass wir ziemlich gut zusammengingen. Ihr Ankleideraum war neben dem meinen. Viele meiner isländischen Lieben waren bei mir, meine Familie, wenn du so willst, und da ich Catherine auch als Familienmenschen einschätze, hat sie das genossen. Es ist schon lustig, nach deiner eigenen Hinrichtung nach Hause zu kommen und mit Wasserpistolen empfangen zu werden [Lachen]. Wir verteidigten uns gegenüber anderen gegenseitig. Wir waren auf jeden Fall Freundinnen.
Hast du es als sehr einschränkend empfunden, dich für so lange Zeit auf eine einzige Sache konzentrieren zu müssen?
Interessante Frage. Es ist, wie in einen Tunnel zu gehen. Alles andere muss man ablegen, bevor man diesen Weg beschreitet. Ich war immer in viele Projekte gleichzeitig verwickelt. Einen Monat setze ich mich mit einem klassisch ausgebildeten Musiker auseinander, dann wieder ziehen mich elektronische Beats in die Clubs, dann wieder trainiere ich meine Stimme oder aber ich beschäftige mich mit Texten. Die Vielseitigkeit ist das Gute an meinem Job. Schon mit 13, 14 habe ich für mich entschieden, dass mein Instinkt die Chronologie meines Lebens bestimmen soll. Es sind der Hunger und die Aufregung, die mich Musik machen lassen. Ich war immer sehr gegen Selbstzufriedenheit, ich denke, es ist eine der teuflischsten Kräfte in unserer Welt. So viele Menschen haben ihre Seelen an Pflicht, an Mittelmäßigkeit und an Selbstzufriedenheit verkauft. Wenn die Menschen mehr ihrem Hunger folgten, würden viel mehr aufregende Dinge passieren. Wir sind doch alle im Kleinen Workaholics, keiner von uns ist faul. Wenn einem die Arbeit jedoch auch Spaß macht, arbeitet man doch dreimal so hart. Es war hart, in der Zeit auf so viel zu verzichten, aber es war auch eine interessante Erfahrung.
Wenn du das Skript von \"Dancer In The Dark\" liest, dann wirst du feststellen, dass ... [überlegt] ... dass da nicht viele Partysituationen sind. [Lachen] Ich wusste sofort, dass das kein Spaß würde.
Der Konflikt in mir bezüglich der Dreharbeiten war, auf der einen Seite die Musikerin zu sein, die sehr fürsorglich und mütterlich ist, und auf der anderen Seite Selma zu sein, die von einer Klippe springt, ohne Fallschirm. Es gab Tage, da war ich ganz Selma, mit all dem Blut und den Scherben, die dazugehören, und dann aber wieder ich selbst und meine Musik, die wirklich mein ganzes Leben ausmacht. Meine Musik wurde während des Films geschnitten und um ca. 20 sec verlängert, und das konnte ich nicht hinnehmen. Mein innerer Konflikt ergab sich aus der Rolle der Musikerin und der Rolle der Schauspielerin.
Du spielst eine erblindende Frau. War das nicht eine seltsame Situation? Und wie verbunden fühlst du dich seither mit Menschen, denen es wirklich so ergeht?
Blind zu sein würde mir nicht so viel ausmachen. Meine Ohren sind 70% von mir, zu sehen ist hilfreich, aber die Sicht ist nicht meine wichtigste Sinneswahrnehmung. Wenn ich die Augen zumache, empfinde ich nicht so viel anders als mit offenen Augen, denn es ist die Musik, die mir neue Welten erschließt, nicht das Visuelle.
Meinst du, der Film hat auch einen politischen Anspruch, weil er dieses Schicksal und auch die Todesstrafe thematisiert?
Na klar ist der Film ein politisches Statement. Ich habe zum Beispiel schon immer Amnesty International unterstützt. Ich bin jedoch nicht Mutter Theresa und glaube nicht, dass es was brächte, würde ich in Indien einen auf Wohltäterin machen. Man muss überlegen, wo man sich am Nützlichsten machen kann. Meine Kraft liegt eher darin, persönliche und Personen-bezogene Politik zu betreiben. Wenn ein Arzt oder eine Krankenschwester ein Leben retten, wird dies in Akten dokumentiert. Wie oft jedoch hat Musik schon Menschen das Leben gerettet? Es wurde nur nie dokumentiert. Ich glaube: The right song at a crucial moment can make a big difference.
