Sonic Youth

mauerblümchen

25.06.2000, 11:11, Text: Autor unbekannt

Zu den Ausgeburten des siechenden Molochs gehören Sonic Youth, einst Miterfinder des Artcore, dann Geburtshelfer des Grunge und seit einem halben Jahrzehnt virulentes Verbindungsglied zwischen den Traditionen Neuer Musik, freier Improvisation und einem intelligenten Verständnis für alternativen Rock'n'Roll. Lange Zeit galten sie als die Velvet Underground des Post Punk, doch sieht man genauer hin, lassen sie sich viel eher mit den Beatles vergleichen. Vier ausgeprägte Individuen, die auf ihren separaten Wegen immer wieder zu ihrer kollektiven Identität zurückfinden.
Auf ihrem neuen Album \"NYC Ghosts & Flowers\" streicheln sie dem geschundenen Riesen New York zärtlich über den blutigen Schädel.

Seit ein paar Jahren haben sie in der Stadt, die niemals schläft, ihr eigenes Studio eingerichtet, in dem sie - abgeschieden vom Rest der um sie tosenden Welt - ihr eigenes ästhetisches Universum ausbauen können. Doch die Welt holt sie immer wieder ein. Zum Beispiel, als der Band letztes Jahr auf einer Tour das gesamte Equipment geklaut wurde. Ein folgenschweres Ereignis, wie Sonic Youth-Gründer und -Gitarrist Lee Ranaldo zu berichten weiß: \"Das ist das Schlimmste, was einer Band passieren kann, aber am Ende verkehrte es sich in unseren Vorteil. Wir haben etwa zehn Jahre lang auf denselben Instrumenten gespielt und sind ein wenig bequem geworden. Plötzlich ist diese vertraute Matte unter uns weggezogen worden. Inzwischen sind wir froh, daß das passiert ist, denn wir mußten neue Richtungen finden. Wir hatten keine Chance, lange darüber nachzudenken, denn am Wochenende über den 4. Juli kam das Zeug weg und im August begannen wir mit den Aufnahmen. Einerseits spielten wir auf Instrumenten, die wir seit 'Daydream Nation' nicht mehr in der Hand hatten, andererseits arbeiteten wir mit neu gekauften Geräten, die wir noch nicht so gut kannten.\"
Sonic Youth, die das Experiment zur Routine gemacht hatten, standen wieder völlig am Anfang. Ihr Sound klingt nur anfangs spröde, wenn man unversehens in den dichten Dschungel von Gitarrenlinien eintaucht, in dem sich keine Konstellation je wiederholt. Doch kaum läßt man sich auf das innovative Gestrüpp der Band ein, wird man gewahr, daß es das sanfteste Album in der Geschichte von Sonic Youth ist. Alles ist gegen den Strich gekämmt und doch ungeheuer geschmeidig. Mit verantwortlich dafür ist der Mann, den Lee Ranaldo keck das fünfte Mitglied von Sonic Youth nennt, obwohl er tausend Meilen entfernt in Chicago lebt: Jim O'Rourke. \"Das Wichtigste war, daß er einfach da war. Jim liebt nichts mehr, als täglich 24 Stunden im Studio an der Musik zu arbeiten. Nachdem wir jahrelang auf Leute angewiesen waren, die ständig auf die Uhr guckten und nur an ihren Feierabend dachten, war das sehr erfrischend. Wir konnten ins Studio kommen, wann wir wollten, Jim war schon da und arbeitete konzentriert am Computer oder Mischpult. Seine Hauptrolle war die des Produzenten. Wir arbeiten schon seit Jahren zusammen und haben eine enge Beziehung aufgebaut. Es war das erste Mal in unserer Laufbahn, daß wir zu jemandem sagen konnten: tu einfach, was du willst. Ein wenig spielte er auch auf der Platte. All das lief so gut, daß wir ihn fragten, ob er nicht Mitglied der Band werden wolle. Wir werden also auf Tour gehen und erstmalig in unserer Geschichte als Quintett auftreten.\"
Sonic Youth sind eine andere Band geworden. Nach \"Bad Moon Rising\", \"Daydream Nation\" und \"Goo\" schreiben sie ein weiteres Mal Musikgeschichte und öffnen gemeinsam mit Gruppen wie Yo La Tengo, Stereolab, Supersilent und WE das Kapitel der Musik des 21. Jahrhunderts im Niemandsland zwischen Jazz, Elektronik und knochenhartem Rock'n'Roll.



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aus Intro #76 (Juli 2000)
 
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