Phoenix

das dilemma mit der falschen signifikanz

10.05.2000, 15:40, Text: Autor unbekannt

Das Problem mit der falschen Signifikanz fängt schon beim Albumintro an. Hatte der geschätzte Redakteur Linnemeyer nicht was von \"die klingen wie Air\" in den Raum geworfen? - und dann das: schrammelnde heavyeske Gitarren. Das bleibt im Kopf. Der nächste \"Ich hol dich aus dem Tagtraum\"-Moment ist \"Funky Squaredance\", Track No. 9 und so was wie das zentrale, da opulent dreiteilige Schlüsselstück von \"United\". Von Country über Breakdance zu Heavy Metal, und zwar im Dreiminutentakt. Wer allerdings glaubt, daß eine solche \"Offenheit\" (andere würden es songwriterischen Wahnsinn nennen) schon das Herausstechendste am Stück ist, liegt falsch: es folgt das schlimmste Gitarrensolo seit dem befreienden Tag, an dem die Stadt Los Angeles beschloß, alle Poserrocker (für die zu spät Geborenen: hierbei handelt es sich um einen Typus Musiker, der während der frühen 80er Jahre durch lange, dauergewellte Haare, pinkfarbene, enganliegende Stretchhosen und erbärmlich kreischende Stimmen auf sich und seine bewußte Signifikanz des Abstrusen aufmerksam machte) in die Wüste zu schicken, und damit auch bei MTV für einen Paradigmenwechsel sorgte.
Aber: Entwarnung! Zwischen diesen Momenten der pubertären Verfehlungen, die sie selbst als bewußte ästhetische Setzung verstanden wissen wollen, zitieren sich die vier Franzosen auf ihrem Debütalbum durch den Beach Boys-Backkatalog.

Und das mit einem derart ansprechenden Relax-Habitus, daß der Air-Vergleich zumindest hinsichtlich des Wirkungskontextes absolut zutrifft. Rein klanglich haben es ihnen freilich noch andere besonders angetan, wie sie nicht müde zu erzählen werden: Gil Scott-Heron, Michael Jackson, Serge Gainsbourg und jede Menge Country- und Western-Musiker. Das alles und noch viel mehr Feingeistiges gibt es auf \"United\" zu hören. Erschienen ist das Album beim französischen Source Records-Label, was natürlich nach obiger Soundskizzierung sofort für Stirnrunzeln sorgt. Zu Unrecht, wie die Jungs im Interview ausführen. Denn neben den House-Vorzeigeprotagonisten, mit denen das Label außerhalb Frankreichs zu 100% rezipiert wird, pflegen die Labelbetreiber einen abwechslungsreichen Roster, in dem sich auch Gitarrenbands tummeln. Außerdem haben Thomas Mars (Gesang), Deck D'Arcy (Baß) und die beiden Gitarristen-Brüder Christian und Branco Mazzalai sowieso ein Faible für dezente, dem Pop schmeichelnde elektronische Klangkomponenten. Phoenix treffen mit ihrer modernen Songwritervariante direkt ins Herz Melancholie-offener Zeitgenossen: Musik, zu der man dufte schwermütig werden kann. Entgegen anderweitiger Gerüchte (von wegen Seilschaften!) haben sie sich via selbstproduzierter erster Single auf dem eigenen Ghettoblaster-Label in die Herzen von Source gespielt. Bevor es ans Durchstarten ging, durften sie als Nebenjob vor dem eigenen Coming-out als distinguierte (mit Auszeiten, siehe oben) Melancholiker Air bei einem Fernsehauftritt als Backing-Band begleiten und so erste Einblicke ins System erhaschen. Derart unbeachtet verlassen sie mittlerweile nicht mehr die Radio- und Fernsehstudios in Frankreich und England. Die Tage der Unschuld sind dahin. Das Interview absolvierten die vier wie Medienprofis: ganz routiniert wurde das ewig gleiche Frage-Antwort-Spiel runtergespult; nicht unfreundlich, durchaus auskunftsfreudig, aber auch nicht wirklich in Plauderlaune. Einzig die Kontextualisierung mit den Air-Bohemiens wurde nachdrücklich dementiert: \"Wir sind typische Mittelschichtler, die arbeiten müssen.\" Oder besser mußten, denn es läuft momentan ganz gut. Außerdem sind sie sparsame Menschen. Man wohnt mit vielen Kumpels in einer WG und musiziert.
Als es dann ans Fotoshooting ging, huschte plötzlich doch noch ein Hauch von kindlicher Freude über die Gesichter: man hatte sich vorbereitet. Flugs wurde die Daft Punk-Hundemaske zum \"Da Funk\"-Clip ausgepackt. Die Jungs müssen aber auch immer mit dem Holzhammer Akzente setzen.

Akt. Album: \"United\" (Source / Virgin)



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aus Intro #75 (Juni 2000)
 
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