Dein erster Film, und gleich hast du die Goldene Palme von Cannes gewonnen. Was hast du empfunden, als du den Preis überreicht bekommen hast?
Ich war sehr glücklich. Aber es war komisch, einen Schauspielpreis zu gewinnen. Manchmal kam ich mir vor wie ein Moslem, der an einem katholischen Kreuzzug teilnimmt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass Musik das Allerwichtigste in meinem Leben ist. Es gibt 'ne ganze Menge guter Filme, aber die Welt braucht noch mehr gute Platten. Meine Arbeit und meine Opfer für diesen Film wurden von den Filmleuten geschätzt. Das war sehr wichtig für mich. Auch rückblickend machen die drei Jahre Sinn für mich. Hätte nicht besser ausgehen können.
Im Film fragt Selma sich, warum sie Musik so gerne mag. Stellst du dir die Frage manchmal auch?
Musik übersteigt menschliche Logik. Es muss aber ein Geheimnis bleiben, wieso man Musik so liebt. Man darf es sich selbst nicht aufdecken.
Du hast schon mal in einem Film, \"Juniper Tree\" (1987), gespielt. Soviel ich weiß, warst du dir deiner Darstellung damals nicht bewusst. Hast du den Film schon mal gesehen? Magst du ihn?
Ja, ich mag ihn. Ich habe schon immer alles gegeben. Ich war noch ein Teenie, mein Kind war damals gerade zwei Monate alt. Ich war wie gefangen in einer magischen Seifenblase mit meinem Kind. Ich stillte es in den Drehpausen, und immer, wenn es \"Action\" hieß, gab ich schnell mein Kind weg und sprang zum Set. Dementsprechend war ich mit meinen Gedanken wenig bei dem Film, und ich spielte nicht bewusst. Der Film hat nichts mit mir zu tun. I was very absent-minded.
Ich habe in den Zeitungen ein Zitat von Lars von Trier in Cannes aufgeschnappt: \"Everybody who meets Björk should tell her I still love her.\" Das hört sich sehr dramatisch an. Was ist hinter den Kulissen passiert? Weiterhin war in den Zeitungen davon die Rede, dass du deine Stimme verloren hattest und sie auch nur mit sehr viel Training und Akupunktur wiedererlangt hast. Auch sehr dramatisch.
Das mit der Stimme ist schon vor fünf Jahren passiert und war gar nicht so schlecht, denn ich hatte immer ohne Unterricht gesungen, meine natürliche Stimme war eine puristische Idee gewesen. Ich hatte Angst, das Instinktive an meinem Gesang durch Unterricht zu verlieren. Jetzt bin ich diese Phobie los.
Das Zitat von Lars ist seine typische Art, mich zu ärgern. Lars ist geprägt von der Hippie-Generation und versucht, ähnlich wie es meine Mutter versuchte, Grenzen zu überschreiten, und seien es die Grenzen anderer Menschen. Meine Mutter hat einmal mein Tagebuch genommen und es ihren Freunden vorgelesen. Zur Befreiung aller. Ich fand und finde das nicht gut. Wenn ich mit meiner Großmutter spreche, geht es um anderes, als wenn ich mit meinem Geliebten spreche. Lars ist von der Wahrheit besessen. Das ist wunderschön und auch einer der Gründe, warum ich ihn so bewundere, das ist sein Genie. Ich glaube jedoch, dass er andere Wege zur Wahrheit finden muss. Lars setzt Entblößung und Nacktheit mit Wahrheit gleich. Er sagt Sachen in der Öffentlichkeit, die für mich in der Öffentlichkeit nie denkbar wären. Das weiß er auch.
Kannst du uns dein Verhältnis zum Kino generell etwas beleuchten? Deine Lieblingsfilme?
