Air Liquide

The Beatz Goes On

13.06.1999, 16:27, Text: Autor unbekannt

Der Walter-Sparbier-Gedächtnispokal für die geselligsten Big-Beats, die Aufhebung der Sperrstunde durch das Kölner Ordnungsamt, der Dauer-Werbedeal mit Reissdorf Kölsch, eine DB-Dauerfahrkarte für die Strecke Köln-Berlin, der lang-ersehnte Platz in den Charts oder diese tolle neue Software, die außer Sprechen jetzt einfach alles kann?
Wenn Dr. Walker und Cem Oral (a.k.a. Jammin’ Unit und diverse andere Pseudonyme) als Air Liquide in Erscheinung treten, werden Überraschungen zu guten Freunden. Über verallgemeinernde Statements wie „Köln ist Elektronik, Berlin ist Techno' kann man angesichts des meterlangen Vinyl-Outputs der beiden Multitasking-Künstler eigentlich nur müde lächeln.

Obwohl fast so alt wie Techno selbst, hat das Gemeinschaftsprojekt dank ständiger System-Updates in Sachen Spaß mit dem übrigen Geschehen im Gerade-Bassdrum-Land ungefähr noch soviel zu tun wie ein westfälischer Schützenumzug mit dem Kölner Karneval. „So richtig Techno waren wir eigentlich noch nie', behauptet jetzt Cem, der aus Frankfurt stammende und in Berlin lebende Produzent und nebenbei Betreiber des „Pharma'-Labels. „Wir haben immer versucht, uns etwas rauszuhalten aus solchen Stildiskussionen, und wenn irgendwas genauso klang wie ... [hier beliebiges Genre einfügen], haben wir es lieber versteckt.'
Raushalten kann man die beiden ansonsten aber aus kaum etwas, das mit der „Electric Family' rund um die ständig wachsende „Liquid Sky'-Posse zu tun hat. Bereits kurz nach ihrem inzwischen wiederveröffentlichten ‘91er-Album „Neue Frankfurter Elektronikschule' galten Air Liquide als Fackelträger einer neuen Szene, die es locker schaffte, Elektro, Acid, Ambient und Rave zu versöhnen, den Underground mit pumpenden 303-Party-Beats zu überrollen und nebenbei die klassische Kölner Elektronik-Avantgarde von Stockhausen bis zu Can zu beerben.
Schließlich soll Ingmar Koch, so der bürgerliche Name des inzwischen zum Kölner „Elektronik-Paten' avancierten Dr. Walker, früher sogar die heiligen Hallen der Musikhochschule von innen gesehen haben. „Das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Wir sind sowieso nicht stilistisch ausgerichtet. Das liegt auch daran, daß wir eher selten in Plattenläden anzutreffen sind. Wir beziehen Musik eher über die offiziellen Medien, also Radio, Fernsehen, viel Chartszeug und natürlich viele alte Sachen.'
Zwei Jahre lang haben die beiden jetzt an ihrem neuesten Baby „Anybody Home' gebastelt, auch, weil sie ansonsten so sehr mit anderen Projekten beschäftigt waren. Wie mit der Organisation des alljährlich im Herbst stattfindenden Familientreffens: das „Battery Park'-Festival. Und dann natürlich die Aktivitäten rund um das zum Lieblings-Hangout der Szene gewachsenen „Liquid Sky' - Kneipe, elektroakustisches Forschungslabor und Ersatz-Wohnzimmer in einem. Im Fusionswahn wurde im Frühjahr sogar das legendäre „Six Pack' dem hauseigenen Kölsch-Trust einverleibt. Wie die beiden es trotzdem geschafft haben, ein so kompaktes und vielseitiges Album zu produzieren, weiß wahrscheinlich nur der E-Mail-Mann: „Wir arbeiten mal hier in Köln, dann wieder in Berlin. Wir haben unseren Maschinenpark eh etwas reduziert, haben uns auf ein paar Geräte konzentriert.
Wir arbeiten nicht mehr mit Schränken voll Analogtechnik, dafür setzen wir in der letzten Zeit immer mehr Rechner ein. Da kann man auch unterwegs was machen. Im Studio geht’s dann schnell, das haben wir vorher alles per Telefon oder Mail abgeklärt. Da bringt jeder seinen Geräuschepark mit, der wird dann nur noch à la Barkeeper gemixt.'
Die Geräte werden kleiner, die Software immer schlauer und die Beats immer bigger. Und nebenbei nimmt angeblich in den eigenen Entwicklungslaboren der Prototyp einer eigenen Musik-Hardware Gestalt an, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen soll: „Unser Traumgerät kann einfach alles. Es hat viele Echtzeit-Eingriffsmöglichkeiten, kann mit dir reden und Cocktails mischen. Am besten sollte es noch weiblich sein.' Ein Traum von zwei Jungs, die am liebsten mit den ganz großen Beats und Bässen spielen gehen.



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aus Intro #66 (Juli / August 1999)
 
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