Missy Elliott
Die neuen Verhältnisse
22.06.1999, 15:54, Text: Autor unbekannt
Herzlich willkommen in der lustvollsten Gefangenschaft der Gegenwart, der Missy-Elliott-Trap. Die Gesänge der Sirenen: strahlendes Lachen, reizende Albernheit, durchtrainierter Funk, Melodien für Millionen. Was, alles zusammen, Dich völlig geschlechtsunabhängig einnimmt, daß Du denkst: „oh reizende und zugleich süße knuddelige Missy', Dir eine Missy-Puppe zum nach Hause Nehmen und Liebhaben wünschst.
„Missy', erklärt das Objekt der Lust, „ist die Kurzform von Melissa. Misdemeanor habe ich von Magoo. Er fand, daß das süß klingt.' Wer will, kann Misdemeanor als ihre muskulöse Rap-Seite und Missy als die weiche R&B-Seite sehen. Bleibt noch Elliott.
Sie ist Sylvia Rhone, schwarz, weiblich, seit Jahrzehnten Präsidentin eines Major-Labels und Missys großes Vorbild. Rhone hat Missy als Subunternehmerin eingestellt, was für beide Seiten ein gutes Geschäft war - „Elektra' hat einen wachsenden loyalen Künstlerstamm, Missys Label „Gold Mind' Verantwortlichkeit wie Handlungsspielraum. Sie kontrolliert alles, auch das Video, jene apokalyptisch-düstere Umsetzung, die „She’s A Bitch' genug bedrohliche Schärfe verleiht, daß auch der letzte Stammtischwitz darüber verstummen dürfte. Und natürlich einen monströsen Haufen Geld gekostet hat. Was insofern egal ist, als daß Missy ihr Geld mit Schreiben und Produzieren verdient. Deswegen kann sie sich vieles leisten, deswegen darf die Platte kosten, was sie eben kostet. Als Künstlerin geht es nur darum, keine Kompromisse zu machen. „Das wäre etwas ganz anderes, wenn ich einen Artist-Deal hätte, da würde alles gegengerechnet.' Sie kennt die Praxis: hier eine Einladung zum Essen, da ein Mietwagen, und am Ende bleibt nichts. Da doch lieber die gefährlichere, aber selbstverantwortete und machtvolle Position hinter dem Schreibtisch. Wie Sylvia Rhone am Telefon sitzen und Sachen lostreten, „Sachen, an die niemand denkt, wie zum Beispiel Busta und Janet zusammenzubringen. So was macht sie mit ein paar Anrufen klar.' MittwochHören, Sehen, Sprechen. Audienz. Missy, aufgeräumt und leger. Selbstverständlich können jetzt keine Fotos gemacht werden. Und auch keine allzu assoziativen Schleifen geplaudert werden. Gesagt wird, was in den letzten Tagen schon mehrfach zu hören war: es gibt eine gute neue Platte und eine gute neue Botschaft. Keine offenen Fragen, keine Problematisierungen. Nicht gut für das Branding. Gerne wird über die Mitwirkenden gesprochen: Eminem, Redman, Da Brat, Aaliyah ... Gäste, Freunde, Freundinnen, Familie sind lebenswerte Selbstverständlichkeit. Missy ist ein Gruppen-Mensch. „Wenn ich meine Platte mache, funktioniert es genauso, wie wenn ich Songs für andere Künstler mache. Es ist nicht das Gefühl, daß ich die anderen brauche, um meine Platte gut zu machen, es ist mein Alltag. Ich schreibe und produziere und arbeite immer mit Leuten zusammen. Deswegen war es auch gar nicht so sehr das Gefühl, hier meine Platte zu machen, sondern ganz normal, so wie mich die Leute immer sehen. Ich sehe mich nicht so sehr als Künstler. Ich mache Musik. Die Leute wissen, daß es mein Song ist, das ist genug.' Sie hebt nicht die besten Songs für sich auf. Wenn Janet Jackson gekommen wäre und sie um „She’s A Bitch' gebeten hätte, hätte sie ihn ihr gegeben. Da sind schließlich Millionen Fans, und wer wäre Missy, diese Chance nicht zu ergreifen.BitchBestünde ein direktes Verhältnis zwischen der Größe der Parental-Advisory-Aufdrucke und der Anzahl der verwendeten indizierten Worte - „Da Real World' hätte kein Cover als dieses. Die „Bitch'-Katharsis. Es vergeht keine Minute, ohne uns daran zu erinnern, wie dieses Wort ab sofort zu verstehen ist: als Inbegriff von weiblicher Stärke und Durchsetzungsvermögen. Ihren Optimismus in bezug auf die Umwertung bezieht Missy aus der Praxis der Zuschreibung von „Nigga' als Homeboy, als Familie. „Was natürlich immer noch nicht geht ist, wenn Weiße uns Nigga nennen. Das ist immer noch Slave-Slang. Aber Bitch gilt für alle Frauen.' Um diese Aneignung auf allen Kanälen zu befeuern, soll über das Album hinaus auch der Schulterschluß zum ganz großen Pop gemacht werden, will Missy Whitney Houston und Lauryn Hill in den Chor einspannen. „Es kam dadurch, daß ich gerade einen diesbezüglichen Artikel über Whitney gelesen habe, und auch Lauryn hat letztens irgendwo gesagt, daß du