Als Kind habe ich nie Filme gesehen. Für meine Eltern war TV Satan. Später habe ich mir eher Videos ausgeliehen, als ins Kino zu gehen. Ich bevorzuge europäische Filme. Ich mag auch Filme aus Asien sehr gerne. Bevor es zu den Dreharbeiten ging, habe ich mir, glaube ich, so ziemlich alle Musicals, die es gibt, angeschaut. Als Vorbereitung. Die Musicals haben mich aber eher verwirrt. Lars und ich wollten ein Musical drehen, weil wir mit dem bisher da Gewesenen nicht einverstanden waren.
\"Dancer In The Dark\" hebt die Mutterliebe zum zentralen Thema. Was sagt der Film über das Verhältnis zum eigenen Kind? Hast du deinem Sohn den Film vorgespielt? Was hat er dazu gesagt?
Mein Sohn hat mich mit seinen dreizehn Jahren überallhin begleitet. Wir stehen uns sehr nahe. Jetzt, da er älter wird, merke ich, dass unser Verhältnis das einer Mutter-Kind-Beziehung übersteigt. Er ist wie mein bester Freund. Oder Zwilling. Ich war nicht sehr viel älter als dreizehn, als ich ihn bekam. Ich kann mir ein Leben ohne einen Sohn nicht vorstellen. Das ist eine Sache, über die ich mir keine Gedanken machen musste anlässlich des Films.
Freust du dich, nachdem du so eng mit einem Regisseur an einem Film zusammengearbeitet hast, auf dein nächstes Studioalbum, deinen nächsten künstlerischen Alleingang?
Ja. Ich kann's nicht abwarten. Eigentlich ist mein neues Album fast fertig. Dennoch gibt es für mich keine künstlerischen Alleingänge. Es läuft immer auf Kollaborationen hinaus. Das ist mir auch wichtig. So arbeite ich am liebsten.
Man hörte, dass du nach diesem Film keinen mehr machen willst.
Ich hatte nie vor, einen Film zu machen. Mein ganzes Leben gilt eigentlich der Musik. Dass ich drei Jahre auf den Film verwandt habe, ist ungezogen. Es fühlte sich an wie eine Affäre. Ich fühlte mich unloyal. Meine größte Angst nach dem Film war: \"Wenn ich zu der Liebe meines Lebens zurückkehre, wird sie mich dann noch mit offenen Armen empfangen? Oder hab' ich sie dann verloren?\" Während der ganzen Produktion wusste ich, dass dies mein erster und auch letzter Film sein würde. Eine Ausnahme.
Wie siehst du das Album, den Soundtrack zu dem Film?
Es ist ebenso wichtig wie eines meiner letzten Alben. Aber es ist kein Björk-Album. Auch musikalisch habe ich durch den Film für den Soundtrack eine andere Rolle angenommen. Es ist auf eine Art und Weise eine Liebeserklärung an Selma, an ein fiktives Wesen.
Was erwartest du von deinem nächsten Studioalbum, verglichen mit dem Soundtrack?
Es wird ganz anders sein. Auch anders als das \"Homogenic\"-Album. Es ist viel Zeit vergangen seither.
Wie war es, mit Thom Yorke von Radiohead zu arbeiten? War es dein Wunsch, das Duett mit ihm zu singen?
Es war sehr fruchtbar. Ich habe den Song lange mit mir rumgetragen und war sehr froh, dass er sich die Zeit genommen hat, den Song kennen zu lernen. Wir haben den Song so oft gesungen, bis etwas Neues daraus entstand, unser Song. Das war eine kostbare Erfahrung für mich.
Bei einer Tour mit dem Chor Voices Of Europe warst du als Gast angekündigt, hast jedoch abgesagt. Warum?
