Missy Elliott

Die neuen Verhältnisse

22.06.1999, 15:54, Text: Autor unbekannt

Herzlich willkommen in der lustvollsten Gefangenschaft der Gegenwart, der Missy-Elliott-Trap. Die Gesänge der Sirenen: strahlendes Lachen, reizende Albernheit, durchtrainierter Funk, Melodien für Millionen. Was, alles zusammen, Dich völlig geschlechtsunabhängig einnimmt, daß Du denkst: „oh reizende und zugleich süße knuddelige Missy', Dir eine Missy-Puppe zum nach Hause Nehmen und Liebhaben wünschst.
„Missy', erklärt das Objekt der Lust, „ist die Kurzform von Melissa. Misdemeanor habe ich von Magoo. Er fand, daß das süß klingt.' Wer will, kann Misdemeanor als ihre muskulöse Rap-Seite und Missy als die weiche R&B-Seite sehen. Bleibt noch Elliott.

Die Frau, die es gegen und nicht mit ihrer Umgebung geschafft hat. Die die Kontrolle hat. Die miterlebt hat, wie ihre Mutter jahrelang gedemütigt wurde, und sagt: bis hierher und nicht weiter. Genug gelacht. Nimm diese Kante, diese Grenze, diesen geschliffenen Beat. Unterstütz mich oder mach, daß du wegkommst. MontagNach der beliebten kurvenreichen Fahrt über die Hollywood Hills angekommen in einem der vielen kleinen mit Sicherheitszäunen und Videoüberwachungsanlage abgeschirmten Studios von L.A. Die Sonne, die sich nach zwei Tagen Regen zum ersten Mal zeigt, versinkt langsam, während zwei Hände voll Menschen ebenso viele Viertelstunden darauf warten, in die Regie vorgelassen zu werden. Im Vorraum sind trotz zwei geschlossener Türen wagenradgroße Beats zu hören. Davon unbeeindruckt spielt die Studio-Besatzung Billard. Wahrscheinlich kennen sie das neue Testament in HipHop schon, noch wahrscheinlicher ist es ihnen komplett egal. Zur Halbzeitpause erscheint ein erschöpfter Mann mit Wichtig-Aura. Es ist Missy Elliotts Chef-Stylist. Sprich: er ist sehr wichtig. Sein Arbeitsgerät ist nach dem weihnachtlichen Signal zur Bescherung das erste, worauf der Blick fällt. Eine Vielzahl von Kämmen und Klemmen, dazu eine Batterie von Erhitzungsspiralen, Haarspray, Rollen und andere namenlose Folterinstrumente bedecken das Podest hinter dem Enterprise-Konsolen-großen Mischpult. Dazwischen, auf dem in alle Richtungen dreh- und neigbaren Sessel, sitzt, besser: trohnt die Regisseurin Missy Misdemeanor Elliott und freut sich sichtlich. Sie ist an ihrem liebsten Platz und wird gleich einmal mehr ihre neue Musik in der ihr angemessenen Laustärke hören. Wir sehen eine Wand voll Boxen und ahnen. BeatbitersUnd verstehen. Gleich die erste Welle, die den Raum erfüllt, macht aus dem gemeinschaftlichen Hören eine ganzkörperliche Erfahrung. Missy, dem Pult zugewandt, wippt zu den Bässen und beschreibt mit zuckenden Armen und Handbewegungen den eruptiven, mittelfrequenten Breakbeat-Hagel. Das Stück ist ein multifunktionales Monster, Blaupause des Produktionspaares, Statement ihrer Definitionsmacht in bezug auf Beathoheit, all jene viele, die sich angeblich oder tatsächlich im Timbaland/Missy-Sound bedient haben, in Relation setzend. Und natürlich die Herausforderung zum Battle - kommt her und kopiert dies, wenn ihr könnt / euch traut. Dabei ein Stück Musik, welches selbst THX-Surround-verdorbene Ohren mit Klangfülle und rhythmischer Diversifikation kitzelt. Oder weniger abstrakt: alle Kantigkeit und Dicke, großes Drama, perkussives Monument. TimbalandDas ist nicht