Scritti Politti

Skateboards & Synthies

21.08.1999, 17:35, Text: Autor unbekannt

Bei Green Gartside handelt es sich um eine besonders geheimnisvolle Legende: elf Jahre! Von der Bildfläche verschwunden, auch noch ausgerechnet in Wales! Nach drei Platten, die Geschichte geschrieben haben. Nun also noch eine Transformation.
Die Geschichte beginnt in den späten 70ern mit einer Punkband. Entscheidend ist aber 1982 und „Songs To Remember', ein Album, das eine unwahrscheinliche Balance hält zwischen Melodie und Nerv und Faszination für Soul Music. Es enthält außerdem eine Liebeserklärung an den Anti-Philosophen Jacques Derrida. Entsprechende Äußerungen in Interviews führen dazu, daß Gartside von der Kritik als Intellektueller bejubelt wird.


Dann „Cupid & Psyche ‘85'. Gartside hat die Band aufgegeben und geht zu dem Produzenten Arif Mardin (Chaka Khan) nach New York, zu Musikern wie David Gamson und Fred Maher. Ein Synthie-Funk-Album entsteht. Mit Liebeserklärungen an Aretha Franklin. „Wood Beez' und „The Word Girl' werden echte Hits. Daraufhin macht Al Jarreau Punkte mit dem Gartside-Stück „L Is For Lover', und Miles Davis covert den Scritti-Song „Hypnotize'. Gartside sieht auf Fotos dieser Zeit zerbrechlich aus, schlaksig und androgyn schön. Wie sein Gesang. So hat man ihn geliebt. Angeblich existiert sogar eine diesem Green Gartside nachempfundene Figur als Held eines japanischen Manga-Comics – heißt es jedenfalls auf einer großartigen Website zum Thema (www.doubt-beat.com/taliesin/AREAS/sp/index.html). Sicher ist: das aktuelle Album, „Anomie & Bonhomie', wurde zuallererst in Japan veröffentlicht.
Zwischen ‘85 und ‘99 liegen aber nicht nur die entsprechenden Jährchen. Zwei weitere Scritti-Epochen haben sich da noch ereignet. Zunächst, 1987, „Provision', ein Synthiealbum nach der Philosophie „Menschen grooven nicht so gut wie Maschinen' – so die damalige Überschrift in „Spex'. 90er-Jahre-Produktionsmethoden vor ihrer Zeit. Zu weit; ein Album, zu künstlich, um wahr zu sein. Vielleicht sogar unlebendiger und weltferner als Kraftwerk. Dennoch - oder auch gerade deshalb - wunderschön. Für Green Gartside definitiv zu kalt. Nach einer aufreibenden Promo-Tour durch die USA - „von Westbubblefuck, Arizona nach Soundso' - nimmt er noch sechs Wochen London im Acid-House-Fieber mit (hat ihn aber wohl eher gelangweilt). Dann kommt der Zusammenbruch, der Rückzug nach Hause, Wales: Bier trinken, Dart spielen und ... skaten! Und so konnte es dann überhaupt auch zum Comeback kommen. Zwar fährt er mehr schlecht als recht, wie er sagt, aber die Soundtracks der Skater-Videos haben Gartside begeistert: diese Mischung aus HipHop und Rock. Nachdem er jahrelang keine Musik mehr gemacht hatte, saß er da plötzlich mit der Gitarre in der Hand vor dem Fernseher. Gut, so hat er also wieder angefangen. Mit der Gitarre und der Hilfe Me’Shell NdegéOcellos, Wendy Melvoins, Mos’ Defs, Pete Rocks, der Beatnuts und einer Handvoll älterer Freunde. Im San Fernando Valley, irgendwelchen legendären Beach-Boys-Studios, und in New York. Green Gartside erzählt engagiert. Nach einer Viertelstunde reden und zuhören glaube ich ihm, daß er er selbst ist. Die ersten Minuten war ich unsicher, er sah so unglaublich jung aus, und eine Sonnenbrille verbarg so geschickt die über das Alter so viel sagenden Augen. Diese Sonnenbrille behält er das Gespräch über auf. Er trägt außerdem unauffällige, ein bißchen stylishe amerikanische Arbeitsklamotten und Sneakers, das Haar kurz und den Kinnbart gepflegt. Ja, und beim engagierten Sprechen bringt er vor allem zum Ausdruck, wie viel es bedeutet: unter Menschen zu sein; Musik zu machen; so zu arbeiten, wie man möchte. Etwas konkreter, bitte? Mos’ Def zum Beispiel hat ihn umgehauen, wie der, versorgt mit lediglich ein paar Anhaltspunkten, sich für zwei Stunden verkrümelte und dann ohne irgendwelche Notizen losrappte. Noch aufregender muß ihre erste Begegnung gewesen sein. „Er kam mit seiner ganzen Posse ins Studio, und ich saß da, verschreckt. Ich hatte den Track bis zu diesem Punkt alleine produziert und hoffte – man hofft dann auf ein Nicken. Daß die Köpfe anfangen, sich im Rhythmus zu bewegen. Der Nick-Faktor. Hat ein Stück den Nick-Faktor, ist es okay. Ich saß da, versteckt in einer Ecke, und schaute sie an. Und nach einer Weile fingen sie damit an. Es hatte ihn.'



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aus Intro #67 (September 1999)
 
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