Ich war schon immer fasziniert von Chören und der Kraft akustischer Vocals ohne Soundsystem. Ich fand den Gedanken schön, mit einem Chor von einem schönen Ort in Europa zum nächsten zu ziehen. Dann aber merkte ich, dass genau das passierte, worauf ich keine Lust hatte: die ganze Tournee wurde zum Björk-Ding, obwohl ich nur der Gast gewesen wäre. Außerdem spüre ich, wie mir die Zeit wieder durch die Finger rinnt und ich ins Studio möchte, um an meiner Musik weiterzumachen. Und gerade jetzt nehme ich mir fünf, sechs Wochen Zeit, um mich adäquat von Selma zu verabschieden. All diese Interviews und Pressekonferenzen sind ein Abschied von ihr.
INTRO/VIVA2-INTERVIEW
Was hat dich trotz deiner großen Bedenken dazu gebracht, die Rolle der Selma anzunehmen?
Ich habe mich in Selma verliebt. Nachdem ich diese Figur kennen gelernt hatte, fühlte ich, als müsste ich sie verteidigen. Ich wollte nie Schauspielerin werden. Deswegen konnte ich Selma auch nicht aus einer darstellerischen Perspektive heraus spielen, sondern nur aus einem humanen Blickwinkel.
Hast du dich besonders auf deine Rolle vorbereitet oder konntest du dich relativ natürlich geben, da es Parallelen zwischen dir und Selma gibt?
Bei der gesamten Entwicklung, vom ersten Lesen des Skripts bis zu dem Interview jetzt, hatte ich das Gefühl, dass alles sehr natürlich war, ein bisschen wie Schicksal. Im ersten Jahr habe ich die Musik zu dem Film gemacht, dann habe ich das Skript gelesen ... Es ist sehr viel Zeit vergangen, und je mehr Zeit verstrich, desto mehr fühlte ich, dass ich zu Selma wurde. Als es ans Filmen ging, war ich Selma geworden, was manchmal auch ein recht schmerzhafter Prozess war.
Welcher Teil von Selmas Persönlichkeit korrespondiert am ehesten mit deinem Wesen?
Am ehesten entspricht mir ihre Introvertiertheit. Ich habe erst mit 20 gelernt zu kommunizieren. Die ersten 10 bis 15 Jahre meines Lebens bin ich viel in der Natur gewesen, habe aus vollen Lungen gesungen, war nur euphorisch und glücklich. Das Gefühl der Einsamkeit habe ich nie richtig verstanden; wenn ich alleine bin, ist alles großartig. Erst aus der Kommunikation mit Menschen erwachsen Probleme. Die Leute denken meist, dass man ein trauriger, Problem-beladener Mensch sein muss, wenn man gerne alleine ist. Bei mir war es immer anders. Ich glaube, dass viele meiner Freunde mir in der Hinsicht ziemlich ähnlich sind. Ich verbringe oft ein oder zwei Wochen alleine, ohne zu sprechen, und wenn ich dann wieder rausgehe und kommunizieren muss, finde ich das anstrengend. Dann wünschte ich mir, ich wäre zu Hause und würde Musik machen. Unsere Selma musste an dem Punkt verteidigt werden. Diese Menschen sind nicht alle Loser, eigentlich gewinnen sie. Irgendwie hat Selma auch gewonnen, auch wenn das für andere nicht sichtbar ist ...
Selma ist eine sehr starke Frau.
Sie ist sehr selbstgenügsam. Das macht sie stark. Man braucht nicht irgendwelche Dinge wie eine Ehe, ein Auto oder Kaviar, um glücklich zu sein. Sie kann aus sich heraus glücklich und stark sein. Damit fühle ich mich verbunden. Als ich ein kleines Mädchen war, wollte ich in Island ganz alleine in einem Haus leben und Songs schreiben. Ich erkannte aber, dass das feige ist. Die wahre Herausforderung ist, in die Welt hinauszugehen und zu kommunizieren. The love thing, you know? That's what we gotta learn before we leave.
Für einen Debütfilm ist deine Darstellung großartig. Wie hast du dich gefühlt, als du den Film zum ersten Mal nach der Fertigstellung gesehen hast?
