Paul Thomas Anderson

'Ich bin ein frustrierter Musiker ...

10.03.2000, 10:04, Text: Autor unbekannt

'Ich versuchte, die Musik zu adaptieren, wie man das bei einem Roman oder einem Stück machen würde. Sie hat die ganze Struktur des Films diktiert. Ich kannte Rhythmus und Tempo und habe danach gedreht, alles wurde um sie herum designt', so Anderson. Die eine Songzeile heißt: 'Jetzt, da du mich getroffen hast, hast du was dagegen, mich nie wiederzusehen?' Warum sollte jemand so etwas von einem anderen, den er gerade kennengelernt hat, verlangen? Der Regisseur und Drehbuchautor entwirft sich überlappende Episoden aus dem San Fernando Valley in L.A., durch das der Magnolia Boulevard führt. Verwandt mit Robert Altmans 'Short-Cuts'. In Überlänge. 'Normalerweise sind Drei-Stunden-Epen für Kriegsfilme oder Filme mit gewichtigen gesellschaftlichen Themen reserviert.

Ich habe keine Ahnung, wie das ist, in einen Krieg zu ziehen, ich finde Familienbeziehungen interessanter. Fragen wie 'Werde ich mich verlieben?' und 'Wird mein Vater jemals wieder mit mir reden?' habe ich in den Kontext eines Epos' gesetzt, weil sie die Ausmaße einer epischen, intellektuellen Soap haben.' Pauls Themen sind Krankheit, Tod und Einsamkeit von Menschen, deren Leben durch ihre Familiengeschichten hoffnungslos miteinander verknäult sind. Sie stolpern über Vergangenes und verzweifeln jämmerlich wie der krebskranke Host einer Quizshow (Philip Baker Hall), der noch einen Monat zu leben hat. Oder dessen Produzent Earl (Jason Robards), der im Sterben liegt und mit Hilfe seines Pflegers (Philip Seymour Hoffman) noch einmal seinen entfremdeten Sohn (Tom Cruise) sehen möchte. Oder das Wunderkind (Jeremy Blackman), das nicht mehr bei der Quizshow mitspielen will, und der Ex-Quizchampion (William H. Macy), der vom Blitz getroffen wurde. Klingt alles nicht aufheiternd, soll es auch nicht. Höhepunkt, Katastrophe und Bindeglied aller ist die Quizshow in der Mitte des Films. Aber es geht weiter. 'It's not going to stop', singt Aimee Mann aus dem Off, alle bekommen eine Auszeit im Elend zum Mitsingen, und es wird doch noch friedlich.
Selbstreflexive Motive des Films-im-Film wie die Show baut Anderson gerne ein: 'Ich bin so aufgewachsen, daß ich nach Filmen gelebt habe. Das möchte ich in meinen Filmen widerspiegeln und auch, wie sie einen in gewisser Weise verraten. In einer Szene versucht der Pfleger den verlorenen Sohn ans Telefon zu bekommen und jemanden am anderen Ende der Leitung davon zu überzeugen. Das ist eine konventionelle Story, aber sie passiert wirklich. Der Pfleger sagt dann: 'Das hört sich jetzt an wie in einem Film, und gleich kommt die Szene, in der Sie mir helfen werden.' Es ist verwirrend, wenn Dinge in deinem Leben geschehen, die du nur aus Filmen kennst. Warum haben dir die Filme beigebracht, daß dein Leben wie ein Film ist?' Das kann sich der 30jährige inzwischen auch selbst fragen, denn sein Leben glich in den letzten Wochen eher einem Film auf Breitleinwand, in dem er einen Golden Globe und den Goldenen Bären der Berlinale einheimste. Und demnächst wohl noch ein paar Oscars.



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aus Intro #73 (April 2000)
 
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