Public Enemy

Wild Wild Web

23.08.1999, 22:59, Text: Autor unbekannt

1. Dieser Artikel ist sinnlos. Vielleicht nicht substanzlos, aber insofern zumindest fragwürdig, als daß es ja eigentlich um Public Enemy respektive Chuck D gehen soll, der Künstler aber selbst spricht - viel, schnell und für alle. Falls Ihr es noch nicht wußtet: die Adresse heißt publicenemy.com, und im sogenannten „Terrordrome'-Archiv findet Ihr bei Drucklegung dieses Heftes wahrscheinlich schon eine Kolumne, die auf August datiert. Jetzt, heute, eben gerade, am Abend des 20. Juli, habe ich seine ausführlichen Bemerkungen zur europäischen Interview-Tour gelesen, die seit zwei Tagen vorbei ist. Gerade spielen P.E. auf dem New Yorker „Digital Club Festival', einer Online-durchdrungenen Neuauflage des „New Music Seminars'.

Seinen Text hat Chuck aus Amsterdam auf den Server geschickt. 2. „Hier hören Sie Musik in MP3-Qualität.' Wird es so demnächst heißen in Charterflugzeugen und Multiplex-Kinos? Zumindest in bezug darauf, daß die durch die Kompression bedingte (technische) Klangqualität nicht CD heißt, kaum. Ansonsten MP3 all over the place, und da 50 Millionen Elvis-Fans nicht irren können, muß nachgezogen werden, ist der Konverter zum direkten Brennen auf die überall abspielbare CD ebenso nah wie der Player, der neben „klassischen' auch MP-Files liest, und dann haben wir sie endlich, die wundersame Verkleinerung unserer Schränke. Und die wieder mit Bedeutung angereicherten Gesellschaftsfeinde stellen das Futter, die Information, den Kontakt. „Ja, ich bin wieder Public Enemy', lacht er. Ob er es vermißt hat? „Schon.' 3. In Europa, stellt Chuck D. in dem letzten seiner assoziativen und fragmentarischen Pamphlete fest, habe der Kosovo eine viel größere Bedeutung. Ja. Kühlschränke haben wir hier auch. Momente, wo die Tatsache, daß er die inkarnierte Intelligenzia des HipHop und HipHop die dominante Kultur des Westens ist, ein kurzes Aufstöhnen unvermeidlich macht. Aber wollen wir nicht zuviel. Wollen wir einfach nur unterhaltsames Spielverderben. Das klappt mit anderthalb zugekniffenen Augen immer noch, der Blick muß nur den richtigen Fokus haben. Zum Beispiel den des Musikmarkts, den Chuck D. zum Teilen zwingt. Die Majors, die Indies und die Downloads. Er sieht eine Millionen Künstler und fünfhunderttausend Labels und freut sich darauf. Die Chance, die einzige für HipHop. Und, auf anderer Ebene, die Menschheit oder das Individuum. Denn: „Die Unterteilung wird sein, wer die Technologie kontrolliert und wer davon kontrolliert wird. Und Farbige sind schlechter vorbereitet, was von der Struktur vorgegeben wird.'4. Das Mikro ist aus. Chuck D. spricht über Kinder und Erziehung. Er lebt in Atlanta und Long Island, die Familie hat ihren angemessenen Platz, so wie er ihn auch P.E. zuweist und sich nicht seinen Zeitplan davon bestimmen läßt. 20 bis 25 Prozent gibt er der Band, der Rest sind die multiplen Aktivitäten, die das Leben als Kulturvater so mit sich bringt. Ja, er wird gebraucht. „Die Leute fragen mich, wie man mit der Industrie zurechtkommt, wie man 15 Jahre dabeibleiben kann, alles. Ich bin Therapeut und Psychologe.' Die (kurze) Zeit, in der er sich etwas zurückzog, hat er zugehört, was die anderen zu sagen hatten, und „es hat alles nur noch schlimmer gemacht. Wir müssen wie Security an der Tür bleiben. Wenn wir weggehen, könnte die Party vorbei sein.' Daß ihn keine der jüngeren Stimmen ersetzen kann, liegt daran, daß niemand seine Karriere aufs Spiel setzen will, so wie er oder KRS One es gemacht haben. So was wie „By Any Means Necessary' mußt Du erst mal sagen. Leute wie Goodie Mob werden nie das machen, was Paris getan hat. Je mehr Du auf Verkäufe achtest, desto weniger gefährlich wirst Du. Außerdem kannst Du auch gar nicht mehr so gehört werden wie damals, angesichts der Menge, die heute erscheint. Wozu auch sein altes Label einen guten Teil beiträgt. Mit Russell Simmons geht er keinen (Tee) trinken. Das Band ist zerschnitten. „Es geht um zwei verschiedene Anschauungen. Uns geht es um die Kunstform, um das Genre.' Worum es denen geht, ist klar. Jedenfalls nicht um HipHop und auch nicht um die Welt außerhalb von Amerika, was Chuck immer wieder lautstark bejammert, die US-Fixiertheit seiner Landsleute. „Die Leute', betont er, „wären lieber im Knast, als eine Zeit in Afrika oder Osteuropa zu leben.' 5. Aktivismus. Griff, der ewige Fettnapf ist auf „There’s A Poison Going On' - dem eigentlich, aber eigentlich eben nicht verhandelten neuen, voll funktionablen Objekt - zwar zu sehen, aber nicht zu hören. Dafür gibt es das gemeinsame stromgitarrenangereicherte Projekt mit dem bezeichnenden Namen „Confrontation Camp', und es kommen Solo-Alben von ihm wie auch von Flavour Flav wie auch eine Flut anderer PE-angebundener Projekte. Das einzuspeisende Material, denn „es geht nicht mehr um die Musik, sondern um die Felder, Orte, in denen Musik passiert. Deswegen mein Interesse am Internet und daran, dort Strukturen zu schaffen, die Öffentlichkeit garantieren. Alles, was wir machen, ist zuerst Internet und dann traditionell.' 6. „Come on all to the download ball', so Chuck D.s Slogan auf der „Yahoo'-Party. Er fühlt sich so frei wie nie zuvor. Medien, Strukturen machen Status. Vom (klassischen) Radio und Fernsehen verschriebenen „American Music Award' zur Billboard-Charts-Feier zu den selbstinduzierten Relevanzbekundungen der Video-Kanäle. Neu im Spiel und logische Fortsetzung dieser geschichtlichen Reihung sind die „Yahoo Online Music Awards', wo gerade Sarah McLaghlan für das beste Internet-Only-Album ausgezeichnet wurde. Die Konkurrenz war, da „Poison' ja nun doch in allen Formaten niederkommt, nicht allzu stark. Trotzdem waren TAFKAP und P.E., die großen Piraten, natürlich auch dabei und feierten sich und ihre Unabhängigkeit, von „Yahoo' finanzkräftig beklatscht. Anders gesagt: eine Schlacht ist gewonnen, der Krieg nicht vorbei. Was ist mit dem Inhalt? Ist das Business in schwarzer Hand? Ist der Pirat schneller als die Struktur? Kann es überhaupt ein außerhalb geben? Klicken Sie auch morgen wieder rein.



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aus Intro #67 (September 1999)
 
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