Als ich den Film gesehen habe, hatte ich mehr die Musik im Kopf. Wir waren noch bis vor einem Monat mit der Postproduktion beschäftigt. In jedem meiner Songs verwende ich meist 20 Spuren. Hier, für den Soundtrack, hatte ich 110 Spuren pro Song zur Verfügung. Dann wurde alles noch geremixt und überspielt ... Bisher hatte ich meine Musik nur in Stereo gehört. Aber im Kino zu sitzen und von allen Richtungen den eigenen Sound zu hören, das hat mich schon überwältigt. Was die Darstellung Selmas anging, habe ich alles und noch ein bisschen mehr gegeben ... Ich war nicht mehr in der Lage, etwas an meiner Darstellung zu ändern. Das wäre auch nicht meine Rolle. Ich war ein Werkzeug und mir im Klaren darüber.
Den Film habe ich zum ersten Mal mit meinen Freunden in Island im Kino gesehen. Ich war ein wenig besorgt um meine Freunde, denn so hatten sie mich noch nicht gesehen, so zerstört. Meine Freunde waren danach ziemlich aufgelöst. Ich fühlte mich schuldig danach.
Wie war es, die Goldene Palme von Cannes zu gewinnen?
Die Filmwelt ist nicht meine Welt. Ich war Gast in dieser Welt. Für die Zeit von drei Jahren habe ich alles andere zur Seite geschoben und abgelegt, war mir dann aber auch sicher, alles gegeben zu haben, vor allen Dingen diese Geschichte mit Herz gemacht zu haben.
Die Anerkennung der Filmwelt hat mich überwältigt. Die Goldene Palme war die größte Auszeichnung, die ich jemals bekommen habe, aber nicht, weil es die Goldene Palme ist, sondern weil mir die drei Jahre in dem Moment wie ein Geschenk mit einer großen Schleife überreicht wurden. Ein guter Punkt, um vielem Lebewohl zu sagen.
Hast du dich deiner Arbeit am Soundtrack anders genähert, als es bisher deine Art war, Musik zu produzieren?
Es war sehr aufregend. Weil es neu für mich war, willigte ich auch sehr schnell in die Arbeit am Soundtrack ein. Es ging bei der Erstellung des Soundtracks nicht um meine Gefühle, sondern um die Gefühle einer Figur, Selma. Das erforderte Selbstdisziplin und einen neuen Arbeitsansatz. Was zählte, war mein handwerkliches Geschick. Das war eine Sache, die ich schon immer hatte lernen wollen, einfach eine Handwerkerin zu sein.
Natürlich gehen alle Songs dennoch auf Emotionen zurück; Gefühle, die ich beim Lesen des Skripts hatte. Es hat großen Spaß gemacht, Gelerntes aufzugreifen und darauf aufzubauen, mehr zu lernen.
Wie groß war Lars von Triers Einfluss auf die Musik? In den Credits des Soundtracks wird er als Texter erwähnt.
Auf Lars' Wunsch hin sollte ich die Lyrics schreiben, ich entschied mich aber sehr früh dafür, dass ich sie nicht schreiben wollte. Ich wollte weg von dieser Egoschiene.
Lars' Verhältnis zu Selma gab mir jedoch auch zu denken: er sah sie als einfache und dumme Person. Sie mag einfach sein, aber sie ist nicht dumm. Sie ist eine Figur mit starkem Überlebenswillen und daher weise für mich. Einer meiner besten Freunde, ein isländischer Dichter, der by the way schon für \"Bachelorette\" und \"Izobel\" die Lyrics geschrieben hat, setzte sich dann mit Lars zusammen, um die Texte zu schreiben. Es war Lars' Skript, aber mein Freund setzte sie um zu Musik.
Man hat viel geschrieben und gelesen über die Dreharbeiten zu dem Film. War alles wirklich so dramatisch, wie man es in der Öffentlichkeit verfolgen konnte?