auseinanderzudividieren. Sie brauchen sich. „Es ist eine gute Chemie, das sollte man nicht aufgeben. Es wäre wie Snoop ohne Dre. Oder wenn sich Janet neue Produzenten suchen würde. Es passiert so oft, daß Künstler, wenn sie größer werden, nach den momentan angesagtesten Produzenten suchen, aber auch wenn das Timbaland-Album nicht ganz so erfolgreich war, heißt es nicht, daß wir nicht zusammen eine nächste Stufe erreichen können.' Wie das chemischen Verbindungen eigen ist, muß dazu wenig kommuniziert werden. Es gibt sprachlose Selbstverständlichkeit, mit der Missys Definition von Funk in Timbalands Umgang mit Beats und Samples die bestmögliche Ergänzung findet. Seine Mainstream-Gelüste werden durch ihr Songwriting ausgebremst, ihre HipHop-Formeln von ihm in klingende Interessanz gegossen. Das Studio als Kraftwerk. Und ihr gemeinsamer Lieblingsort. DienstagAndere Seite, neues Fort. Es trägt den schönen Namen Miauhaus, von der Straße zu erkennen an einem großen Katzenkopf. Weniger Sicherheitsmaßnahmen. Hier muß auch nicht das potentielle Chartsmaterial verteidigt, sondern nur der Star gerahmt werden. Das aber ist Arbeit und die Stimmung dementsprechend angespannt. Missy sitzt in einem Gewirr aus Kabeln und Scheinwerfern, die Maske schwitzt. Während ein sogenanntes Electronic Press Kit, eine filmische Selbstdarstellung, gedreht wird, rutscht eine Strähne um einen halben Zentimeter. Sofort wird unterbrochen. Eine Fotosession wird gesprengt, ein komplettes Fernsehinterview gestrichen. Wenn es nicht gut im Sinne von erfolgversprechend ist, wird es nicht gemacht. Schließlich verwaltet Missy ihre Finanzen selbst. Sylvia Rhone „Die anderen haben mir einen Artist-Deal angeboten, sie hat mir den Label-Deal ermöglicht, wodurch ich meine Platte auf meinem eigenen Label rausbringen konnte. Es mag sein, daß andere Firmen zu der Zeit hotter waren. Aber bei ‘Elektra’, bei meinem Deal, geht es um Langlebigkeit.'
Sie ist Sylvia Rhone, schwarz, weiblich, seit Jahrzehnten Präsidentin eines Major-Labels und Missys großes Vorbild. Rhone hat Missy als Subunternehmerin eingestellt, was für beide Seiten ein gutes Geschäft war - „Elektra' hat einen wachsenden loyalen Künstlerstamm, Missys Label „Gold Mind' Verantwortlichkeit wie Handlungsspielraum. Sie kontrolliert alles, auch das Video, jene apokalyptisch-düstere Umsetzung, die „She’s A Bitch' genug bedrohliche Schärfe verleiht, daß auch der letzte Stammtischwitz darüber verstummen dürfte. Und natürlich einen monströsen Haufen Geld gekostet hat. Was insofern egal ist, als daß Missy ihr Geld mit Schreiben und Produzieren verdient. Deswegen kann sie sich vieles leisten, deswegen darf die Platte kosten, was sie eben kostet. Als Künstlerin geht es nur darum, keine Kompromisse zu machen. „Das wäre etwas ganz anderes, wenn ich einen Artist-Deal hätte, da würde alles gegengerechnet.' Sie kennt die Praxis: hier eine Einladung zum Essen, da ein Mietwagen, und am Ende bleibt nichts. Da doch lieber die gefährlichere, aber selbstverantwortete und machtvolle Position hinter dem Schreibtisch. Wie Sylvia Rhone am Telefon sitzen und Sachen lostreten, „Sachen, an die niemand denkt, wie zum Beispiel Busta und Janet zusammenzubringen. So was macht sie mit ein paar Anrufen klar.' MittwochHören, Sehen, Sprechen. Audienz. Missy, aufgeräumt und leger. Selbstverständlich können jetzt