als starke Frau entweder Diva oder Bitch genannt wirst. Wo mir auffiel, daß ich nicht die einzige bin, die so denkt, daß viele Frauen gerade so empfinden, und wir haben noch nie darüber gesprochen. Ich will verschiedene Meinungen hören. Für mich ist das sehr wichtig, ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die sehr schlecht behandelt wurde, und ich habe meine Stärke daraus gezogen wie auch daraus, daß sie es beendet hat. Von ihr habe ich viel gelernt. Es ist nichts falsch daran, eine starke Frau zu sein. Jede Frau sollte eine starke Frau sein.' Frau„Ich will Frauen Stärke geben, es gibt so viele mit fehlendem Selbstbewußtsein, so viele in Abhängigkeitsstrukturen zu Männern, und es ist wichtig, daß die Typen, wenn sie betrügen oder sonstwie Scheiße bauen, gehen können und wir die Sache selbst weiterbringen. Ich bin nicht darauf aus, auf Männern rumzuhacken, aber oftmals wird deren Meinung einfach so wichtig genommen, daß es zum Problem wird, wenn dir ein Typ keine Komplimente macht. Ich will vermitteln, daß wir alles können, alles, was Männer auch können. Wir sollten nicht ständig darauf hören, was uns die Leute sagen. Wenn ich das tun würde, wäre ich nicht hier. Ich habe ständig gehört, daß ich keine Künstlerin sein kann oder daß meine Songs nicht gut sind. Wenn du dir das anziehst, wird es dich runterziehen, und du wirst dich minderwertig fühlen und tatsächlich glauben, daß du es nicht schaffst. Mein Album soll den Frauen Selbstvertrauen geben. Alle sind gewöhnt, Bitch als etwas Negatives anzusehen, aber Bitch ist ein kraftvolles Wort, eine Frau, die weiß, was sie will, und sich nimmt, was sie will. Mir ist es egal, ob und wie was immer schon so war, mir ist es egal, was die Frauen um mich herum machen. Ich bin mehrfache Millionärin, ich habe fünf Autos, zwei Häuser und bin immer noch in den Zwanzigern. Niemand kann mir erzählen, daß es unmöglich ist.' You Don’t KnowEin Song, dem Missy besondere Bedeutung zuspricht, ein weiterer Ort zum Erobern: das (gleichgeschlechtliche) Gespräch über die gemeinsame Bettgeschichte. „Männer können darüber reden, daß sie die gleiche Frau hatten und lachen, aber Frauen sind immer so sensibel in ihren Beziehungen, daß sie nicht zueinander gehen können und sagen: ‘Ich habe mit deinem Typen geschlafen’ und darüber lachen. Da geht es immer gleich um Kampf.' Was nicht heißt, daß Missy nicht kämpfen will. Nur eben nicht unbedingt gegen Frauen. Deswegen wird der kurze verbale Schlagabtausch auch in ein Verständnis überführt, bei dem das eigentliche Streitobjekt irgendwann außen vor bleibt. RealitätWie sollen wir „Da Real World' angesichts von Bedeutungsverschiebung, -aneignung, -umwertung nun lesen? Nicht als indiviuelle Meinung, Pop-Text, wunschgetränkte Poesie, Ideologie, sondern als ungeschminkte Erzählung, als Reality-Rap, den typischen HipHop-Text, die vermeintlich fotografische Dokumentation des Alltags. Missy sagt uns, wie es wirklich ist. Das ist sie, DIE allgemeingültige echte Welt. „Wenn du aufwachst und rausgehst, scheint nicht jeden Tag die Sonne. Nicht jedes Auto ist ein Rolls Royce. Es gibt kaputte Beziehungen, Betrug, wasweißich. Das ist nicht Missys Erfahrung, das ist, was ich jeden Tag sehe. Für manche ist es Realität, einen Drive-By zu sehen, wenn sie aus der Tür gehen. Du kannst diesen Leuten nicht vorwerfen, daß sie darüber rappen. Biggie Smalls hat nichts erfunden. Er hat das alles gesehen.'
Was ihre Beobachtungen, ihre Platte angeht, so ist sie sich sicher, daß noch mehr Leute damit was anfangen können. Nicht nur in L.A. oder New York, auch in London, in Deutschland, in Paris. Sie mache keine Musik für Altersgruppen oder Nationalitäten, sie macht Musik, „um die Wahrheit zu vermitteln.' Wollen wir Missy folgen und die problematische Trennung von Pop und Da Real World als möglich annehmen, dann schlingert das Produkt zwischen gut verkäuflicher Affirmation und einer dahinterstehenden, Ego-getriebenen, dabei pragmatisch-solidarischen Female-Empowerment-Praxis. Die eingebundenen Männer dürfen sein, die Machtstrukturen sind wohlgeordnet. Das ist in seiner Kombination aus lustvoller Unterhaltung und gesellschaftlicher Positionierung mindestens so okay wie eine progressive Frauenzeitschrift. Was keinesfalls despektierlich gemeint ist. Ersetzt „Frauen' durch „Männer', und Ihr wißt, warum.
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