Eine ganze Menge wurde erfunden. Lars und ich haben uns in der Öffentlichkeit nicht gerade beliebt gemacht: Ich habe währenddessen gar keine Interviews gegeben, und Lars ist nicht der Typ, der gerne Interviews macht. Die Dreharbeiten waren für alle Beteiligten schwierig. Ich ohne jegliche Filmerfahrung, Lars, für den Musik ebenso Neuland war. Wir hatten das größte Budget, das es jemals für einen skandinavischen Film gegeben hat. Die Crew bestand aus Mitarbeitern, die Low-Budget-Filme gewöhnt waren und sich erst auf eine derart große Produktion einstellen mussten. Für jeden am Set brachte dieser Film eine neue Situation mit sich. Dennoch haben wir den Film noch vor der Deadline fertig gestellt, was zeigt, dass wir alle Schwierigkeiten gemeistert haben. Konflikte in einem kreativen Prozess sind nichts Ungewöhnliches. Ich habe schon immer 1:1 gearbeitet, mit sehr exzentrischen und eigenständigen Menschen. Seien dies nun meine Videoproduzenten oder diejenigen, die für das Artwork meiner Platten zuständig sind. Gerade die eigenwilligen Künstler sind jene, mit denen ich am Liebsten zusammenarbeite. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als mit ihnen zusammen etwas Neues zu erschaffen, die andere Hälfte von ihnen zu werden.
Was Lars von Trier angeht, war es das erste Mal, dass er mit jemandem gearbeitet hat, der ihm ebenbürtig ist. Lars hat sich in seinem 20-jährigen Schaffen eine hierarchische Struktur aufgebaut, die vor mir keiner aufzubrechen wagte. Das funktioniert auch sehr gut, für ihn zumindest. Ich komme aus einer ganz anderen Schule: Die erste Punkband mit 14, daraufhin gründete man ein Label, jeder hatte die gleichen Rechte. Wir wollen keine Leitfiguren, bevorzugen ein basisdemokratisches Modell. Wir Isländer leben in einer der ältesten Demokratien der Welt und mögen es heute noch nicht, wenn uns jemand vorschreibt, was zu tun ist. In Dänemark, Großbritannien oder Deutschland findet man sehr stark hierarchisierte Strukturen. Ein gutes Gegenbeispiel ist Irland: Da ist man schon wieder dermaßen anti-autoritär, dass es krank ist. U2 arbeiten zum Beispiel seit 20 Jahren mit den gleichen Leuten, und keiner würde auf die Idee kommen, dem anderen Dinge vorzuschreiben.
Bei unserem Film gab es ganz klare Gegensatzpaare, die zusammengebracht werden mussten: Musik vs. Dialog, Sprechen vs. Singen, Mann vs. Frau (auch wenn dieses Paar einen überstrapazierten Antagonismus darstellt), Monarchie vs. Anarchie, Realität und Fantasie. Es war ein bisschen so, als müssten Pippi Langstrumpf und Napoleon Bonaparte sich die Hände reichen. Wir haben zusammen jedoch alle Schwierigkeiten überwunden.
Waren die Konflikte während der Produktion dem Film, dem kreativen Schaffen zuträglich?
Ja, alles in allem bildeten die Konflikte während der Produktion einen fruchtbaren Boden für unser Schaffen. Deswegen arbeitet man ja auch zusammen. Jeder bringt unterschiedliche Erfahrungswerte mit sich. Es geht beim Zusammenarbeiten immer um Auseinandersetzung. Das gibt Menschen wie Lars und mir die Chance zu lernen. Was ich gelernt habe, habe ich aus Kollaborationen wie dieser gezogen. Es ist wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung: es geht um Geben und Nehmen. Ich habe aus der Filmproduktion eine Menge mitgenommen, aber ich bin sicher, dass ich genauso viel gegeben habe.
Es gab eine weitere Kollaboration, auf dem Soundtrack mit Thom Yorke [Radiohead] für den Song \"I've Seen It All\". Warum hast du dir gerade ihn ausgesucht als Partner?
Ich verspürte schon seit Jahren den geheimen Wunsch, seine Stimme mit meiner Stimme zusammenzubringen. Ich bat Lars, ihm eine Rolle zu geben, aber Lars hatte schon sehr genau im Kopf, wen er für den Film wollte und wen nicht, und außerdem wollte Lars für seinen Film nie Musiker oder Tänzer haben.