keine Fotos gemacht werden. Und auch keine allzu assoziativen Schleifen geplaudert werden. Gesagt wird, was in den letzten Tagen schon mehrfach zu hören war: es gibt eine gute neue Platte und eine gute neue Botschaft. Keine offenen Fragen, keine Problematisierungen. Nicht gut für das Branding. Gerne wird über die Mitwirkenden gesprochen: Eminem, Redman, Da Brat, Aaliyah ... Gäste, Freunde, Freundinnen, Familie sind lebenswerte Selbstverständlichkeit. Missy ist ein Gruppen-Mensch. „Wenn ich meine Platte mache, funktioniert es genauso, wie wenn ich Songs für andere Künstler mache. Es ist nicht das Gefühl, daß ich die anderen brauche, um meine Platte gut zu machen, es ist mein Alltag. Ich schreibe und produziere und arbeite immer mit Leuten zusammen. Deswegen war es auch gar nicht so sehr das Gefühl, hier meine Platte zu machen, sondern ganz normal, so wie mich die Leute immer sehen. Ich sehe mich nicht so sehr als Künstler. Ich mache Musik. Die Leute wissen, daß es mein Song ist, das ist genug.' Sie hebt nicht die besten Songs für sich auf. Wenn Janet Jackson gekommen wäre und sie um „She’s A Bitch' gebeten hätte, hätte sie ihn ihr gegeben. Da sind schließlich Millionen Fans, und wer wäre Missy, diese Chance nicht zu ergreifen.BitchBestünde ein direktes Verhältnis zwischen der Größe der Parental-Advisory-Aufdrucke und der Anzahl der verwendeten indizierten Worte - „Da Real World' hätte kein Cover als dieses. Die „Bitch'-Katharsis. Es vergeht keine Minute, ohne uns daran zu erinnern, wie dieses Wort ab sofort zu verstehen ist: als Inbegriff von weiblicher Stärke und Durchsetzungsvermögen. Ihren Optimismus in bezug auf die Umwertung bezieht Missy aus der Praxis der Zuschreibung von „Nigga' als Homeboy, als Familie. „Was natürlich immer noch nicht geht ist, wenn Weiße uns Nigga nennen. Das ist immer noch Slave-Slang. Aber Bitch gilt für alle Frauen.' Um diese Aneignung auf allen Kanälen zu befeuern, soll über das Album hinaus auch der Schulterschluß zum ganz großen Pop gemacht werden, will Missy Whitney Houston und Lauryn Hill in den Chor einspannen. „Es kam dadurch, daß ich gerade einen diesbezüglichen Artikel über Whitney gelesen habe, und auch Lauryn hat letztens irgendwo gesagt, daß du als starke Frau entweder Diva oder Bitch genannt wirst. Wo mir auffiel, daß ich nicht die einzige bin, die so denkt, daß viele Frauen gerade so empfinden, und wir haben noch nie darüber gesprochen. Ich will verschiedene Meinungen hören. Für mich ist das sehr wichtig, ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die sehr schlecht behandelt wurde, und ich habe meine Stärke daraus gezogen wie auch daraus, daß sie es beendet hat. Von ihr habe ich viel gelernt. Es ist nichts falsch daran, eine starke Frau zu sein. Jede Frau sollte eine starke Frau sein.' Frau„Ich will Frauen Stärke geben, es gibt so viele mit fehlendem Selbstbewußtsein, so viele in Abhängigkeitsstrukturen zu Männern, und es ist wichtig, daß die Typen, wenn sie betrügen oder sonstwie Scheiße bauen, gehen können und wir die Sache selbst weiterbringen. Ich bin nicht darauf aus, auf Männern rumzuhacken, aber oftmals wird deren Meinung einfach so wichtig genommen, daß es zum Problem wird, wenn dir ein Typ keine Komplimente macht. Ich will vermitteln, daß wir alles können, alles, was Männer auch können. Wir sollten nicht