Eine Frage noch zu dem fantastischen Element im Film: für mich war es sehr schwer, in den Film reinzukommen; für mich setzte das filmische Thema mit der ersten Fantasie-Sequenz ein. In der Pressekonferenz hattest du auch von Lars' Verständnis des Films und seiner Meinung zum Fantasie/Realität-Konflikt gesprochen.
Ich habe versucht, die 60:40-Relation zwischen Realität und Fantasie durch die Musik zu Gunsten der Fantasie zu verschieben. Wenn man so traumhaften Gesang für den Soundtrack hat, dann gibt das der Szene einen anderen Anstrich. Wenn Selma die Augen schließt, dann hört sie bestimmt auch Thom Yorke singen ... Lars' Vorstellung war eine richtige, ich wollte ihm da auch nicht dazwischenfunken. Allerdings finde ich, dass selbst die Fantasie-Sequenzen zu streng, zu straff geworden sind. Ich hätte mir gewünscht, dass alles etwas verschwommener, weniger stark konturiert dargestellt wird.
Ja, auch die Schnitte in dieser Szene wecken Industrial-Assoziationen. In dieser Szene steckte viel mehr Realität, als man es von einer Fantasie-Sequenz hätte erwarten können.
Für mich war die Geschichte mit den 100 Kameras in dem Sinne sehr hilfreich. Du bist in einem Raum mit 100 Videokameras, die allerdings versteckt sind, damit du sie nicht siehst. Dadurch kommt man sich als Darsteller eher vor wie im Theater oder in der Oper. Das gibt dir in deiner Darstellung viel Raum, denn du musst deine Blicke nicht kontrollieren, du kannst überallhin schauen. Die Darstellung war wie eine Liveperformance; ich musste die Schnitte der Kamera nicht mitmachen, sondern konnte einfach (den Song) durchspielen. Großartig dabei war, dass der Song begann und ich keine genauen Vorgaben hatte, was ich tun sollte. Ich sagte einfach zu Lars: \"Ich weiß nicht genau, was ich machen soll, aber ich werde mich einfach durch die Szene FÜHLEN.\" Durch die Musik gewann alles an Leichtigkeit; man war versucht zu improvisieren und nicht an die ganzen Dialoge zu denken. Ohne Logik. Auf der einen Seite war es eine befreiende Erfahrung für mich; auf der anderen Seite bin ich ziemlich konservativ, was Kamerafahrten angeht. Bei einem Musical ist alles eigentlich eher schwungvoll, in Bögen. Dem entgegengesetzt die durch die Schnitte zerstückelte Szene ... Aber das ist wieder die Sache mit den Kollaborationen. Das war Lars' Vorstellung von der Szene: Wenn der Dialog aufhört und der Song einsetzt, geht es nur noch um Selmas Gefühle. Ich habe versucht, etwas Abstraktion einzubringen. Es soll um Geheimnisse gehen, um Dinge, die man nicht weiß. Lars und ich hatten sehr gegensätzliche Vorstellungen. Wir sind von den entgegengesetzten Punkten aus so weit wie nur möglich gegangen und haben uns dann in der Mitte getroffen. Schwierig war das Editieren, mit den 100 Kameras und den Musikszenen ... Die Songs dauern ca. acht Minuten, von jedem Song gibt es acht Takes, mit 100 Kameras multipliziert gibt es 64.000 Minuten, die du dir anschauen musst. Schwierig. Ich weiß nicht, wie viele Cutter und Redakteure über Monate damit beschäftigt waren, das Filmmaterial auszuwerten. Die Idee ist wunderschön, aber die damit verbundene Arbeit war wirklich Hardcore.
Du sagtest, dass sie trotz allem eine Gewinnerin ist. Die einzige Szene, in der sie im Realitätskontext singt, ist die Schluss-Szene. Musste sie blind sein, um sich endgültig auszudrücken, zu singen. Das erinnert mich an die Pressekonferenz, wo du sagtest, du seist keine \"Augenmensch\" ...
Ich halte das Skript für die Arbeit eines Genies. Es passt alles zusammen, Selma gewinnt und verliert zugleich.
... und dann kommt die Produktmanagerin ...
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