ständig darauf hören, was uns die Leute sagen. Wenn ich das tun würde, wäre ich nicht hier. Ich habe ständig gehört, daß ich keine Künstlerin sein kann oder daß meine Songs nicht gut sind. Wenn du dir das anziehst, wird es dich runterziehen, und du wirst dich minderwertig fühlen und tatsächlich glauben, daß du es nicht schaffst. Mein Album soll den Frauen Selbstvertrauen geben. Alle sind gewöhnt, Bitch als etwas Negatives anzusehen, aber Bitch ist ein kraftvolles Wort, eine Frau, die weiß, was sie will, und sich nimmt, was sie will. Mir ist es egal, ob und wie was immer schon so war, mir ist es egal, was die Frauen um mich herum machen. Ich bin mehrfache Millionärin, ich habe fünf Autos, zwei Häuser und bin immer noch in den Zwanzigern. Niemand kann mir erzählen, daß es unmöglich ist.' You Don’t KnowEin Song, dem Missy besondere Bedeutung zuspricht, ein weiterer Ort zum Erobern: das (gleichgeschlechtliche) Gespräch über die gemeinsame Bettgeschichte. „Männer können darüber reden, daß sie die gleiche Frau hatten und lachen, aber Frauen sind immer so sensibel in ihren Beziehungen, daß sie nicht zueinander gehen können und sagen: ‘Ich habe mit deinem Typen geschlafen’ und darüber lachen. Da geht es immer gleich um Kampf.' Was nicht heißt, daß Missy nicht kämpfen will. Nur eben nicht unbedingt gegen Frauen. Deswegen wird der kurze verbale Schlagabtausch auch in ein Verständnis überführt, bei dem das eigentliche Streitobjekt irgendwann außen vor bleibt. RealitätWie sollen wir „Da Real World' angesichts von Bedeutungsverschiebung, -aneignung, -umwertung nun lesen? Nicht als indiviuelle Meinung, Pop-Text, wunschgetränkte Poesie, Ideologie, sondern als ungeschminkte Erzählung, als Reality-Rap, den typischen HipHop-Text, die vermeintlich fotografische Dokumentation des Alltags. Missy sagt uns, wie es wirklich ist. Das ist sie, DIE allgemeingültige echte Welt. „Wenn du aufwachst und rausgehst, scheint nicht jeden Tag die Sonne. Nicht jedes Auto ist ein Rolls Royce. Es gibt kaputte Beziehungen, Betrug, wasweißich. Das ist nicht Missys Erfahrung, das ist, was ich jeden Tag sehe. Für manche ist es Realität, einen Drive-By zu sehen, wenn sie aus der Tür gehen. Du kannst diesen Leuten nicht vorwerfen, daß sie darüber rappen. Biggie Smalls hat nichts erfunden. Er hat das alles gesehen.'
Was ihre Beobachtungen, ihre Platte angeht, so ist sie sich sicher, daß noch mehr Leute damit was anfangen können. Nicht nur in L.A. oder New York, auch in London, in Deutschland, in Paris. Sie mache keine Musik für Altersgruppen oder Nationalitäten, sie macht Musik, „um die Wahrheit zu vermitteln.' Wollen wir Missy folgen und die problematische Trennung von Pop und Da Real World als möglich annehmen, dann schlingert das Produkt zwischen gut verkäuflicher Affirmation und einer dahinterstehenden, Ego-getriebenen, dabei pragmatisch-solidarischen Female-Empowerment-Praxis. Die eingebundenen Männer dürfen sein, die Machtstrukturen sind wohlgeordnet. Das ist in seiner Kombination aus lustvoller Unterhaltung und gesellschaftlicher Positionierung mindestens so okay wie eine progressive Frauenzeitschrift. Was keinesfalls despektierlich gemeint ist. Ersetzt „Frauen' durch „Männer', und Ihr wißt, warum.



Artikel kommentieren
aus Intro #66 (Juli / August 1999)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.